Unvergessen

Jan Ullrich lässt im Anstieg nach Andorra-Arcalis die gesamte Konkurrenz stehen. Bild: dpa

Jan Ullrich blickt sich immer wieder um, bis Bjarne Riis endlich nickt

15. Juli 1997: Jan Ullrich legt mit seinem Solosieg hinauf nach Andorra-Aracalis den Grundstein für seinen einzigen Tour-de-France-Erfolg. Der Rotschopf löst in Deutschland einen Radsport-Boom aus, erst Jahre später folgt die bitterböse Ernüchterung.

15.07.17, 12:05 16.07.17, 09:36

Mitte der 90er-Jahre ist Jan Ullrich der neue Shooting-Star am deutschen Radsport-Himmel. Schon bei seiner ersten Tour de France macht der Jüngling aus Ostdeutschland einen hervorragenden Eindruck. Doch noch darf der junge Debütant nicht gewinnen. Als Fahrer im Team Telekom muss er seinem Kapitän, dem Dänen Bjarne Riis, zum Tour-Sieg verhelfen. Ullrich selbst erreicht Paris im weissen Trikot des besten Nachwuchsfahrers.

Bei der 84. Tour im folgenden Jahr ist Ullrich wieder als Edelhelfer für Riis vorgesehen, doch in der 10. Etappe durch die Pyrenäen hinauf nach Andorra-Arcalis sprengt der Rotschopf mit den Sommersprossen die Telekom-Stallorder.

Jan Ullrich mit Bjarne Riis und Abraham Olano am Hinterrad. Bild: AP

Zehn Kilometer vor dem Ziel führt Ullrich das Peleton mit den Favoriten Marco Pantani, Richard Virenque, Abraham Olano und Riis an. Immer und immer wieder blickt er sich nach seinem Boss um, bis der Riis endlich erschöpft nickt. «Wenn du dich stark genug fühlst, fahr los», sagt er noch.

Das Etappenprofil des 252,5 km langen Teilstücks.

Ullrich lässt die Konkurrenz einfach stehen

Sofort erhöht Ullrich das Tempo. In einer scharfen Linkskurve geht er aus dem Sattel. Die Attacke sitzt, scheinbar mühelos fährt er der Konkurrenz davon. Souverän und locker bleibt er auch bei der extremen Steigung im Sattel sitzen. In seiner unnachahmlichen Art mit den Händen am Unterlenker fährt er dem Etappensieg entgegen. 

Die entscheidende Attacke von Jan Ullrich. Video: YouTube/Captain_Future

Im Ziel beträgt der Vorsprung auf die ersten Verfolger Virenque und Pantani 1:08 Minuten, Riis verliert gar fast dreieinhalb Minuten. Da der bisherige Leader Cédric Vasseur komplett einbricht, darf sich Ullrich das Gelbe Trikot überstreifen, das er bis Paris nicht abgeben wird.

Millionen mitten im Sommer vor dem Fernseher

In der Heimat löst der erste (und bisher einzige) Toursieg eines Deutschen einen Radsport-Boom aus. An diesem Sommertag im Juli beginnt quasi eine neue Zeitrechnung, ähnlich wie im Tennis oder in der Formel 1 nach den Siegen Boris Beckers in Wimbledon oder den WM-Titeln von Michael Schumacher. Millionen versammeln sich fortan Juli für Juli vor dem Bildschirm oder pilgern an die Rennstrecken nach Frankreich

Tausende empfangen Jan Ullrich nach dessen Tour-Sieg 1997 in Bonn. Bild: AP NY

Sie alle wolle Ullrich sehen. Was den zurückhaltenden Rostocker zum Aushängeschild schlechthin macht, ist seine umgängliche Art: Er isst gern Torte, trinkt Rotwein und lässt es sich im Winter auch sonst gut gehen. Die Pfunde speckt er für den Sommer mit Gewaltkuren ab. Ullrich wirkt wie ein Mann aus dem Volk, ein Kumpeltyp eben.

Auch die Zeitungen sind voll Staunens. «Der neue Riese», titelt «L'Equipe». Vom «König Ullrich» spricht «Le Parisien», gar zum Kaiser kürt ihn «Le Figaro». Die Experten sind begeistert vom jungen Deutschen. Die Tour-Legenden Eddy Merckx, Miguel Indurain und Bernard Hinault prophezeien Ullrich eine grosse Zukunft. Sie trauen ihm zu, die Tour fünfmal oder noch häufiger zu gewinnen. Doch Ullrichs Karriere verläuft ganz anders.

Chancenlos gegen Armstrong – Blutbeutel bei Fuentes

1998 ist Marco Pantani am Berg zu stark und ab 1999 taucht der übermenschliche Lance Armstrong auf. Seine Duelle mit Ullrich nehmen epische Ausmasse an, immer mit dem besseren Ende für den Texaner. Während Armstrong die Tour siebenmal in Serie gewinnen kann, muss sich Ullrich mit zweiten Plätzen zufrieden geben.

Das Duell UIlrich gegen Armstrong fesselt um die Jahrtausendwende die Radsport-Fans auf der ganzen Welt. Bild: AP

Später folgen andere Probleme: Zwei Knieoperationen, Führerscheinentzug nach Fahrerflucht und der positive Dopingtest im Jahr 2002. Angeblich hat er in der Disco ein paar Pillen geschluckt. Die grosse Bombe platzt aber erst kurz vor der Tour 2006.

Ullrich wird von der Tour ausgeschlossen. Er soll mit dem spanischen Doping-Arzt Eufemiano Fuentes zusammengearbeitet haben. Ende Februar 2007 erklärt er seine Karriere für beendet. Gut einen Monat später werden ihm Fuentes-Blutbeutel per DNA-Abgleich eindeutig zugeordnet. Doch trotz aller Indizien streitet der Sportler alles ab. «Ich habe niemanden betrogen», ist das Einzige, was er zu den Doping-Vorwürfen immer wieder gebetsmühlenartig predigt.

Der Ruf ist ruiniert, sein Höllenritt bleibt unvergessen

Seit einem Bericht der Freiburger Dopingkommission ist bekannt, dass im Team Telekom seit dem Mallorca-Trainingslager von 1995 mit Epo gedopt wurde. Riis hat für die 90er-Jahre selbst Epo-Doping zugegeben, Ullrich schweigt auch dazu. Deshalb bleibt bis heute juristisch ungeklärt, ob er sauber nach Andorra-Aracalis hinauf «geflogen» ist.

Auch nach seinem Rücktritt im Jahr 2007 muss sich Ullrich immer wieder gegen Doping-Vorwürfe wehren. Bild: EPA

Nach den unzähligen Doping-Geständnissen ist es aber undenkbar, dass das flächendeckende Doping-System im Team Telekom ausgerechnet Jan Ullrich nicht erfasst haben könnte. Ein Epo-Missbrauch kann ihm nie nachgewiesen werden, im Februar 2012 spricht der Internationale Sportgerichtshof CAS den Deutschen wegen dessen Verstrickung in den Fuentes-Skandal aber schuldig.

Ullrichs Ruf ist spätestens da ruiniert, doch es ist paradox: In den Köpfen der Radsport-Fans wird der Höllenritt nach Andorra und der erste Tour-Sieg eines Deutschen wohl mehr haften bleiben.

Unvergessen

In der Serie Unvergessen blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob eine hervorragende sportliche Leistung, ein bewegendes Drama oder eine witzige Anekdote – alles ist dabei. 

Prominente Sportler von A bis Z, die mit Doping erwischt wurden

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15.10.2011: Für einen Tag schlüpft Oliver Zaugg aus der Rolle als Helfer und feiert den grössten Triumph seiner Karriere

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Markus Wüthrich, 5.5.2017
Tolle Artikel jenseits des Mainstreams. Meine Hauptinformations- und Unterhaltungsquelle.
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    Alle Leser-Kommentare
  • Sine 15.07.2017 20:03
    Highlight Bernard Lam war mit Canabis "gedopt"? Echt jetzt? 😂
    11 0 Melden
  • 's all good, man! 15.07.2017 14:26
    Highlight Danke für die Erinnerung. Das war eigentlich genau so die letzte Geschichte, die das Fass zum überlaufen gebracht hat für mich. Von da an habe ich es dann nicht mehr wirklich verfolgt, dabei war ich früher so begeistert davon und habe als Jugendlicher selber immer von einer Karriere als Bergspezialist geträumt.

    Eigentlich waren das zu der Zeit wirklich sehr packende Duelle, ein paar Jahre zuvor noch mit Indurain, LeMond, Fignon, Rominger & Co. Später dann Pantani und wie sie alle hiessen. Hach, wie schade um so einen schönen Sport.
    41 1 Melden
  • eulach 15.07.2017 11:03
    Highlight Zum letzten Absatz: weshalb paradox? Es waren restlos alle gedopt; der Beste Athlet fuhr trotzdem vorne weg. Mich stört dieser unglaublich anprangernde Stil. Und dann werden noch die Zweitplatzierten (z.B. Schleck nach Contador) zum Sieger erklärt, als ob die mit Brot und Wasser gefahren wären.

    Spitzensport ist selten sauber, und es wird Zeit, das endlich einzusehen und eine flächendeckende, kooperative Antidopinglinie zu fahren. Ich denke da insbesondere auch an F1-, Fussball- und Tennissternchen, die noch immer mit Samthandschuhen angefasst werden. In der MLB tut sich immerhin schon was.
    81 15 Melden
    • Jaing 15.07.2017 11:45
      Highlight Auch wenn's alle getan haben, wäscht das die Einzelnen nicht rein. Es waren schlicht Betrüger. Und das jemand wie Riis als Teammanager weiter wirken darf, ist eine Schande.
      61 7 Melden
  • Dan Rifter 15.07.2017 10:49
    Highlight 252km durch die Pyrenäen mit so einem Profil. Solche Leistungen konnte man sauber gar nicht Tag für Tag erbringen.

    Insofern hatte Ullrich recht: Im Feld hat er niemanden betrogen.
    Schlussendlich waren zu der Zeit praktisch alle Fahrer mit Ambitionen bis oben voll.

    Armstrong war 99 der Stärkste und nicht mehr/weniger gedopt als zB Alex Zülle. Er hatte erst danach die unendlichen Geldmittel um sein überlegenes Dopingsystem/Team aufzuziehen.

    Auch heute läufts so: Sky hat am meisten Kohle und leistet sich darum 2-3 potenzielle Toursieger im Team.
    Punkto Doping sind die Spiesse wohl gleichlang.
    73 9 Melden
  • N. Y. P. 15.07.2017 09:28
    Highlight watson entwickelt sich langsam zum Radsport - Experten - Souschel - Midia - Kanal..
    Ihr bringt genau die Ereignisse, die sich uns Radsportfans ins Gedächtnis gebrennt haben, nochmals frisch aufbereitet. Sehr spannend.

    Falls euch mal die Themen ausgehen.
    Könntet ihr die "Chicken" - Geschichte nochmals bringen..
    54 5 Melden
    • Mia_san_mia 15.07.2017 11:02
      Highlight Wirklich super, diese Sachen wieder einmal zu sehen.
      19 2 Melden
    • Amboss 15.07.2017 19:29
      Highlight Schade waren alle gedopt, aber da waren wirklich ein paar ganz tolle Radsport-Stories.

      wann war echt Floyd Landis' abartige Soloflucht? Kommt die hier echt auch?

      eine ganz tolle Rubrik, dieses "Unvergessen".

      12 0 Melden
    • N. Y. P. 15.07.2017 22:02
      Highlight Der gute Floyd hat sich an diesem Tag 34 Bidons über die Birne geleert. Unvergessen. Es war am 20. Juli 2006. Auch sein Buch habe ich gelesen. Es beschreibt wie man ganz langsam reinrutscht in das Doping. Du machst mit oder du bist weg vom Fenster..
      9 0 Melden
    • Ralf Meile 16.07.2017 01:00
      Highlight http://www.watson.ch/!320110886

      Für euch gerne schon jetzt, für alle anderen dann am 20.7.

      Schöne Sunntig und nicht vergessen: immer genügend Bidons über den Kopf leeren 😉
      10 0 Melden
    • N. Y. P. 16.07.2017 09:02
      Highlight Zwar sehr selten, aber ich hatte auch schon Coca Cola im Bidon..
      3 0 Melden

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