Unvergessen
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Das Bild ging um die Welt: Der Protest von Tommie Smith (Mitte) und John Carlos (r.). Bild: AP

Politische Protestaktion mit Folgen

16.10.1968: Tommie Smith und John Carlos sorgen für die berühmteste Siegerehrung bei Olympia

16. Oktober 1968: Die Siegerehrung bei den Olympischen Spielen 1968 über 200 Meter wird mit Spannung erwartet. Was werden Tommie Smith und John Carlos machen? Als sie einlaufen ist definitiv klar, hier wird etwas Spezielles geschehen. Es sollte eine der bekanntesten politischen Protestaktionen werden – mit Folgen für alle Medaillengewinner.

16.10.14, 00:01 17.10.14, 14:31

Als 200m-Sieger Tommie Smith (USA), Landsmann John Carlos (Bronze) und der Australier Peter Norman (Silber) zur Siegerehrung das Olympiastadion von Mexiko City betreten ist allen klar: Das wird keine gewöhnliche Siegerehrung. 

Smith und Carlos tragen je einen schwarzen Handschuh und laufen mit den Schuhen in der Hand ein. Smith trägt einen schwarzen Schal, Carlos lässt die Jacke weit offen, was ein herber Verstoss gegen die olympischen Regeln ist, und alle drei – auch der weisse Norman – haben einen Anstecker des «Olympischen Projekts für Menschenrechte» (OPHR) an der Brust.

Die Medaillenzeremonie mit Tommie Smith und John Carlos. Video: Youtube/christesso

Nachdem die Medaillen verteilt wurden, und die Nationalhymne läuft, senken Smith und Carlos ihren Kopf und strecken den Arm mit dem Handschuh, die Hand zur Faust geballt, in die Luft zum «Black Power»-Gruss.

«Wenn ich siege, bin ich Amerikaner, kein schwarzer Amerikaner»

Smith bezeichnet seine Aktion später in seiner Autobiographie als «stille Geste», allerdings auch als «Aktion für die Menschenrechte». Die beiden wollten auf die Ungerechtigkeit in den USA aufmerksam machen: «Wenn ich siege, bin ich Amerikaner, kein schwarzer Amerikaner. Aber wenn ich etwas Schlechtes mache, sagen sie, ich sei ein Neger. Wir sind schwarz und wir sind stolz darauf. Das schwarze Amerika versteht, was wir heute gemacht haben.»

Das legendäre Bild mit Peter Norman (r.), Tommie Smith (Mitte) und John Carlos. Bild: AP

«Aber wenn ich etwas Schlechtes mache, sagen sie, ich sei ein Neger.» 

Tommie Smith

Dass sie ohne Schuhe einliefen, sollte ihre Armut in der Kindheit symbolisieren, die schwarzen Socken, Handschuhe und Smiths Schal stehen für den «Black Pride» (schwarzen Stolz), die offene Jacke Carlos' ein Zeichen der Solidarität mit den «Blue Collar Workers», den Arbeitnehmern in der Heimat.

Ausschluss und Heimreise

Während die zwei für die schwarze Bevölkerung damit sofort Heldenstatus erlangen, rauchen beim IOC die Köpfe. Präsident Avery Brundage – ebenfalls ein Amerikaner und schon vor den Spielen grosser Gegner des OPHR – fordert den sofortigen Teamausschluss und die beiden müssen das olympische Dorf verlassen. Erst wehrt sich das US-Team gegen die Massnahme, doch als das IOC droht, die gesamte Delegation auszuschliessen, geben sie nach.

Ausführliche Dok über die Ereignisse rund um die Protestaktion (englisch).   Video: Youtube/jojojobebe

Dass es in Mexiko zur Protestaktion kam, war absehbar. 1968 schwellten nicht nur in den USA Rassenkonflikte. In Südafrika herrschte die Apartheid und im Jahr zuvor weigerte sich Muhammad Ali im Vietnam in den Krieg zu ziehen, weil ihn «nie ein Vietnamese Nigger nannte». Ebenfalls 1967 gründete der Soziologe Harry Edwards unter anderem mit Tommie Smith und John Carlos das «Olympische Projekt für Menschenrechte» (OPHR) und wollte damit erst einen Boykott der Olympischen Spiele erzwingen. Dies war nicht durchsetzbar. So forderte er die Athleten auf, sich irgendwie bemerkbar zu machen und auf die Probleme hinzuweisen. 

Smith siegte trotz Verletzung

Dafür waren Siege nötig. Dass es bei Smith so weit kam, hing am seidenen Faden – obwohl er Vorlauf und den Halbfinal gewann. Im Vorlauf holte er sich eine leichte Zerrung, im Halbfinal hielt er sich nach dem Zieleinlauf den Oberschenkel und humpelte davon: «Es schmerzte so sehr, dass ich erst dachte, irgendein Idiot hat einen Stein auf mich geschossen.» Smith war wegen seinem politischem Engagement vor den Spielen von diversen Seiten arg kritisiert worden und vermutete einen Racheakt.

Tommie Smith erinnert sich an den Vorlauf, den Halbfinal und den Final. Video: Youtube/Leif bugge

Der Schmerz stellte sich allerdings «nur» als Adduktorenzerrung heraus. Smiths Verletzung wurde bis kurz vor dem Start mit Eis gekühlt und er trat – obwohl er «am ganzen Körper fror» zum Wettkampf an. Denn der Sprinter wusste: «Es ging um alles oder nichts. Ich musste das Rennen gewinnen.» Nur so kann er seine Protestaktion durchziehen. 

Die Proteste gehen weiter – Smith und Carlos in der Heimat kritisiert

Die Proteste – allerdings im kleineren Rahmen – gehen nach dem Ausschluss von Smith und Carlos an den folgenden Tagen weiter. Bei der Weitsprung-Siegerehrung zieht Olympiasieger Bob Beamon seine Hosen hoch, um die schwarzen Socken zu zeigen und Bronzegewinner Ralph Boston steht ohne Schuhe auf dem Podium. 

Bob Beamon (Sieger) zieht seine Hosen auf dem Podest hoch, um die schwarzen Socken zu zeigen. Ralph Boston (hinten) trägt keine Schuhe. Bild: Corbis

Zum Abschluss tragen die amerikanischen 400m-Medaillengewinner Lee Evans (Gold), Larry James (Silber) und Ron Freeman (Bronze) alle ein schwarzes Perret. Evans, einer der grossen Figuren im OPHR, wurde danach allerdings kritisiert. Von ihm hatte man sich eine grössere Aktion gewünscht. Evans erklärte: «Ich hatte Angst, dass sie mich auf dem Podest erschiessen. Darum lachte ich so gut ich konnte, weil ich mir sagte: Sie werden niemanden so fröhliches erschiessen.»

Lee Evans (Mitte) mit Larry James (l.) und Ron Freeman bei der 400m-Siegerehrung. Bild: elatlea.com

Zurück in der Heimat werden Smith und Carlos wie erwähnt von der schwarzen Bevölkerung bejubelt. Die Opposition allerdings kritisiert heftig, da der Sport als politische Bühne missbraucht wurde und die Familien Morddrohungen erhalten werden. Auch in der Leichtathletik-Szene sind die zwei nicht mehr überall geduldet. Smith tritt zurück, Carlos schnappt sich noch den 100 Yards Weltrekord, bevor er die Nase auch voll hat.

Missglückte Football-Karrieren und später Dank

Beide schlagen Football-Karrieren (Smith bei den Cincinnati Bengals) ein, wo der Durchbruch allerdings ausbleibt. Mit den Jahren werden die ehemaligen Sprinter immer mehr zu Helden. Smith wird 1978 in die Leichtathletik-Hall-of-Fame aufgenommen, Carlos arbeitet 1984 für die Olympischen Spiele von Los Angeles, wird danach Trainer und erhält 2003 seinen Platz in der nationalen Hall of Fame. 2008 werden beide mit dem «Arthur Ashe Courage Award» geehrt.

Tommie Smith und John Carlos werden 2008 geehrt. Video: Youtube/stinger2342

Konsequenzen wird die Siegerzeremonie auch für Peter Norman, den weissen Silbermedaillengewinner, haben. Der Gegner der «White Australia Policy» wird in seiner Heimat gerügt, dass er mit Smith und Carlos sympathisiert hatte und vier Jahre später trotz erreichter Limite nicht für die Olympischen Spiele in München nominiert. 2006 stirbt Norman. Smith und Carlos sind zwei der Sargträger.

2005 wurde in San Jose, wo Smith und Carlos studierten, eine Statue zu ihren Ehren errichtet. Bild: AP

Unvergessen

In der Serie «Unvergessen» blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob eine hervorragende sportliche Leistung, ein bewegendes Drama oder eine witzige Anekdote - alles ist dabei. 

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Zeno Hirt, 25.6.2017
Immer wieder mal schmunzeln und sich freuen an dem, was da weltweit alles passiert! Genial!
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