Unvergessen

Hansjörg Tauscher auf der Fahrt zum Sensations-Gold. Bild: AP

In den letzten zwei Kurven

06.02.1989: Eine deutsche Eintagsfliege vereitelt in Vail einen Schweizer Vierfach-Triumph und wird Abfahrts-Weltmeister

6. Februar 1989: In den Rocky Mountains sind bei der WM-Abfahrt der Herren alle Weichen für einen Schweizer Grosserfolg gestellt. Doch dann kommt der Nobody Hansjörg Tauscher und crasht die Party.

06.02.15, 00:01 06.02.15, 09:38
Tobias Wüst
Tobias Wüst

Unter stahlblauem Himmel und bei eisigen Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt machen sich die besten Abfahrer der Welt in Vail auf die Socken. Auf der von Bernhard Russi designten Piste wird im Vorfeld vor allem die lange Gleiterpassage zu Beginn als Schlüsselstelle genannt – schnelle Skier seien das A und O auf dem Weg zum Triumph. Doch es kommt alles anders.

Der Reihe nach: Bereits nach dem Training ist für den ersten Mitfavoriten Endstation: Pirmin Zurbriggen wird trotz starkem Wind auf die Strecke geschickt und beim Spruce-Saddle-Sprung von einer Böe erfasst. Er bleibt zum Glück unverletzt, kann die Abfahrt allerdings nicht mehr bestreiten.

Der heftige Sturz von Pirmin Zurbriggen im Abfahrtstraining. gif: srf/watson

Im Rennen setzt dann ein anderer Schweizer ein frühes Ausrufezeichen. Mit der Startnummer 2 zeigt der Schweizer Daniel Mahrer eine starke Leistung und fährt Bestzeit. Zahlreiche Athleten – unter anderen Mitfavorit Marc Girardelli – beissen sich in der Folge die Zähne an Mahrers Zeit aus, zudem stehen die Schweizer Trümpfe Peter Müller und Karl Alpiger noch oben. So wird im Schweizer Lager vorsorglich schon mal der Champagner kalt gestellt.

Zusammenfassung der Abfahrt 1989

video: youtube/alexx87

Der Meister der Klapperschlange

Doch dann folgt Hansjörg Tauscher. Der 21-jährige Deutsche fährt alle in Grund und Boden. Ohne Vorwarnung.

Zuvor ist der deutsche Nobody zwar einige Male in die Top 15 gefahren, doch für eine Medaille hatte ihn niemand auf dem Zettel. Über das gesamte Rennen hinweg fährt Tauscher auf Augenhöhe mit den Besten, zündet dann im Schlussabschnitt urplötzlich den Turbo und nimmt der gesamten Konkurrenz in der berüchtigten «Rattle Snake Alley» über eine halbe Sekunde ab. Und allen Experten wird schlagartig klar, dass sie mit der vermeintlichen Schlüsselstelle völlig daneben lagen.

Müller verpasst die Titelverteidigung

Mahrer nimmt den Leaderwechsel mit einem Lächeln hin, und auch die Schweizer Delegation sagt sich: «Locker bleiben, der ‹Pitsch› steht ja noch oben.»

Und dann kommt er, der Titelverteidiger, der dreifache Abfahrtsweltcup-Sieger, die grösste Schweizer Hoffnung: Peter Müller. Der damals 32-jährige Zürcher ist bei allen oberen Zwischenzeiten der Schnellste und kann Tauscher in Schach halten. Doch dann verpatzt er prompt den Schlusshang, im Ziel fehlen 19 Hundertstel und der Traum von der zweiten WM-Goldmedaille nach Crans-Montana ist ausgeträumt.

«I jömpt too long to the right side, and then I möst stay very hard on skis to come back in the next two turns.»

Peter Müller über den Schlussteil

Müller gibt ihm Zielraum Auskunft. video: youtube/alexx87

Auch Alpiger und Besse können nichts mehr ändern

Im Zielraum gibt Müller dem amerikanischen Fernsehen in ausbaufähigem Englisch eine dafür umso treffendere Analyse seiner Fahrt: «I jömpt too long to the right side, and then I möst stay very hard on skis to come back in the next two turns.» Frei übersetzt heisst das: «Ich bin zu weit nach rechts gesprungen, dann musste ich sehr hart auf die Skis stehen, um in den nächsten zwei Kurven auf die Linie zurückzukommen.»

Es kommt noch bitterer für die Schweizer Equipe: Einige Nummern später zeigt Alpiger ebenfalls ein ansprechendes Rennen, doch auch er muss sich der tauscherschen Blitzfahrt im Zielhang beugen. Mit 28 Hundertstel Rückstand drängt er sich zwischen Müller und Mahrer auf Platz 3.

Müller (links) und Alpiger spielen für Tauscher die Sänftenträger. Bild: AP

Völlig überraschend fährt dann auch noch der erst 20-jährige William Besse das beste Rennen seiner (bisherigen) Karriere und wird Fünfter. Eigentlich ein Schweizer Erfolgstag, doch wie immer bei Weltmeisterschaften zählt in erster Linie das goldene Umhängsel.

Gelernt ist gelernt: Müller macht auf dem Podest den Handstand. Bild: Vail Valley Foundation

Kurz nach dem Rennsieg wird auch Tauscher zu seinem Befinden befragt. Überraschend aufgedreht meint der sonst eher phlegmatische Allgäuer: «Ich kann es nicht fassen, unglaublich! Um das richtig zu realisieren, werde ich sicher zwei oder drei Monate brauchen!» Mittlerweile sollte ihm dieses Kunststück gelungen sein.

Highlights der WM 1989 in Vail

video: youtube/vailbeavercreek2015

Unvergessen

In der Serie «Unvergessen» blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob hervorragende Leistung, bewegendes Drama oder witzige Anekdote – alles ist dabei.

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Markus Wüthrich, 5.5.2017
Tolle Artikel jenseits des Mainstreams. Meine Hauptinformations- und Unterhaltungsquelle.
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