Unvergessen
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Tom Lüthi freut sich mit Teamchef Daniel Epp und Trainer Andy Ibbott über den WM-Titel. Bild: KEYSTONE

Erster Töff-Champ seit 20 Jahren

06.11.2005: Bauernbub Tom Lüthi versetzt die Schweiz mit seinem Weltmeistertitel in die totale Töff-Ekstase

6. November 2005: 20 Jahre nach Stefan Dörflinger hat die Schweiz wieder einen Motorrad-Weltmeister. Tom Lüthi triumphiert in der 125-ccm-Klasse und wird vom ganzen Land als neuer Poster-Boy gefeiert.

06.11.14, 00:01

Ausnahmezustand in Linden BE: Am Sonntagmorgen um 10 Uhr herrscht bereits seltsame Betriebsamkeit im 1300-Seelen-Dorf im Emmental. Motorräder, Autos und Cars verstopfen die Strassen, vor dem Festzelt warten bereits hunderte Töff-Fans auf den Einlass. Sie alle sind gekommen, um Tom Lüthi auf dem Weg zu seinem ersten WM-Titel zu unterstützen.

Rund 1300 Kilometer südwestlich macht sich der 19-Jährige auf den Weg zum Start. Beim GP von Valencia auf dem Circuit Ricardo Tormo braucht Lüthi mindestens den Rang 13, um Konkurrent Mikka Kallio in der WM-Wertung hinter sich zu lassen und 20 Jahre nach Stefan Dörflinger der dritte Schweizer Solo-Töff-Weltmeister zu werden. 

Ganz Linden fiebert an diesem Sonntag mit Tom Lüthi mit.  Bild: KEYSTONE

Es ist eine machbare Aufgabe, schliesslich hat Lüthi in dieser Saison schon viermal gewonnen und ist insgesamt acht Mal aufs Podest gefahren. In Linden wächst die Anspannung trotzdem, beim Start ist es im Festzelt mucksmäuschenstill.

Tom Lüthi dagegen gibt den coolen Hund. «Ich muss nur konzentriert und ruhig bleiben, dann klappt das schon», sagt er vor dem wichtigsten Rennen seiner Karriere. Der Berner startet von Position 4 aber verhalten. Den Plan, von Anfang an vorne weg zu fahren, muss er schnell über Bord werfen. 

Lüthi reiht sich hinter der Spitze ein, fährt ein kontrolliertes Rennen. In Linden steigt der Stimmungspegel. Schweizer Fahnen werden geschwenkt, Kuhglocken geläutet und die mehr als 2500 Kehlen skandieren im Chor: «Hopp Tom, hopp Tom!» Das Bibbern weicht immer mehr der Gewissheit: «Er wird es schaffen.»

Tom Lüthi auf seiner Honda. Bild: KEYSTONE

Lüthis Freude in der letzten Runde

Auch ein plötzlich auftauchendes Bremsproblem kann den Bauernbub nicht stoppen. «Das Hinterrad wurde etwas eingeklemmt und bremste leicht. Ich habe es bemerkt, aber es hat mich nicht sehr gestört», so Lüthi später. Bis zur letzten Runde hält die Anspannung, dann weicht sie auch beim Piloten der Freude. «Eigentlich ist das Rennen ja erst zu Ende, wenn die Ziellinie überquert wurde. Eine halbe Runde vor Schluss habe ich mich aber bereits über den WM-Titel gefreut. »

Die übliche Champagner-Dusche. Bild: KEYSTONE

Mit der Schweizer Fahne auf der Ehrenrunde. Bild: EPA EFE

Lüthi fährt schliesslich als Neunter über die Ziellinie – er hat es geschafft. «Ich kann noch nicht fassen, was alles gelaufen ist. Ich bin so müde wie nie am Abend eines Renntages. Zum Glück sind meine Eltern auch hier in Valencia. Ohne sie wäre ich nie Weltmeister geworden.»

242 Punkte hat Lüthi schliesslich auf dem Konto, fünf mehr als Rivale Kallio. Während sich der neue Weltmeister mit der Schweizer Fahne auf die Ehrenrunde begibt und sich den goldenen Helm abholt, knallen in Linden die Champagner-Korken. Die Fans liegen sich in den Armen. «De Tom isch eifach e geile Siech», schreien die jungen Mädchen in die Mikrofone der Reporter. 

Die drei Weltmeister 2005: Tom Lüthi, Valentino Rossi und Dani Pedrosa (v.l.n.r.). Bild: KEYSTONE

Tom Lüthi hat noch keine Zeit zum Feiern. Er hetzt von einem Interview zum nächsten, posiert mit MotoGP-Champion Valentino Rossi und 250-ccm-Weltmeister Dani Pedrosa für ein gemeinsames Foto. Anderthalb Stunden nach dem Rennen klingelt plötzlich das Handy von TV-Reporter Sascha Ruefer. Es ist Bundespräsident Samuel Schmid, der den Weltmeister sprechen will. 

«Grüessech», sagt Lüthi höflich. Der Sportminister gratuliert Tom zur taktisch klugen Fahrweise und erzählt ihm, wie er vor dem TV mitgefiebert habe. «Dann hat er mir das Du angeboten und gesagt ‹Ig bi de dr Samuel›.» Und während sie in Linden den Fest-Sonntag langsam ausklingen lassen, kann endlich auch Tom Lüthi seinen Triumph geniessen. Mit dem Team stösst er im «Complex Esportiu-Cultural» auf den Titel an.

Der Empfang für Tom Lüthi am Flughafen Kloten ist gigantisch. Bild: KEYSTONE

Die Euphorie um den 19-Jährigen kennt in den folgenden Tagen keine Grenzen. Bei der Rückkehr erwartet Lüthi am Flughafen Zürich-Kloten ein gigantischer Empfang. Dem sympathischen Emmentaler fliegen die Herzen der Schweizer nur so zu. Die «Weltwoche» weiss auch warum: 

«Er ist frech und fröhlich wie Simon Ammann bei seinen Olympiasiegen, aber bescheiden, und er hat die schweizerischste aller Haarfarben: kastanienbraun. Er verkörpert den Homo helveticus schlechthin und, was besonders gefällt: Er gibt diesen ausgeflippten Ausländern der Motorradszene eins aufs Dach ­dank gutschweizerischen Tugenden: Präzision, Kampf, Ruhe, Individualität. Das Internationalste an ihm ist sein Vorname, den er von Thomas auf Tom abgekürzt hat. Yeah!»

Die nächste Party in Linden

Auf Tom Lüthi, der eine Woche vor Weihnachten vor Wimbledon- und US-Open-Sieger Roger Federer zum «Sportler des Jahres» gekürt wird, wartet aber noch eine weitere Party. In seinem Heimatdorf haben die Bewohner ein weiteres grosses Fest organisiert.

Roger Federer gratuliert Tom Lüthi zum Sieg bei der Wahl zum «Sportler des Jahres». Bild: PHOTOPRESS

Lüthi mit Simone Niggli-Luder. Bild: PHOTOPRESS

In Linden wird gefestet: Mittendrin «dr Samuel» (3.v.r.). Bild: KEYSTONE

Rund 4000 Fans, die Schweizer Töffhelden Luigi Taveri, Stefan Dörflinger, Jacques Cornu und Bundesrat Samuel Schmid sind gekommen, um dem neuen Schweizer Posterboy zum Titel zu gratulieren. Als Lüthi exakt eine Woche nach dem Rennen in Valencia das Festzelt betritt, brandet Riesenjubel aus. Im Emmental wird die Nacht zum Tag gemacht: Ausnahmezustand in Linden BE. 

Unvergessen

In der Serie «Unvergessen» blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob eine hervorragende sportliche Leistung, ein bewegendes Drama oder eine witzige Anekdote – alles ist dabei. 

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Wie ein Finne für Sauber im ersten Formel-1-Rennen in die Punkte raste

14. März 1993: Nur schon die Frachtkosten betragen beim Formel-1-Debüt des Rennstalls von Peter Sauber 250'000 Franken. Die Investition zahlt sich jedoch sofort aus. Der Finne JJ Lehto ergattert bei der Premiere in Südafrika gleich zwei WM-Punkte.

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