Unvergessen
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Meier küsst die rote Linie im Zielraum von Val d'Isère: Drei Jahre nach der Disqualifikation darf er seinen Riesenslalom-Sieg dort behalten. Bild: AP

Weil Hermann Maier falsch jubelt, erbt Mike von Grünigen den Sieg

14. Dezember 1997: Hermann Maier gewinnt den Riesenslalom von Val d'Isère. Doch lange kann er sich nicht über seinen Erfolg freuen: Der «Herminator» wird disqualifiziert, weil er im Ziel einen Ski zu früh auszieht.

14.12.16, 00:01 14.12.16, 15:50


54 Weltcup-Siege stehen in der Bilanz von Ski-Star Hermann Maier. In der offiziellen Bilanz. Denn nach Maiers eigener Zählweise hat er im Weltcup 55 Mal gewonnen. Der Österreicher sieht sich auch als Sieger des Riesenslaloms von Val d'Isère, den er als schnellster Fahrer bewältigt hat.

Doch die Rekordbücher sagen etwas anderes. Dort steht als Sieger der Schweizer Mike von Grünigen. Sein Rivale aus dem Nachbarland wird als «disqualifiziert» aufgeführt.

Lächeln im Käsedress: Sieger Mike von Grünigen flankiert von Urs Kälin (links, 4.) und Steve Locher (5.). Bild: KEYSTONE

Der Grund dafür ist eine Lappalie, eigentlich kaum der Rede wert. Aber weil die Lappalie im Regelwerk festgehalten wird und das bauernschlaue Schweizer Team dieses genau kennt, kann es einen Protest gegen die Wertung des Rennens einlegen. Denn Hermann Maier hat – o mein Gott! – nur mit einem Ski am Fuss eine rote Linie im Zielraum überquert. Nicht die Ziellinie, wo die Zeit gestoppt wird. Sondern eine Linie weiter hinten, die eben auch mit zwei Ski an den Füssen überquert werden muss.

Aufgefallen ist dies laut dem «Blick» Paul Accola. «Jetzt nimmt's mich wunder, was passiert», murmelt der Davoser, als er Maiers verfrühten Jubel sieht. Die Schweizer legen Protest ein und kommen damit durch. Schliesslich ist die rote Linie einst genau deshalb eingeführt worden, damit die Fahrer nicht schon auf der Ziellinie die Ski ausziehen und sie in die Fernsehkameras halten.

Zwillinge verwechseln Nummer

Der vielleicht kurioseste Fall, der zu einer Disqualifikation im Ski-Weltcup geführt hat, ereignet sich im Januar 1984 im bündnerischen Parpan. Dem Amerikaner Steve Mahre wird der Sieg in einem Slalom aberkannt, weil er im ersten Lauf versehentlich die Nummer mit Zwillingsbruder Phil vertauscht hat. So erbt der Luxemburger Marc Girardelli.

Die Presse feuert hin und her

Dass die Österreicher das Vorgehen der Schweizer nicht unbedingt sportlich finden, liegt auf der Hand. «Die (N)Eidgenossen spielten einen Streich mit dem berühmten Strich, von dem man seit einem Jahrzehnt keine Notiz mehr genommen hatte», schreibt «Die Presse».

Maier im Jahr 2000 in Val d'Isère wie man ihn kennt: aggressiv und schnell. Bild: AP

Der «Blick» schiesst im Ski-Krieg zurück und meint: «Die Österreicher messen nicht mit gleicher Elle. Sportlichkeit und Fairness verlangen sie nämlich vor allem von den andern», schreibt das Boulevardblatt und listet unsportliche Taten des historischen Erzrivalen auf. Mike von Grünigen sagt zwar, ihm tue Maier leid, «aber es gibt schliesslich Reglemente.» Der Schönrieder bedankt sich und kassiert die Siegprämie von 45'000 Franken statt die 25'000 Franken, die es für Rang 2 gibt.

Und Hermann Maier? Der zeigt sich von der Disqualifikation unbeeindruckt: «Man kann mich derzeit offensichtlich nicht anders stoppen, also kämpft man so gegen mich», sagt er cool. Ihm würden bloss die verlorenen Weltcup-Punkte weh tun, «die entgangene Siegprämie kratzt mich nicht.» Er wisse um seine überragende Form, posaunt er: «Darum muss ich wohl krank werden, damit ein anderer gewinnen kann.»

Siege en masse und ein Sturz für die Ewigkeit

So überheblich diese Aussage auch klingt: Hermann Maier hat sicher nicht Unrecht. Ihm gelingt in diesem Winter der endgültige Durchbruch. Er gewinnt zehn Rennen (nach seiner Sichtweise elf) und Ende Saison erstmals den Gesamtweltcup.

Maier gewinnt nebst der grossen Kristallkugel 1998 auch die Disziplinen-Wertungen in Super-G und Riesenslalom. bild: keystone

Das legendärste Ereignis dieses Winters ist jedoch kein Sieg, sondern ein Sturz. In der Olympia-Abfahrt von Nagano 1998 hebt Maier spektakulär ab, landet im Fangnetz und steigt nur Tage später wie Phönix aus der Asche empor: Er verlässt Japan als Doppel-Olympiasieger in Super-G und Riesenslalom.

Unvergessen

In der Serie «Unvergessen» blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob hervorragende Leistung, bewegendes Drama oder witzige Anekdote – alles ist dabei.
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Brikne, 20.7.2017
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3Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • sanmiguel 14.12.2016 07:48
    Highlight Es mag ein paar wenige geben, die mehr gewonnen haben, oder in kürzerer Zeit gleich viel. Es mag elegantere, schönere und eloquentere gegeben haben.
    Aber der Herminator aka die Lucky Sau ist für mich der grösste aller Zeiten. Unvergessen wie der sich reingestürzt hat. Wie er nach dem Motorrad Unfall - wo er fast ein Bein verlor - nochmals zurück kam und den Abfahrts Weltcup gewann. Alleine die Story wie seine Karriere begann, wäre ein Unvergessen-Artikel wert.
    Es gibt nur eine Handvoll Sportler die mich so beeindruckt haben, wie Hermann Maier!
    31 2 Melden
    • Ralf Meile 14.12.2016 09:28
      Highlight Schön formuliert, ich bin da ganz deiner Meinung. Besonders wie er nach dem Comeback wieder allen den Meister zeigte, ist gewaltig. Ist im Nagano-Unvergessen unten am Artikel enthalten.
      10 0 Melden
    • sanmiguel 14.12.2016 11:30
      Highlight Es heisst er war der Erste, der einen Ergometer mit auf die Tour nahm. Der Erste, der die Carving Ski am Limit durchdrückte. Der Erste, mit richtig heftigen Oberschenkeln. Damit fuhr er Linien, die konnte nur er fahren.
      Als Junior hat man nicht an ihn geglaubt, weil er gesundheitliche Probleme hatte. Er flog aus dem Kader. Bei seinem Heimrennener war er dann als VORFAHER schnellster Österreicher. Darauf kam er zurück ins Team und seine Karriere begann. Da war er bereits 23.
      Er hat sich jeweils fast hyperventilierend aus dem Starthaus gesprengt. Keiner stand so auf dem Ski wie er. Legende!
      10 1 Melden

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