Wirtschaft
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Autosalon Paris

Vier Arten verrückter Autos

Sie stehlen Serienmodellen auf Automessen regelmäßig die Show: verrückte Konzeptwagen. Doch was bezwecken die Hersteller mit den Design-Studien? Eine Typologie.

03.10.14, 12:36 03.10.14, 13:14

Tom Grünweg / Spiegel

Ein Artikel von

Dieses Phänomen lässt sich bei fast jeder Automesse beobachten: Das grösste Gedränge herrscht immer vor Konzeptwagen. So bedeutend neue Serienmodelle auch sein mögen, sobald sich eine Studie im Rampenlicht dreht, zieht sie die Blicke auf sich. Das ist auch beim Autosalon in Paris so. Nicht umsonst heissen solche Einzelstücke im Industriejargon auch «Showcars».

Die Fahrzeuge sollen aber mehr bieten als nur eine Show. Denn als reiner Blickfang seien sie viel zu teuer, sagt Lutz Fügener. «Auch hinter der abgefahrensten Studie steckt ein tieferer Sinn», erklärt der Professor für Transportation Design an der Hochschule Pforzheim.

Fügener unterteilt die Konzeptautos in vier verschiedene Kategorien:

Taktische Konzeptautos

Toyota C-HR. Bild: JACKY NAEGELEN/REUTERS

Taktische Studien werden nach Fügeners Worten meist gezeigt, um den Serienstart eines wichtigen Modells vorzubereiten. Ihr Design entsteht oft nach dem des Serienautos und wird teils kräftig überzeichnet. Sie sollten «neugierig machen, den Vorverkauf ankurbeln und die Zeit bis zur Markteinführung des Produktionsmodells überbrücken», sagt Fügener. Beispiele dafür sind in Paris etwa der Toyota C-HR, der einen kompakten Geländewagen der Marke ankündigt, oder der Audi TT Sportback, mit dem der Hersteller das Publikum auf eine dritte Karosserievariante des Coupés einstimmen möchte.

Strategische Konzeptautos

VW Tristar. Bild: DPA

Sie dienen als mediales Störfeuer gegen die Konkurrenz auf der Messe. «Wenn ein Mitbewerber ein neues Modell vor- oder in Aussicht stellt, wollen die anderen Hersteller mit einem Konzeptauto signalisieren, dass sie ein ähnliches Fahrzeug in der Pipeline haben.» In diesem Jahr fehlt so ein Schaustück in Paris, aber zuletzt gab es diesen Typen zuhauf – zum Beispiel der VW Tristar auf der Nutzfahrzeug-IAA in Hannover, als Konter auf die neue Mercedes V-Klasse.

Konzeptautos für die Imagepflege

Peugeot Quartz. Bild: BENOIT TESSIER/REUTERS

Diese Studien werden meist ohne konkrete Produktionsabsicht ausgestellt. Sie sollen eine mit dem vorhandenen Portfolio nicht abgedeckte Kompetenz demonstrieren. So unterstreicht Infiniti mit dem Showcar Q80 in Paris seine Oberklasse-Ambitionen, der DS Divine von Citroën soll zeigen, wie kreativ die luxuriöse Sub-Marke DS ist und der Peugeot Quarz flankiert die Rallye-Ambitionen des Autobauers. Dass solche Studien meist wieder verschwinden, demonstrierte zuletzt der Opel Monza. Für ihn gibt es keine konkreten Pläne. Mitunter aber gebe es Ausnahmen, sagt Fügener und erinnert an den Peugeot 206cc. «Die Studie erzeugte damals so viel Resonanz, dass Peugeot entgegen der Absicht praktisch zur Serienproduktion gezwungen wurde.»

Forschungsfahrzeuge

Lamborghini Asterion. Bild: Michel Euler/AP/KEYSTONE

Sie seien die Königsdisziplin unter den Showcars, sagt Fügener. Mit ihnen werden – wie in den letzten Jahren zum Beispiel bei VW Nils, Audi Urban Concept oder BMW Vision Efficient Dynamic – komplett neue Fahrzeugkonzepte auf ihre Massentauglichkeit geprüft. Fügener: «Das muss nicht unbedingt auf Serienproduktion zielen, bringt aber wertvolle Rückmeldungen.» Oft illustrieren oder inszenieren solche Showcars auch eine technische Entwicklung, die gerade ihren Weg in die Serie findet. Beim jetzt in Paris gezeigten VW XL Sport zum Beispiel ist das die Kombination von Pkw- und Motorrad-Technologie, beim Lamborghini Asterion der Plug-in-Hybrid und beim Renault Eolab ein Sparpaket aus Leichtbau, Aerodynamik und Steckdosen-Anschluss.

Die Studie als Abfallprodukt

Welche dieser vier Showcar-Typen auf einer Messe wie in Paris dominieren, hängt nach Fügeners Einschätzung jeweils von der Stimmungslage und der Themensetzung in der Branche ab. «Wenn die Kundschaft wie zuletzt beim Hype um das Elektroauto in den Jahren 2008 und 2009 tatsächlich Innovationen erwartet, verlagert sich der Schwerpunkt klar in Richtung der Forschungsfahrzeuge», sagt er. «Allerdings benötigt so ein Auto auch wirklich Forschung und hat deshalb einen etwas längeren Entstehungsprozess. Richtig schnell kann man damit deshalb nicht auf Stimmungen reagieren.»

Das Forschungsfahrzeug ist laut Fügener deshalb die seltenste Studien-Variante. Taktische Showcars dagegen würden mit gleichbleibender Zuverlässigkeit präsentiert. «Das sind eingespielte Prozesse, die vom Marketing gesteuert werden.»

Dass die Zahl der Studien insgesamt zunimmt, hat nach Ansicht des Experten noch einen anderen Grund. «Weil fast jede Marke versucht, alle Segmente zu besetzen, werden die Designstudios zu einer wesentlich höheren Zahl von Varianten getrieben, die am Ende natürlich nicht alle umgesetzt werden können», erklärt Fügener. Und wenn doch kein Serienmodell dabei herauskommt, habe man sozusagen als Abfallprodukt ein paar Showcars. 

Bevor diese im Kellerarchiv weggeschlossen werden, dürfen sie dann für ein paar Tage ins Rampenlicht von Messen – und dort die Massen anziehen.



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Charly Otherman, 5.5.2017
Watson kann nicht nur lustig! Auch für Deutsche (wie mich) ein Muss, obwohl ich das schweizerische nicht immer verstehe.

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    Alle Leser-Kommentare
  • Zeit_Genosse 03.10.2014 22:19
    Highlight Bei den Handys machen die Peergroups selbst Konzepte und bespielen die SocialMedia-Kanäle. Da halten sich die Hersteller meist zurück und arbeiten mit diffuser PR im Sinne von geleakter Geheimnisse, die eigentlich bewusste gestreute Botschaften sind.
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