Unvergessen
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Trainer Raimondo Ponte (3.v.l.) sitzt am Montag, 4. Juli 1999 inmitten der Neuzugaenge des FC Zuerich auf dem Letzigrund. Untere Reihe (vlnr.): Yvan Quentin, Mauro Giannini, Raimondo Ponte, Marco Pascolo, Konditionstrainer Fritz Schmid, Mario Frick und Gocha Jamarauli. Obere Reihe (vlnr.): Diango Malacarne, Saidou Kebe, Christian Andreoli, Martin Stocklasa und Philippe Douglas.        (KEYSTONE/Christoph Ruckstuhl)

Die FCZ-Neuverpflichtungen für die Saison 1999/2000. Hinten, von links: Malacarne, Kébé, Andreoli, Stocklasa, Douglas. Vorne: Quentin, Giannini, Ponte, Pascolo, Konditionstrainer Schmid, Frick, Jamarauli. 
Bild: KEYSTONE

12.12.1999: Weil Ponte nicht zählen kann, stürzt der FC Zürich in die Auf-/Abstiegsrunde

12. Dezember 1999: Der FC Zürich jubelt nach dem 1:1 bei Xamax über das Erreichen der Finalrunde. Doch er jubelt zu früh: Wegen eines reglementarischen Fehlers verliert der FCZ – und Raimondo Ponte deshalb bald darauf seinen Trainerjob.



«Nachträglich gesehen war das der Knackpunkt in meiner Karriere.» Jahre später sagt Raimondo Ponte diesen Satz in der Zeitschrift «Sport Magazin». Denn während die Welt dem Wechsel ins neue Millennium entgegenfiebert, zittert der Trainer des FC Zürich um seinen Arbeitsplatz. Er wird ihn verlieren.

Am 12. Dezember 1999 spielt der FC Zürich in Neuenburg, es ist die letzte Partie der Qualifikationsphase. Die besten acht Teams schaffen es in die Finalrunde, die anderen vier NLA-Mannschaften müssen im Frühling in der Auf-/Abstiegsrunde gegen die vier besten Teams der NLB ran. Der FCZ holt bei Xamax ein 1:1 und feiert – denn das Unentschieden reicht für die Finalrunde.

An der zweiten, vom Schweizerischen Fussball-Verband (SFV) organisierten

Mit Ciriaco Sforza: Raimondo Ponte wird im Sommer 1999 noch als Schweizer Trainer des Jahres ausgezeichnet.
Bild: KEYSTONE

Eine schöne Bescherung

Doch die Zürcher rechnen nicht damit, dass der Gegner das Reglement genau studiert hat und das Matchblatt ebenfalls. Denn auf diesem sind beim FCZ acht Ausländer aufgeführt. Erlaubt sind nur sieben, weshalb Xamax einen Protest einreicht. «Irrelevant» sei dieser, glaubt Ponte da noch, «weil wir nur fünf Ausländer eingesetzt haben.» Klubpräsident Sven Hotz rechnet im schlimmsten Fall mit einer Geldstrafe.

Die acht Ausländer

Der FC Zürich setzt gegen Xamax Saidou Kébé, Gocha Jamarauli, Michail Kawelaschwili, Shaun Bartlett und Cesar Sant'Anna ein. Zusätzlich werden auf dem Matchblatt Kanga Akalé, Adam N'Dlovu und Christian Trombini aufgeführt.

Es dauert zwei Wochen, da fällt die Disziplinarkommission der Nationalliga ihr Urteil – und dieses ist für den FC Zürich ein Schock. Denn die Kommission bestraft den Klub wegen des Reglements-Verstosses mit einer 0:3-Forfaitniederlage. Xamax rückt einen Tag vor Heiligabend in die Finalrunde nach, der FCZ fällt in die Auf-/Abstiegsrunde.

Raimondo Ponte, Trainer des FC Zuerich, aufgenommen am 12. Dezember 1999 in Neuchatel beim Spiel des FC Zuerich gegen Neuchatel Xamax. Nachdem die Disziplinarkommission der Nationalliga im Protest-Fall von Neuchatel Xamax gegen den FC Zuerich zu keinem Entscheid gelangte, werden am 22. Dezember 1999 in Muri die Trainer und Captains beider Parteien zu einer Anhoerung vorgeladen. Die Zuercher hatten im Qualifikationsspiel am 12. Dezember 1999 acht statt der erlaubten sieben Auslaender auf dem Matchblatt notiert. (KEYSTONE/Sanddro Campardo)

Da weiss er noch nicht, was passieren wird: Ponte während des verhängnisvollen Spiels auf der Maladière.
Bild: KEYSTONE

«Mein Ruf und meine Karriere stehen auf dem Spiel»

Dass Trainer Ponte schon vor dem Xamax-Match öfters die Namen von acht Ausländern aufs Matchblatt gesetzt und dies keine Konsequenzen hatte, spielt keine Rolle. Denn wo kein Kläger, da kein Richter. Und nun klagt jemand. Präsident Hotz spricht davon, dass «wieder einmal ein Exempel gegen den FCZ» statuiert worden sei.

Raimondo Ponte schweigt unmittelbar nach dem Urteilsspruch und äussert sich nach den Feiertagen. «Der Kampf um die Gerechtigkeit geht jetzt erst richtig los», kündigt der 34-fache Nationalspieler im «Blick» an. In den neapolitanischen Adern koche das Blut, schreibt das Blatt. «Mein Ruf und meine Karriere stehen auf dem Spiel», ahnt Ponte.

Noch immer sitzt der Schock tief ... FCZ-Trainer Raimondo Ponte (links) und FCZ-Praesident Sven Hotz (rechts) mit Radio Z-Sportchef Mike Gut (mitte) an der FCZ-Solidaritaeskundgebung auf dem Zuercher Sechselauetenwiese am 27. Dezember 1999. (KEYSTONE/Walter Bieri)

Ponte ist gezeichnet: Kurz nach der Urteilsverkündung bei einer Veranstaltung mit Patron Hotz.
Bild: KEYSTONE

Nicht einmal Blatter kann Ponte helfen

In seiner Verzweiflung wendet sich der Aargauer gar an FIFA-Präsident Sepp Blatter. Durch einen Schneesturm sei Ponte zu ihm gefahren, berichtet der «Blick». Blatter betont jedoch, dass er sich nicht in den Schiedsspruch der Nationalliga einmische. Er habe Verständnis für den Entscheid, «schliesslich sind Reglemente da, damit man sie einhält. So gesehen kann ich Ponte keine Hoffnung machen.»

Der 44-jährige Ponte kann wirbeln wie er will, er erreicht sein Ziel nicht. Mitte Februar bestätigt ein dreiköpfiges Schiedsgericht das Forfait-Urteil endgültig. «Dieser Entscheid ist ein Witz!», tobt Raimondo Ponte, «er hat mit Fussball nichts zu tun. Ich war überzeugt, dass das Urteil umgestossen wird.» FCZ-Jurist Urs Scherrer spricht von einem «Rückfall ins sportjuristische Mittelalter». Die Argumente seines Klubs seien überhaupt nicht berücksichtigt worden.

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Legendär: «Raimondo Ponte» in einer von Viktor Giacobbo inszenierten TV-Diskussion.
YouTube/Robert Müller

Die Spieler verzeihen Ponte den Fehler nicht

Einen Monat später beginnt der FCZ die Auf-/Abstiegsrunde mit einem 0:0 in Aarau. Als er Bellinzona 4:0 schlägt und in Thun gewinnt, scheint er auf gutem Weg zu sein. Doch es folgen: Ein 0:3 zuhause gegen Delémont, eine 0:1-Niederlage in Sion und ein 1:2 im Letzigrund gegen Baden. Nur noch 2900 Fans verfolgen das Trauerspiel.

Es ist die letzte Partie unter Raimondo Ponte. Einen Tag später entlässt Sven Hotz seinen Trainer. Um den wartenden Reportern auszuweichen, will Ponte durch das Fenster seines Büros türmen. Aber auch dort stehen Journalisten, also steigt Ponte fluchend zurück, um das Stadion durch den normalen Ausgang zu verlassen.

Bild

Ponte will durchs Fenster abhauen, doch die Reporter sind schon da.
bild: screenshot blick

Cupsieg in der gleichen Saison

Präsident Hotz ist bewusst geworden, dass Ponte nach dem Verpassen der Finalrunde im Team keinen Rückhalt mehr hat. «Auch wenn dies nie offen ausgesprochen wurde, der Groll gärte», weiss die NZZ. Die Spieler hätten Ponte den Fehler beim Ausfüllen des Matchblatts nie verziehen.

«Der Brand ist erst einmal gelöscht», formuliert Captain Urs Fischer im «Tages-Anzeiger». Dass ein Entscheid gefällt worden sei, könne dem Team gut tun. Das macht es in der Tat: Unter Nachfolger Gilbert Gress hält der FC Zürich nicht nur die Klasse, er wird sogar Cupsieger. So paradox es auch ist: Am Ende einer völlig verkorksten Saison hat der FCZ nach 19 Jahren Unterbruch wieder einmal einen Titel gewonnen.

Die FC Zuerich-Spieler Frederic Chassot, links mit Bass, Urs Fischer, Mitte mit Mundharmonika, und Shaun Bartlett, rechts applaudierend, bereiten FCZ-Fans am 28. Mai 2000 in einem Festzelt im Letzigrund-Stadion ein Siegesstaendchen, nachdem ihr Team den Cupfinal gegen Lausanne gewonnen hat. (KEYSTONE/ALEXANDER SAUTTER)

Die FCZ-Spieler machen Party: Chassot (mit Bass), Fischer (mit Schnorregiige) und Bartlett feiern den Cupsieg.
Bild: METROPOL

Ponte und die Zahlen …

Raimondo Ponte macht nicht nur am 12.12.1999 einen Fehler. Als Lugano-Trainer verliert er 2013 ein Spiel, das sein Team gegen Locarno 3:0 gewinnt, mit 0:3 forfait. Dieses Mal geht es um Spieler, die nicht in der Schweiz ausgebildet wurden. Maximal sieben dürfen aufs Matchblatt, Ponte führt acht auf. «Das kann und darf nicht wahr sein», sagt der Trainer, «aber ich trage die Verantwortung. Für diesen Fehler muss ich den Kopf hinhalten.»

Lange Zeit weg von der grossen Bühne

Während der FC Zürich in den folgenden Jahren während einiger Zeit an gute, alte Zeiten anknüpfen kann (je zwei Meistertitel und Cupsiege zwischen 2005 und 2009), geht es mit Raimondo Ponte bergab. «Irgendwie hat es bei mir seither als Trainer nie mehr so geklappt wie früher», sagt er im Jahr 2007.

Carrara (Italien), Wohlen, YF Juventus, Chiasso, Bellinzona und Lugano heissen seine Arbeitgeber – ehe Ponte 2014 unverhofft in die Super League zurückkehrt. Er bewahrt den FC Sion vor dem Abstieg, muss im Wallis aber trotzdem gehen. Im Frühling 2015 misslingt ihm die gleiche Mission beim FC Aarau: Die Rüebliländer steigen in die Challenge League ab. Ponte darf dennoch auf dem Brügglifeld bleiben: Der 60-Jährige ist in Aarau aktuell Sportchef.

Raimondo Ponte, der neue Trainer des FC Aarau, posiert fuer ein Portrait im Stadion Bruegglifeld, am Montag, 23. Maerz 2015, in Aarau. Der FC Aarau zog einen Tag nach der 1:3-Niederlage auswaerts gegen die Grasshoppers die Reissleine. Der Tabellenletzte der Super League trennte sich gestern Sonntag von Trainer Sven Christ. Sein Nachfolger wird Raimondo Ponte. (KEYSTONE/Valeriano Di Domenico)

Ende März 2015 tritt Ponte in Aarau zur Mission Ligaerhalt an – er scheitert.
Bild: KEYSTONE

Unvergessen

In der Serie «Unvergessen» blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob hervorragende Leistung, bewegendes Drama oder witzige Anekdote – alles ist dabei.

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