Unvergessen
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
The new coach of Switzerland, Gilbert Gress, pulls a face during a friendly soccer game between Switzerland and England in Bern on Wednesday, March 25, 1998. (KEYSTONE / Alessandro della Valle)

Gilbert Gress trauert der historischen Siegchance gegen England nach. Bild: KEYSTONE

Bei Debüt als Nati-Trainer

Bevor Gilbert Gress ein Plapper-Kasper wurde, hätte er fast einmal England besiegt – sein Lieblingsgoalie hat ihn um den Ruhm gebracht 

25. März 1998: Gilbert Gress übernimmt nach der gescheiterten WM-Kampagne das Trainer-Zepter der Schweizer Nati von Rolf Fringer. Bei seinem Debüt gegen England schnuppert die Schweiz an einer Sensation, bis Joël Corminboeuf einen Blackout hat.

Vor seinem ersten Spiel als Trainer der Schweizer Nationalmannschaft leistet sich Gilbert Gress einen Fauxpas, über den in Fussballkreisen bis heute oft und gerne gelacht wird. 

Als der damals 56-Jährige daheim in St. Blaise seine Siebensachen packt, um sich auf den Weg nach Bern zu machen, steckt Gress auch sein Handy ein. Zumindest meint er das. Erst am Zielort merkt er, dass er gehörig daneben gegriffen hat: «Ich habe die Fernbedienung mitgenommen. Meine Frau muss jetzt immer aufstehen, wenn sie den Sender wechseln will.»

Zum ersten richtigen Training bat am Mittwoch, 3.Juni 1998, Nationaltrainer Gilbert Gress (Mitte) seine Spieler auf die Sportanlage des SV Muttenz. Das Nationalkader befindet sich seit Dienstag, 2. Juni 1998, im Trainingslager fuer das Spiel gegen Jugoslawien vom Samstag im Basler St. Jakob Stadion. (KEYSTONE/Markus Stuecklin)

Gilbert Gress hat seiner Frau beim Debüt als Trainer der Schweizer Nati die Fernbedienung gemopst. Bild: KEYSTONE

Immer Ärger mit Kubi

Doch vor dem Freundschaftsspiel gegen England ist diese Episode bei weitem nicht das grösste Problem des Nachfolgers von Rolf Fringer. Der grosse Abwesende, Kubilay Türkyilmaz, dominiert vor dem geplanten Neubeginn nach der verpatzen Quali für die WM 1998 landesweit die Schlagzeilen.

Drei Tage vor dem Spiel meldet sich der GC-Stürmer bei Gress wegen einer Verletzung ab. Sein Klub-Arzt Heinz Bühlmann übermittelt den Kollegen von der Nationalmannschaft den Befund eines Muskelfaserrisses an der rechten Wade. 

Nati-Doc Roland Biedert will sich selbst ein Bild von der Verletzung machen und bietet Türkyilmaz zu einer Untersuchung auf. Aber der Goalgetter lässt den Termin einfach sausen und schaut stattdessen noch einmal beim GC-Arzt vorbei. Der findet nun plötzlich doch keinen Riss mehr in der Wade. Ist Türkyilmaz ein Simulant? Hatte er einfach keine Lust auf den Testkick im verschneiten Bern? Die Gerüchteküche brodelt.

Der Schweizer Internationale Kubilay Tuerkyilmaz (Mitte) jubelt, nachdem er im WM-Qualifikationsspiel Schweiz gegen Aserbaidschan am 10. November 1997 im Zuercher Hardturm-Stadion einen Penalty verwertet hat. Aserbaidschans Torhueter Aleksander Schidkow (links) kann den Ball nur noch aus dem Netz fischen. Die Schweiz gewann die Partie zwar mit 5:0, hatte die WM-Qualifikation aber bereits zuvor schon verspielt. (KEYSTONE/Christoph Ruckstuhl)

Erfolgreich, aber nicht sehr pflegeleicht. Hat Kubilay Türkyilmaz simuliert? Bild: KEYSTONE

Gress holt Corminboeuf nach zehn Jahren zurück

Ohne Türkyilmaz baut Gilbert Gress bei seiner Premiere vor allem auf die Qualitäten von Murat Yakin und Ciriaco Sforza. Der Elsässer stellt das System von 4-3-3 um auf ein 3-4-3. Der 23-jährige Yakin, der in Stuttgart gerade mitten in einem Machtkampf mit Superstar Krassimir Balakov steckt, soll den Libero mit Offensivdrang geben. Den angeschlagenen Kaiserslautern-Regisseur Sforza ernennt Gress wieder zum Captain. Ihm denkt er die Rolle als zentrale Schaltstation im Mittelfeld zu.

Ausserdem nimmt der kauzige Fussballehrer eine Rochade auf der Goalie-Position vor. Sein Lieblingsspieler Joël Corminboeuf, auf den er bereits als Klubtrainer bei Strassburg und Xamax zählte, steht anstelle von Stephan Lehmann zwischen den Pfosten. Seinen letzten Einsatz für die Schweiz hatte der 34-Jährige vor zehn Jahren absolviert. Mit dieser Entscheidung bringt sich Gress wohl um einen historischen Sieg gegen die Engländer.

Der Schweizer Fussball-Nationaltrainer Gilbert Gress beobachtet den Goalie Joel Corminboeuf beim abschliessenden Training vor dem Freundschaftsspiel gegen Nordirland, das im Windsor Park Stadion in Belfast stattfinden wird. (KEYSTONE/MICHELE LIMINA)

Keine glückliche Wahl: Gilbert Gress verhilft seinem Schützling Joël Corminboeuf zum Nati-Comeback und wird dafür bestraft. Bild: KEYSTONE

Denn die «Three Lions» treten in Bern mit einer Rumpftruppe an. Die Liste der Abwesenden ist lang: Paul Gascoigne, Ian Wright und David Seaman standen gar nie im Aufgebot des englischen Coaches Glenn Hoddle. Stars wie David Beckham, Paul Scholes, Andy Cole und Tony Adams haben – wie Türkyilmaz – kurzfristig abgesagt.

Ausgerechnet Corminboeuf patzt

So gehen die Schweizer gegen die harmlosen Briten fünf Minuten vor der Pause durch ein Kopftor von Ramon Vega in Führung. Es winkt der vierte Sieg nach 1938, 1947 und 1981. Nachdem sich seine Vorgänger Rolf Fringer (0:1 gegen Aserbaidschan) und Artur Jorge (1:1 gegen Luxemburg) bei ihrem Amtsantritt jeweils blamiert hatten, schnuppert der Elsässer an einer Sensation.

Die versaut dann ausgerechnet jener Joël Corminboeuf, dem Gress zum Nati-Comeback verholfen hatte. Nach einem Rückpass von Murat Yakin schlägt er den Ball völlig unbedrängt in die Füsse von Alan Shearer, der anschliessend Merson mit einem schönen Pass lanciert. Dessen Abschluss ist weder gefährlich noch platziert – und trotzdem kann Pechvogel Corminboeuf den Ball nicht parieren. 1:1, aus der Traum!

Die Höhepunkte des Debüt von Gilbert Gress als Nati-Coach gegen England.  Video: Youtube/sp1873

Es war der Anfang vom Ende

Gilbert Gress nimmt seinen Schützling nach dem Spiel in Schutz: «Es war ein schwieriger Match für ihn. Er wurde kaum beschäftigt und macht dann einen Fehler bei der ersten Chance des Gegners. Sowas kann passieren. Mit dem Resultat bin ich trotzdem zufrieden.»

Diesen Satz kann der neue Nationaltrainer in den kommenden Monaten nicht oft genug sagen. Nach Niederlagen gegen Dänemark und Italien verpassen die Schweizer die Qualifikation für die EM-Endrunde in Belgien und Holland. Gilbert Gress muss seine Koffer packen und heuert beim FC Zürich an.

Den vergebenen Sieg gegen England hat die Schweiz bis heute nicht nachgeholt. Zumindest die SRF-Zuschauer dürften Joël Corminboeuf für seinen fatalen Patzer aber dankbar sein. Ohne ihn würde TV-Experte Gress heute wohl bei jedem zweiten Plausch mit Rainer Maria Salzgeber daran erinnern, wie er damals die Engländer im Alleingang vom Sockel gestossen hatte.

Unvergessen

In der Serie «Unvergessen» blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob eine hervorragende sportliche Leistung, ein bewegendes Drama oder eine witzige Anekdote – alles ist dabei.



Abonniere unseren Newsletter

0
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
0Alle Kommentare anzeigen

Das beste Fussball-Musikvideo aller Zeiten erscheint auf YouTube – über den FC Aarau

25. November 2009: Der FC Aarau erlebt gerade eine gute Phase, beendet die Super League zwei Mal in Folge auf Rang fünf. Mitten in diesem Hoch wird ein Gute-Laune-Song ins Internet eingespiesen, der in Schweizer Fankreisen längst Kult ist: «Brügglifäld olé! Brügglifäld ola!»

Verschneiter Rasen, rote Plastikstühle, zwei einsame Fans. Mit dieser Einstellung beginnt ein Musikvideo für die Ewigkeit. Die beiden, es wird sich noch herausstellen, sind betätigen sich als Sänger. Plötzlich erspähen sie einen gelben Ball auf dem Platz. Klar, dass sich das magische Zweieck diese Chance nicht nehmen lässt, ein gepflegtes Kurzpass-Spiel auf den Rasen des Brügglifelds zu zaubern!

«Sit ehr bereit für nes Fuessballfäscht?», brüllt plötzlich einer des Duos in die Kamera. …

Artikel lesen
Link to Article