Unvergessen
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Skicrosser Mike Schmid

Strassenbauer, Pistencowboy, Olympiasieger, Pechvogel, Stehaufmännchen

21. Februar 2010: Begeistert begrüsst die Welt eine neue Sportart bei Olympischen Spielen. Der erste Skicross-Olympiasieger kommt aus der Schweiz: Mike Schmid. Das Gold bringt nicht nur viel Popularität, es markiert auch den Beginn einer unendlichen Leidensgeschichte.

21.02.14, 00:01 21.02.14, 06:36

Als in Vancouver zum ersten Mal um Olympiamedaillen im Skicross gefahren wird, steht ein Berner Oberländer als grosser Favorit am Start: Mike Schmid. Er ist der unumstrittene Leader im Schweizer Team, führt im Gesamtweltcup und kann sich laut Mannschaftskollege Beni Hofer «eigentlich nur selber schlagen.»

Diesen Gefallen tut Schmid seinen Gegnern nicht. Erst stellt der 26-Jährige in der Qualifikation die Bestzeit auf. Danach fährt der Strassenbauer aus Frutigen BE in Achtel-, Viertel- und Halbfinal so souverän, dass er stets als Sieger eine Runde weiter kommt.

Mike Schmid (mit der roten Startnummer) ausnahmsweise nicht zuvorderst – doch bis ins Ziel dreht er den Spiess noch um. Bild: EPA

Direkte Fahrt in die Herzen der Schweizer Fans

Dann der Final, drei von vier Fahrern werden eine Medaille gewinnen. Aber Schmid will nicht irgendeine. Nicht nach dieser Saison, nicht nach diesem bislang perfekten Tag. Schmid will Gold. Also macht er das, was er am besten kann: allen anderen davon fahren. Mike Schmid feiert einen ungefährdeten Start-Ziel-Sieg und ist erster Olympiasieger im Skicross.

Die Schweiz jubelt und freut sich, in Schmid einen äusserst sympathischen, unverbrauchten Sportler kennenlernen zu dürfen. Der Berner Oberländer ist ein derart «gmögiger» Typ, dass man sich nicht vorstellen kann, wie ausgerechnet er auf der Piste einen Killerinstinkt wie kaum ein anderer zeigt. Die NZZ schrieb schon am Tag vor dem Triumph treffend: 

«Auf den ersten Blick wirkt er behäbig, doch der Eindruck täuscht. Wenn er all seine Kraft entfaltet, ist die Konkurrenz schier chancenlos.»

Dem 1,93 Meter grossen und um die 100 Kilogramm schweren Schmid gelingt es, all seine Kraft zu entfalten. Doch was nach Vancouver folgt, ist nichts als die helvetische Ausgabe von Sisyphos. Gleich wie die Figur der griechischen Mythologie muss auch Schmid stets von Neuem einen Felsblock auf einen Berg schieben – nur um dann zuschauen zu müssen, wie er kurz vor dem Gipfel wieder ins Tal rollt.

Mike Schmid kann es kaum fassen: Er ist tatsächlich Olympiasieger. Doch bevor ihm gratuliert wird, ruft er ein «Gratuliere, Fräne!» in die Kameras, um Schwester Franziska zum Geburtstag zu gratulieren. Bild: Keystone

Mike Schmids Felsblock sind seine Knie. Wenige Monate nach dem Olympiasieg reisst das linke Kreuzband. Die Saison ist futsch, schon bevor sie begonnen hat. Das selbe Kreuzband hatte er sich schon zwei Jahre zuvor gerissen.

Auf den letzten Drücker noch das Ticket nach Sotschi gelöst

Schmid kämpft sich zurück, steht kurz vor dem Comeback – als beim freien Skifahren das Kreuzband im rechten Knie reisst. Wieder eine lange Pause, wieder bloss ganz viel Zeit im Kraftraum statt auf der Piste. 

Fast auf den Tag genau zwei Jahre nach seinem Olympiasieg kann Mike Schmid endlich wieder angreifen. Auf Anhieb wird er in einem Europacup-Rennen Zweiter und eine Woche später im Weltcup Fünfter. Es folgt: Kreuzbandriss Nummer drei seit der Goldmedaille, erneut im rechten Knie.

Langsam wird die Zeit knapp bis zu den Olympischen Spielen von Sotschi, sehr knapp. Ende Januar 2014 erst gelingt es Mike Schmid im letzten Moment noch, sich für das Schweizer Skicross-Team zu qualifizieren; in seinem erst zehnten Rennen seit der Goldmedaille.

«Es ist unglaublich, dass ich es noch an die Olympischen Spiele geschafft habe. Ich hatte schon fast nicht mehr daran geglaubt», sagt er nach der Ankunft in Russland.

Forfait statt Titelverteidigung

Ein Happy End nach vier Seuchen-Jahren? Leider nein. Im Training in Sotschi fällt die Landung nach einem Sprung etwas zu hart, die Belastung auf dem Knie ist wieder zu gross. Eine Zerrung des Kreuzband-Implantats wird diagnostiziert.

Einer zum Anfassen: Mike Schmid beim Empfang, den ihm sein Wohnort Frutigen gibt. Im Ort gibt es mittlerweile auch eine «Mike-Schmid-Strasse», an deren Bau der Namensträger, der immer noch als Strassenbauer arbeitet, mitgewirkt hat. Bild: Keystone

Einen Tag vor dem Wettkampf muss der Berner Oberländer einsehen, dass das Risiko eines Starts zu gross ist. Am Morgen ist er noch voller Zuversicht. «Aber beim Einfahren habe ich bereits ohne Sprünge gemerkt, dass das Knie zu instabil ist, um zu starten», so Schmid. «Ich hatte mich so sehr auf das Rennen hier gefreut und bin jetzt enorm enttäuscht, dass nichts daraus wird.»

Ohne den Titelverteidiger schaffen es die Schweizer nicht, eine Medaille zu gewinnen. «Jetzt müssen sie für Mike angreifen», fordert Nationaltrainer Ralph Pfäffli, doch daraus wird nichts. Armin Niederer fährt als bester Schweizer auf Rang sieben.

Der Skicross-Sport wird in der Schweiz nach wie vor mit Mike Schmid in Verbindung gebracht. Und mit einer Leidensgeschichte, wie man sie seinem ärgsten Feind nicht wünscht und dem freundlichen Mike Schmid schon gar nicht.

Mike Schmid gab den Traum von Sotschi nie auf, stets motiviert von den Erlebnissen in Vancouver. Bild: EPA

Unvergessen

In der Serie «Unvergessen» blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob eine hervorragende sportliche Leistung, ein bewegendes Drama oder eine witzige Anekdote - alles ist dabei.



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