Unvergessen
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Ayrton Sennas fataler Crash in Imola. Bild: AP

01.05.1994: Sennas tödlicher Unfall in Imola: «Als hätte man Jesus live ans Kreuz genagelt»

1. Mai 1994: An diesem Sonntag um 14.17 Uhr findet das schwarze Wochenende von Imola seinen traurigen Höhepunkt. Einen Tag nach dem tödlichen Unfall von Roland Ratzenberger verliert die Formel 1 mit Ayrton Senna den «König der Rennfahrer».

01.05.16, 00:01 01.05.16, 10:56


Mit leicht geneigtem Kopf sitzt Ayrton Senna in seinem völlig zerstörten Williams. Der 34-jährige Brasilianer hat an diesem Sonntag um 14.17 Uhr in der siebten Runde des Grand Prix von Imola bei Tempo 321 die Kontrolle über seinen Boliden verloren und ist in der Tamburello-Kurve mit 214 km/h in spitzem Winkel in die Betonmauer gekracht. Alles bremsen nützt nichts mehr, sein Auto ist unlenkbar. Es zerbricht in seine Einzelteile, eine halbe Milliarde TV-Zuschauer hält den Atem an. 

Es dauert lange, bis die Sicherheitskräfte bei Senna sind. Endlich scharen sich Sanitäter, Streckenposten und Ärzte um ihn. Der dreifache Weltmeister bewegt den Kopf, scheint bei Bewusstsein, doch er kriegt von allem um ihn herum nichts mehr mit. Senna hätte den Crash wohl mehr oder weniger unversehrt überlebt, hätte ihn nicht das herrenlose, rechte Vorderrad mit voller Wucht am Kopf getroffen. 

Sennas Crash aus der Onboard-Perspektive. YouTube/Brooks Nolen

Auf der Rennstrecke macht sich schnell Verzweiflung breit: Man sieht nur noch Schrott, gespannte Tücher, hektische Rettungsleute. Senna wird schliesslich mit dem Helikopter in ein Spital nach Bologna geflogen. «Ayrton lebte noch und lag in der Intensivstation an der Herz-Lungenmaschine. Wir konnten die fürchterlichen Kopfverletzungen sehen. Es war aussichtslos», erinnert sich Sennas Betreuer Josef Leberer später. Vier Stunden nach dem Unfall erklären ihn die Ärzte für klinisch tot.

Das Wrack von Sennas Williams nach dem Unfall. Bild: APA

Die Welt steht unter Schock. «Als hätte man Jesus live ans Kreuz genagelt», sagt Formel-1-Boss Bernie Ecclestone kurz nach dem Rennen, das nach einem 30-minütigen Unterbruch fortgesetzt und vom aufstrebenden Michael Schumacher gewonnen wird. Doch an diesem Rennwochenende zählen Resultate, Ränge und Punkte längst nichts mehr. «Ich kann mich über den Sieg nicht im Geringsten freuen. Hoffentlich kommt so etwas nie wieder vor», sagt Schumacher bei der Pressekonferenz.

Dokumentation über den Unfall zum 20. Todestag 2014. YouTube/Axel P.

Senna wechselte auf die Saison 1994 von McLaren zu Williams. Bild: AP

Schon in den Tagen vor Sennas Tod passieren in Imola zwei schwere Unfälle. Im freien Training vom Freitag hebt Rubens Barrichello in seinem Jordan plötzlich ab. Der Brasilianer hat Glück und bricht sich nur Arm und Nase.

Der Crash von Rubens Barrichello im freien Training. streamable

Im Qualifying am Samstag stirbt Roland Ratzenberger nach einem Unfall in der Anfahrt zur Tosa-Kurve. An seinem Simtek bricht der linke obere Teil des Frontflügels. Ohne Anpressdruck ist der Wagen des Österreichers nicht mehr steuerbar und schlägt mit 300 km/h in der Abschrankung ein. 

Ratzenbergers Unfall im Qualifying.
streamable

Und dann eben der Tod der Formel-1-Ikone. Senna zählt mit seinen drei WM-Titeln, 41 Siegen und 65 Pole-Positionen nicht nur zu den erfolgreichsten Piloten der Geschichte. Er hat auch eine ganz besondere Aura. Seiner Ausstrahlung kann sich damals kaum einer entziehen. Der Brasilianer ist belesen, musikalisch, weltoffen, er spielt Klavier, sammelt Kunst, zitiert altgriechische Philosophen und liest Shakespeare und Freud.

«Keiner war so schlau, so ehrgeizig, so konzentriert.»

Gerhard Berger, ehemaliger Teamkollege

«Senna war ein unglaublich charismatischer Typ, fahrerisch sensationell, im Regen unglaublich. Einfach eine Ausnahmeerscheinung», beschreibt Niki Lauda bei «auto, motor und sport» den Brasilianer. Für Gerhard Berger ist sein langjähriger Teamkollege bei McLaren «der mit Abstand charismatischste und der beste Rennfahrer» überhaupt. «Keiner war so schlau, so ehrgeizig, so konzentriert.»

3 Weltmeistertitel, 41 GP-Siege: Ayrton Senna.  Bild: AP

Aber Senna, den stets ein leiser Hauch von Melancholie umwehte, ist nicht immer nur der faire Sportsmann. Unvergessen sind auch die harten Duelle, die er sich bei McLaren mit seinem Teamkollegen Alain Prost liefert. Mit voller Absicht fahren sich die beiden Alphatiere ins Auto, nicht selten scheint eine Prügelei am Rande der Piste fast unvermeidlich. «Er hat eine Epoche geprägt, die es nie mehr geben wird», sagt Prost heute: «Senna hat mich gezwungen, über meine Grenzen zu gehen.»

17 Fakten über Ayrton Senna

Zu Ehren von Sennas Geburtstag am 21. März erschien in unserer Serie «Unvergessen» die Story: 17 Fakten über «den Magischen» und wohl besten Formel-1-Fahrer aller Zeiten

Der plötzliche Tod des dreifachen Formel-1-Weltmeisters versetzt auch sein Heimatland in eine Art Schockstarre. Brasiliens damaliger Präsident Itamar Franco ordnet eine dreitägige Staatstrauer an. Denn der Pilot aus São Paulo gilt nicht nur als Garant für brasilianische Erfolge in der prestigeträchtigen Formel 1. Er ist zugleich Held und Hoffnungsträger in einem wirtschaftlich und politisch unstabilen Land. Sozusagen der Pelé des Motorsports.

Gebrochene Lenksäule, Fahrfehler oder Aerodynamik?

Die Unfallursache bleibt bis heute ungeklärt: Klar ist, dass die Lenksäule brach. An der Frage, ob dies vor oder nach dem Aufprall geschah, scheiden sich die Geister. Die italienischen Richter machten diesen Bruch für den Crash verantwortlich, Teamkollege Damon Hill sprach von einem Fahrfehler, die Konstrukteure verwiesen auf die fehlerhafte Aerodynamik des Autos.

So auch Adrian Newey, der Designer des Unglückswagens: Zum 20. Jahrestag der Katastrophe gibt er gegenüber der Zeitschrift «auto, motor und sport» zu, er habe diesen Mangel bereits vor dem Rennen festgestellt. Damals gab es aber noch keine Windkanäle und der Zeitdruck verhinderte schliesslich eine Korrektur.

Die Tamburello-Kurve (oben links) wurde mit dem Einbau einer Schikane und einer Auslaufzone entschärft. Bild: Google Maps

Aber Sennas tödlicher Unfall löst ein sofortiges Umdenken im Motorsport aus. Der Automobilweltverband und wohl auch die Hersteller machen Druck auf sämtliche Serien. Die Rennstrecken werden entschärft, die Crashtests strenger. Es entstehen Auslaufzonen und Betonmauern werden verboten. Für Senna kommen diese Änderungen zu spät. Sein Betreuer weiss schon damals: «Ayrton ist irgendwie auch für die anderen gestorben.»

Seit seinem Unfall ist in 22 Jahren kein einziger Formel-1-Fahrer mehr auf der Rennstrecke ums Leben gekommen. Der letzte Todesfall in der Königsklasse war Jules Bianchi 2015. Er erlagt neun Monate nachdem er einen Abschleppwagen seitlich gerammt hatte seinen Verletzungen.

Unvergessen

In der Serie «Unvergessen» blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob eine hervorragende sportliche Leistung, ein bewegendes Drama oder eine witzige Anekdote - alles ist dabei.

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    Alle Leser-Kommentare
  • evo_enthusiast 01.05.2016 14:48
    Highlight RIP Senna...😪
    14 0 Melden
  • lilas 01.05.2016 11:04
    Highlight Gibt es etwas Unnötigeres als Autorennen?
    8 46 Melden
    • pamayer 01.05.2016 11:44
      Highlight Wohl kaum.

      Aber wenn schon, dann lieber auf rennstrecke als nachts auf überlandstrassen.
      35 5 Melden
    • Pasch 01.05.2016 12:03
      Highlight Dank Autorennen sind die zivilen Fahrzeuge überhaupt auf dem Niveau wie sie heute sind
      ( Sicherheit, Verbrauch, etc... )
      Einem stetigen Wissenstransfer sei dank...

      Aber muss ja nicht jeder verstehn.
      44 5 Melden
    • pamayer 01.05.2016 12:22
      Highlight Ok. kann ich nachvollziehen. Danke für den input.
      13 2 Melden

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