Wirtschaft

Bild: EPA

Moderne Leibeigenschaft

Kinderarbeit, Zwangsprostitution und Schuldknechtschaft – die Sklaverei blüht wie nie zuvor 

Ein Ehepaar in Malaysia ist zum Tode verurteilt worden, weil es seine indonesische Haushaltshilfe verhungern liess. Der Fall wirft ein Schlaglicht auf die erbärmlichen Arbeitsbedingungen, denen viele Menschen ausgeliefert sind – sie sind moderne Sklaven.

07.03.14, 17:25 25.06.14, 15:33

Sklaverei, das ist etwas aus Geschichtsbüchern und Historienfilmen. Seit Mauretanien 1981 ein Verbot erliess, erlaubt heute kein Land der Welt mehr, dass Menschen buchstäblich Eigentum anderer Menschen sind. Zumindest offiziell. 

In Wahrheit lebt die Sklaverei; sie ist lediglich mit der Zeit gegangen und hat ihre äusseren Merkmale ein wenig verändert. Anstelle von Ketten trägt der moderne Sklave eine Schuld, die ihn ein Leben lang an den Gläubiger kettet. Nicht Gitterstäbe halten die Zwangsprostituierten im Bordell, sondern die Angst vor der Fremdenpolizei und ein abgenommener Pass. 

Ein blühender Wirtschaftszweig

Moderne Sklaverei gedeiht. Sie ist ein blühender Wirtschaftszweig: 35 Milliarden US-Dollar wirft das illegale Geschäft schätzungsweise jedes Jahr ab. Das Heer der modernen Sklaven ist so gross wie nie zuvor in der Geschichte. Mindestens 21 Millionen Menschen umfasst es nach Schätzungen der International Labour Organization (ILO), zwischen 27 und 30 Millionen laut Schätzungen der UNO

Die moderne Sklaverei ist vielgestaltig. Schuldknechtschaft, Leibeigenschaft und Zwangsprostitution gehören dazu, aber auch gewisse Formen von Schwarzarbeit. Rechtlose Hausangestellte werden sexuell ausgebeutet oder misshandelt – wie jene Frau aus Indonesien, deren malaysische Arbeitgeber sie verhungern liessen. Manche Staaten machen aus Gefängnisinsassen Sklavenarbeiter. Kinderarbeit und die Rekrutierung von Kindersoldaten sind ebenfalls Formen moderner Sklaverei. 

Hier folgt eine unvollständige Übersicht über Brennpunkte und Formen der modernen Sklaverei:

Mauretanien

Slum in der mauretanischen Hauptstadt Nouakchott. Bild: AP Photo/Schalk van Zuydam

Mauretanien hat die Sklaverei als letztes Land der Erde abgeschafft. 1981 wurde sie gesetzlich verboten, aber erst 2007 wurde das Verbot mit Strafen bewehrt. Dennoch gibt es die Sklaverei nach wie vor: Bis zu 20 Prozent der Bevölkerung ist nach Schätzungen von NGOs versklavt – der höchste Anteil der ganzen Welt. Der Global Slavery Index schätzt die Zahl auf 140'000 bis 160'000. Hier – wie auch in anderen Ländern des Sahels – gibt es noch die klassische Sklaverei, die auf die Kinder vererbt wird.

Pakistan

Khurshid Mumtaz und ihre Tochter Haima in einer Ziegelfabrik in der Nähe von Rawalpindi. Mumtaz und ihr Mann schulden ihrem Arbeitgeber 194'000 Rupien (rund 1700 Franken). Bild: AP Photo/Muhammed Muheisen

Die Organisation Walk Free schätzt die Zahl der Sklaven in Pakistan auf vier Millionen. Laut dem Global Slavery Index sind es gut zwei Millionen. Viele Landarbeiter arbeiten für reiche Landbesitzer, denen sie Geld schulden – Sklaverei im Gewand der Schuldknechtschaft. Schulden können nach dem Tod des Schuldners auf dessen Angehörige übergehen. 

Indien

Ein Junge aus einer Familie von Wanderarbeitern schuftet in einer Ziegelfabrik in Meerut.  Bild: EPA

In absoluten Zahlen gemessen, gibt es nirgendwo mehr Sklaven als in Indien. Laut dem Global Slavery Index sind es zwischen 13,3 und 14,7 Millionen. Wanderarbeiter sind nahezu rechtlos; Schuldknechtschaft ist weit verbreitet. Zahllose Frauen und Kinder werden jedes Jahr aus abgelegenen Dörfern nach Delhi gebracht, wo sie als Haussklaven verkauft werden. Kinderarbeit ist ein globales Problem. Nach Schätzungen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) arbeiten weltweit etwa 250 Millionen Kinder im Alter zwischen fünf und 14 Jahren. Viele von ihnen sind Sklaven, vor allem in nichtindustrialisierten Ländern. 

Nepal

Ein junger Arbeiter in Kathmandu kocht Teer für den Strassenbelag. Bild: EPA/NARENDRA SHRESTHA

In Nepal werden viele Kinder zum Arbeiten weggeschickt, damit sie mithelfen, ihre Familien zu ernähren. Gemäss dem Global Slavery Index gibt es in dem Himalaja-Staat zwischen 250'000 und 270'000 moderne Sklaven. 

Moldawien

Moldawische und rumänische Frauen nach einer Razzia in einem bosnischen Nachtklub. Bild: AP Photo/Hidajet Delic

In der ehemaligen Sowjetrepublik gibt es nach Angaben des Global Slavery Index mindestens 32'000 moderne Sklaven. Das Armenhaus Europas ist aber auch ein Reservoir, aus dem Bordelle in Westeuropa, Russland und der Türkei mit Zwangsprostituierten versorgt werden. Junge Frauen werden unter falschen Versprechungen von organisierten Banden in diese Länder gelockt, indem man ihnen eine lukrative Arbeit als Serviererin oder Au-pair-Mädchen verspricht. Dort angekommen, nimmt man ihnen den Pass ab und zwingt sie mit Gewalt zur Arbeit im Sexgewerbe. 

China

Im Mai 2007 wurden 32 Landarbeiter aus einer illegalen Ziegelei in Linfen in Nordostchina befreit, wo sie wie Sklaven arbeiten mussten.  Bild: EPA

2,8 bis 3,1 Millionen moderne Sklaven zählt der Global Slavery Index in dem ostasiatischen Land. Wie Nordkorea beutet auch China politische und andere Gefangene als Zwangsarbeiter aus. Aber auch private Arbeitgeber beuten die Arbeitskraft von Wanderarbeitern gnadenlos aus. Es kommt sogar vor, dass Menschen entführt werden und in illegalen Bergwerken oder Ziegeleien schuften müssen. Der Polizei werden jährlich etwa 3000 solcher Verschleppungen gemeldet; die wahre Zahl dürfte höher liegen. Auch westliche Firmen wie Apple, die in chinesischen Firmen produzieren lassen, stehen wegen den dortigen Arbeitsbedingungen in der Kritik. 

Katar

Ein ausländischer Arbeiter 2012 in seiner Unterkunft, einem Massenverschlag, in Katar.  Bild: EPA

In Katar – und auch in den anderen reichen Golfstaaten – arbeiten zahllose Arbeitskräfte aus Nepal, Pakistan und den Philippinen unter teilweise erbärmlichen Bedingungen. Schlagzeilen machte dies im Herbst 2013, als der Guardian aufdeckte, dass innerhalb kurzer Zeit mehr als 44 nepalesische Gastarbeiter auf den Baustellen für die Fussball-WM 2022 umgekommen waren. Nicht nur die Arbeitsbedingungen sind in den Golfstaaten extrem harsch; auch die Löhne werden oft gekürzt oder zurückgehalten. Dazu kommt das Bürgschaftssystem der Golfstaaten (Kafala), das Aufenthalt und Ausreise nur Gastarbeitern erlaubt, die einen Bürgen nachweisen können – was der Willkür Tür und Tor öffnet. Für weibliche Hausangestellte kommt die Gefahr der sexuellen Ausbeutung hinzu. 

Thailand

Prostituierte warten vor einer Bar in Pattaya auf Freier.  Bild: EPA/HOW HWEE YOUNG

Thailand ist laut Einschätzung der Children's Organization of Southeast Asia (COSA) eine der bedeutendsten Drehscheiben für den Menschenhandel in der Welt. Das Ferienparadies in Südostasien ist dabei Herkunfts-, Transit- und Zielland in einem. Hauptgrund dafür ist die Sexindustrie des Landes, die sich zu einem grossen Teil dank dem Boom des Tourismus entwickelt hat. In Pattaya, dem Zentrum des Sexgewerbes, soll es 20'000 Bordelle geben – bei einer Einwohnerzahl von 100'000 bis 300'000, je nach Saison. Die Zahl der modernen Sklaven wird vom Global Slavery Index mit 450'000 bis 500'000 angegeben. 

Brasilien

Lazo Martin dos Santos und sein Sohn José vor ihrem Haus in Guarai in Nordbrasilien. Die beiden arbeiteten lange als Schuldsklaven auf einer Ranch, bis sie von einer Spezialeinheit der Polizei befreit wurden.  Bild: KEYSTONE/AP Photo/Dario Lopez-Mills

In der westlichen Hemisphäre ist das Problem der modernen Sklaverei etwas weniger virulent als in Asien oder Afrika. In Brasilien, dessen Bevölkerung zu einem guten Teil von ehemaligen Sklaven abstammt, gibt es laut Global Slavery Index 200'000 bis 220'000 moderne Sklaven., vor allem in den armen nördlichen und nordöstlichen Teilen des Landes. Hauptform ist hier die Schuldknechtschaft: Wanderarbeiter müssen Transport, Kost und Logis und oft sogar noch die Arbeitsgeräte bezahlen. Das Geld dafür schiesst ihnen der Arbeitgeber vor. Der extrem niedrige Lohn reicht danach aber nicht aus, um die Schulden zurückzuzahlen – der Arbeiter sitzt in der Schuldenfalle

Kongo

Kindersoldat der Union des patriotes congolais (UPC) in Bunia im Kongo.  Bild: KEYSTONE/EPA PHOTO/DPA/MAURIZIO GAMBARINI

Kindersoldaten kann man als eigene Form der Sklaverei sehen – die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) hat den Einsatz von Kindern als Soldaten als extreme Form von ausbeuterischer Kinderarbeit definiert. In der von Bürgerkriegen zerrissenen Demokratischen Republik Kongo sind insgesamt etwa 30'000 Kinder verschleppt und als Soldaten rekrutiert worden. Oft werden sie körperlich misshandelt und sexuell missbraucht, manche müssen ihre eigenen Angehörigen erschiessen, damit sie nicht mehr zurückkehren können. Abgesehen von den Kindersoldaten gibt es im Kongo auch andere Formen von moderner Sklaverei. Der Global Slavery Index schätzt ihre Zahl auf 440'000 bis 490'000. 

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Charly Otherman, 5.5.2017
Watson kann nicht nur lustig! Auch für Deutsche (wie mich) ein Muss, obwohl ich das schweizerische nicht immer verstehe.
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    Alle Leser-Kommentare
  • Gelöschter Benutzer 07.03.2014 20:23
    Highlight Es ist ja klar, das die Redaktion sehr Android-freundlich ist, trotzdem finde ich, sollte man nicht nur Apple explizit beim Namen nennen. Sie machen ja nur noch ein Bruchteil der Verkaufszahlen aus...
    2 3 Melden
  • Oki 07.03.2014 19:56
    Highlight Was für ein schrecklicher Artikel. Und jetzt liebe Redaktion: Was kann man tun?
    2 1 Melden

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