Unvergessen

Almen Abdi (Mitte) und Troy Deeney (links) feiern das Last-Minute-Tor. Bild: wearegoingup.co.uk

12.05.2013: Der Wahnsinn von Watford: «Ja, Sie haben gerade die dramatischste Schlussminute aller Zeiten gesehen!»

12. Mai 2013: In der 96. Minute bekommt Leicester gegen Watford einen Penalty zugesprochen. Alles scheint auf einen Einzug der Gäste in den Playoff-Final im Kampf um den Aufstieg hinzudeuten. Doch 20 Sekunden und ein verschossener Elfmeter später liegt der Ball im anderen Tor.

12.05.15, 00:01 12.05.15, 07:54

Es sind Geschichten, die nur der Sport schreiben kann. In Watford bieten englische Zweitligisten einen Herzschlagfinal, welcher den eigenen Puls beinahe zum Stillstand bringt. Egal, ob man eines der beiden Teams unterstützt oder als neutraler Fussballfan zuschaut.

Die letzten 20 Sekunden eines unglaublichen Halbfinals mit dem Kommentar: «Kratzen Sie sich nicht die Augen aus, Sie haben tatsächlich gerade die dramatischste Schlussminute aller Zeiten gesehen!» Video: Youtube/dwfilms

Es läuft die 96. Minute des Halbfinal-Rückspiels der Playoffs um den Aufstieg in die Premier League, der höchsten Spielklasse Englands. Das Hinspiel zwischen Leicester City und Watford endete 1:0. Im Rückspiel steht es zu 2:1 für Watford, Leicester wäre damit weiter. Da zeigt Michael Oliver, der Unparteiische, auf den Punkt – Penalty für Leicester. Die Entscheidung scheint umso mehr gefallen zu sein. Was kann schon noch passieren?

Als die Uhr 96:32 Minuten anzeigt, hält Manuel Almunia im Tor der Heimmannschaft tatsächlich den in die Mitte getretenen Elfmeter des gefoulten Anthony Knockaert. Auch dessen Nachschuss pariert der Goalie glänzend und nach ersten Freudentänzen auf der Tribüne verwandelt sich das Stadion genau 20 Sekunden später in ein Tollhaus.

Nach dem verzweifelten Befreiungsschlag schnappt sich Watford das Spielgerät, tankt sich mit drei Stafetten in den Strafraum, wo Troy Deeney mit einem Volley-Hammer verwertet. Watford steht Kopf – und im Final.

Die tragische Figur: Anthony Knockaert, der den Penalty verschoss, am Boden zerstört, während die Watford-Fans das Feld stürmen. Bild: Getty Images Europe

«Ich wusste zuerst auch nicht recht, ob das Spiel vorbei war oder nicht.»

Almen Abdi

Die Fans kennen kein Halten mehr und stürmen in Scharen das Feld. Obwohl der Schiedsrichter die Partie noch gar nicht abgepfiffen hat, bildet sich auf dem Platz ein jubelnder gelber Haufen, gespickt mit vereinzelten blauen Stimmungskillern.

Almen Abdi (rechts) einen Monat vor dem Halbfinal-Rückspiel mit Torschütze Deeney. Bild: Getty Images Europe

Auf der Siegerseite befindet sich mit Almen Abdi auch ein Schweizer, der sich drei Tage danach im «Tages Anzeiger» erinnert: «Das ganze Stadion stand Kopf, die Fans stürmten auf den Rasen, obwohl der Schiedsrichter nach dem Tor noch nicht abgepfiffen hatte. Ich wusste zuerst auch nicht recht, ob das Spiel vorbei war oder nicht. Eigentlich wusste es niemand so recht, es war ein totales Durcheinander.»

Schon in der Woche zuvor brauchte man viele Nerven

Watford – oder die zweithöchste Liga Englands – war in diesen Tagen wahrlich nichts für Menschen mit Herzproblemen. In der Woche zuvor ereignete sich nämlich Ähnliches. Hull City führte gegen Cardiff bis in die 92. Minute 2:1. Ein Sieg hätte zum direkten Aufstieg gereicht, bei einem Remis oder einer Niederlage war man darauf angewiesen, dass Watford im Parallelspiel nicht gegen Leeds gewinnt. 

Die Zusammenfassung des Spiels Hull City – Cardiff in der letzten Spielrunde der Saison 2012/13. Video: Youtube/hullcity104

Es lief also diese 92. Minute und der Schiedsrichter pfiff. Die Heimfans dachten, es sei der Schlusspfiff und stürmten das Feld. Doch schnell wurde klar: Es war ein Penaltypfiff für Hull. Also kehrten alle Fans wieder auf die Plätze zurück. Doch Nick Proschwitz – früher Goalgetter bei Vaduz und Thun – vergab diese definitive Entscheidung. 35 Sekunden später gab es einen Handelfmeter für Cardiff. Nicky Maynard traf zum 2:2-Endstand. Fans und Spieler von Hull waren schockiert und mussten am TV die letzten Minuten von Watford verfolgen.

Dort war man wegen eines längeren Unterbruchs rund 15 Minuten in Verzug. Es stand 1:1, nachdem Almen Abdi für Watford vor der Pause ausgeglichen hatte. Doch Watford – das seit der 63. Minute in Unterzahl spielte – traf nicht mehr. Im Gegenteil. Ein grober Bock des erst 19-jährigen Goalies Jack Bonham führte in der 90. Minute noch zum 1:2. Hull stieg auf und Watford musste den Umweg über die Playoffs nehmen und hatte das Endspielspiel um den Aufstieg noch vor sich.

In diesem Finale um die Promotion in die Premier League traf Watford nach dem dem Sieg über Leicester vor 82'000 Zuschauern auf Crystal Palace. Das Spiel ging in die Verlängerung, in der Kevin Phillips in der 105. Minute für den Siegestreffer Crystals verantwortlich war. So blieb die Erinnerung an den gewonnen Halbfinal der einzige Trost für Almen Abdi und sein Team, welches in der zweithöchsten Spielklasse verweilen musste.

Jetzt hat's geklappt

Zwei Jahre nach dem knapp verpassten Aufstieg hat es Watford geschafft: Almen Abdi und seine Mitspieler sind kürzlich in die Premier League aufgestiegen. Als Zweiter mussten sie keinen Umweg über die Playoffs nehmen, sondern schafften die Promotion direkt.

Gleicher Schiri, gleiches Drehbuch, anderes Spiel

Der Schiedsrichter der denkwürdigen Halbfinal-Partie hätte sich danach auch zur Ruhe setzen können. Erzählstoff für seine Enkelkinder wäre genug vorhanden gewesen. Denn keine zwei Wochen zuvor pfiff Oliver ein beinahe identisches Spiel. Zwischen Brentford und Doncaster ging es im letzten Saisonspiel um den Aufstieg in die Zweite Liga, als Oliver ebenfalls auf den Punkt zeigte. Brentford verschoss, Doncaster erzielte im Gegenzug das 1:0 und feierte den Aufstieg in der 96. Minute sicher.

Der Herzschlag-Final zwischen Brentford und Doncaster. Video: Youtube/Skendong

Unvergessen

In der Serie «Unvergessen» blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob eine hervorragende sportliche Leistung, ein bewegendes Drama oder eine witzige Anekdote – alles ist dabei. 

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Yanik Freudiger, 23.2.2017
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