Unvergessen
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Crash in der 47. Runde: Ayrton Senna gibt Alain Prost klar zu verstehen, was er von ihm hält. bild: getty images north

22.10.1989: Alain Prost schiesst Ayrton Senna ab und wird Weltmeister – der Beginn der grössten Formel-1-Feindschaft aller Zeiten

22. Oktober 1989: Ayrton Senna muss das zweitletzte Rennen der Saison gewinnen, um seinen WM-Titel noch verteidigen zu können. In der 47. Runde setzt er gegen Teamkollege und WM-Leader Alain Prost zum Überholmanöver an, doch sein Intimfeind lässt ihn nicht vorbei.

22.10.15, 00:01

Wir schreiben das Formel-1-Jahr 1989. Zwischen Ayrton Senna und Alain Prost herrscht Krieg, erbitterter Krieg. Die beiden McLaren-Piloten beherrschen wie schon in der Saison zuvor die Königsklasse nach Belieben. Doch der zweifache Weltmeister Prost fühlt sich von seinem Team plötzlich benachteiligt. Senna, der 1988 nur dank der damals gültigen Streichresultat-Regel den Titel holt, halte sich nicht an die internen Absprachen und habe schnelleres Material zur Verfügung.

Ayrton Senna (links) und Alain Prost: Freunde wurden sie erst, als Prost seine Karriere beendet hatte. bild: ap

Vor dem zweitletzten Rennen im japanischen Suzuka führt der Franzose die WM-Wertung dennoch mit 16 Punkten vor seinem Teamkollegen Senna an. Der Brasilianer, der im Gegensatz zum berechnend fahrenden Prost für seine Unbekümmertheit und seine Leidenschaft von den Fans bewundert wird, braucht einen Sieg, um seinen WM-Titel verteidigen zu können.

Die Stimmung im Team ist mittlerweile auf dem absoluten Nullpunkt angekommen. Prost, der bereits im Juli seinen Abgang zu Ferrari angekündigt hat, und Senna reden kein Wort mehr miteinander.

Prost macht die Türe zu

Zunächst läuft in Suzuka alles für Senna: Er sichert sich die Pole Position. Doch beim Start kommt Prost besser weg und biegt als Führender in die erste Kurve ein. Mühelos fahren die beiden McLaren dem Feld davon. Der französische Routinier ist schnell unterwegs, doch gegen Rennende rückt Senna Prost immer näher auf die Pelle. 

Das legendäre Suzuka-Duell zwischen Senna und Prost. video: youtube/Trujkic Nikola

In der 47. von 53 Runden ist der Brasilianer schliesslich auf Schlagdistanz und in der Casino-Triangle-Schikane versucht Senna sein Glück: In der ersten Rechtskurve sticht er auf der Innenseite hinein. Die Nasen der beiden McLaren sind gleichauf, doch Prost lässt seinen Teamkollegen nicht vorbei. Er macht die Tür zu und schiesst Senna regelrecht ab.

Ineinander verkeilt rollen die beiden Kontrahenten ein paar Meter geradeaus und bleiben auf der Strecke stehen. Prost steigt aus und macht sich – im Glauben die WM sei entschieden – auf in Richtung Box. Senna dagegen bleibt sitzen und lässt sich von den Streckenmarshalls befreien und anschieben.

Während Senna nach dem Crash weiterfahren kann, läuft Prost in seine Box zurück. Bild: Getty Images Europe

An der Box holt er sich einen neuen Frontflügel, muss die Führung aber Alessandro Nannini überlassen. Senna legt in den letzten Runden aber eine Aufholjagd der Extraklasse hin, überholt den Italiener in der Casino-Schikane und gewinnt das verrückte Rennen doch noch.

Senna wird disqualifiziert und fühlt sich betrogen

Doch die Freude währt nur kurz. Hinter den Kulissen wird – von Prost angeheizt – heftig diskutiert und Senna wird schliesslich disqualifiziert, weil er nach dem Crash mit Prost unerlaubterweise die Casino-Schikane abgekürzt habe. Daraufhin schaltet sich Teamchef Ron Dennis ein. «Es war das erste Mal, dass sich ein Teamchef gegen seinen eigenen Fahrer stellte. Gegen einen Fahrer, der soeben Weltmeister wurde», erinnert sich Prost später.

«Es war das erste Mal, dass sich ein Teamchef gegen seinen eigenen Fahrer stellte. Gegen einen Fahrer, der soeben Weltmeister wurde.»

Alain Prost

McLaren-Teamchef Ron Dennis mit seinen Piloten Senna und Prost. bild: AP

Der McLaren-Boss versucht der FISA klar zu machen, dass das Abkürzen der Schikane zuvor in vergleichbaren Fällen nicht bestraft worden sei. Doch es nützt alles nicht. Die FISA ändert daraufhin die Begründung der Disqualifikation: «Abkürzen der Strecke und gefährliche Fahrweise.»

Senna bleibt disqualifiziert und wittert eine Verschwörung. Ausgesprochen hat die höchst umstrittene Disqualifikation nämlich der damalige FIA-Präsident Jean-Marie Balestre, ein Landsmann von Prost. Der Brasilianer wird für ein halbes Jahr gesperrt und muss eine Busse von 100'000 Dollar zahlen. Prost ist damit endgültig Weltmeister.

Noch heute wird darüber diskutiert, ob Prost den Unfall absichtlich verursacht hat. Seine Aussage lässt eigentlich keinen Raum für Spekulationen. «Ich habe schon vor dem Rennen gesagt, wenn das wieder passiert, werde ich die Tür nicht mehr aufmachen. Und dann ist es passiert», so der Franzose damals.

Prost vs. Senna: Ein Duell ohne Rücksicht auf Verluste. Bild: AP NY

Prosts ungehörte Warnung

Sennas «Rache» folgt nur ein Jahr später. Wieder geraten die beiden beim GP von Suzuka aneinander. Diesmal muss Prost, der mittlerweile für Ferrari fährt, gewinnen, um zu verhindern, dass Senna Weltmeister wird. Der Brasilianer startet von der Pole-Position, doch Prost kommt auf der sauberen Seite der Strecke besser weg und überholt den Erzrivalen.

Senna bleibt dran und provoziert bereits in der ersten Runde einen Crash. Beide fliegen – der McLaren-Pilot wird Weltmeister. Prost hätte ihm nach dem Rennen gerne die Faust ins Gesicht geschlagen, hält sich aber zurück. «Ayrton hat ein kleines Problem: Er denkt, er könne sich nicht töten. Das ist sehr gefährlich», sagt der Franzose nach dem Rennen.

«Ayrton hat ein kleines Problem: Er denkt, er könne sich nicht töten. Das ist sehr gefährlich»

Alain Prost

Senna wird auch 1991 nochmals Weltmeister, doch dann verliert sein McLaren-Honda die jahrelange Vormachtstellung an Williams-Renault. 1992 holt sich Nigel Mansell den Titel, 1993 triumphiert Prost nochmals. Als bekannt wird, dass Senna auf die neue Saison zu Williams wechselt, tritt Prost verbittert zurück. Ein halbes Jahr später rast Senna am «schwarzen Wochenende von Imola» in der Tamburello-Kurve in die Betonwand, im Spital erliegt er seinen Verletzungen.

Sennas tödlicher Unfall in Imola 1994. Video: youtube/EinsatzfahrtenFilmer Germany

«Seine Einstellung mir gegenüber nehme ich als Kompliment. Ich habe verstanden, dass es Ayrtons einzige Motivation war, mich zu schlagen.»

Alain Prost

Zum 20. Todestag spricht Prost noch einmal über seinen alten Rivalen. «Ich gebe zu, dass ich mich manchmal vor ihm gefürchtet habe. Er war zu allem bereit», sagt der einstige Intimfeind. Erst als sich die Rivalität nach Prosts Karriere verflüchtigt, lernt der heute 59-Jährige einen anderen Senna kennen. «Ich behalte keine negativen Erinnerungen oder schlechte Gedanken über ihn zurück. Seine Einstellung mir gegenüber nehme ich als Kompliment. Ich habe verstanden, dass es Ayrtons einzige Motivation war, mich zu schlagen.»

Unvergessen

In der Serie «Unvergessen» blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob eine hervorragende sportliche Leistung, ein bewegendes Drama oder eine witzige Anekdote - alles ist dabei. 

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Charly Otherman, 5.5.2017
Watson kann nicht nur lustig! Auch für Deutsche (wie mich) ein Muss, obwohl ich das schweizerische nicht immer verstehe.
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3Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Myriam Sperisen 22.10.2015 23:08
    Highlight Tragisch. Aber sehr interessant.
    5 0 Melden
  • E. Edward Grey 22.10.2015 09:37
    Highlight Der zweite Crash 1990 war mehr gegen Balestre gemünzt. Startplatz 1 in Japan war damals rechts, Senna hatte aber nach seiner Pole beantragt von der sauberen linken Spur zu starten. Jedoch wurde dies auf Anweisung Balestre's verweigert. Schon vor dem Rennen hat Senna ihn dann für den kommenden Crash verantwortlich gemacht.
    Ab dem Folgejahr stand die Pole in Suzuka dann immer links.
    12 0 Melden
    • saukaibli 23.10.2015 13:36
      Highlight Und Alain Prost kann es bis heute einfach nicht zugeben, dass er von seinem Freund Balestre, damals FIA-Präsident, immer wieder krass bevorteilt wurde. Senna hätte mindestens einen Titel mehr verdient, aber eben, dank Balestre...
      2 0 Melden

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