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An intercity tilting train ICN traverses the vineyards near La Neuveville on Lake Biel in the canton of Berne, Switzerland, pictured on May 28, 2010. (KEYSTONE/Dominique Derrer)

Ein Intercity-Neigezug ICN durchquert am 28. Mai 2010 die Weinberge bei La Neuveville am Bielersee im Kanton Bern. (KEYSTONE/Dominique Derrer)

Bild: KEYSTONE

Poesie auf der Schiene

Eine berührende Geschichte aus dem Führerstand des Mani-Matter-Intercity-Neigezuges

Meine emotionale Bindung zur SBB hat sich durch die unverhoffte Begegnung mit dem Zugführer Gerard nachhaltig verändert. Gerard hat meinen vierjährigen Sohn Florian in den Führerstand eingeladen. Und nebenbei offenbart, warum er und die sechs anderen Nachbarbuben alle Lokführer geworden sind.

24.04.14, 12:09

 Joachim Maier

Ja, es gibt noch die Situationen, die mich als Mensch, Mitarbeiter und Unternehmensberater echt berühren. So wie die filmreife Episode neulich im «Mani Matter IC-Neigezug», seit der ich über den einen und anderen «Zuspätkommer» der SBB grosszügig hinwegsehe. 

Unsere Geschichte beginnt im Bahnhof Zürich. Vor der Abfahrt geniesst Gerard auf dem Perron seine Zigarette. Mein Sohn Florian bemerkt die offenstehende Zugführerstand-Türe, Gerard bemerkt den interessierten Blick meines Sohnes und lädt zur Stippvisite. Florian nimmt begeistert an. 

Auf Französisch erklärt Gerard das ICN-Cockpit und ich übersetze, während Florian ausgiebig die Bestuhlung im Führerstand testet. Leider, setzt uns Gerard ins Bild, müssten wir bei Abfahrt wieder im Abteil Platz nehmen, weil die Zugverkehrsleiter im Zürcher Kommandoraum sehr streng seien. 

Als wir auf Gerards Nachfrage als Ziel unserer Reise Yverdon nennen, hellen sich seine Gesichtszüge wieder auf. Nach Neuenburg komme ein sehr schöner Abschnitt, erzählt er, und wir sollen einfach anklopfen, dann werde er uns öffnen. 

Nach einer Stunde adventsgleicher Vorfreude ist Bescherung für Florian. Mit grosser Sorgfalt und sichtlichem Gefallen an Florians glänzenden Kinderaugen erläutert Gerard die Funktionen der wesentlichen Bordinstrumente seines Zuges. 

Schliesslich frage ich Gerard nach seiner Geschichte. In Lausanne aufgewachsen, seien sie sieben Buben im Quartier gewesen. Ein Nachbar – Lokführer – habe die Buben abwechselnd oder manchmal auch alle zusammen auf seinen Touren durch die ganze Schweiz mitgenommen. 

Er ist, wie jeder seiner sechs Kollegen, Lokführer geworden. Gerard strahlt – ich mit – Tränen schiessen ein. 

Dann wird Gerard nachdenklich. Gerade komme er aus den USA zurück – dort ist in jedem Führerstand eine Kamera montiert. Es sei nur eine Frage der Zeit, so Gerard, bis die SBB nachziehe und die Zeit der unbemerkten und spontan möglichen Führerstands-Fahrten beenden wird. Hoffentlich werde er, wenn es soweit ist, schon in Pension sein. 

Bild: Joachim Maier

Ob der beschriebene Glücksfall im Mani-Matter-ICN für den vierjährigen Florian prägend genug gewesen sein wird, damit er Gerard beerben und dereinst zum Lokführer aspirieren wird, ist noch offen. 

Sicher ist: Ich bin seit dieser Fahrt nach Yverdon nicht mehr wirklich sauer, wenn die SBB-Servicequalität zum Lamentieren einlädt. Die zweite Stellwerkstörung am Bahnhof Bern dieses Jahr? Inklusive Zugausfall Richtung Zürich. Und eine Stunde Wartezeit!? Kein Problem. Auch die mag ich der SBB – Gerard sei‘s gedankt – seither verzeihen!

Alle Namen in dieser Geschichte sind frei erfunden und der abgebildete Lokführer ist nicht derjenige, der im Text erwähnt wird.

Transparenzbox - Autor/Kurator: Philipp Meier

Diese tolle Geschichte ist mir in der Facebook-Chronik von Joachim Maier aufgefallen (der Link scheint nur für diejenigen zu funktionieren, die mit ihm befreundet sind). Unsere Wege haben sich jedoch auch schon offline gekreuzt. Er hat mich beispielsweise zu meinem beruflichen Werdegang befragt.

Der hier publizierte Artikel ist das Resultat eines kuratorischen Prozesses: Diese Geschichte ist mir aufgefallen, worauf ich den Urheber fragte, ob er damit einverstanden wäre, wenn wir sie bei watson veröffentlichen würden. Auf sein Einverständnis hin «übersetzte» ich den Text ins CMS von watson und ergänzte Bilder.  

Joachim Maier ist Vater von zwei Kindern und filmender Organisationsentwickler (www.filmreifberaten.ch).

Die SBB liessen ausrichten, dass Fahrten mit Kindern unter 14 Jahren verboten sind und dass es keinerlei Absichten gebe, die Lokführer mit Kameras zu überwachen.

Dieser lange und wilde Artikel war die Geburtsstunde der Transparenzbox. Seither kam sie bei zwei Artikeln von mir zum Einsatz; hier und hier.
Diese Transparenzbox unter dem Artikel von Joachim Maier ist demnach die erste, die bei einem Artikel angehängt ist, der nicht von mir stammt.

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Yanik Freudiger, 23.2.2017
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6Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • railtracker 29.04.2014 22:39
    Highlight Sehr schöne Geschichte! Dank solchen Geschichten in meiner Kindheit bin ich wohl ebenfalls Lokführer geworden, bilde solche sogar aus und versuche meine Freude an diesem Beruf weiterzugeben. Nur ist es tatsächlich so, dass "Gerard" ernsthafte Probleme bekommen könnte wegen dieser Geschichte. Deshalb das nächste Mal: geniessen, staunen, Freude haben und schweigen. Ansonsten sind uns die USA bald näher als wir denken und als uns lieb ist...
    0 0 Melden
  • spiox123 24.04.2014 05:43
    Highlight Für solche Geschichten drücke ich im Kommandoraum gerne ein Auge zu! Leider sind nicht alle Kollegen so, Schade. Und ja leider wirds die SBB nicht einsehen
    0 0 Melden
  • Philippe Wampfler (1) 23.04.2014 22:05
    Highlight Ein Kommentar zur Transparenz-Box:
    Der Link auf den FB-Post führt bei mir ins die Leere. Zudem verstehe ich nicht, was mit einem »kuratorischen Prozess« gemeint ist: Einfach das Kopieren der Geschichte? Meiner Erwartung steht hinter dem Kuratieren ein größeres Konzept, in das sich Geschichten und Exponate einordnen. Habe ich das hier verpasst?
    0 0 Melden
    • philipp meier 24.04.2014 18:09
      Highlight danke für den hinweis bezüglich link. habe nun in klammern seinen account direkt verlinkt, denn der link scheint nur für freunde von ihm einsehbar zu sein.

      das spannende an neuen begriffen (oder alten begriffen in neuen kontexten), dass sie noch verhandelt werden können.

      bin grad in den ferien, deshalb nur ein kurzes beispiel anhand des kuratierens im kunstkontext:
      wenn wir annehmen, dass watson eine (dynamische) «ausstellung» ist, dann habe ich hier ein «exponat» aus dem «atelier» von joachim maier reinplatziert.
      des weiteren: du unterschätzt das cms, resp. den kontext von watson (schade, siehst du seinen vergleichsweise relativ rohen fb-eintrag nicht)
      0 0 Melden
  • saltablu 23.04.2014 22:02
    Highlight Super Geschichte! Führerstandsfahrten können übrigens offiziell gebucht werden - im April sogar mit 30% Rabatt. Alle Infos auf www.sbb.ch/fuehrerstandsfahrten
    0 0 Melden
  • Baba 23.04.2014 11:32
    Highlight Super Story - aber es ist eigentlich traurig, dass der Name des Lokführers verändert werden muss. Schliesslich hat er fürs Ansehen seines Arbeitsgebers mehr getan als alle 'Imagekampagnen'... Allzeit gute Fahrt 'Gerard'!
    5 0 Melden

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