Unvergessen
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Einer gegen alle: Flyod Landis auf dem Weg nach Morzine. Bild: EPA

Die magische Show des Floyd Landis, die ein einziger, grosser Schwindel ist

20. Juli 2006: Fans, Experten und Journalisten sind aus dem Häuschen. Wie sich Floyd Landis auf der Etappe nach Morzine das Leadertrikot zurück holt, das hat die Tour de France ewig nicht mehr gesehen. Doch der Zauber verfliegt schnell.

20.07.17, 00:01 20.07.17, 11:02
«Die Tour de France spielt verrückt. Es herrscht Anarchie.»

NZZ

«Er spinnt, der Amerikaner.»

Tages-Anzeiger

Es ist eine Etappe fürs Geschichtsbuch, welche die Fahrer der Tour de France an diesem 20. Juli 2006 von Saint-Jean-de-Maurienne nach Morzine führt. Denn was der Amerikaner Floyd Landis zeigt, ist nicht von dieser Welt. Was sich kurze Zeit später auch exakt so bestätigen wird …

Phonak-Chef Andy Rihs hat einen grossen Traum und den will er sich endlich erfüllen: Einer seiner Equipe soll die Tour de France gewinnen, das wichtigste Velorennen der Welt. Floyd Landis ist dafür bestimmt, der langjährige Helfer von Lance Armstrong.

Tatsächlich holt sich Landis in der 11. Etappe das Maillot Jaune. Er verliert es zwei Tage später zwar, holt es sich auf der Alpe d'Huez aber zurück – und bricht nochmals einen Tag darauf ein. Landis verliert zehn Minuten. Der Gesamtsieg ist weg.

Ein Häufchen Elend: Nach der 16. Etappe setzt niemand mehr Geld auf den entthronten Leader. Bild: AP

Der Anruf des «Kannibalen»

Der Gesamtsieg ist weg? Denken vielleicht alle, nur einer nicht: Eddy Merckx. Der erfolgreichste Velorennfahrer der Geschichte, dessen Sohn Axel ein Teamkollege von Landis ist, ruft am Abend bei Phonak-Manager John Lelangue an. Er empfiehlt ihm, einen Angriff «à l'ancienne» zu versuchen – eine Attacke, wie man sie früher gemacht hat, aber wie es sie im modernen Radsport nicht mehr gibt.

Landis, der Sohn von strenggläubigen Mennoniten, lässt sich den Plan durch den Kopf gehen, bei «zwei Bierchen gegen den Frust», wie er später erklären wird. Der Plan steht: Er will mit einem Husarenritt noch einmal in den Kampf um den Gesamtsieg eingreifen.

Die Zusammenfassung der historischen Etappe. Video: YouTube/lamargna

Ein Bidon nach dem anderen

75 Kilometer sind absolviert. Eine Spitzengruppe mit 15 Fahrern liegt weit, rund elf Minuten, vor dem Feld. Da gibt Landis seinen Kollegen das Zeichen zum Angriff. Das Phonak-Team setzt sich an die Spitze des Feldes, schlägt ein wahnwitziges Tempo an. Irgendwann ist Landis allein und er pedalt einfach stur weiter mit einer Geschwindigkeit, die seine Gegner grübeln lässt. Irgendwann ist er auf und davon.

Ein Bild von Landis wird diese Soloflucht prägen: Wie er pausenlos mit einem Bidon hantiert. Insgesamt 20 Wasserflaschen trinkt er, zählen die Reporter, rund 50 Bidons leert er über Kopf und Nacken aus, um sich zu kühlen. Im Begleitwagen müssen sie an diesem Tag ebenfalls über sich hinauswachsen.

Das Bild, das sich einprägt: Landis schüttet sich einen Bidon nach dem anderen über den Kopf. Bild: EPA

Der Hölle entkommen, dem Himmel näher gerückt

Bis ins Ziel fehlen noch über 120 Kilometer. Kann Landis dieses Tempo wirklich so lange durchhalten? Schliesslich ist es alles andere als flach, es geht über die Alpenpässe Col des Saisies, Col d'Aravis, Col de la Colombière und Col de Joux Plane. Wie ein Besessener tritt Landis in die Pedale. Bald hat er die Fluchtgruppe eingeholt, bald stehen gelassen.

50 Kilometer vor dem Ziel hat er mehr als neun Minuten Vorsprung auf die Erstklassierten der Gesamtwertung. Plötzlich ist ein Podestplatz, ja gar der Sieg in Paris wieder realistisch. Denn Landis kommt durch, er ist «mit seinem Himmelfahrtskommando der Hölle entkommen und dem Himmel näher gerückt», wie Reporter Martin Born im «Tages-Anzeiger» formuliert.

Im Ziel in Morzine jubelt Landis über seinen fantastischen Coup. Bild: AP

Das Unmögliche möglich gemacht

Im Gesamtklassement liegt Landis nur noch 30 Sekunden hinter Leader Oscar Pereiro zurück. Und weil noch ein 57 Kilometer langes Zeitfahren ansteht und Landis in dieser Disziplin als stärker gilt, rückt der Gesamtsieg in Griffnähe.

Zwei Tage nach dem epischen Etappensieg in Morzine kann Floyd Landis sich tatsächlich erneut ins Gelbe Trikot einkleiden lassen. Er wird im Zeitfahren Dritter, er nimmt Pereiro eineinhalb Minuten ab und er liegt vor der Triumphfahrt auf die Champs-Elysées 59 Sekunden vor dem Spanier. Andy Rihs hat seinen Gesamtsieger. Endlich!

Gesamtsieger Landis und Pereiro, der den Sieg später erben wird. Bild: AP L'EQUIPE POOL

Der gewaltige Kater nach der Feier

Doch bei Phonak sind sie nach der Siegerfeier in Paris wahrscheinlich noch kaum wieder nüchtern, als die Bombe platzt: Floyd Landis gedopt! Auf der 17. Etappe nach Morzine! Bei seinem Höllenritt!

Natürlich streitet Landis zunächst alles ab und das Team gibt sich überrascht. Doch die B-Probe bestätigt die erhöhten Testosteron-Werte. Nach einem langen Rechtsstreit wird Landis der Tour-Sieg aberkannt. Erst Jahre später gesteht Floyd Landis, dass er die meiste Zeit seiner Karriere zu Dopingmitteln gegriffen hat.

Andy Rihs bezeichnet die Affäre später als «den traurigsten Moment, viel schlimmer als alles andere.» Er löst die Equipe Ende Saison auf, aber sein grosser Traum erfüllt sich doch noch. Als Hauptsponsor des BMC-Team feiert er 2011 den Tour-de-France-Sieg von Cadel Evans. Ansonsten beschäftigt er sich hauptsächlich mit Rückschlägen: Rihs ist Geldgeber der Berner Young Boys …

Eine Trophäe – eine Enttäuschung. Rihs, Landis und das Maillot Jaune. Bild: EPA

Unvergessen

In der Serie «Unvergessen» blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob hervorragende Leistung, bewegendes Drama oder witzige Anekdote – alles ist dabei.
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Die gedopten Tour-de-France-Sieger

13.07.1967: Tom Simpson stirbt am Mont Ventoux – und sein Name wird zu einem Mahnmal für alle Radsport-Profis

14.07.2003: Armstrong rettet sich nach dem Horrorsturz von Beloki mit einem Höllenritt querfeldein über das Kornfeld

24.04.1993: Järmann schlägt im Sprint Weltmeister Bugno und gewinnt das Amstel Gold Race

22.07.2001: Sven Montgomery erlebt an der Tour den schönsten Moment seiner Karriere – und nur drei Tage später den schlimmsten

17.07.1992: Der Thurgauer Rolf Järmann bodigt Ex-Gesamtsieger Pedro Delgado und gewinnt die längste Tour-Etappe

20.07.2006: Floyd Landis begeistert die Sportwelt mit einer historischen Flucht – und wird kurz nach dem Tour-Sieg als Doper entlarvt

22.03.1995: Du kannst im Fitness-Center strampeln wie du willst – an den durchdrehenden Nüscheler kommt keiner ran

30.01.2011: «Dummi huere Ruederer» und «Schiiss-Ponys» machen Reporter Hans Jucker zur Legende

11.10.1998: Ein halbes Jahrhundert nach Ferdy Kübler trägt mit Oscar Camenzind endlich wieder ein Schweizer das Regenbogentrikot

14.02.2004: Der Pirat geht von Bord – aber in den Herzen der Fans lebt Marco Pantani ewig

15.10.2011: Für einen Tag schlüpft Oliver Zaugg aus der Rolle als Helfer und feiert den grössten Triumph seiner Karriere

09.04.2006: Ein Lenkerbruch und ein Albtraumsturz zerstören den grossen Traum von Armstrongs Edelhelfer

17.06.1981: «Dä Gottfried isch für mich gschtorbe!» – 2 Tage nach dem Zitat seines Lebens fliegt Beat Breu ins Leadertrikot

21.07.2009: Jens Voigt stürzt fürchterlich und gibt drei Tage später ein obercooles Interview

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Yanik Freudiger, 23.2.2017
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10
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10Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • satyros 20.07.2017 12:07
    Highlight Etwas hat Rhis erreicht: Er hat heute eine ganze Mannschaft mit gelben Leibchen.
    43 1 Melden
  • Kommemtar 20.07.2017 11:16
    Highlight Wenn ich mir die Berichte der letzten Tage so ansehe stelle ich mir folgende Frage:

    Gibt es im Radsport überhaupt eine Bestmarke, einen magischen Moment ohne Doping?

    Es ist schade wird dieser Sport so vom Doping überschattet.

    Ich für meinen Teil habe die Konsequenz längst gezogen und schaue keine Strassenrennen mehr. Ich nicht jemanden Bewundern dessen Leistung auf unerlaubten Mittel basiert.



    17 12 Melden
  • Grundi72 20.07.2017 10:26
    Highlight Über solche Pfeifen sollte man eigentlich gar nicht mehr berichten.
    6 28 Melden
  • DäPublizischt 20.07.2017 09:30
    Highlight Team Phonak, die Young Boys, der SCRJ.
    Die Gebrüder Rihs bringen Geld und Verderben.
    28 11 Melden
  • N. Y. P. 20.07.2017 08:02
    Highlight Ich kann mich auch noch sehr gut erinnern. Meine Fresse. War das ein Höllenritt. Es war eine Leistung, die so eigentlich nicht möglich ist.
    DESHALB hätte die Dopingprobe mit allerhöchster Dringlichkeit geprüft werden sollen. Vor Paris. Bevor die Protagonisten auf dem Podest stehen.

    P. S. Die Tour de France 2017 ist der beste Jahrgang in diesem Jahrtausend. Es ist einfach sackspannend. Jeder gegen jeden. Jeder hat schwächere Tage etc. etc. Auch die gestrige Etappe war Radsport vom Feinsten.
    51 0 Melden
  • Gigi,Gigi 20.07.2017 06:48
    Highlight Doping hin oder her - ch würde mal behaupten der Rest des Feldes war auch nicht sauber - dieser Höllenritt war schlicht das grossartigste, das es in der Geschichte des modernen Radsports gab!
    72 9 Melden
    • moedesty 20.07.2017 09:59
      Highlight nein, war sie nicht. weil illegal und aberkannt. ob die anderen auch gedopt waren weiss du nicht.
      9 27 Melden
    • Mia_san_mia 20.07.2017 10:11
      Highlight Klar war der Rest nicht sauber...
      29 1 Melden
    • James McNew 20.07.2017 10:58
      Highlight Ach, auch illegales kann grossartig unterhaltend sein. Aber klar, der sportliche Wert ist weg.
      34 0 Melden
    • satyros 20.07.2017 12:07
      Highlight Klar waren damals die Wenigsten sauber. Allerdings hat sich Landis speziell für diese Etappe noch zusätzlich gedopt.
      13 0 Melden

20.07.2006: Die magische Show des Floyd Landis, die ein einziger, grosser Schwindel ist

20. Juli 2006: Fans, Experten und Journalisten sind aus dem Häuschen. Wie sich Floyd Landis auf der Etappe nach Morzine das Leadertrikot zurück holt, das hat die Tour de France ewig nicht mehr gesehen. Doch der Zauber verfliegt schnell.

Es ist eine Etappe fürs Geschichtsbuch, welche die Fahrer der Tour de France an diesem 20. Juli 2006 von Saint-Jean-de-Maurienne nach Morzine führt. Denn was der Amerikaner Floyd Landis zeigt, ist nicht von dieser Welt. Was sich kurze Zeit später auch exakt so bestätigen wird …

Phonak-Chef Andy Rihs hat einen grossen Traum und den will er sich endlich erfüllen: Einer seiner Equipe soll die Tour de France gewinnen, das wichtigste Velorennen der Welt. Floyd Landis ist dafür bestimmt, der …

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