Unvergessen

Festina-Team-Chef Roussel wird festgenommen. Bild: AP

«Ohne Doping kann man nicht mehr gewinnen» – der Festina-Skandal erschüttert die Tour

23. Juli 1998: Die Tour de France ist an ihrem Tiefpunkt angelangt. Im Wagen des Masseurs vom Team Festina mit dem Schweizer Alex Zülle werden Unmengen an EPO und Anabolika sichergestellt. Das Team wird ausgeschlossen und die Rundfahrt geht als Skandal-Tour in die Geschichte ein.

23.07.17, 00:05 23.07.17, 11:19

Wenige Tage vor dem Start der Tour de France von 1998, am 8. Juli, wird der Wagen von Willy Voet an der belgisch-französischen Grenze überprüft. Im Auto des Betreuers vom Team Festina finden die Beamten beträchtliche Mengen an Medikamenten, unter anderem das verbreitete EPO, welches den Sauerstofftransport der roten Blutkörperchen verstärkt und somit als Dopingmittel gilt.

Voet wird in Untersuchungshaft genommen, während die Fahrer und Verantwortlichen von Festina sich stark vom Doping-Vorwurf distanzieren. So auch der Schweizer Veloprofi Alex Zülle und sein Captain Richard Virenque.

Das Team Festina mit dem Schweizer Zülle ganz rechts. Bild: EFE EPA

Doch das Geschehen eskaliert, als am 14. Juli der festgenommene Voet im Gefängnis sein Geständnis abliefert, er habe auf Anweisung von Festina-Offiziellen gehandelt und dies nicht zum ersten Mal. «Sie stellen die gleiche Frage zwanzig mal. Immer ein wenig abgewandelt. Deshalb gibt man am Schluss auf. Anfänglich habe ich behauptet, all die Dopingmittel seien für mich. Aber die lachten mich einfach aus», erklärt Voet später dem Autoren Thomas Hämmerli.

Team Festina wird augeschlossen

Am 15. Juli wird auch noch Sportdirektor Roussel abgeführt und 24 Stunden später von der Tour-Leitung suspendiert. Der Skandal ist perfekt. Auch Roussel gesteht in Lille organisiertes Doping der Mannschaft ein, weshalb am 16. Juli Tour-Chef Jean-Marie Leblanc mit den Worten «Es ist jetzt 22.50 Uhr, die Tour-Organisation hat den Ausschluss von Festina beschlossen» vor die Presse tritt.

«Es ist jetzt 22.50 Uhr, die Tour-Organisation hat den Ausschluss von Festina beschlossen.»

Tour-Chef Jean-Marie Leblanc

Sieben Tage verstreichen an der Skandal-Tour, als am 23. Juli die Fahrer vorübergehend festgenommen werden. Sieben gestehen das «Verbrechen» ein, nur Pascal Hervé und Virenque leugnen weiterhin. Voet erklärt später: «Als ich verhaftet wurde, hatte ich meine Agenda bei mir. Da stand alles drin. Die Polizei wusste genaustens Bescheid. Wer weiss, ob die Fahrer sonst alles zugegeben hätten? Aber angesichts der Fakten konnten sie nicht gut leugnen.»

Team-Chef Roussel (rechts) und Team-Kapitän Virenque. Bild: AP

«Ohne Doping kann man heute nichts mehr gewinnen»

Der Tour droht ein Abbruch, es folgen endlose Vernehmungen und Geständnisse und auch andere Mannschaften geraten ins Visier. Dem Teilnehmerfeld wird es langsam zu bunt und bei der 12. Etappe streiken sie ein erstes Mal mit einer Verzögerung des Starts von zwei Stunden. Doch die Dopingfahnder suchen weiter, was die Rennställe Banesto, ONCE, Riso Scotti, Kelme und Vitalico dazu veranlasst, heimzufahren.

Der spätere Tour-Sieger Pantani während eines Sitzstreiks. Bild: EPA AFP

Trotz der Skandale wird die Rundfahrt zu Ende geführt. Am Schluss gewinnt der Italiener Marco Pantani, «der Pirat», der König der Berge, welcher im gleichen Jahr bereits den Giro d'Italia gewonnen hat – mit einem Haken. Wie sich 15 Jahre später herausstellt, war auch Pantani gedopt, so wie der Tour-Zweite Jan Ullrich. Für Willy Voet kein Wunder: «Alle Champions sind gedopt. Ohne Doping kann man heute nichts mehr gewinnen.»

Willy Voet: «Alle Champions sind gedopt. Ohne Doping kann man heute nichts mehr gewinnen.» Bild: AP

Was bleibt, ist eine Tour der Skandale, welche die nackten Wahrheiten des Radsports ans Licht gebracht hat. Die Verhandlungen lassen keine Zweifel daran, dass der Profiradsport ohne hochkomplexes Doping, insbesondere mit EPO, kaum noch funktioniert.

Die Schweizer Fahrer Alex Zülle, Laurent Dufaux und Armin Meier erhalten je sechs Monate Fahrverbot. Bruno Roussel kriegt ein Jahr Gefängnis auf Bewährung sowie eine Geldstrafe über 50'000 Francs, Willy Voet zehn Monate auf Bewährung plus 30'000 Francs.

Unvergessen

In der Serie Unvergessen blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob eine hervorragende sportliche Leistung, ein bewegendes Drama oder eine witzige Anekdote – alles ist dabei. 

Thomas Voeckler an der Tour de France

Unvergessene Radsport-Geschichten

30.01.2011: «Dummi huere Ruederer» und «Schiiss-Ponys» machen Reporter Hans Jucker zur Legende

14.02.2004: Der Pirat geht von Bord – aber in den Herzen der Fans lebt Marco Pantani ewig

17.06.1981: «Dä Gottfried isch für mich gschtorbe!» – 2 Tage nach dem Zitat seines Lebens fliegt Beat Breu ins Leadertrikot

14.07.2003: Armstrong rettet sich nach dem Horrorsturz von Beloki mit einem Höllenritt querfeldein über das Kornfeld

20.07.2006: Floyd Landis begeistert die Sportwelt mit einer historischen Flucht – und wird kurz nach dem Tour-Sieg als Doper entlarvt

11.10.1998: Ein halbes Jahrhundert nach Ferdy Kübler trägt mit Oscar Camenzind endlich wieder ein Schweizer das Regenbogentrikot

15.10.2011: Für einen Tag schlüpft Oliver Zaugg aus der Rolle als Helfer und feiert den grössten Triumph seiner Karriere

22.07.2001: Sven Montgomery erlebt an der Tour den schönsten Moment seiner Karriere – und nur drei Tage später den schlimmsten

24.04.1993: Järmann schlägt im Sprint Weltmeister Bugno und gewinnt das Amstel Gold Race

13.07.1967: Tom Simpson stirbt am Mont Ventoux – und sein Name wird zu einem Mahnmal für alle Radsport-Profis

09.04.2006: Ein Lenkerbruch und ein Albtraumsturz zerstören den grossen Traum von Armstrongs Edelhelfer

22.03.1995: Du kannst im Fitness-Center strampeln wie du willst – an den durchdrehenden Nüscheler kommt keiner ran

17.07.1992: Der Thurgauer Rolf Järmann bodigt Ex-Gesamtsieger Pedro Delgado und gewinnt die längste Tour-Etappe

21.07.2009: Jens Voigt stürzt fürchterlich und gibt drei Tage später ein obercooles Interview

Alle Artikel anzeigen

Hol dir die App!

Charly Otherman, 5.5.2017
Watson kann nicht nur lustig! Auch für Deutsche (wie mich) ein Muss, obwohl ich das schweizerische nicht immer verstehe.
Abonniere unseren NewsletterNewsletter-Abo
4
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
4Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • John Smith (2) 23.07.2017 15:19
    Highlight Jacques Anquetil sagte in den 60er Jahren, es sei absolut unmöglich, eine Tour de France nur mit Mineralwasser zu fahren. Und eine Rennfahrergeneration früher sagte Fausto Coppi, er habe nur dann zu Amphetaminen gegriffen, wenn es absolut notwendig gewesen sei. Auf die Zusatzfrage, wann das denn der Fall gewesen sei, antwortete er: Fast immer.
    31 1 Melden
  • Staatsgebeutelter 23.07.2017 12:28
    Highlight Klar dass ohne Doping keiner mehr gewinnen oder irgendwelche Limiten erreichen kann, das war schon immer so. Das ist aber nicht das Problem sondern lediglich eine logische Folgerung, das Problem ist, dass Volk, Politik und Wirtschaft ja vom ganzen Sport-Theater profitieren, ja es sogar benötigen, die Sportler sind dabei nur Mittel zum Zweck und eigentlich bemitleidenswert. Das Grosse Geld aus Werbung, Übertragung, etc. fliesst dem Staat und der Wirtschaft zu und so gesehen hat dort auch keiner Ambitionen etwas zu ändern.
    21 3 Melden
  • N. Y. P. 23.07.2017 12:04
    Highlight Nachdem A. Zülle zurückgetreten war, hat man bis heute nie wieder was über ihn gelesen oder gehört. Nichts. Null. Keine Blickschlagzeile. Kein SI-Photostory. Er hat sich vermutlich in Luft aufgelöst.

    Es wäre so spannend zu erfahren, was er heute über die ganze Sache denkt. Wie er den heutigen Radsport sieht.

    P.S. Ein Indiz, dass der heutige Radsport noch nicht frei von Doping ist :
    Wird einer überführt, fallen von Berufskollegen Sätze wie "Er ist ein Idiot*".
    NIE hört man Sätze wie "Wieso nimmt er Doping. Er schadet sich und dem Radsport."
    *Name dem Schreiber bekannt
    49 6 Melden
    • blobb 24.07.2017 05:02
      Highlight NIE hört man Sätze wie "Wieso nimmt er Doping. Er schadet sich und dem Radsport."

      Steile These
      5 0 Melden

Ein ziemlich gruusiges Bild und die simple Frage: Was ist das?

Bevor du die Lösung erfährst (die du ja eh schon kennst), gibt es hier die miesesten Funde aus unserem Bildarchiv:

Und nun zur Lösung: Ja, du siehst tatsächlich die Beine von Radprofi Pawel Poljanski. Der Pole aus dem deutschen Team Bora-Hansgrohe schreibt zum Bild, das er gestern Abend gepostet hat, bloss: «Schätze, dass meine Beine nach 16 Etappen etwas müde aussehen.»

Dürfen sie auch nach zweieinhalb Wochen harter Arbeit! Poljanski ist 75. der Gesamtwertung und für ihn und alle anderen im …

Artikel lesen