Unvergessen

Captain Vogel und Nati-Trainer Kuhn trennten sich im Unfrieden. Bild: KEYSTONE

Vogel droht Kuhn, in den Flieger zu steigen, um ihm «eins zu tätschen»

7. März 2007: Natitrainer Köbi Kuhn telefoniert mit seinem Captain Johann Vogel und teilt ihm mit, dass er künftig auf ihn verzichten werde. Die Reaktion des Genfers geht in den Schweizer Fussball-Sprachschatz ein.

07.03.17, 00:01 07.03.17, 07:00

1626 Kilometer liegen Zürich und Sevilla auseinander. In der Schweiz greift Natitrainer Köbi Kuhn zum Telefon, um Johann Vogel anzurufen, der bei Real Betis spielt. Er teilt seinem Captain mit, dass er ihn nicht mehr für die Nationalmannschaft aufbieten werde.

Vogel wird laut in diesem Gespräch, weiss der Blick, der diese Information mit grosser Wahrscheinlichkeit von Kuhn erhalten hat. Ein «Riesen-Fehler» sei es, ihn aus der Nati zu werfen, poltert Vogel. Und es folgt der legendäre Satz:

«Ich steige in den Flieger und tätsche dir eins!»

Nach dieser Drohung ist klar: Solange Köbi Kuhn Nationaltrainer ist, wird Johann Vogel nicht mehr für die Schweiz spielen. «Eigentlich würde ich ja gerne eine Türe offen lassen», sagt Kuhn, «aber nach dem Telefonat sehe ich keine Möglichkeit mehr für eine Rückkehr.»

Natitrainer Kuhn erklärt den Medien, er werde Vogel nicht mehr aufbieten. Bild: KEYSTONE

Der missverstandene Spielmacher

An Johann Vogel scheiden sich seit jeher die Geister. Der Genfer ist ein Ausnahmetalent: Er spielt bei GC schon als 15-Jähriger in der Nationalliga A und er kommt an seinem 18. Geburtstag zu seinem ersten Länderspiel. Nach drei Meistertiteln bei den Grasshoppers wechselt er 1999 nach Holland. Dort führt Vogel den PSV Eindhoven als Captain zu vier Meisterschaften und einem Cupsieg.

Dieser Leistungsausweis spricht eigentlich für sich – und doch ist Johann Vogel bei den Fans nie beliebt. Er ist, wenn überhaupt, höchstens respektiert. Vogel gilt als Meister des Quer- und Rückpasses. Der Wert eines defensiven Mittelfeldspielers wird zu jener Zeit noch nicht geschätzt. Dabei kann Vogel rückblickend sogar als Wegbereiter bezeichnet werden: Er war wohl einer der ersten Schweizer auf dieser Position, der nicht bloss das gegnerische Spiel zu zerstören versuchte, sondern mit seiner Übersicht auch das eigene Spiel gestaltete.

Torgefährlich ist Vogel nie, seine wenigen Treffer sind dafür sehenswert. In Eindhoven hat er seine beste Zeit. Video: YouTube/PSV

Der WM-Achtelfinal gegen die Ukraine als Wendepunkt

Der Anfang von Vogels Ende in der Schweizer Nati ist das Ausscheiden an der WM 2006. Die Schweiz verschiesst im Achtelfinal gegen die Ukraine alle Penaltys. Captain Johann Vogel stellt sich der Verantwortung, aus elf Metern zu schiessen, nicht. Er habe sich einfach nicht sicher gefühlt, weil er seit acht Jahren keinen Elfmeter mehr geschossen habe, erklärt er sich.

«Stellen Sie sich vor, ich hätte den Ball genommen und als Erster verschossen. Man hätte doch gesagt: ‹Der Vogel, dieser arrogante und überhebliche Typ. Schiesst seit acht Jahren keine Penaltys und meint nun, er müsse dies ausgerechnet in einem WM-Achtelfinal tun.›»

Vogel baut sich dafür nach dem Spiel auf. Im Mannschafts-Car kommt es offenbar beinahe zu Handgreiflichkeiten, weil er die Penalty-Versager Streller, Barnetta und Cabanas heftig attackiert. «Ich bin in meiner Karriere 15 Mal vom Elfmeterpunkt angetreten, nie habe ich verschossen …», habe Vogel zynisch von hinten gerufen, enthüllt der «Blick» einen Monat nach der WM. Die Teamkollegen hätten den impulsiven Alex Frei festhalten müssen, damit er Johann Vogel nicht an die Gurgel geht.

Lange Gesichter: Die Schweiz scheitert im WM-Achtelfinal an der Ukraine. Bild: KEYSTONE

Zwist in der Nati nur erfunden?

Erfunden sei diese Geschichte, behauptet Vogel. «Wir haben hinten im Car gejasst. Und Alex Frei sass ja ganz vorne», sagt er der «Sonntags Zeitung». Der Stürmer gerät in den Fokus, soll Vogels Intimfeind sein. Nicht nur wegen seines ausgeprägten Gerechtigkeitssinns, sondern auch weil Frei wohl selber gerne Captain wäre.

Der Haussegen hängt also schief, aber Vogel bleibt in der Nati. Kuhn beginnt jedoch schon kurz nach der WM, an ihm zu zweifeln. «Vogels Ton wurde spürbar schärfer, weil er nicht verstand, wieso er ausgewechselt wurde», erinnert sich Kuhn an ein Testspiel in Österreich im Oktober 2006.

«Diskussionen über eine Auswechslung kann man anständig führen. Oder eben so aggressiv, wie Vogel es tat», sagt Kuhn weiter. «Ein Spieler muss in seiner Wortwahl oder in seinem Ton aufpassen, wie er was sagt – vor allem, wenn er halb so alt ist wie der Trainer.»

Johann Vogels Karriere

Das misslungene Comeback

Trotz dem Rausschmiss aus der Nati will Johann Vogel nichts davon wissen, dass nach 94 Länderspielen Schluss ist. Von definitiv könne keine Rede sein, lässt er sich zitieren. Schliesslich werde er nach der EM 2008 erst 31 Jahre alt sein und somit noch jung genug, um einige weitere Jahre auf höchstem Niveau in Europa weiterspielen zu können.

Es kommt nicht dazu. Ottmar Hitzfeld, der Köbi Kuhn nach der Euro 2008 als Natitrainer ablöst, bietet Vogel nie mehr auf – schliesslich kommt er auch in seinen Klubs kaum mehr zum Einsatz. Er ist ab 2005 bei der grossen AC Milan unter Vertrag (14 Spiele), wechselt dann zu Betis Sevilla (17 Spiele) und zu den Blackburn Rovers (7 Spiele). Im April 2009 lösen die Engländer den Vertrag mit Johann Vogel auf, im November desselben Jahres beendet er seine Karriere.

Der letzte Vorhang fällt. Bild: KEYSTONE

2012 versucht er als 35-Jähriger ein Comeback bei GC. Aber er muss sich mit Verletzungen und Krankheiten herumplagen, so dass die zweite Karriere gerade mal drei Spiele dauert. Heute ist Johann Vogel Trainer der U18-Mannschaft der Zürcher Grasshoppers.

Unvergessen

In der Serie «Unvergessen» blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob hervorragende Leistung, bewegendes Drama oder witzige Anekdote – alles ist dabei.
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Zeno Hirt, 25.6.2017
Immer wieder mal schmunzeln und sich freuen an dem, was da weltweit alles passiert! Genial!
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