Unvergessen

Da ist noch alles in Butter: Marc Rosset und Martina Hingis gewinnen den «Halbfinal» gegen Deutschland. 
Bild: AP

06.01.1996: Wegen Rossets Dummheit des Jahres bricht Hingis beim Hopman Cup in Tränen aus

6. Januar: 1996: Marc Rosset und Martina Hingis sorgen in der Schweiz schon zum Jahresanfang für Begeisterung. Die beiden stürmen ins Endspiel des Hopman-Cups und haben mit vier Matchbällen eine Hand schon an der Trophäe – dann tickt Rosset aus.

06.01.16, 00:01 06.01.16, 09:14

«Auf diese Art kann man nur gewinnen, wenn man gegen Marc spielt», witzelte Goran Ivanisevic. Er hatte gut lachen. Kurz zuvor holte er sich mit Partnerin Iva Majoli den Hopman Cup. Oder besser: Marc Rosset schenkte dem kroatischen Duo den Titel und beendete eine Schweizer Traumwoche brutal.

Zuvor hatten Rosset und Hingis in der Schweiz für Begeisterung gesorgt. Beim Hopman Cup – einem Mixedturnier mit je einem Damen- und Herreneinzel sowie einem abschliessenden Doppel – spazierten die beiden nach dem Jahreswechsel mit Siegen gegen Australien (2:1, Mark Philippoussis/Nicole Bradtke), Holland (2:1, Richard Krajicek/Brenda Schultz/McCarthy) und gegen Titelverteidiger Deutschland (Martin Sinner/Anke Huber) ins Endspiel.

Dort wartet Kroatien. Hinigs (WTA 16) – das 15-jährige Wunderkind – zerpflückt im ersten Spiel Iva Maijoli (WTA 9) 6:3, 6:0. Im zweiten Spiel verpasst Marc Rosset in einem hochstehenden und spannenden Duell gegen Goran Ivanisevic 6:7 (6:8), 5:7 die Entscheidung nur knapp. So muss erstmals in der achtjährigen Geschichte des Turniers in einem Final das Doppel entscheiden.

Iva Maijoli und Goran Ivanisevic lassen sich als Hopman-Cup-Sieger 1996 feiern.

Hingis/Rosset starten gut und holen sich den ersten Satz mit 6:3. Im zweiten Durchgang zieht das Schweizer Duo mit 6:7 (4:7) knapp den Kürzeren. Die 8500 Zuschauer in der ausverkauften Burswood Arena in Perth kommen in den Genuss eines Entscheidungssatzes.

Der fatale Fehlentscheid beim 2. Matchball

Das Duell wiegt hin und her. 5:4 für die Schweiz steht es, als Aufschlagshüne Ivanisevic sich mit einem 0:40 konfrontiert sieht. Doch das kroatische Duo wehrt alle drei Break- und Matchbälle ab. Beim zweiten hilft allerdings die Schiedsrichterin. Sie sieht den Stoppball Ivanicsevics nicht im Aus und lässt weiterspielen – ein Fehlentscheid, den danach selbst der Kroate zugibt.

Die Emotionen kochen bei den Schweizern. Insbesondere Rosset, der als Heisssporn bekannt ist, aber bei diesem Turnier bisher mit sonnigem Gemüt auftrat. Als Hingis/Rosset auch den vierten Matchball vergeben, donnert der Romand seine Faust gegen eine Werbebande. Er wird die Aktion schnell bereuen.

Nach dem 5:5 der Kroaten und einer Pflege für Rosset geht es (vorerst) weiter. Hingis serviert und die Schweiz führt 30:0. Doch dann lässt Rosset bei einem Volley den Schläger fallen – es geht einfach nicht mehr. Er muss aufgeben. Die Dummheit des Jahres ist schon am 6. Januar für Rosset reserviert. Kroatien holt den Titel. Der Schweiz bleibt der kleine Trost, dass 1992 Jakob Hlasek und Manuela Maleeva-Fragniere das Turnier schon einmal gewinnen konnten.

Hingis übersteht die Siegerehrung und die Pressekonferenz, wo sie ihren Partner gar noch verteidigt, tapfer. Danach bricht die Teenagerin aber in den Armen von Mutter Melanie Molitor in Tränen aus. 

Rosset muss zur Untersuchung ins Spital, wo ein Haarriss im kleinen Finger der rechten Hand festgestellt wird. Er verpasst nicht nur die Siegprämie von 150'000 Dollar, sondern auch das Turnier in Sydney und die Australian Open

Marc Rosset und Martina Hingis versuchen es beim Hopman Cup 1997 nochmals. Sie scheiden als Gruppenzweite in der Vorrunde aus.
Bild: AP

Das nächste Drama beim zweiten Versuch

Die Entschuldigung des Schlaks nützt in dem Moment auch nichts mehr: «Ich weiss, dass ich das nicht hätte tun sollen», sagt Rosset. «Ich kann nicht erklären, wie leid es mir tut, aber manchmal hat man sich selbst nicht unter Kontrolle.» Trotzdem tritt das Duo im Jahr darauf nochmals gemeinsam an. Es scheitert als Gruppenzweiter in der Vorrunde.

Dieses Mal muss Rosset beim entscheidenden Doppel gegen Südafrika wegen Rückenschmerzen Forfait erklären. Er stolperte zuvor im Einzel gegen Wayne Ferreira – als er einen aussichtslosen Ball erreichen wollte – über ein Ballmädchen und musste bei einer 6:0, 2:1-Führung aufgeben.

Mit dem Hingis-Clan verscherzt es sich der Romand damit total. «Der Junge muss sich langsam fragen, ob er nicht in spezielle Behandlung gehört!», wetterte Melanie Molitor danach. Und Töchterchen Martina schob nach: «Ich kann und werde nicht mehr mit Marc spielen. Er hat sich unmöglich verhalten.» Hingis gewinnt den Hopman Cup 2001 doch noch. Ihr Partner: Roger Federer.

Unvergessen

In der Serie «Unvergessen» blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob hervorragende Leistung, bewegendes Drama oder witzige Anekdote – alles ist dabei.

Das war besser: Die grössten Schweizer Tennis-Erfolge

Hol dir die App!

Brikne, 20.7.2017
Neutrale Infos, Gepfefferte Meinungen. Diese Mischung gefällt mir.
Abonniere unseren NewsletterNewsletter-Abo
2
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
2Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Max Pauer 06.01.2016 09:31
    Highlight Marc Rosset. Eine Legende. Und Olympiasieger.
    35 1 Melden
    • dä dingsbums 02.07.2016 21:24
      Highlight Und ein bisschen ein Tollpatsch...
      18 1 Melden

Der Tennis-Rebell und Anti-Federer Ivan Lendl gibt seinen Rücktritt bekannt

20. Dezember 1994: Ivan Lendl, eine der grössten Tennis-Persönlichkeiten aller Zeiten, tritt zurück. Er hat zwar in Wimbledon nie gewonnen, aber der stilistische Anti-Federer war seiner Zeit auf und neben dem Platz weit voraus.

Ivan Lendl ist ein Rebell. Er kehrt dem Ostblock den Rücken und wird schliesslich Amerikaner. Er ist eine «Ballmaschine» und kompensiert fehlende Genialität mit einer unheimlichen Fitness und Präzision im Spiel. 

Er gilt in den 1980er-Jahren als fittester Tennisspieler aller Zeiten. Vom Stil her ist er am ehesten mit Novak Djokovic vergleichbar. Dieses nüchterne Spiel führte 1985 erst zum legendären Titelblatt der «Sports Illustrated» mit der Schlagzeile «The Champion That Nobody Cares …

Artikel lesen