Unvergessen

Auf den letzten Metern der Saslong kollidiert Ghedina beinahe mit einem Reh. Bild: AP

Abfahrt in Gröden

18.12.2004: Kristian Ghedina werden einen Tag vor dem Rennen die Skischuhe gestohlen – am Wettkampf selber kollidiert er beinahe mit einem Reh

18. Dezember 2004: Kristian Ghedina möchte mit seinem fünften Sieg auf der Saslong in Gröden den Rekord von Franz Klammer egalisieren. Der Start ins Rennwochenende ist aber alles andere als vielversprechend: Dem Italiener wird ins Auto eingebrochen. Doch es sollte alles noch viel verrückter werden ...

18.12.14, 00:01 18.12.14, 09:58

«Schau, Schau, Schau! Was ist da drin? Da ist a Reh drin! A Reh im Zielschuss!» Armin Assinger, Kommentator des «ORF» traut seinen Augen kaum. Kurz vor dem Ziel auf der «Saslong» taucht neben Abfahrer Kristian Ghedina wie aus dem Nichts ein Reh auf! So etwas hat selbst Ski-Legende Assinger noch nicht erlebt. 

«Da ist a Reh drin! A Reh im Zielschuss!»

ORF-Kommentator Armin Assinger traut seinen Augen kaum.

Ghedina, welcher schon über 100 Sekunden unterwegs ist und gerade über die verschneiten Wiesen der «Ciaslat» rast, denkt sich wohl: «Auch das noch!» Denn der Start ins Rennwochenende lief für den Lokalmatador alles andere als wunschgemäss. Am Tag vor dem ersten Rennen wird beim Norditaliener während einer Motor-Show in Bologna ins Auto eingebrochen. Entwendet werden dem Rennfahrer ausgerechnet die Skischuhe. 

So muss der Bestohlene kurzerhand nach Österreich fahren, um sich einen neuen Innenschuh anfertigen zu lassen. Im drei Autostunden entfernten Asserferner-Tal kennt Ghedina nämlich einen Schuhmacher, der Spezialist für Einlagen und das Schäumen von Skischuhen ist. Was für eine Schikane! Und das am Tag vor seiner Lieblingsabfahrt. Vier Mal hat der sympathische Speed-Spezialist hier schon gewonnen. Nur ein Sieg fehlt ihm noch, um den Rekord von Franz Klammer zu egalisieren. 

Kristian Ghedinas Beinahe-Crash mit dem Reh.  video: youtube.com/DuckDuckDuckDuGoose

Doch Kristian Ghedina hätte auch ohne diesen Zwischenfall nicht zu den ganz grossen Favoriten gezählt. Der Lokalmatador ist mit seinen 35 Lenzen etwas in die Jahre gekommen. Seit drei Jahren und dem letzten Triumph in Gröden hat er kein Weltcuprennen mehr gewonnen.

Ghedina lässt das Reh links liegen

Sein insgesamt 14. Weltcup-Sieg oder ein weiterer Podestplatz sollte denn auch an diesem Dezember-Samstag nicht hinzukommen – Kristian Ghedina beendet das Rennen auf dem kaum erwähnenswerten 12. Rang. Doch mit dem Reh-Intermezzo hat das Drehbuch der Gröden-Abfahrt 2004 dem Abfahrer dennoch eine ganz besondere Rolle zugedacht. 

Kurz sieht es beinahe so aus, als ob das verirrte Tier ein Rennen mit dem Ski-Fahrer aufnehmen würde, doch Ghedinas Geschwindigkeit hat mit Bambi so viel zu tun wie Speedy Gonzales mit Garfield. Der Italiener ist rasend schnell unterwegs und lässt den Grödner Waldbewohner zum Glück links liegen. Nicht auszudenken, was passiert wäre, hätte es bei diesem Tempo einen Crash gegeben. 

Für Entertainment sorgte Ghedina bereits im Januar 2004 mit seinem Spagat in der Abfahrt von Kitzbühel. video: youtube.com/andreas baumann

Ghedina zieht die letzten Meter in der Hocke durch und kommt unversehrt im Zielraum an. Sofort zeichnet sich ein Lächeln im Gesicht des Italieners ab: Mit dem Finger zeigt der 35-Jährige auf seinen ungewollten Sparring-Partner und scheint sich darüber zu amüsieren. Bis das Reh den Weg ins Ziel findet, dauert es noch ein wenig. Der Vierbeiner ist hypernervös und rennt immer wieder ins Fangnetz. 

Zieleinlauf mit Happy-End

Nach einer Weile findet aber auch der ungebetene Gast den Weg in den Zielraum. Er wird nicht nur mit tosendem Applaus empfangen, sondern sogleich auch eingefangen. Gewonnen wird das Rennen von Aussenseiter Max Rauffer, welcher den Schweizer Jürg Grünenfelder mit nur fünf Hundertstelsekunden Vorsprung auf Rang 2 verdrängt. Die Favoriten haben wenig zu bestellen, das Rennen avanciert zu einer unberechenbaren Wind-Lotterie. Doch das Resultat ist sowieso sekundär, Gröden 2004 wird hauptsächlich wegen Ghedinas Rencontre mit dem Reh in Erinnerung bleiben.

Im Januar 2005 wird Ghedina in Chamonix Zweiter und erhält als Preis natürlich: ein Reh! Bild: EPA

«Hey, was machst du denn hier?»

Kristian Ghedina zum verirrten Reh

Dass die Beinahe-Katastrophe positiv in den Köpfen hängenbleibt, hat zu einem grossen Teil mit der coolen Art von Kristian Ghedina zu tun. Auf die Frage, ob er denn das Reh überhaupt gesehen habe, antwortet er: «Und ob ich es gesehen habe! Ich habe ihm gesagt: ‹Hey, was machst denn du hier?›, ich habe mir sogar überlegt anzuhalten und es in den Arm zu nehmen», schildert der Ski-Rennfahrer seine Erlebnisse weiter, doch «dann habe ich mir über überlegt, dass es doch vielleicht besser wäre, das Rennen zu beenden. Und schliesslich haben nicht alle die Möglichkeit, in einem Weltcup-Rennen neben einem Tier Ski zu fahren.»

Auch das Reh kommt glimpflich davon: Nachdem es eingefangen wird, lassen die Helfer das Tier ausserhalb des Zielraums wieder frei. Die allein gelassenen Rehkitze im verschneiten Grödner Wald können ihre Mutter schnell wieder in die Pfoten schliessen: Ein richtiges Happy-End! Nicht wie bei Bambi, denn dort kommt Mama nicht mehr zurück. Ghedina ist eben kein böser Jäger, sondern ein liebenswürdiger Skifahrer. 

Zum Glück endete die Geschichte Grödner Wald nicht so tragisch wie bei Bambi!  video: youtube.com/jetTXPE1991

Unvergessen

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