Unvergessen
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Pantani (rechts) im Kampf gegen Jan Ullrich. Bild: AP AFP

19.07.1997: «Pirat» Pantani spurtet an der Alpe d'Huez zu einem neuen Rekord – und fällt Jahre später wegen Doping-Missbrauchs ins Elend

19. Juli 1997: Der italienische Publikumsliebling Marco Pantani ist bei den Bergetappen der Überflieger des Radsports. An der Alpe d'Huez zieht er allen davon und stellt eine neue Bestzeit auf. Nach positiver Dopingkontrolle findet seine Karriere jedoch ein jähes Ende.

19.07.16, 00:01 19.07.16, 06:35

Kaum steigt die Strasse an, gibt es für ihn kein Halten mehr. Marco Pantani, der mit einer Grösse von 1,72 Meter und 52 Kilogramm die perfekten körperlichen Voraussetzungen besitzt, ist in den 90er-Jahren der unumstrittene Bergspezialist im Peloton und kämpft an der Tour de France nach ersten Achtungserfolgen bald auch um den Gesamtsieg mit.

«Pirat» wird der Italiener liebevoll genannt. Abgeleitet von seinem Kopftuch, das er auf seinem kahlen Schädel zum Schutz vor der Sonne immer trägt und jeweils vor dem entscheidenden Angriff theatralisch vom Kopf reisst. Eine Helmpflicht gibt es damals noch nicht.

Marco Pantani mit Richard Virenque am Hinterrad. Bild: AP

Alpe d'Huez in Rekordzeit bewältigt

An diesem denkwürdigen 19. Juli 1997, unter der Hitze der französischen Sonne, zeigt Pantani erneut, wer der Chef am Berg ist und lässt keine Zweifel aufkommen, wer die Königsetappe mit dem bedeutendsten Anstieg des Velozirkus, den 21 Kehren von Le Bourg-d'Oisans auf die Alpe d'Huez, gewinnen wird.

Trocken wie immer tritt «L'Elefantino», wie man ihn wegen seiner abstehenden Ohren auch nennt, in die Pedale – und zieht mit einem unwiderstehlichen Zwischensprint allen davon. Der Gesamtführende Jan Ullrich sieht gerade noch Pantanis gelbes Velo davonziehen, da ist es auch schon weg. Unbestechlich spurtet der 27-Jährige Richtung Tagessieg – sein zweiter auf der Alpe d'Huez.

Pantani rast auf die Alpe d'Huez. Video: Youtube/Canale di amicume28

Und der erste von zwei Etappensiegen der Tour 1997 nimmt historischen Wert an. Der Italiener braucht für den Anstieg nur 37 Minuten und 35 Sekunden, was bis heute Rekordzeit ist. Seine Bestzeit aus dem Jahr 1994 pulverisiert er um 25 Sekunden. Die Tour beendet Pantani schliesslich auf Platz 3, hinter dem Deutschen Ullrich und dem Franzosen Richard Virenque. Noch ahnt niemand, dass er mit EPO vollgepumpt ist. Das kann ihm erst 2013 endgültig nachgewiesen werden.

Von Verletzungen zurückgeworfen

Die Rekord-Fahrt ist trotzdem beeindruckend, den heimischen Giro d'Italia muss Pantani im Frühling nämlich noch verletzungsbedingt aufgeben. In der ersten Etappe überquert eine weisse Katze die Strasse, wobei Pantani stürzt und verletzt ausscheidet. Knapp zwei Monate später die grosse Machtdemonstration auf der Alpe d'Huez – er wird zur lebenden Legende.

Bei seinem Sturz im Giro brach eine Verletzung, welche er sich 1995 zugezogen hatte, wieder auf. Damals preschte der aufstrebende Jungstar haarscharf an seinem Karriereende vorbei. Im Schlussteil des Strassenrennens Mailand – Turin prallte er mit Tempo 80 in einen entgegenkommenden Jeep und zog sich schwere Beinverletzungen zu. All dies, nachdem ihn im gleichen Jahr bereits im Training für den Giro ein Auto angefahren hatte – Rückschläge, welche den introvertierten Kämpfer nur stärker machen.

Ein Jahr später: Ullrich verpasst 1998 seinen zweiten Tour-Sieg, Pantani ist am Berg einfach zu stark. Bild: AP

Der Absturz einer Legende

Doch der Sturz 1995 bereitet dem Bergspezialisten noch eine weitere Unannehmlichkeit, die seinem Status als Publikumsliebling in die Quere kommen. Beim Bluttest im Spital wird zum ersten Mal ein Hämatokritwert von über 60 Prozent gemessen, was fünf Jahre später eine Sperre zur Folge hat. Während die Fans immer zu ihrem Liebling aufschauen, interessiert sich die Justiz nur noch für den Doping-Sünder.

Pantanis Karriere neigt sich dem Ende zu. Bild: EPA ANSA

Am 5. Juni 1999 folgt der endgültige sportliche «Todesstoss». In Madonna di Campiglio wird Pantani im Vorfeld des Giros einer unangekündigten Dopingprobe unterstellt. Wieder wird dem Tour-de-France-Sieger von 1998 ein zu hoher Hämatokritwert nachgewiesen, was aber lediglich einen Ausschluss von zwei Wochen mit sich tragen würde.

Doch für den Piraten, der später auch Kunde von Dopingarzt Eufemiano Fuentes ist, kracht eine Welt zusammen. Ausgerechnet auf dem Höhepunkt seiner Karriere angelangt, droht alles in sich zusammen zu fallen. Ein Jahr, nachdem er als erst zweiter Italiener und bisher letzter Fahrer im selben Jahr den Giro und die Tour gewinnen konnte.

Die eindrücklichsten Geschichten in 113 Jahren Tour de France

«Den Piraten gibt es nicht mehr.»

Marco Pantani

So rasant Pantani bergauf spurtete, so schnell fällt der beliebte Radstar. Und wie auf der Rennstrecke kann ihn auch da niemand aufhalten. Obwohl er im fast vollständig gedopten Fahrerfeld noch immer zu den Besten gehört, verfällt der Held der Öffentlichkeit im Kampf gegen die Justiz zu einem psychischen Wrack. «Den Piraten gibt es nicht mehr», sagt er bei einem seiner letzten öffentlichen Auftritte. 

Kokain-Überdosis führt zum tragischen Tod

Nach dem letzten Aufbäumen im Jahr 2003 startet Pantani ein weiteres Mal am Giro d'Italia. Doch kurz nach seinem Sturz und der Nicht-Einladung an die Tour de France wird bekannt, dass sich Pantani zur Behandlung von Depressionen in einer Nervenklinik aufhält.

Angehörige trauern um den 2004 verstorbenen Pantani. Bild: AP

Der gefallene König der Berge zieht sich immer mehr zurück, lässt seine Freunde und Familie links liegen, trägt sogar das Handy nicht mehr mit sich rum. Am 14. Februar 2004 wird Pantani dann tot in seinem Hotelzimmer in Rimini aufgefunden. Offiziell beendete eine Überdosis Kokain das Leben des «Piraten». Noch immer ranken sich aber die wildesten Verschwörungstheorien um sein Ableben.

Gesichert ist: Elf Jahre nach seinem Tod steht Pantani zusammen mit Lance Armstrong und Jan Ullrich für die vergiftete Generation des Radsports. Der begnadete Bergfahrer erzielt seine Glanzresultate in jenen Jahren, als der Dopingmissbrauch (wohl) seinen Höhepunkt erreicht hatte. Im Gegensatz zu Lance Armstrong, dem seine sieben Tour-Siege aberkannt werden, ist Pantanis grösster Erfolg aber noch heute in den Geschichtsbüchern vertreten.

Unvergessen

In der Serie «Unvergessen» blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob eine hervorragende sportliche Leistung, ein bewegendes Drama oder eine witzige Anekdote – alles ist dabei. 

Die gedopten Tour-de-France-Sieger

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Markus Wüthrich, 5.5.2017
Tolle Artikel jenseits des Mainstreams. Meine Hauptinformations- und Unterhaltungsquelle.
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