Unvergessen
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Jankel Schor, der «Velhinho das embaixadas» («Opa des Jonglierens»), in Aktion.

30.05.2013: Das Maracana wird endlich wieder eröffnet – und dieser alte Mann stiehlt allen die Show

30. Mai 2013: Das Maracana, der berühmteste Fussball-Tempel der Welt, wird für die WM 2014 umgebaut. Beim Eröffnungsspiel zwischen England und Brasilien stiehlt ein 86-Jähriger allen die Show. Er macht dies immer.

30.05.16, 00:01 03.06.16, 07:46

Ich erinnere mich gut an meinen Brasilien-Aufenthalt 2009. Natürlich musste ich in Rio de Janeiro ins Maracana und ein Fussballspiel sehen. Wer gespielt hat, weiss ich ehrlich gesagt nicht mehr. Ich glaube, Fluminense. Das Resultat? Längst vergessen. Wie das Spiel war? Keine Ahnung. Ich erinnere mich an zwei Dinge: Den «Hotdog-Bausatz» und – das vor allem – den alten Mann in der Pause. Ohne Unterbruch jonglierte er den Ball.

Der Hotdog-Bausatz und ...
bild: watson

... der jonglierende, alte Mann.
bild: watson

Ich staunte ohne Ende. Der alte, drahtige Mann hielt den Ball problemlos oben. Langsam, aber gekonnt wie ein Roboter. 3000-mal seien es jeweils in den gut 15 Minuten gewesen.

Das Maracana wurde danach umgebaut. Zur Wiedereröffnung spielte Brasilien gegen England. 2:2 endete die Partie. Wayne Rooney traf, Frank Lampard war da, Oscar, Neymar, Hulk, David Luis und Dani Alves ebenfalls. Doch an die Künste von Jankel Schor kam keiner ran. 

Sieht ungelenk und langsam aus, kann es aber besser, als fast alle 20-Jährigen dies könnten.

Schor ist dieser alte Mann, den ich 2009 erstmals sah. Noch immer jonglierte er problemlos. Das Maracana, dieser Fussballtempel ist seine Heimat. 

Richtig gespielt hatte er auf dem Rasen aber nie. Zumindest nicht als Profi. Er durfte zwar in den 1940er Jahren mal zum Probetraining und hätte einen Vertrag erhalten. Doch sein Vater verbot Schor, diesen zu unterschreiben. «Du kannst damit nichts verdienen, sagte er mir», erinnert sich Schor Jahre später. 

Deutsches Kurzporträt über Jankel Schor im Rahmen der WM 2014.
YouTube/SPOX

Dabei war der Fussball seine grosse Liebe: «Ich war talentiert und wurde zum Fussballspielen geboren», erinnert sich Schor im Vorfeld der WM 2014, als er etwas in den öffentlichen Fokus rückte. Als 5-Jähriger wanderte er mit seinen Eltern aus Russland ein. Erst lebte er mit seiner Familie in Recife, dann in Rio. Früher sei er von den Gleichaltrigen verprügelt worden, weil er kein Portugiesisch sprach. Kommunistischer Gringo hätten sie ihn genannt.

Doch Klein-Jankel gab nicht auf und als die Jungs merkten, dass er Fussball spielen konnte, hätten sie ihn akzeptiert. Er habe immer Beachsoccer gespielt: «Fallrückzieher waren meine Spezialität, noch heute träume ich davon», so Schor 2014. Und jongliert habe er natürlich auch immer: «Mein Rekord liegt bei zwölf Stunden am Stück», behauptet er.

Auf dem Schiff jonglieren? Easy. Ein Kurzporträt auf Englisch.
YouTube/Robert Porter

Fussballer wurde er also nicht. Aber durch Zufall kam er eines Tages dazu, im Maracana als Entertainer für Unterhaltung zu sorgen und zu jonglieren. Der ehemalige brasilianische Nationalspieler Edmundo habe das alles 1998 eingefädelt, als er ihn an der Copacobana beim Footvolley entdeckte und ihn dem damaligen Vasco-Präsidenten Eurico Miranda vorstellte. Noch am gleichen Abend hatte er sein «Probearbeiten». Seither macht er dies in jedem Heimspiel im Maracana. Egal wer spielt, Schor jongliert und beeindruckt die Zuschauer. 70 Reais habe er dafür verdient, 30 davon kostete ihn jeweils das Taxi zum Stadion.

Leider war es uns nicht möglich, herauszufinden, ob Jankel Schor heute noch lebt. 89-jährig wäre er. Anfragen bei Botafogo, Fluminense, Vasco da Gama und Flamenco blieben bisher ohne eindeutige Antwort. Fluminense hat keinen Kontakt zu Schor, Vasco da Gama teilt mit: Das Stadion wird aktuell für die Olympischen Spiele vorbereitet. Auf Twitter fragte vor einiger Zeit jemand nach Schor. Er habe ihn lange nicht mehr im Stadion gesehen. 

Unvergessen

In der Serie Unvergessen blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob hervorragende Leistung, bewegendes Drama oder witzige Anekdote – alles ist dabei. 
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Yanik Freudiger, 23.2.2017
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