Wirtschaft
epa04101267 CEO of Credit Suisse Group AG Brady Dougan attends the Senate Homeland Security and Governmental Affairs subcommittee hearing on 'Offshore Tax Evasion - The Effort to Collect Billions in Unpaid Taxes on Hidden Offshore Accounts', on Capitol Hill in Washington DC, USA, 26 February 2014.  EPA/MICHAEL REYNOLDS

Die Aura des Unantastbaren bröckelt: CS-Chef Brady Dougan. Bild: EPA/EPA

CS-Chef Brady Dougan

Der Überlebenskünstler

Die Credit Suisse steckt tief im Schlamassel – warum kann sich der Chef überhaupt noch halten?

06.05.14, 05:01 06.05.14, 09:20

Marc Fischer / Aargauer Zeitung

Ein Artikel der Aargauer Zeitung

Vor sieben Jahren ist Brady Dougan angetreten, um die Geschicke der zweitgrössten Bank der Schweiz in die Hand zu nehmen. Der amerikanische Investmentbanker war eine Integrationsfigur. Die Credit Suisse wurde nach der Einverleibung der US-Investmentbanken First Boston (1990) und Donaldson, Lufkin & Jenrette (2000) immer mehr zu einer amerikanischen Bank. Animositäten zwischen dem schweizerischen und amerikanischen Lager blieben selbst Aussenstehenden nicht verborgen. 

Der «Chicago-Boy» Dougan konnte nach seiner Ernennung zum Konzernchef im Mai 2007 die Wogen glätten. Und nun droht dem «Golden Boy» ausgerechnet aus seiner Heimat eine Art Dolchstosslegende? Gerüchten zufolge soll man in Washington eine Klage gegen die Credit Suisse vorbereiten. In der Grossbank sei man so nervös, dass man beim Bundesrat um Hilfe nachgefragt habe. Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf ist deshalb vergangene Woche in die USA gereist

Klage wäre eine Katastrophe

Ein Strafverfahren wäre für Brady und seine Mannschaft eine Katastrophe. Das letzte Mal, als die US-Justiz ein Unternehmen in die Mangel genommen hatte, sprangen alle Kunden davon und die Firma ist untergegangen. Die Rede ist vom Buchprüfer-Unternehmen Arthur Andersen, das über den Enron-Skandal gestolpert war. Bei der Bank Wegelin hatten die USA erst nach dem Verkauf an Raiffeisen Klage erhoben. 

Die US-Justiz hat sich seither mit Strafuntersuchungen gegen ganze Firmen zurückgehalten. Auch im Steuerstreit gegen Schweizer Banken standen bisher hauptsächlich Bankangestellte im Fokus. 

Doch das Pendel in Washington hat möglicherweise zurückgeschlagen. Für den Beobachter stellt sich auch die Frage, wieso kann sich Dougan als CEO immer noch halten? Müsste er als Konzernchef aus dem juristischen Hickhack nicht die Konsequenzen ziehen und zurücktreten? 

Der Druck vor der Generalversammlung am kommenden Freitag ist offenbar noch nicht gross genug. Es ist nicht bekannt, dass die grossen Aktionärsberater wie Glass Lewis oder ISS wegen Dougans Machenschaften die Décharge verweigern würden. 

Dougan vor dem US-Senatsausschuss. Bild: Reuters

Unter genauer Beobachtung

Im Visier von Glass Lewis steht vielmehr Credit-Suisse-Präsident Urs Rohner. Allerdings nicht wegen des Steuerstreits, bei dem es um Konten mit undeklarierten Vermögen geht. Sondern wegen Lohnfragen: Rohner sei dafür verantwortlich, dass die Verwaltungsräte bei der Credit Suisse zu hohe Entschädigungen bekommen. Deshalb, so zitierte die «NZZ am Sonntag» aus dem Glass-Lewis Bericht, wird empfohlen, Rohner nicht wieder zu wählen. 

ISS schliesst sich diesem Punkt nicht an. Allerdings steht bei ISS Dougan und die Geschäftsleitung der Credit Suisse unter genauer Beobachtung. Denn die juristischen Streitfälle in den USA nehmen in den USA langsam einen bedrohlichen Umfang an. Zum heutigen Zeitpunkt sei zwar noch keine Warnung in Form einer Décharge-Verweigerung fürs Management angebracht. 

ISS empfiehlt seinen Kunden, wozu auch namhafte Anlagestiftungen in der Schweiz zählen, denn auch die Entlastung für die Geschäftsführung zu erteilen. Allerdings werde man die weitere Entwicklung ganz genau beobachten. Das ist gleichsam ein Schuss vor den Bug von Dougan und seiner Mannschaft. 

Trotz guter Seilschaften könnte es brenzlig werden

Nach sieben Jahren ist er einer der ältesten Banken-CEOs überhaupt. Kein Wunder, gilt er als Überlebenskünstler. Vor zwei Jahren hatte er sich unbeschadet aus einer heiklen Situation manövriert, nachdem die Reorganisation der Bank nicht mit dem erwünschten Tempo vorwärts ging. 

Doch beim jüngsten Umbau zeigte Dougan, wer das Sagen hat: Der Entscheid, weiterhin auf die Investmentbank zu setzen, wird ihm und seinen amerikanischen Freunden innerhalb der Bank zugeschrieben. Als enger Vertrauter gilt etwa der Finanzchef, David Mathers. Das Wirtschaftsmagazin «Bilanz» bezeichnete ihn als eine Art Schweizer Statthalter von Dougan, der meist in Zürich weilt, während Dougan oft in New York ist. 

Gute Seilschaften hin oder her: Brenzlig werden könnte es für Dougan als CEO vor allem aus zwei Gründen: Wenn die Investmentbanking-Strategie nicht die erhofften Früchte bringen wird. Dann wird möglicherweise Präsident Rohner, der als Gegenspieler von Dougan gilt, die Notbremse ziehen. 

Und im US-Steuerstreit hat Dougan gleich selber gesagt, woran er zu messen ist. Vor dem US-Senat hat er im vergangenen Februar beschworen, dass wirklich nur ein kleiner Haufen von Anlageberatern reichen amerikanischen Kunden Beihilfe zu Steuerhinterziehung geleistet hatte. Sollte diese feierliche Erklärung den Untersuchungen der Behörden nicht standhalten, sind die Tage von Dougan definitiv gezählt. 

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Yanik Freudiger, 23.2.2017
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