Unvergessen

Beklemmende Bilder: Jens Voigt wird nach seinem Sturz an der Unfallstelle erstversorgt. Bild: EPA

Jens Voigt stürzt fürchterlich und gibt drei Tage später ein obercooles Interview

21. Juli 2009: Bei Tempo 80 produziert die deutsche Radlegende Jens Voigt einen der schwersten Stürze der Tour-de-France-Geschichte. Schon die Sturzbilder gehen um die Welt. Sowieso aber das Interview drei Tage später: Der Unglücksrabe ist sichtlich lädiert, aber beispiellos optimistisch.

21.07.17, 00:05 21.07.17, 09:00

Eine kleine Bodenwelle ist es nur, in der Abfahrt vom Kleinen Sankt Bernhard, in der 16. Tour-Etappe. Aber sie ist heimtückisch, und bei hohem Tempo ausreichend, um Jens Voigt aus der Spur zu tragen. Mit 80 Sachen rast der Saxo-Bank-Fahrer Richtung Ziel, Richtung Bourg-Saint-Maurice. Mit ihm in der Verfolgergruppe: Tour-Leader Alberto Contador. 

Kurz vor dem Sturz: Jens Voigt im Temporausch auf der Abfahrt vom Kleinen Sankt Bernhard. Bild: AP

Und dann das folgenschwere Malheur: Jens Voigt entgleitet die Kontrolle über seinen Hightech-Drahtesel, seine Hände kriegen den Lenker nicht mehr rechtzeitig zu fassen, trotz hilflosem Versuch. Der Radprofi geht frontal zu Boden und schlittert noch einige Meter weiter, was dem hohen Tempo geschuldet ist. 

Purer Schrecken: Jens Voigts schwerer Sturz im Bewegtbild. Video: YouTube/knull344

Voigt verliert sofort das Bewusstsein, drei Minuten lang. Eine vierte kommt hinzu, während derer Voigt um ein Haar noch von einem Begleitmotorrad überrollt wird. Bange Minuten? Eine himmelschreiende Untertreibung.

«Da graut's einem»

Zwar kommt der Pechvogel wieder zu sich, aber der Blick auf sein Gesicht lässt wenig Gutes erahnen: Schürfungen allenthalben und reichlich Blut. Voigt hat die Augen geschlossen, als er endlich in den Krankenwagen verfrachtet wird. 

Ein Bild, das ein Anderer so schnell nicht mehr vergessen wird. Tony Martin rast vorbei und gibt seiner in diesem Moment empfundenen Ohnmacht nach dem Rennen wie folgt Ausdruck: «Da graut's einem. Ich bin regelrecht zusammengezuckt. Ich wünsche ihm nur das Beste.» 

Banger Moment: Ein herbeigeeilter Helfer kümmert sich um den bewusstlosen Pechvogel. Bild: EPA

«Wenn man solche Stürze sieht, dann ist alles andere nebensächlich.»

Linus Gerdemann

Auch zwei andere Akteure des Radzirkus geben ihrer tiefen Besorgnis Ausdruck: Milram-Kapitän Linus Gerdemann und Columbia-Sportchef Rolf Aldag. Erster sagt: «Wenn man solche Stürze sieht, dann ist alles andere nebensächlich.» Und Aldag ergänzt: «Das war kein schöner Anblick, Jens dort regungslos liegen zu sehen. Da schiessen einem Gedanken durch den Kopf, wenn man seine Familie kennt und weiss, dass die Kinder vor dem Fernseher sitzen.»

Auf schnellstem Weg ins Spital: Auf der Rennstrecke wird Voigt zum wartenden Helikopter gebracht. Bild: EPA

Im Eiltempo schafft das Ärzteteam den Verunfallten in den Zielort, von wo ihn ein eilends herbeigerufener Helikopter für genauere Untersuchungen ins Krankenhaus nach Grenoble bringt. Dorthin also, wo Jahre später auch Landsmann Michael Schumacher nach seinem verhängnisvollen Skiunfall behandelt werden wird.

Im Gegensatz zum ehemaligen Formel-1-Weltmeister aber hat Voigt hunderte Schutzengel. Bei ihm wird der Bruch des Jochbeins, eine Gehirnerschütterung und ein Kieferbruch diagnostiziert. Glück im Unglück eben, wenn auch Voigt Tage später noch reichlich mitgenommen dreinschauen wird. 

«Das ist jetzt nichts, was einen wirklich umbringt»

Nur: Just diese Schrammen, gepaart mit seinem unerschütterlichen Optimismus, machen ein zwei Tage später geführtes Fernsehinterview zu einem der grossartigsten, weil tröstlichsten, Interviews überhaupt mit einem eben schwer verunfallten Sportler. Die Zutaten: Jens Voigt, im Wohlfühlkostüm gekleidet, auf seinem Krankenbett sitzend. Rechtes Knie: einbandagiert. Ebenso der rechte Ellbogen. Zahllose blaue Flecken dazu, verstreut auf dem ganzen Körper, aber vornehmlich im Gesicht. Dann: Ein ZDF-Reporter, für den es scheinbar nichts Alltäglicheres gibt, als einen Radprofi 72 Stunden nach einem Horrorsturz im Spital zu interviewen.

Die erste Frage, die das Eis brechen soll, das da nicht ist: «Herr Voigt, drei Tage ist Ihr Sturz nun her, wie geht es Ihnen?»

Jens Voigt: «Na ja, man muss schon sagen, den Umständen entsprechend gut.»

«Und dann haben die mich an den Händen genäht, am Finger genäht und hier im Gesicht ein bisschen.»

Jens Voigt

Und dann legt er mit einer Aufzählung der erlittenen Blessuren los. Es sei «nur» das Jochbein gebrochen, «und dann haben die mich an den Händen genäht, am Finger genäht und hier im Gesicht ein bisschen». Aber: «Das ist jetzt nichts, was einen wirklich umbringt. In zehn Tagen werde ich wieder auf dem Rad sitzen.»

Ein totaler Filmriss

Der Reporter will wissen: «An was können Sie sich noch erinnern?»

Jens Voigt: «An gar nichts, eigentlich.»

Weil: «Ich hatte einen totalen Filmriss, also wirklich totalen Filmriss. Ich mach' die Augen auf, seh' das Dach des Krankenwagens und die besorgten Gesichter und habe mir gedacht: ‹Wie zum Geier bin ich hierhergekommen?›» Er habe festgestellt, dass es ihm überall weh tue und er nicht alles habe bewegen können. «Und dann habe ich sozusagen eins und eins zusammengezählt und gedacht: «Offensichtlich bin ich gestürzt.»

Das legendäre Interview: Ein sichtlich lädierter Jens Voigt steht einem ZDF-Reporter Rede und Antwort. Video: YouTube/urtawolk4

Und so sitzt er da, ohne Erinnerungen an den Sturz, aber mit all den Mahnmalen im Gesicht. Jens Voigt wirkt abgeklärt, in sich ruhend, schlichtweg eine saucoole Socke.

«Hier ist es ja oft so, dass einen die Leute blutend im Bett liegend sehen und dann fragen sie einfach nach einem Autogramm.»

Jens Voigt

Er fährt weiter: «So ein Unfall? Kann halt mal passieren. Ist dumm gelaufen.»

Im Spital wird er rasch erkannt, bald ist er bekannt wie ein bunter Hund. «Hier ist es ja oft so», sagt er zum Schluss, «dass einen die Leute blutend im Bett liegen sehen und dann fragen sie einfach nach einem Autogramm: ‹Herr Voigt, können Sie rasch unterschreiben?› Und ich sage so: ‹Na ja, vielleicht geht's gerade so.› Es gibt einem schon ein warmes Gefühl, muss ich ganz ehrlich sagen, dass einen nach zwölf, 13 Jahren in dem Job so viele Leute kennen und Anteil nehmen. Das ist schon ein schönes Gefühl, ja.»

Allseits umschwärmt: Jens Voigt gehörte zuletzt zwar zum alten Eisen, aber auch zu den beliebtesten Fahrern im Radzirkus.  Bild: Getty Images Europe

2014 beendet Jens Voigt seine Karriere. Mit 17 Tour-Teilnahmen ist er Co-Rekordhalter, 14 Mal hat er die Frankreich-Rundfahrt beendet. Sein Abschied von der grossen Bühne könnte erfolgreicher nicht sein: Am 18. September 2014 stellt Voigt in Grenchen einen neuen Stundenweltrekord auf, ehe er sein Velo an den berühmten Nagel hängt.

Gefeiert bis zum Schluss: Voigt verabschiedet sich als Weltrekordler. Bild: EPA/KEYSTONE

Unvergessen

In der Serie «Unvergessen» blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob eine hervorragende sportliche Leistung, ein bewegendes Drama oder eine witzige Anekdote – alles ist dabei. 

Entschuldigung, wie sehen Sie denn aus? Schrille, kuriose und schlicht hässliche Trikots

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21.07.2009: Jens Voigt stürzt fürchterlich und gibt drei Tage später ein obercooles Interview

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Charly Otherman, 5.5.2017
Watson kann nicht nur lustig! Auch für Deutsche (wie mich) ein Muss, obwohl ich das schweizerische nicht immer verstehe.
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    Alle Leser-Kommentare
  • Mia_san_mia 21.07.2017 12:35
    Highlight Cooler Typ!
    4 0 Melden
  • Ohniznachtisbett 21.07.2017 10:52
    Highlight Thejensie war einer der fairsten, beliebtesten, coolsten Fahrer im Feld. Typen wie er fehlen mir im Moment etwas im Radsport. Voigt war immer zur Stelle hat für seine Captains enorm gearbeitet. In Fluchtgruppen war er quasi omnipräsent und wurde dafür auch mit dem ein oder anderen Etappensieg belohnt.
    9 0 Melden
  • Dagobert Duck 21.07.2017 07:47
    Highlight Jens, einer der ganz grossen.
    16 2 Melden

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