WM 2014
Brazil's Forca Nacional security personnel in riot gear charge on demonstrators at the beach in front of the hotel where Brazil's National Petroleum Agency (ANP) will auction drilling rights to one of the world's largest offshore oil discoveries, in Barra de Tijuca, Rio de Janeiro, Brazil on October 21, 2013. The security plan for the upcoming FIFA World Cup covers from a terrorist attack to a fight between football fans, though street protests continue to be the main worry for authorities.AFP PHOTO/CHRISTOPHE SIMON

Bild: AFP FILES

Ein Land vor der WM

Brasilien hat ein seltsames Problem: Es wird dramatisch unterschätzt

Brasilien kurz vor der WM: Millionen tragen ihre Wut über Korruption und Verschwendung auf die Strassen, die Wirtschaft stagniert. Doch der Abgesang ist verfrüht. 

11.06.14, 19:38 12.06.14, 11:29

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Ach Brasilien. Kreativ sind in diesem Land derzeit nur die Demonstranten. Sie machen sich über die grossartigen Versprechungen lustig, die ihnen der Schriftzug auf der Nationalflagge verheisst. "Ordnung und Fortschritt" ("Ordem e Progresso") haben sie durch "Chaos und Stagnation" ersetzt und schwenken die Fahnen mit dem neuen Motto auf ihren Protestmärschen. 

Auch ein anderes Leitmotiv haben sie verfremdet, den von Politikern so gern zitierten, so schmeichelhaften Satz des Stefan Zweig, der Anfang der Vierzigerjahre vor den Nazis nach Südamerika geflohen ist und über seine Exilheimat geschrieben hat: "Brasilien ist ein Land der Zukunft." Sie ergänzen das auf ihren Plakaten selbstironisch: "Und wird es für immer bleiben!" 

Die Fussball-Weltmeisterschaft ist schon jetzt überschattet: Strassenschlachten in Rio de Janeiro wegen erhöhter Autobustarife. Eine Orgie von Gewaltverbrechen während eines Streiks der Ordnungshüter in Salvador da Bahia. Der Zusammenbruch des Verkehrs nach einem Ausstand der Polizisten in São Paulo, mit dem grausamsten Stau der Welt, Gesamtlänge 344 Kilometer. Angriffe mit Pfeil und Bogen durch indigene Stämme in Brasília. 

Bild: VASSIL DONEV/EPA/KEYSTONE

Selbst wenn alle Sportstätten pünktlich fertig und die Organisationsprobleme in den Stadien überwunden werden sollten - die Proteste draussen auf den öffentlichen Plätzen gegen die Korruption der Politiker, die in sinnlose Prunkbauten versenkten Milliarden und für bessere Schulen und Krankenhäuser werden mindestens ebenso grosses Aufsehen erregen wie die Ergebnisse der Spiele. Eine Lehrstunde nicht nur für Politiker: Ausgerechnet im fussballverrückten Brasilien haben sich die Prioritäten verschoben. 

Ökonomische Katastrophenszenarien machen die Runde. Die Ratingagentur Standard & Poor's hat die Kreditwürdigkeit Brasiliens im März herabgestuft, manche Experten sprechen bereits vom sicheren Niedergang des bedeutendsten südamerikanischen Staates. 

Nur: Wenn am Amazonas angeblich alles zusammenbricht - warum hat der wichtigste brasilianische Börsenindex Bovespa seit Anfang des Jahres, in US-Dollar gerechnet, gut sieben Prozent gewonnen, weit mehr als der Allzeithöhen erklimmende Dax und weit mehr als der Dow Jones? Wie kommt es, dass Brasilien vor kurzem hinter China, den USA und Japan zum viertgrössten Automobilmarkt der Welt aufgestiegen ist und damit an Deutschland vorbeizog? Und was bringt einen Unternehmer wie den Hamburger Alexander Otto dazu, gerade jetzt 240 Millionen Euro in brasilianische Einkaufszentren zu investieren? 

Dieses Land hat ein seltsames Problem: Es wird dramatisch überschätzt - oder, wie in diesen Tagen, fatal unterschätzt. 

Charles de Gaulle sprach einst verächtlich davon, Brasilien sei doch gar kein "ernst zu nehmendes Land". Und selbst nach der Befreiung von zwei Jahrzehnten Militärdiktatur 1985 erholte sich die Wirtschaft nur langsam. Doch spätestens Mitte des vergangenen Jahrzehnts hob Brasilien ab, Erfolgsfirmen wie der weltgrösste Bierproduzent Ambev oder Embraer, heute Nummer drei der Flugzeugbauer hinter Boeing und Airbus, drängten auf den Weltmarkt. Das Land kam blendend durch die Weltwirtschaftskrise von 2008, das Bruttoinlandsprodukt (BIP) wuchs 2010 um stolze 7,5 Prozent. Es entstand eine neue, konsumfreudige Mittelschicht, und auch die Hilfsprogramme für die Ärmsten zeigten positive Wirkung. 

Bild: NACHO DOCE/REUTERS

Kurze Schwächephase - oder der Anfang vom Abstieg? 

Manche sahen Brasilien - an der Seite seiner BRIC-Mitstreiter China, Indien und Russland - schon den Westen überholen. 2012 schrieb der Globalisierungsexperte Nicholas Lemann im "New Yorker": "Brasilien hat ein Dreifachwunder geschaffen: hohes Wirtschaftswachstum (anders als in den USA und Europa), politische Freiheit (anders als in China) und einen Rückgang der Ungleichheit zwischen den Bevölkerungsgruppen (anders als überall sonst)." Die "Wirtschaftswoche" nannte Brasilien noch 2013 Deutschlands "perfekten Partner", São Paulo sei "unser grösster Industriestandort im Ausland". 

Rohstoffe im Überfluss, wachsende Kaufkraft, eine junge, dynamische Bevölkerung - warum also jetzt die wütenden Demonstrationen, warum die herben politischen und wirtschaftlichen Rückschläge? Ein vorübergehendes Phänomen wegen der skandalösen WM-Verschwendung - oder der Anfang vom Abstieg? 

In diesem Jahr wird Brasilien prozentual vermutlich nicht stärker wachsen als Deutschland: knapp zwei Prozent, wenig für ein Schwellenland. Die Inflation liegt bei mehr als sechs Prozent, die industriellen Fertigungskosten, vor einem Jahrzehnt noch niedriger als in den USA, sind heute um 23 Prozent höher als dort. Mit einem Anteil von 18 Prozent des BIP sind die Investitionen zudem extrem niedrig - Überregulierung, überhöhte Steuern und Beamtenpensionen sowie eine aufgeblähte, korrupte Bürokratie machen jede Firmengründung zu einem Hindernislauf. 

Bild: NACHO DOCE/REUTERS

Rousseffs Versagen 

Regierungschefin Dilma Rousseff schiebt die Turbulenzen auf die instabile Weltkonjunktur. Das ökonomische Umfeld ist für ein Rohstoff exportierendes Land wie Brasilien tatsächlich schwieriger geworden. Vor allem der langjährige Boom wurde für die Herrschenden zum Bumerang: Eine zunehmend selbstbewusste, politisch aufgeweckte Mittelklasse meldet sich jetzt mit Forderungen zu Wort, die nicht alle über Nacht zu erfüllen sind. 

Doch zweifellos trägt die Regierung die Hauptschuld an der gegenwärtigen Unzufriedenheit. Das Kabinett Rousseff, vor dreieinhalb Jahren hoffnungsvoll gestartet, hat dabei versagt, die richtigen Prioritäten zu setzen: bessere Schulen, effektivere Krankenversorgung, endlich Sicherheit auf den Strassen - alles Fehlanzeige. Zu Recht fordern die Bürger "good governance" mit fairen Aufstiegschancen und die Bestrafung der Politiker, die sich illegal die Taschen vollstopfen. 

Niemand vermag zu prophezeien, ob Neymar, Dante und Co. der Regierung mit einem Fussball-Triumph eine Atempause verschaffen werden. "Gott ist ein Brasilianer", hiess es in der Vergangenheit beim Samba oder beim Karneval häufig. In diesen Tagen des Blues scheinen viele eher davon überzeugt, dass der Teufel Brasilianer ist, sie ins Fegefeuer geschickt hat. 

Aber Katholiken, von denen es hier mehr gibt als in irgendeinem anderen Land, glauben ja, dass dieses Fegefeuer - nach einem schmerzlichen Prozess der Läuterung - in den Himmel führt. 

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  • Zeit_Genosse 12.06.2014 07:59
    Highlight Wo sich viele Journalisten tummeln, wird viel geschrieben. Im Vorfeld von Sochi wurde alles heruntergeschrieben und überall Misstände aufgedeckt. In Brasilien ist es jetzt nicht anders. Wenn die Spiele heute beginnen, dann geht es hoffentlich um den Sport (die Reporter sollten dann mit Sport beschäftigt sein). Wenn dann nach der WM immer noch Geld da ist von den Medienhäusern, um ihre Reporter nach Geschichten in Brasilien zu unterstützen, dann befassen wir und gerne mit dieser sich schnell wandelnden und grossen Volkswirtschaft mit grossen Sozialspannungen. Weil alle Kameras nach Brasilien schauen, versuchen dort viele das für ihre Anliegen zu nutzen. Von Sochi habe ich nichts mehr nach den Spielen gelesen. Freuen wir uns erstmal auf Weltfussball.
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    • The Destiny 12.06.2014 11:32
      Highlight Im gegensatz zu Sotchi stimmen die Sachen die über Brasiliengeschrieben werden. Das geschriebene über Sotchi war hauptsächlich Propaganda gegen Russland. Siehe Wolf im Hotel z.B oder 2 Wc's ohne Trennwand.
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