Unvergessen

Nach der Zündung der Sprengladung steigt Rauch über dem Wankdorfstadion auf. Bild: KEYSTONE POOL REUTERS

Der grosse Knall

03.08.2001: 23 Kilogramm Sprengstoff machen das legendäre Wankdorfstadion dem Erdboden gleich – nur ein Flutlichtmast leistet erbittert Widerstand

Unkraut, Moder und eine gemeingefährliche Elektrizitätsanlage. 47 Jahre nach dem Wunder von Bern hat das alte Wankdorfstadion seinen Dienst getan und wird gesprengt.

03.08.14, 00:01

Um Punkt 15 Uhr ist es um das Wankdorfstadion geschehen. Fünf lange und drei kurze Hornstösse dröhnen als letztes Warnsignal über das Areal – dann zündet Sprengmeister Marco Zimmermann die 23-Kilogramm-Ladung des Sprengstoffs Gelamon. Rund viertausend Augenzeugen sehen, wie die ausgeweidete Fussballruine mit einem dumpfen Knall in sich zusammensackt.

Die Sprengung des Wankdorfs aus der Vogelperspektive. video: youtube/Dube96

Ein letzter widerspenstiger Flutlichtmast

Doch das Wankdorf wäre nicht das Wankdorf, wenn es sich widerstandslos ergeben würde. Trotz der akribischen Planung will sich einer der vier Flutlichtmasten nicht geschlagen geben. Während seine drei Artgenossen brav auf den Rasen kippen, ragt der widerspenstige 130-Tonner weiter unbeirrt 43 Meter hoch in den Berner Nachmittagshimmel.

Drei Flutlichtmasten kippen nach der Sprengung wie vorgesehen, doch der vierte bleibt einfach stehen. Bild: KEYSTONE POOL REUTERS

Den deutschen Zaungästen dürfte das gefallen. «Aus! Aus! Aus! – Aus! – Das Spiel ist aus! – Deutschland ist Weltmeister!» Die legendäre Radioreportage von Herbert Zimmermann beim «Wunder von Bern» brachte Deutschland neun Jahre nach dem 2. Weltkrieg das Selbsbewusstsein zurück und machte das Wankdorf zu einem Ort deutscher Geschichte – mitten in der Schweiz.

Entsprechend gross ist die Empörung im Nachbarland, als der Abriss der Spielstätte des geschichtsträchtigen WM-Finals gegen Ungarn beschlossene Sache ist. Bundeskanzler Schröder zeigt sich «not amused» und Horst Eckel, einer der deutschen Helden von 1954, meint grantig: «Für mich ist das Wankdorf-Stadion praktisch ein Heiligtum. In Deutschland hätte man es sicher als Denkmal bewahrt.»

Bundeskanzler Gerhard Schröder wird nach dem Abriss mit einem Geschenk versöhnt. Er erhält ein Stück des Wankdorf-Rasens vom Schweizer Botschafter Thomas Borer-Fielding überreicht und verpflanzt es vor das Bundeskanzleramt in Berlin. Bild: AP

Modrig, verfallen und gefährlich

In Bern hingegen, kühlt die Liebe zum Stadion mit den Jahren immer weiter ab. Nach mehreren halbherzigen Renovationsversuchen erinnert der stolze Bau von 1954 je länger je mehr an ein Freilichtmuseum aus längst vergangenen Zeiten. 

Mitte der 90er-Jahre modern die Betonmauern vor sich hin. Zwischen den morschen Holzbänken wuchert kniehoch Unkraut aus den Ritzen und nur ganz abgebrühte Besucher mit hoher Ekelschwelle wagen noch einen WC-Besuch. Die Kapazität wird aus Sicherheitsgründen sukzessive von 64'000 auf 22'000 Plätze reduziert. Das reicht auch, denn YB, das zum Fahrstuhlklub mutiert ist, spielt oft nur noch vor 3000 bis 5000 Zuschauern. Die besten Zeiten sind (vorerst) vorbei.

Das ist keine Gartenschau, sondern das Wankdorfstadion kurz vor seinem Abriss. Bild: KEYSTONE

1998 beschliesst der Schweizerische Fussballverband, dass man der Nationalmannschaft zukünftig keine Länderspiele mehr in dieser trostlosen Umgebung zumuten will. Dieser Magenschlag ist der endgültige Startschuss für die Neubaupläne, welche 2005 in der Eröffnung des neuen Stade de Suisse resultieren.

Doch dafür muss am Abrisstag erst einmal dieser verflixte Flutlichtmast das Zeitliche segnen. Am Ende macht ein Bagger kurzen Prozess mit ihm. Das Wankdorfstadion ist endgültig Geschichte. Wir blicken – ein bisschen wehmütig – auf sechs unvergessliche Partien zurück.

1954: Das Wunder von Bern

Ein Spiel vor 60'000 Zuschauern, das zum Mythos wurde. Deutschland ringt unter Trainer Sepp Herberger die hochfavorisierten «goldene Elf» von Ungarn in einer packenden Partie mit 3:2 nieder. Das kriegsgebeutelte Land versinkt im Freudentaumel, plötzlich ist man wieder jemand. Doppeltoschütze Rahn und seine Kollegen werden von 100'000 Fans als Helden auf dem Marienplatz in München empfangen. Sie erhalten zur Belohnung Kühlschränke und Volkswagen, Urlaubsgutscheine, Polstermöbel und jeder einen Goggo-Roller. Die Radio-Reportage von Herbert Zimmermann ist bis heute Kult und 2003 verfilmt Regisseur Sönke Wortmann die Geschichte in einer aufwendigen Produktion. Bild: AP

1959: Meistercup-Halbfinal zwischen YB und Reims

Am 15. April 1959 schreiben die Young Boys im Halbfinal-Hinspiel des Meistercups gegen Stade Reims Schweizer Fussballgeschichte: Vor 63'000 Fans gelingt den Bernern der 1:0-Coup gegen die stolzen Franzosen dank eines Treffers des legendären Goalgetters Geni Meier. Für die Finalqualifikation gegen Real Madrid reicht es trotzdem nicht. Ohne die Unterstützung seiner Anhänger geht YB beim Rückspiel im Parc des Princes mit 0:3 unter.  bild: facebook/bscyb

1961: WM-Qualifikation Schweiz gegen Schweden

Die 60'000 Zuschauer sitzen bis an den Spielfeldrand, denn es gibt keinen Zaun. Dafür kommt es zum ersten Flaschenwurf aus dem Publikum. Mit dem 3:2 gegen Schweden sichert sich die Schweiz ein Entscheidungsspiel gegen den gleichen Gegner um einen Platz an der WM 1962 in Chile. Die Schweizer gewinnen anschliessend auch diese Partie, welche auf neutralem Boden in Berlin ausgetragen wird. Bild: KEYSTONE

1965: WM-Qualifikation Schweiz gegen Holland

Auch das letzte und entscheidende Spiel der Qualifikation zur WM 1966 in England findet im Wankdorf statt. Gegen Holland siegen die Eidgenossen mit 2:1. Ausgerechnet dem ehemaligen YB-Spieler Toni Allemann gelingt das goldene Tor, welches der Nati das WM-Ticket sichert. Unmittelbar nach dem Spiel muss er mit Bauchschmerzen ins Spital eingeliefert und am Blinddarm operiert werden. Bild: KEYSTONE

1967: Cupfinal zwischen Lausanne und Basel

Unfassbare Szenen ereignen sich in den Schlussminuten des Cupfinals von 1967 zwischen Lausanne und Basel: Schiedsrichter Göppel pfeift in der 88. Minute beim Stand von 1:1 einen umstrittenen Penalty für die Bebbi. Hauser verwandelt gegen Lausanne-Goalie Schneider sicher zum 2:1. Die Welschen protestieren mit einem Sitzstreik und lassen sich nicht zum Weiterspielen bewegen. Daraufhin bricht der Schiedsrichter die Partie ab. Genützt hat der ungewöhnliche Einsatz nichts. Das Spiel wird am grünen Tisch 3:0 für den FC Basel gewertet. Bild: srf

2001: Das Abschiedsspiel zwischen YB und Lugano

Tschou Wankdorf! Nach dem Wiederaufstieg wird die erste Partie der Young Boys in der Nationalliga A zum Abschiedsfest für das Stadion. Vor 22'000 Zuschauern trotzen die Berner dem Favoriten aus dem Tessin ein 1:1 ab. Den Ausgleich, und damit das allerletzte Tor im Wankdorf, erzielt YB-Joker Burri nach einer Freistossflanke von Joël Descloux. Nach Spielschluss folgt ein grosses Feuerwerk, ein imposanter Schaukampf zwischen zwei Baggern und der Spatenstich für das neue Stadion durch Kugelstoss-Legende Werner Günthör. Nach dem offiziellen Festakt gibt es für die Fans kein Halten mehr. Sie leisten auf der Jagd nach Souvenirs schon gute Vorarbeit für die Abbruchspezialisten. Ein verdorrtes Stück des Rasens ist bis heute im Fanlokal «Halbzeit» zu bestaunen. Bild: KEYSTONE

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Yanik Freudiger, 23.2.2017
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    Alle Leser-Kommentare
  • QuicknBrite 03.08.2014 16:40
    Highlight Top Videoqualität ;-)
    0 0 Melden
    • ProBroFlo 03.08.2014 17:47
      Highlight Gfilmt mit eme Toaster... ^^
      0 0 Melden

Basel schiesst nach Ausschreitungen Sion ab – Lugano siegt und gibt Rote Laterne ab

– Basel siegt gegen Sion am Ende klar und deutlich 5:1 und verkürzt den Rückstand auf Leader YB zumindest für 24 Stunden auf vier Zähler.

– Sion trat in Basel frech auf. Schon in der 3. Minute erzielte Marco Schneuwly das 1:0 für die Gäste, nachdem Manuel Akanji den Ball im Strafraum nicht richtig traf. Es war der 100. Super-League-Treffer für den Stürmer. Damit gesellt er sich zum exklusiven Kreis mit Marco Streller (113 Tore), Mauro Lustrinelli (102) und Alex Frei (101). 

– Sion hätte …

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