Unvergessen
Die Schweizer Tennisspieler Marc Rosset (l) und Jakob Hlasek im August 1992 an den Olympischen Spielen in Barcelona. Die einstigen Teamgefaehrten im Daviscup stehen in der Auseinandersetzung zwischen dem Scheizer Daviscup-Team und dem Verband ''Swiss Tennis'' auf verschiedenen Seiten, wie am Mittwoch, 1. Dezember 1999 zu erfahren war. Die Spieler wehren sich gegen die vom Verband ohne Ruecksprache vorgenommene Ersetzung des von ihnen gewaehlten Captains Claudio Mezzadri durch Jakob Hlasek. Zudem fordern sie mehr Mitspracherecht in der Wahl der Austragungsorte fuer die Heimspiele. (KEYSTONE/Str)

Im Doppel scheidet Marc Rosset zusammen mit seinem Partner Jakob Hlasek (r.) im Viertelfinal aus, im Einzelwettbewerb gelingt ihm hingegen die Sensation. Bild: KEYSTONE

Olympiagold in Barcelona

08.08.1992: Marc Rosset holt sich an Roger Federers 11. Geburtstag den einzigen grossen Titel, der dem «Maestro» noch fehlt

8. August 1992: Marc Rosset siegt gegen Lokalmatador Jordi Arrese und gewinnt Olympia-Gold. Mit dem überraschenden Coup hält der Genfer als einziger Medaillengewinner auch die Schweizer Fahne hoch. 

08.08.14, 00:01

Noch einmal nimmt Marc Rosset Mass, noch einmal drückt er die Filzkugel mit Topspin ins Feld, noch einmal degradiert er den Spanier Jordi Arrese zum Zuschauer. Dann: Jubelpose im Sand, Hände über dem Kopf zusammenschlagen, der ungläubige Blick auf die Anzeigetafel.

Marc Rosset läuft zum Netz, umarmt den glücklosen Lokalmatador. Der Schlaks und sein Gegner, es sieht aus wie bei Vater und Sohn, etwas unbeholfen und fremd. Aber Vater ist Olympiasieger und Sohn die personifizierte Enttäuschung von 7000 katalanischen Tennisfans. 

Rosset kann es nicht fassen. Bild: KEYSTONE

Wie gross waren die Hoffnungen in Arrese gewesen! Die Dramaturgie wäre ja auch perfekt gewesen: Der Katalane holt Olympiagold in Barcelona. Mehr geht nicht. Aber auch für Marc Rosset als Nicht-Katalane nicht. Der Unterschied: keine Erwartungen, keine Fallhöhe. Aber alles zu gewinnen. Rosset setzt nichts. Und gewinnt alles. 

Die unkonventionelle Vorbereitung

Die olympischen Sommerspiele haben im Frühsommer 1992 noch nicht begonnen und Marc Rosset weilt in den Ferien. Eher legt er die Beine hoch, als dass er sich auf dem Trainingsplatz abrackert. Rosset ist gerademal 21-jährig und mit den Tennis-Fans einer Meinung: eine reelle Chance auf den Olympiatitel? Gibt es nicht. Eine zielgerichtete Vorbereitung auf den Grossanlass ebenso wenig, dafür Strand und halbgare Trainingseinheiten. 

«Ich war in Barcelona ohne irgendwelche sportliche Erwartungen.»

Marc Rosset erinnert sich zurück Tribune de Genève

Zum Vergleich: Sein späterer Finalgegner Jordi Arrese setzt auf den totalen Tunnelblick und macht sich ganze viereinhalb Monate fit für dieses angestrebte Karriere-Highlight. Mit dem psychischen Vorteil des Underdogs steigt Marc Rosset ins Turnier. Er gewinnt seine ersten Partien, und spätestens als er im Achtelfinal die damalige Weltnummer 1 Jim Courier ausschaltet, wird die Sportöffentlichkeit aufmerksam auf den Genfer.

Die Vorhand ist nach dem Aufschlag die Stärke von Rosset. Bild: KEYSTONE

Der Sieg gegen Courier, das ist auch in der Deutschschweiz für viele das Signal dafür, Rosset mit Argusaugen zu beobachten. Arrivierte Hoffnungsträger fallen nach und nach wie faule Äpfel aus dem Turnier und der Genfer ist, um im Bild zu bleiben, jener Apfel, der sich seines Nischendaseins in der Baumkrone entledigt und mit jedem Sieg an Grösse und Glanz gewinnt. Erst recht steigt die Spannung, als er im Viertelfinal auf den spanischen Silbermedaillengewinner von 1988 Emilio Sánchez trifft. 

Die brütende Hitze in Barcelona

Der einzige Unterschied zum späteren Finalgegner Arrese: Sánchez ist Madrilene und spielt als Vertreter des verabscheuten spanischen Zentralstaats im separatistischen Katalonien. Ansonsten: Brütende Hitze im Stadionkessel und tausende Tennisfans, die den Landsmann zum Sieg peitschen wollen. Marc Rosset behält einen kühlen Kopf und schaukelt diese zweitletzte Partie ins Trockene. Lediglich einen Satz gibt er ab.

Keinen Heimvorteil wettzumachen gilt es im Halbfinal. Goran Ivanisevic, der «Herr der Asse», heisst der Gegner. Aus Juniorenzeiten ist man sich bestens bekannt, zwischen den beiden anfangs der 70er-Jahre geborenen Talenten liegt nur ein Jahr Altersunterschied. Auf dem Platz aber gibt Rosset vom ersten Aufschlag an den Takt vor und zerstört in glatt drei Sätzen die Finalträume des Kroaten.

Auch im Endspiel gegen Arrese – am Tag von Roger Federers 11. Geburtstag –  tritt der Genfer aufs Gaspedal und liegt vermeintlich vorentscheidend mit zwei Sätzen in Führung. Doch jetzt scheint der Funke vom fanatischen Publikum auf Arrese überzuspringen. Der 27-jährige Spanier mit dem Stirnband dreht in der glühenden Hitze im Vall d'Hebron immer mehr auf, während beim damals auf Weltranglisten-Position 58 liegenden Rosset die Kräfte zu schwinden scheinen. Der logische Satzausgleich wird Tatsache. 

Die letzten Punkte des Spiels und die Siegerehrung mit portugiesischem Kommentar.  Video: YouTube/edyngtn2008

Die Schweiz hat ihre erste und einzige Medaille

Als Rosset ein Breakvorsprung im fünften Satz preisgibt, scheint das Momentum auf der Seite des Katalanen. Doch der 2,01 Meter grosse Riese behält in der Hitze kühlen Kopf und macht wenig später nach über fünf Stunden das entscheidende Break zum 8:6. Die Schweizer Delegation reist nicht mit leeren Händen aus Barcelona ab.

«Für mich war es ein gutes Gefühl, als ich wieder zu Hause war.»

Marc Rosset tagesanzeiger.ch

Rosset bekommt von seinen Eltern einen Blumenstrauss. Bild: KEYSTONE

Nur 48 Stunden nach seiner Ankunft in der Schweiz, bei der der scheue Rosset von einer Schar Medienschaffenden und Politikern belagert wird, ist er bereits wieder in der Luft. Das ATP-Turnier in Cincinnati (USA) steht an. Die Olympia-Prämie von 12'000 Franken spendet Rosset. Die Goldmedaille und somit ein Stück Schweizer Sportgeschichte bleibt hingegen beim Genfer und ist heute sicher in einem Safe aufbewahrt. 

Es ist bis heute das einzige Schweizer Einzel-Tennis-Gold bei Olympia. Roger Federer hat es 2012 in London «nur» zu Silber gereicht. Doch auch der «Maestro» darf sich Olympiasieger nennen. 2008 triumphierte er im Doppel an der Seite von Stanislas Wawrinka.

Rossets Goldmedaille befindet sich in Sicherheit. Bild: KEYSTONE

Unvergessen

 In der Serie «Unvergessen» blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob eine hervorragende sportliche Leistung, ein bewegendes Drama oder eine witzige Anekdote - alles ist dabei. 

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Yanik Freudiger, 23.2.2017
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Die Krönung bleibt für Federer sensationell aus: «Eigentlich war alles aufgegleist»

Roger Federer verpasst überraschend seinen 11. Endspiel an den ATP Finals. Im Halbfinal unterliegt er dem Belgier David Goffin nach gutem Start 6:2, 3:6, 4:6. Die Nummer 8 der Welt gewinnt im siebten Duell mit dem 36-jährigen Basler erstmals.

>>> Hier gibt es den Liveticker zum Nachlesen!

Federer nahm die Niederlage nach aussen hin gelassen. «Ich bin enttäuscht, weil mit dem einfachen ersten Satz eigentlich alles aufgegleist war», stellte er fest. Das verlorene Aufschlagspiel zu Beginn des zweiten Satzes sei ärgerlich, weil unnötig, gewesen. «Es ist mein Fehler, dass ich ihm in dieser Phase, als er noch nicht sattelfest war, ins Spiel geholfen habe. Danach hat er es einfach gut gespielt.» Spätestens da hätte er aber …

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