Unvergessen

Werden in diesem Leben keine Freunde mehr: Gérard Houiller und David Ginola. Bild: EQ

Dümmste Flanke der Fussball-Geschichte kostet Frankreich in letzter Sekunde die WM-Quali

17. November 1993: Die Flüge an die WM in den USA hat der französische Verband wahrscheinlich bereits organisiert, als «Les Bleus» die Qualifikation tatsächlich noch verpassen. Einer Blamage gegen Israel folgt ein 1:2 gegen Bulgarien und ein Streit, der die Franzosen noch heute beschäftigt.

17.11.17, 00:05 17.11.17, 11:05

«Mein ganzes Leben wird auf zehn Sekunden reduziert.» David Ginola hadert noch heute mit einer einzigen Szene seiner langen Karriere. Am 17. November 1993, einem kühlen Mittwochabend, steht Frankreich unmittelbar vor der Qualifikation für die WM 1994 in den USA.

Nur noch Sekunden sind gegen Bulgarien zu spielen. Es steht 1:1 und dieser eine Punkt würde den Franzosen reichen.

«Quelle catastrophe!» Die entscheidende Szene des WM-Qualifikationsspiels zwischen Frankreich und Bulgarien. Video: YouTube/byoann81

Eine fatale Flanke ins Nichts

Was dann geschieht, verfolgt Ginola, die ganze Mannschaft, Trainer Gérard Houiller, die 48'402 Zuschauer im Parc des Princes und Millionen vor dem TV-Gerät noch Jahre später. Frankreich kann beim rechten Cornerfähnli einen Freistoss treten. Vincent Guérin schiebt den Ball zu David Ginola. Man ahnt, was kommen wird: Die beiden Franzosen werden sich nun den Ball zuschieben, um wertvolle Zeit verstreichen zu lassen. Weit gefehlt!

«Der Schiedsrichter hatte den Abpfiff faktisch schon auf den Lippen», schimpft Houiller. «Doch statt den Ball zu halten, schlägt Ginola eine sinnlose Flanke … Damit hat er den alles entscheidenden Konter der Bulgaren erst ermöglicht.»

Tatsächlich entscheidet sich der PSG-Flügel Ginola fatalerweise, in den Sechzehner zu flanken, anstatt den Ball zurück zu Guérin zu passen. Dort ist kein Teamkollege, dort sind nur Bulgaren. Und die wittern ihre letzte Chance. Ein Tor – und statt den Franzosen fliegen sie in die USA.

Ginolas Flanke ins Niemandsland. Video: streamable

WM-Tickets auf dem Silbertablett liegen gelassen

Dass es so weit kommt, daran sind die Franzosen selber schuld. Zwei Runden vor Schluss sind sie Leader. Aus den Heimspielen gegen Israel und Bulgarien benötigen sie zur WM-Teilnahme noch einen einzigen Punkt. Eine Formsache, scheint es. Gegen Israel führen die Franzosen lange Zeit mit 2:1 und verlieren trotzdem noch: Eyal Berkovic (83.) und Reuven Atar (93.) spucken ihnen in die Suppe, Israel siegt mit 3:2.

Die Tore beim 2:3 gegen Israel. Video: YouTube/sp1873

Nun also noch eine letzte Chance für die Bulgaren. Blitzschnell kontern sie, schon taucht Emil Kostadinow im französischen Strafraum auf, und mit einem Kunstschuss hämmert er den Ball an Goalie Bernard Lama vorbei ins Tor. Mon dieu!

Bulgarien siegt, Bulgarien jubelt, den Franzosen bleibt nur der Frust. «Wir sind richtige Esel», schüttelt Mittelfeldstratege Didier Déschamps den Kopf. Dabei hätte Kostadinow gar nicht in Frankreich sein dürfen: Sein Visa war ungültig. In einem Auto sei er aus Deutschland über die grüne Grenze geschmuggelt worden, verrät Mitspieler Zlatko Yankov viele Jahre später.

Die drei Tore bei Frankreichs 1:2-Niederlage – und ein gallischer Hahn, der übers Spielfeld irrt. Video: YouTube/EveryFourthYear

Houiller: «Mein Anteil an diesem Scheitern war, dass ich Ginola eingewechselt habe»

Gérard Houiller verliert seinen Job – und glaubt, den Schuldigen dafür gefunden zu haben. David Ginola hat in den Augen des Trainers «ein Verbrechen gegen die Mannschaft begangen.» Noch zwanzig Jahre später tritt Houiller in seiner Biographie nach. Er nennt Ginola dort einen Drecksack und schreibt: «Mein Anteil an diesem Scheitern war, dass ich Ginola eingewechselt habe.»

Houillers Fehler: Er nimmt Papin in der 68. Minute aus dem Spiel und bringt Ginola. Video: streamable

Weil er sich öffentlich beleidigt fühlt, verklagt Ginola seinen ehemaligen Nationaltrainer auf 5000 Euro Schadenersatz. «Ich bereue höchstens eine Sache», reagiert Houiller darauf cool, «dass ich ihm ein Verbrechen und nicht ein schwerwiegendes Verbrechen vorgeworfen habe.» Am 4. April 2012 weist ein Gericht in Toulon Ginolas Klage ab.

«Er hat ein Verbrechen an der Mannschaft begangen.» Houillers Pressekonferenz nach dem Scheitern. Bild: Canal 2

«Wie damals Ginola …»

Nach dem Scheitern in der WM-Qualifikation flüchtet Ginola auf die Insel. Bei Newcastle und Tottenham begeistert er die Fans, die Krönung ist die Auszeichnung zu Englands Fussballer des Jahres 1999.

Im eigenen Land gilt der Prophet dagegen nicht mehr viel. «Wie damals Ginola …», hört man die Fans in französischen Stadien noch heute ab und zu jammern, wenn einem Spieler eine Flanke misslungen ist.

Ein Rückblick auf die Karriere von David Ginola – auf zumeist schöne Ereignisse. Doch er beginnt mit dem 17. November 1993. Video: YouTube/TottenhamHotspur2k11

Unvergessen

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Yanik Freudiger, 23.2.2017
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2Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Don Manolo 17.11.2017 08:26
    Highlight Zum Glück für Bulgarien waren zwischen den 16er keine Gegnerischen Spieler 🤔
    14 0 Melden
    • mikel 17.11.2017 16:59
      Highlight Da wird auf Watson immer wieder über Fairness debatiert und üble Fassetten beim Fussball gemotzt, aber dann wird Ginola (oder zumindest seine Flanke...) als dumm bezeichnet. Ginola war ein grosser Fussballmann, ein Fussballer mit Herz! Die sind mit 1000x lieber als die feigen Kerle, die schon ab der 80. Minute zur Eckfahne gehen. Heute wird das bereits Junioren beigebracht! Schande über solche Trainer! Ginola for ever!
      11 2 Melden

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