Unvergessen
FILE - A May 5, 1956 photo from files of Bernd Trautmann, more commonly known as Bert, Manchester City's German-born goalkeeper, centre, being assisted from the pitch by two unidentified players, suffering from a broken neck, during the FA Cup final against Birmingham, at London's Wembley Stadium. The German football federation said Friday, July 19, 2013, that Trautmann died in La Llosa, near Valencia, Spain, where he lived. Trautmann’s wife Marlies told the federation he died Friday morning. Trautmann had suffered two heart attacks this year but appeared to have recovered well. Manchester City called Trautmann one of the club’s “greatest goalkeepers of all time and a true club legend.”  (AP Photo/PA, File) UNITED KINGDOM OUT  NO SALES  NO ARCHIVE

Manchester City feiert den Sieg des FA-Cups, mittendrin Trautmann mit dem Griff an seinen Nacken. Bild: AP PA

Zwischen Tod und Held

05.05.1956: «Traut the Kraut» spielt den FA-Cup-Final trotz Genickbruch zu Ende und wird vom Kriegsgefangenen zum besten City-Torhüter aller Zeiten

5. Mai 1956: Ein deutscher Kriegsgefangener macht sich im FA-Cup-Final unsterblich. Bert Trautmann spielt trotz Genickbruches fertig und wird zum besten Torhüter Manchester Citys aller Zeiten.

05.05.14, 00:00 23.06.14, 15:44

Vor den Augen der Queen bestreitet Manchester City gegen Birmingham den Cup-Final des englischen Fussballs. City führt bis zur 75. Minute mit 3:1, als das Stadion den Atem anhält.

Torhüter Bert Trautmann liegt mit schmerzverzerrtem Gesicht am Boden und muss behandelt werden. Der Deutsche, der sich mit seinem mutigen Herausstürmen und den magistralen Flügen zu einem der besten Keeper der Welt entwickelt hat, wird genau diese Spezialität beinahe zum Verhängnis. Trautmann wirft sich waghalsig in eine flache Hereingabe hinein und wird dabei unglücklich von Birminghams Stürmer Peter Murphy am Nacken getroffen. Weil Auswechslungen noch nicht erlaubt sind, muss Trautmann aber auf die Zähne beissen und zu Ende spielen.

Trautmann spielt trotz grossen Schmerzen weiter. Nach jeder Aktion greift sich der Deutsche an den Nacken. Video: Youtube/theguardian

Trotz starken Schmerzen hält Trautmann dicht und sichert dem Team aus Manchester den 3:1-Sieg und den damit verbundenen dritten Cupsieg der Vereinsgeschichte. Doch die Hintergründe seiner Meisterleistung erfährt die Welt erst drei Tage später.

«So waren die Fussballer zu diesen Zeiten – härter im Nehmen als heute.»

Bert Trautmann

Untersuchungen ergeben, dass sich Trautmann beim Zusammenprall einen Genickbruch zugezogen und fünf Halswirbel ausgerenkt hat. Er wird zur – lebenden – Legende in Manchester, hätte er nach dem Vorfall doch auch tot sein können. «Ich wusste nicht genau, was passierte, aber so waren die Fussballer zu diesen Zeiten – härter im Nehmen als heute», erinnert sich Trautmann.

Trautmann wird auf dem Platz behandelt. Bild: Hulton Archive

Kriegsgefangener, Kraut, «Nazi»

Zuvor hat es lange nicht danach ausgesehen, dass der ehemalige deutsche Fallschirmjäger sich bei City durchsetzen kann. Als Mitglied der Hitlerjugend wechselt der damals 17-Jährige freiwillig zur deutschen Luftwaffe. Als einer von wenigen überlebt er mit 21 die Bombardierung der Kleve. Nach einigen gelungenen Fluchtversuchen muss er sich den englischen Truppen ergeben, Trautmann ist plötzlich Kriegsgefangener.

Ein Schicksalsschlag, der das Leben Trautmanns gravierend verändert – auch im positiven Sinne. Im Gefängnis erhält er unter anderem den Namen «Bert», weil die Engländer «Bernd» nicht aussprechen können. Zusammen mit anderen Gefangenen spielt er Fussball und schon bald spricht sich das Talent des jungen Deutschen herum. Nach der Entlassung und seinem Entscheid, in England zu bleiben, bekommt Trautmann erste Angebote von Fussballvereinen. Über den Amateurverein St. Helen's Town landet er beim glanzvollen Manchester City.

Der ständige Griff an den Nacken wird den Zeitgenossen in Erinnerung bleiben. Bild: Hulton Archive

Und dort ist Schluss mit Freundlichkeiten. Die Engländer verpönen den Deutschen als «Nazi». Juden wehren sich gegen eine Anstellung des Gefangenen und viele hart gesottenen Fans geben sogar ihre Saisonkarten zurück. «Off with the German» oder «Traut the Kraut» tönen die verärgerten Stimmen.

«Ich wollte den Leuten zeigen, dass ich ein guter Torwart und ein guter Deutscher war, und die Dinge liefen gut für mich an diesem Tag.»

Trautmann versteht die Abneigung und weiss damit umzugehen: Gleich im ersten Spiel zeigt er seine Klasse und schnell ist das Ansehen von «Krauts» Klasse grösser als der Hass. Trautmann erinnert sich: «Ich wollte den Leuten zeigen, dass ich ein guter Torwart und ein guter Deutscher war und die Dinge liefen gut für mich an diesem Tag. Aber dass die Spieler beider Teams mir nach Ende des Spiels applaudierten und die Fulham-Fans mich mit Standing Ovation feierten, ist etwas, das ich nie vergessen werde.»

Auf dem Olymp angekommen

Seine Position ist erstmal gesichert, doch die Krönung soll noch folgen. In den nächsten Spielen unterstreicht er seine Leistungen und gewinnt die Zuschauer mit seinen Paraden, seinem Stellungsspiel und seinen legendär weiten Abwürfen für sich. Der Olymp der Karriere ist dann der FA-Cup-Final am 5. Mai. Gleich darauf erhält Trautmann die Auszeichnung des bester Fussballers des Jahres 1956.

15 Jahre später würdigen die Fans die Legende in seinem 590. und letzten Spiel für Manchester CIty. «Ich konnte nicht stolzer sein. Ich wurde sehr emotional, als so viele Menschen aus Manchester zum Spiel kamen, um mir Respekt zu zollen. Es war das letzte Kapitel einer wundervollen Karriere.» Kein Wunder. Offiziell 47'000 – laut Augenzeugen weit mehr – Zuschauer besuchen die letzte Partie ihres Lieblings.

Mit Halskrause: Trautmann 1956 als Fussballer des Jahres ausgezeichnet. Bild: Hulton Archive

Auszeichnungen auf höchster Ebene

Was Bernhard «Bert» Trautmann auf sportlicher und menschlicher Ebene geleistet hat, dafür wird er im weiteren Leben belohnt. 1997 erhält er das Bundesverdienstkreut für besondere Leistungen auf politischem und kulturellem Gebiet. 2002 wird er zur «Footbal Legend of the Football League» gewählt, ehe ihn Königin Elisabeth II. persönlich zum «Honorary Officer of the Most Excellent Order of the British Empire» ernennt. Mit seinen Leistungen hat Trautman für das deutsch-englische Verhältnis mehr geleistet als ganze Generationen von Politikern vor ihm.

2007 wählen ihn die Anhänger zum besten Manchester-City-Spieler aller Zeiten. Als letzte Anerkennung, bevor Trautmann die Welt im Juli 2013 verlässt, wird er in die Hall of Fame des deutschen Sports aufgenommen.

Trautmann bei der Ehrung von Queen Elizabeth II zum «Honorary Officer of the Most Excellent Order of the British Empire». Bild: EPA

Unvergessen

In der Serie «Unvergessen» blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob eine hervorragende sportliche Leistung, ein bewegendes Drama oder eine witzige Anekdote - alles ist dabei.

Hol dir die App!

Charly Otherman, 5.5.2017
Watson kann nicht nur lustig! Auch für Deutsche (wie mich) ein Muss, obwohl ich das schweizerische nicht immer verstehe.
Abonniere unseren NewsletterNewsletter-Abo
2
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
2Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • redeye70 09.10.2016 09:26
    Highlight Für solche Artikel liebe ich Watson. Eine tolle Geschichte über eine aussergewöhnliche Persönlichkeit. Und ein Lehrstück über eine der besten Gaben des Menschen – verzeihen zu können.
    0 0 Melden
  • Micha Moser 05.05.2014 10:06
    Highlight Beeindruckend!
    5 0 Melden

Die Schweiz ist Fussball-Weltmeister! Die U17-Nati setzt ihrem Höhenflug die Krone auf

15. November 2009: Die Schweiz, Fussball-Weltmeister? Das ist bis zu diesem Tag maximal ein Bubentraum. Doch er wird Wirklichkeit. In Nigeria werden die Schweizer U17-Fussballer die besten der Welt.

Es ist ein Abend für die Geschichtsbücher des Schweizer Sports. Bis zu 1,32 Millionen Zuschauer sind vor dem Fernseher live mit dabei, als die U17-Nati in Nigeria gegen den Gastgeber den WM-Final bestreitet. Es ist der Höhepunkt eines Turniers, das von A bis Z fantastisch verläuft.

Die Schweiz startet am 24. Oktober mit einem 2:0-Sieg gegen Mexiko. Mittelfeldspieler Pajtim Kasami haut einen Freistoss zum 1:0 ins Tor, den zweiten Treffer faustet sich der mexikanische Goalie nach einem Freistoss …

Artikel lesen