Unvergessen

Krieg der Eisprinzessinen

25.02.1994: Am Ende strahlt die Schöne, das Biest vergiesst bittere Tränen

25. Februar 1994: Nancy Kerrigan gewinnt Olympia-Silber im Eiskunstlauf. Dass sie starten kann, grenzt an ein Wunder. Sechs Wochen zuvor zertrümmert ihr ein Handlanger von Erzrivalin Tonya Harding mit einer Eisenstange das Knie.

25.02.14, 00:00 23.09.14, 14:46

Sie hätten unterschiedlicher nicht sein können: Everybody's Darling auf der einen, die eifersüchtige Erzrivalin auf der anderen Seite. Vor den Olympischen Spielen in Lillehammer 1994 spitzt sich der Konkurrenzkampf im us-amerikanischen Eiskunstlauf-Team zwischen Nancy Kerrigan und Tonya Harding immer mehr zu. Schliesslich endet er in einem Drama, das sich selbst Hollywoods Filmemacher nicht besser hätten ausdenken können.

Nancy Kerrigan ist zu Beginn der 90er-Jahre Amerikas Vorzeige-Eisballerina. Aus bescheidenen Verhältnissen kämpft sich die hübsche Tochter eines Schweissers nach ganz oben. Sie versprüht den Glamour, den die Amerikaner so lieben.

Die «Schöne» und das «Biest»: Nancy Kerrigan (rechts) und Tonya Harding, 1992. Bild: AP

Tonya Harding ist zweifellos das grössere sportliche Talent. Schon als Zwölfjährige steht sie den dreifachen Lutz. Mit knapp 17 Jahren ist sie 1987 weltweit die erste Läuferin, die in einem internationalen Wettkampf den dreifachen Axel steht. Doch Harding, die aus einem zerrütteten Elternhaus kommt und die Schule abbricht, fehlt bei ihren Darbietungen das gewisse Etwas. Der Glamour, den Kerrigan versprüht.

Harding muss nach der WM-Silbermedaille 1991 zusehen, wie ihr Kerrigan mehr und mehr den Rang abläuft. Bei den US-Meisterschaften 1993 holt die «Schöne» Gold, dem «Biest» bleibt nur der undankbare vierte Rang. Das grosse Ziel, Olympiagold in Lillehammer und der damit verbundene soziale Aufstieg, scheint in weite Ferne gerückt.

So blieb Nancy Kerrigan der Welt in Erinnerung: Als lächelnde Eisprinzessin. Bild: AP

Das Attentat mit der Eisenstange

So schmiedet Hardings Ehemann Jeff Gilloly einen perfiden Plan. Zusammen mit Hardings Bodyguard Shawn Eckardt heuert er einen Schläger an, der ein Attentat auf Kerrigan verüben soll. Am 6. Januar 1994 passiert es: Vor den US-Meisterschaften wird Kerrigan nach dem Training von Shane Stant mit einer Eisenstange am Knie verletzt. «Warum? Warum ich?», schreit das am Boden liegende Opfer mit Schmerz verzerrtem Gesicht. Das Bild geht um die Welt.

Die Bilder der schreienden Nancy Kerrigan ging um die Welt. Video: Youtube/IntersportChicago

Kerrigan kann nicht zu den US-Meisterschaften antreten. Harding holt den Titel, der ihr später jedoch aberkannt werden sollte. Statt das zweite Olympiaticket direkt an die zweitplatzierte Michelle Kwan zu vergeben, lässt der Verband die Tür für Nancy Kerrigan offen.

Noch weiss die Welt nicht, wer für das Attentat verantwortlich ist. Doch nach gut einer Woche verhaftet die Polizei drei Männer. Einer von ihnen ist Hardings Ehemann. Seine Schuld lässt sich schnell beweisen. Ob seine Ehefrau vom Attentat wusste, jedoch nicht. Harding erkämpft sich ihre Olympia-Teilnahme vor Gericht, die Öffentlichkeit hat ihre Meinung aber längst gebildet.

So kommt es bei Olympia zum vielbeachteten «Krieg der Eisprinzessinnen», zum Kampf «Gut» gegen «Böse», den Kerrigan klar für sich entscheidet. 49 Prozent aller Amerikaner sitzen vor dem TV, als sie sich mit den «zwei besten Vorführungen» ihres Lebens die Silbermedaille holt.

Kerrigan verpasst dem Olympiasieg um 0,5 Punkte. Video: Youtube/3Axel1996

Bei Harding, die vom Publikum gnadenlos ausgepfiffen wird, bricht während ihrer Kür nach 45 Sekunden die Kufe. Sie darf noch einmal anfangen, doch die Nerven halten nicht. Tränenüberströmt verlässt sie nach ihrem Debakel und Rang 8 das Eis.

Harding muss ihre Kür wegen einer gebrochen Kufe abbrechen. Video: Youtube/3Axel1996

Hardings sozialer Abstieg zur Lachnummer

Doch für Harding geht der Albtraum weiter. Mitte März bekennt sie sich im Prozess um das Attentat schuldig. Sie wird zu drei Jahren Haft auf Bewährung, zu einer Busse von 160'000 Dollar und 500 Stunden gemeinnütziger Arbeit verurteilt. Ausserdem darf sie nie mehr an Amateur-Wettkämpfen teilnehmen.

Es folgt der endgültige soziale Abstieg. Sie versucht sich als Schauspielerin, Sängerin, Profiboxerin, Rennfahrerin und Wrestlerin. Der Erfolg bleibt überall aus. Und dann gibt es da noch das vom Ex-Mann im Internet verbreitete Video, in dem sie barbusig tanzt, und über das die ganze Welt lachte.

Harding leidet ständig unter akuter Geldnot: Auch als Wrestlerin hat sie keinen Erfolg.  Bild: AP

Harding: «Sie ist eine Prinzessin und ich bin ein Haufen Scheisse»

Kerrigan dagegen ist noch immer Amerikas Darling. Trotz ihrem Rücktritt nach den Spielen von Lillehammer verdiente sie Millionen, auch weil sich Disney die Rechte am Kerrigan-Drama sicherte. Und noch immer flattern die Angebote ins Haus: In Sotschi wird sie als Eiskunstlauf-Expertin für NBC tätig sein.

Mit ihrer damaligen Konkurrentin hat die «Eisprinzessin» seit 20 Jahren nicht mehr gesprochen. Harding lebt mittlerweile zurückgezogen auf dem Land. In einer TV-Dokumentation von ESPN, die im Rahmen des 20-Jahr-Jubiläums des Attentats vor einigen Wochen ausgestrahlt wurde, gibt sie sich nach wie vor verbittert. «Nancy ist eine Prinzessin, so sieht sie jeder. Sie ist eine Prinzessin und ich bin ein Haufen Scheisse.»

Unvergessen

In der Serie «Unvergessen» blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob eine hervorragende sportliche Leistung, ein bewegendes Drama oder eine witzige Anekdote - alles ist dabei. 

watson auf Facebook und Twitter

Sie wollen keine spannende Story von watson verpassen?
Liken Sie unsere Facebook-Seiten:
watson.news, watsonSport und watson - Shebbegeil.

Und folgen Sie uns auf Twitter:
@watson_news und @watson_sport

Hol dir die App!

Charly Otherman, 5.5.2017
Watson kann nicht nur lustig! Auch für Deutsche (wie mich) ein Muss, obwohl ich das schweizerische nicht immer verstehe.
Abonniere unseren NewsletterNewsletter-Abo
0
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
0Alle Kommentare anzeigen

Ammann gewinnt nach 1722 Tagen endlich wieder – und schreibt mit Kumpel Küttel Geschichte

2. Dezember 2006: Simon Ammann gewinnt nach 1722 sieglosen Tagen endlich wieder ein Weltcup-Springen. Weil sein guter Freund Andreas Küttel Zweiter wird, sorgt das Duo für den ersten und bislang einzigen Schweizer Skisprung-Doppelsieg.

Viereinhalb Jahre oder umgerechnet 1722 Tage hat sie gedauert, die Leidenszeit des Simon Ammann. So lange musste er warten, bis er endlich, endlich seinen zweiten Weltcupsieg feiern durfte. In Lillehammer siegt der Toggenburger im zweiten Springen der Saison 2006/07 vor seinem Kumpel Andreas Küttel.

Genau ein Jahr nach seinem ersten Weltcupsieg an gleicher Stätte liegt Küttel bei Halbzeit noch knapp in Führung – 0,8 Punkte vor Ammann. Doch «Simi» kann das Blatt im Final noch …

Artikel lesen