Unvergessen

Der Ball schlägt hinter Gianluca Pagliuca zum 1:0 für die Schweiz ein. Bild: KEYSTONE

Marc Hottiger versenkt mit seinem Knaller im Wankdorf Italien

1. Mai 1993: Marc Hottiger schiesst die Schweiz zum 1:0-Erfolg gegen Italien und stösst das Tor zur ersten WM-Qualifikation der Nati nach 28 Jahren weit auf. Eine Enttäuschung gibt es für ihn nach dem Spiel beim (versuchten) Leibchentausch.

01.05.17, 00:01

Das Leben eines Nati-Fans anfangs der 1990er-Jahre ist hart. 1966 qualifizierte sich die Equipe letztmals für ein grosses Turnier und vor der WM-Qualifikation wird das Team in eine schwierige Gruppe mit Italien, Portugal und Schottland gelost. Roy Hodgson hat zwar im Sommer 1992 übernommen, aber nach dem zweiten Testspiel (0:2 gegen Bulgarien) würde wohl niemand auf eine WM-Teilnahme der Eidgenossen wetten.

Doch der Engländer formt eine schlagkräftige Truppe zusammen. In der WM-Quali wird zum Auftakt Estland 6:0 abgefertigt, dann folgt der 3:1-Erfolg gegen Schottland und im Auswärtsspiel in Cagliari führen die kleinen Schweizer bis zur 83. Minute sensationell 2:0, ehe Roberto Baggio und Stefano Eranio (91.) den Azzurri nach zwei Schnitzern der Schweizer die ganz grosse Blamage ersparen.

Die Highlights des 2:2 der Schweiz in Italien 1992. Video: YouTube/sp1873

Trotz den späten Toren wissen die Schweizer jetzt: Da geht etwas! Es folgen ein 3:0-Sieg gegen Malta und im März 1993 ein glückliches 1:1 gegen Portugal. Davon möchten wir euch dieses schöne Bild von Ciriaco Sforza und Peixe nicht vorenthalten:

Anscheinend zufrieden mit dem 1:1: Ciriaco Sforza und Peixe. Bild: getty

Das vorentscheidende Spiel

Im April übernimmt die Schweiz mit einem wenig berauschenden 2:0-Erfolg gegen Malta die Tabellenspitze mit 10 Punkten (für einen Sieg gibt es damals noch zwei Punkte). Jetzt, am 1. Mai 1993, geht es gegen Italien (8 Zähler) um einen grossen Schritt Richtung USA – oder bei einer Niederlage eher auf die gewohnte Schiene des knappen Scheiterns. Denn wenn die Schweiz verliert, müsste sie wohl zum Abschluss bei den starken Portugiesen wie auch in Schottland mindestens ein Remis holen sowie gegen Estland gewinnen, um weiter von der WM träumen zu können.

Schweiz – Italien 1:0

Wankdorf, Bern – 32'000 Zuschauer Schiedsrichter: Navarrete (Sp).
Tor: 55. Hottiger 1:0.
Schweiz: Pascolo; Hottiger, Quentin, Herr, Geiger; Bregy, Sutter, Ohrel, Sforza; Knup (76. Grassi); Chapuisat.
Italien: Pagliuca; Mannini, Maldini, D. Baggio, Vierchowod; Bares; Fuser, Zoratto (64. Lentini), R. Baggio; Mancini (46. Di Mauro), Signori.
Bemerkung: Rote Karte: 44. D. Baggio. 

32'000 Zuschauer sorgen für ein ausverkauftes Wankdorf-Stadion in Bern. Eigentlich ist alles bereit. Aber die Bilanz gegen den südlichen Nachbarn stimmt wenig positiv. In 49 Partien siegte die Schweiz zuvor nur siebenmal, letztmals 1982 in einem Test in Rom mit 1:0. Der letzte Sieg in einem Ernstkampf geht aufs Jahr 1954 zurück. Und Italien will diese Serie gerne ausbauen.

Marc Hottiger: Eigentlich gar kein grosser Goalgetter. In der Nati traf er in 63 Partien nur fünfmal. Bild: Getty Images Europe

Pagliuca wettert: «Der Schiedsrichter hat uns betrogen!»

Der Schweizer Goalie Marco Pascolo muss schon in den ersten Minuten dreimal eingreifen. Er klärt Mancinis Kopfball stark, rettet gegen Fusers Abschlussversuch und lenkt einen Freistoss von Roberto Baggio mirakulös um den Pfosten. Noch in der ersten Halbzeit hilft einmal Sforza aus und Pascolo wehrt mit dem Fuss Mancinis Schuss ab. Kurz: Die Schweiz schwimmt. 

Trotzdem kann sie mit Hoffnung in die Pause gehen. Denn in der 44. Minute holt Dino Baggio im Mittelfeld Sforza von den Beinen und sieht vom spanischen Unparteiischen Antonio Martin Navarrette die Rote Karte. Goalie Gianluca Pagliuca wird nach dem Spiel reklamieren: «Der Schiedsrichter hat uns betrogen!»

Harter Entscheid: Dino Baggio fliegt wegen dieser Attacke vom Feld. Gif: SRF

Schweizer TV verpasst Start der 2. Halbzeit

Die zweite Halbzeit bringt dann gleich mal kurz Aufregung in Schweizer Wohnzimmer. Denn das nationale TV verpasst den Wiederanpfiff wegen der Werbung. Kommentator Matthias Hüppi tobt danach im «SonntagsBlick»: «Unglaublich, aber wahr, wir haben die ersten zwei Minuten verpasst!»

Immerhin wird das Publikum vor dem TV bald entschädigt: In der 55. Minute kann Italien nicht wie gewünscht klären, Alain Sutter bringt den Ball zurück in den Strafraum. Und Marc Hottiger vollendet stilvoll mit links zur umjubelten Führung. 

Das entscheidende Tor von Marc Hottiger zum 1:0-Sieg. Und nein, Offside war es deutlich nicht. Video: YouTube/1986soccerman

Bregy küsst den Rasen, Hottiger schreit herum

Die Schweiz rettet den Mini-Vorsprung über die Zeit und übersteht zum ersten Mal in der Geschichte neun Partien ohne Niederlage (6 Siege, 3 Remis). Der erste grosse Sieg der Ära Hodgson lässt die WM-Qualifikation praktisch sicher erscheinen.

Der «SonntagsBlick» titelt am Tag danach: «1:0 – Amerika wir kommen!» und weiter: «Jungs, das war euer Meisterstück! Nach dem 1:0 gegen Italien kann den Schweizern auf dem Weg zur WM zu 99 Prozent nichts mehr passieren. Die Rechnung ist auch bei Niederlagen in Schottland und Portugal einfach: 12 + 2 (gegen Estland) = Amerika.»

Torschütze Hottiger – der wohl noch immer nicht weiss, warum er so weit vorne stand – erhält vom «Blick» folgende Bewertung: «Defensiv nicht immer sicher. Dafür mit viel Dampf nach vorne. Was für ein Supertor!» Er schreit nach dem Sieg «USA! USA! Mein schönster Tag!» Team-Senior Georges Bregy küsst den Rasen, die Freude auf der Ehrenrunde ist grenzenlos.

Die Schweizer feiern den Sieg gegen Italien. video: Youtube/kanal von zwölfmagahin

Das «Geburtsland der Spaghetti» weint

Während die Schweiz den Grundstein zur WM-Qualifikation legt, liegt Italien am Boden. In seinem 16. Spiel verliert Arrigo Sacchi erstmals eine Partie als «Mister» der Squadra Azzurra. Der «SonntagsBlick» spottet: «Im Kampf um die WM 1994 in den USA sitzt jetzt plötzlich das Geburtsland der Spaghetti mitten im Teig.»

Auch die italienischen Medien leiden. «Der regnerische 1. Mai, voll von schlechten Nachrichten aus aller Welt, hat den Italienern ein bitteres Fussballresultat beschert», jammert die «Gazzetta dello Sport». «Tuttosport» hat hingegen genau hingeschaut: «Der italienische Verbandspräsident hat das Stadion verärgert verlassen, hat es aber wohlweislich unterlassen, polemische Äusserungen von sich zu geben. Er sagte nur, dass die Italiener über das Mass bestraft worden seien.» Und der «Corriere della Sera» ärgert sich noch immer über die Rote Karte: «Der Generalsekretär der FIFA, Joseph Blatter, hat die Leistung von Schiedsrichter Navarrete positiv beurteilt. Der Generalsekretär der FIFA ist … Schweizer.»

Superstar Roberto Baggio am Boden. Marc Hottiger (vorne) und die Schweiz überraschen Italien. Bild: KEYSTONE

Die lustige Idee mit dem Trikottausch

Im Stadionbauch übrigens sind die Schweizer Fussballer nach dem Triumph freudentaumelnd. Stéphane Chapuisat und Marc Hottiger kommen dann auch noch auf die geniale Idee, den im Jubel verpassten Trikottausch nachzuholen und klopfen an die italienische Kabinentür. Ihr Anliegen wird mit einem «Raus hier!» kommentiert und Chappi meint danach verständnislos: «Die haben die Verlierer-Dress wohl schon wieder eingepackt …» Das «Verlierer-Dress» müssen die Italiener seither nie mehr einpacken, wenn es gegen die Schweiz geht. Seit dem Coup von Bern hat die Schweiz in acht Partien gegen den vierfachen Weltmeister je vier Mal verloren und Remis gespielt.

In der Qualifikation für die WM 1994 holt die Schweiz in der Folge ein 1:1 in Schottland, vergibt den ersten Matchball in Portugal mit dem 0:1 zwar, sichert sich aber die WM-Fahrkarte im letzten Spiel gegen Estland mit einem souveränen 4:0 im Zürcher Hardturm-Stadion.

Marc Hottiger steht in den USA in allen vier WM-Partien über 90 Minuten im Einsatz. 1996 endet seine Nati-Karriere, 2002 beendet der Aussenverteidiger die Laufbahn in Sion.

Geschafft: Die Schweiz besiegt Estland im letzten Quali-Spiel 4:0 und reist erstmals seit 28 Jahren wieder an eine WM-Endrunde. Bild: KEYSTONE

Unvergessen

In der Serie «Unvergessen» blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob hervorragende sportliche Leistung, bewegendes Drama oder witzige Anekdote – alles ist dabei.
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Die 20 besten Nati-Spieler aller Zeiten

07.03.2007: Johann Vogel droht Köbi Kuhn, in den Flieger zu steigen, um ihm «eins zu tätschen»

28.03.2001: Alex Frei macht Kubilay Türkyilmaz vergessen und sorgt dafür, dass Andy Egli einfach mal die Klappe halten muss

12.10.2012: Ottmar Hitzfeld zeigt dem Schiedsrichter den Stinkefinger und macht sich danach mit faulen Ausflüchten lächerlich

13.11.1991: Weil die Schweizer Nati in der «Hölle von Bukarest» auf 0:0 spielt, vergeigt sie die EM-Qualifikation im letzten Moment doch noch

29.02.2012: Ausgerechnet gegen die Schweiz erzielt Lionel Messi seinen ersten Nati-Hattrick

18.06.1994: Beni Thurnheers fataler Irrtum – es gibt eben doch einen Zweiten wie Bregy

10.09.2008: Luxemburgerli vernaschen? Denkste! – Die Schweizer Nati kassiert die bitterste Niederlage ihrer Geschichte

27 zeitlose Klassiker: Die  schönsten Tore der Schweizer Nati

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Die Nati der Vergessenen – 11 Schweizer, deren Karriere ganz anders verlief als erhofft

25.03.1998: Bei seinem Debüt führt Gilbert Gress die Nati gegen England fast zum Sieg – dann patzt sein Lieblingsgoalie

24.04.1996: Das Ende der kurzen Ära von Nati-Trainer Artur Jorge beginnt ausgerechnet mit einem Sieg

11.07.1966: Die «Nacht von Sheffield», der grösste Skandal der Schweizer Fussballgeschichte

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    Alle Leser-Kommentare
  • Kak Attack 01.05.2017 19:49
    Highlight dieses Spiel bleibt tatsächlich unvergessen, auch ohne diese Rubrik, dank der ich aber wieder mal in den Genuss von Bildern des Spiels komme ;-) Merci.

    Wow, was für eine Blutgrätsche! und das in des Gegners Hälfte...
    0 0 Melden
  • AJACIED 01.05.2017 15:06
    Highlight Ja das waren noch "Schweizer"😉
    3 6 Melden
  • 's all good, man! 01.05.2017 11:37
    Highlight Mag mich noch gut an Hottigers Kiste erinnern. Jetzt ist das schon unglaubliche 24 Jahre her... Schaute das Match mit einem Schulfreund bei uns zu Hause im Fernsehzimmer, wir waren 15 Jahre alte Draufgänger. Jesses, meine Mama ist ob unserem Jubel in der 55. Minuten ganz erschrocken nach oben geeilt und hat gefragt, was denn hier los sei. Läck, sind wir durch die Decke gegangen bei dem Tor. 😃

    Das war eine Riesensache, sich für die WM zu qualifizieren. Unglaublich, wenn man bedenkt, dass es heute schon fast selbstverständlich ist, alle zwei Jahre ein grosses Turnier zu spielen.
    10 0 Melden
  • Luca Brasi 01.05.2017 11:30
    Highlight Die Quali ist ja auch kein Gradmesser. Einfach qualifizieren ist da wichtig (zumindest für grosse Fussballnationen). Wichtig ist einfach, dass man im Turnier über das Achtelfinale hinauskommt. Wie oft hat das die Schweiz eigentlich schon geschafft? *grins*

    PS: Der "Einfallsreichtum" der Blick-Gruppe in Sachen billiger stereotypischer Schenkelklopfer hat sich ja bis heute nicht geändert. Some things never change. lol
    2 12 Melden
  • Dan Rifter 01.05.2017 10:18
    Highlight Bitter, dieser 1. Mai.

    Am Nachmittag wurde unser E-Junioren Spiel abgesagt und ich ging nicht direkt wieder nach Hause, sondern kickte noch den ganzen Nachmittag mit den Kollegen.

    Zu Hause erzählte ich, dass wir gewonnen hatten. Meine Mutter gratulierte später einem Teamkollegen zum Sieg. Dieser entgegnete: Das Spiel wurde aber abgesagt.

    Als Strafe für meine Lüge durfte ich schliesslich den Match am Abend nicht schauen.. wobei ich das Tor von Hottiger akkustisch mitgekriegt hatte und immerhin noch die Zeitlupe sah.
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  • leu84 01.05.2017 08:49
    Highlight Wie wir Kids (&Erwachsene) damals bei der WM94 vor dem Fernseher mitfieberten. Bei uns im Dorf waren alle aus dem Häuschen. Die Zeitverschiebung war Ideal um nach der Schule Fussball zu schauen. Auf dem Schulhof wurden Bildchen getauscht. Nicht nur das Schweizer Team war interessant. Italien, Brasilien oder Deutschland :)
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    • Dan Rifter 01.05.2017 10:20
      Highlight Die WM 94 war die beste aller Zeiten.

      Das Sackgeld (eher der halbe Monatslohn meiner Mutter) ging für Bildli und Upper Deck Karten drauf..

      Immerhin 2 Komplette Hefter gefüllt.. beim ersten Heft fehlten mir am Schluss Marchegiani und Mondragor, beim zweiten Heft Alain Sutter und Roy Wegerle. Good times.
      6 0 Melden
    • Mia_san_mia 01.05.2017 12:22
      Highlight Ja da mag ich mich auch noch gut erinnern, das volle Panini-Album habe ich immer noch 😊
      5 0 Melden
  • Max Pauer 01.05.2017 01:40
    Highlight Ach das 2:2 in Cagliari... Der Marchegiani hat danach glaubs kein Länderspiel mehr gemacht. Und warum Eisenfuss Egli beim 1:2 zum ersten Mal in seiner Karriere den Ball nicht unters Stadiondach drosch, sondern im Strafraum (!) dem Geiger ein Pässchen spielen will, ist bis heute ein Mysterium.
    25 0 Melden

Wer auch immer gegen Seferovic gepfiffen hat – schaut in dieses Gesicht und schämt euch!

Es läuft die Schlussphase im Basler St.Jakob-Park, Nordirland rennt – je länger das Spiel läuft – immer mehr an. Die Schweiz wird in die Defensive zurückgedrängt, zittert sich regelrecht an die WM. In der Nachspielzeit sollte Rodriguez gar auf der Linie klären müssen.

Vladimir Petkovic reagiert spät. Erst in der 86. Minute nimmt er den völlig ausgepumpten und während der ganzen Partie glücklos agierenden Haris Seferovic vom Platz. Als der Schweizer den Rasen verlässt, wird er tatsächlich …

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