Unvergessen

Der Ball zappelt im Netz. FCZ-Captain Hannu Tihinen hat ihn soeben per Hacke versenkt. Bild: AP

«Und der FCZ spielt besser als Milan»

30.09.2009: Dank Tihinens Hackentrick, «abgeschaut bei einem finnischen Volkstanz», bodigt der FC Zürich das grosse Milan

30. September 2009: Der Sieg des FC Zürich bei der grossen AC Milan in der Champions League schreibt Schweizer Fussballgeschichte. Auch der italienische Kult-Moderator Tiziano Crudeli kann es nicht glauben.

30.09.14, 00:01 27.09.16, 15:36

Schon nach zehn Minuten der erste Paukenschlag der Partie. Der finnische Abwehrchef Hannu Tihinen, nicht gerade als filigraner Techniker bekannt, steht nach einem Eckball von Milan Gajic goldrichtig und überwindet wunderschön mit der Hacke Milan-Keeper Marco Storari. Ausgerechnet Tihinen! Der Teamsenior stand in den Tagen zuvor als Sinnbild für die langsame und schwerfällige Defensive der Zürcher. Und jetzt packt er dieses feine Trickli aus.

Es wird der einzige Treffer bleiben. Der FCZ schafft die grosse Sensation im San Siro. Selbst die «Gazzetta dello Sport» lobt das Husarenstück und glaubt, dass selbst der grosse Hacken- und Kung-Fu-Trick-Spezialist Zlatan Ibrahimovic über dieses Meisterwerk neidisch wäre.

Das Tor zum Sieg von Tihinen. Video: YouTube/Rphase1

Beim finnischen Volkstanz abgeschaut

Der 33-Jährige selbst lacht nach der Partie: «Ja, das Goal gegen Milan war ein schönes Tor, ich habe den Trick aus einem finnischen Volkstanz geklaut.» Eigenlob war nie die grosse Stärke des bekennenden Fans des Schweizer ÖV. Er nimmt sich zurück und erklärt: «Das war nicht so schlecht. Für den FCZ ist dieser Sieg eine grosse Sache.» Immerhin gesteht der kühle Finne, dass er «noch nie ein solches Tor gemacht habe».

Einen Seitenhieb Richtung Medien, welche ihn in den Tagen zuvor kritisiert hatten, landet er ebenfalls noch: «Kein schlechtes Tor für einen Senior mit schlechter Technik, oder?» Der «Blick» schrieb mit einem Augenzwinkern, dass sich der Direktor des Zürcher Ballets um ein Engagement des Ballartisten aus dem hohen Norden bemühe.

«No, no, no, no!!!»

Milan-Kommentator Tiziano Crudeli beim Tor

Crudeli am Boden zerstört

Tiziano Crudeli, seit Geburt fanatischer Anhänger der «Rossoneri», befindet sich natürlich am anderen Ende der Gefühlsskala und schlägt beim Tor des Aussenseiters nur ungläubig die Hände über den Kopf. 

«Nein, nein, nein, nein, ein solcher Fehler, nein. Ihr müsst solch einen Fehler nicht machen», schreit der italienische Kultmoderator mit gefühlten 130 Dezibel im Fernsehstudio herum.

Crudeli ist Milan-Fan mit Leib und Seele. 

Crudeli mit mehr Leidenschaft als sein Team

Neutralität gibt's bei Crudeli im Gegensatz zu seinen «normalen» Berufskollegen nicht. 1987 kommentiert Crudeli seinen ersten Milan-Match, damals noch im Radio. 

Früher war der aus der Provinz Emilia-Romagna stammende Sport-Journalist im Tennis heimisch, dann wechselte der frühere Vertreter in den Fussball. Doch Crudeli gibt sich so leicht nicht geschlagen und peitscht seine Jungs an: «Forza Ragazzi! Aufwachen!»

Der Spielstand, den im San Siro niemand erwartet hatte. Bild: KEYSTONE

Doch die grosse AC Milan, welche zwei Jahre zuvor noch Sieger der Königsklasse geworden ist, wirkt trotz des Gegentreffers noch immer nicht wirklich wach. Crudeli muss eingestehen: «Es ist Zürich, welches das Spiel macht. Zürich ist besser als Milan», erzürnt sich Crudeli. «Aufwachen!»

Viele Stars, doch der FCZ wehrt sich tapfer

Das sieht auch Milan-Trainer Leonardo so, der erst vor wenigen Monaten den langjährigen Erfolgscoach Carlo Ancelotti ersetzt hat. Zur Pause ersetzt der Brasilianer Clarence Seedorf durch Ronaldinho. Dabei stehen beim Heimteam schon illustre Namen wie Alessandro Nesta, Andrea Pirlo, Pato oder Filippo Inzaghi auf dem Platz.

Ronaldinho bringt ab der zweiten Halbzeit Schwung in die Partie. Bild: EPA

In der zweiten Hälfte erhöht Milan den Rhythmus, kommt zu einigen guten Chancen. Vor allem Stürmer Inzaghi scheitert immer wieder am glänzenden FCZ-Goalie Johnny Leonie. Doch die Zürcher wehren sich tapfer, die Angriffe der Mailänder nehmen wieder ab.

In der Nachspielzeit kommt beim Favoriten auch noch Pech dazu. Crudeli ist noch im Schimpfmodus, als Verteidiger Gianluca Zambrotta seinen Schuss am Pfosten abklatschen sieht. «Pfosten, Pfosten, nein, Pfosten von Zambrotta», jault ein enttäuschter Crudeli verzweifelt in die Runde.

Milan-Fanreporter Tiziano Crudeli kann nicht glauben, was sein Milan für Chancen auslässt. Video: YouTube/andrea03101995

Danach dürfen sich FCZ-Trainer Bernard Challandes und sein Team feiern lassen. Zürich ist für einmal die Sportstadt der Schweiz. Nur 24 Stunden zuvor haben nämlich die ZSC Lions mit den Chicago Blackhawks ein NHL-Team im Kampf um den Victoria Cup bezwungen.

Der FCZ darf sich in Mailand nach dem Husarenstück von seinen Anhängern feiern lassen. Bild: AP

Der Hackentrick als Bild

Doch auch die grösste Stadt der Schweiz kann es in Sachen Leidenschaft nicht mit Crudeli aufnehmen. So liefert der Milan-Fan sich in der Vergangenheit auch schon handgreifliche Diskussionen auf dem hauseigenen Milan-Channel mit Erzrivale Elio Corno, der dummerweise Inter-Fan ist.

Milans Kultkommentator Tiziano Crudeli gerät auch mal mit Inter-Anhänger Elio Corno in die Haare.  Video: YouTube/crozzopizzo

An diesem Abend siegt jedoch die kühle Mentalität des sympathischen Skandinaviers Tihinen über diejenige der temperamentvollen Südländer. Das Siegestor von Tihinen gegen Milan wird später sogar von FCZ-Präsident Ancillo Canepa in Öl gemalt.

Tihinen machte FCZ-Präsident Ancillo Canepa mit dem Tor und dem Bild eine grosse Freude. Screenshot: youtube/FCZTVChannel

Unvergessen

In der Serie «Unvergessen» blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob hervorragende Leistung, bewegendes Drama oder witzige Anekdote – alles ist dabei. 

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