Wirtschaft

Der griechische Premierminister Alexis Tsipras unterhält sich mit dem Nobelpreisträger Paul Krugman (nicht im Bild). Bild: EPA/ANA-MPA

Ob Griechenland wirklich pleitegeht, zeigt sich ... vielleicht am 11. Mai 

Ein Kompromiss scheint in der Griechenlandfrage nicht mehr möglich zu sein. Stürzt Europa einmal mehr wegen Sturheit und Rechthaberei ins Chaos?

22.04.15, 16:28 04.05.15, 11:57

In den kommenden Tagen treffen sich die Finanzminister der Eurozone in Riga, um einmal mehr einen Grexit zu verhindern. Schon im Vorfeld ist klar, dass es auch diesmal zu keiner Lösung kommen wird. Dafür wird bereits ein neuer Termin für den finalen Showdown in Aussicht gestellt: Der 11. Mai. Dann werden sich die EU-Staatschefs zu einem Gipfeltreffen versammeln. 

Doch wer zählt noch die ultimativ letzten Termine, an denen sich das Schicksal von Griechenland entscheiden soll? Wer kann noch nachvollziehen, wann wie viel Schulden von den Griechen beglichen werden, und wann sie endgültig pleite sind? Griechenland und die Institutionen – wie EU, EZB und IWF neuerdings genannt werden – hetzen von Showdown zu Showdown, und bewegen sich trotzdem nicht einen Millimeter von der Stelle. 

Verkündet Griechenland bald die Staatspleite?

Es zeichnet sich keine Lösung ab, weil es keine Lösung gibt. Zu unterschiedlich sind die Positionen. Die Institutionen beharren darauf, dass die Griechen die Abmachungen einhalten und versprechen, ihre Schulden zu begleichen. Ohne näher auf Zahlenspielereien um Primärbudget und ähnliches einzugehen, kann man festhalten: Das ist schlicht unmöglich. 

Griechenland kann diese Verpflichtungen ganz einfach nicht einhalten, und die neue Regierung wird dies auch nicht tun. Es wird daher immer wahrscheinlicher, dass Griechenland eine Staatspleite verkünden wird. Damit stellt sich die Frage: Bedeutet dies auch automatisch den Austritt aus der Einheitszone oder nicht? Auch auf diese Frage gibt es keine klare Antwort. 

Niemand will einen Grexit

Längst geht es um mehr als Geld, es geht ums Prinzip. Angeheizt von einer durchgeknallten «Bild»-Zeitung ist in Deutschland das Schicksal von Griechenland zur nationalen Grundsatzfrage erhoben worden. Man muss dem Griechen jetzt endlich eine Lektion erteilen, jawoll! Gestützt wird das üble Treiben durch die fragwürdigen Dogmen des deutschen Ordoliberalismus. Was für die schwäbische Hausfrau gilt – sein Haus in Ordnung zu halten – das gilt auch für die Hellenen. 

Das Groteske dabei ist: Niemand will, dass Griechenland die Eurozone verlässt (ein Ausschluss ist unmöglich). Die Griechen selbst möchten in der Eurozone bleiben, weil sie zu Recht das totale wirtschaftliche Chaos befürchten. In Brüssel ahnt man zumindest, dass angesichts der Krise in der Ukraine und der Situation im Nahen Osten ein Grexit in einem politischen Chaos enden könnte.

All dies erinnert irgendwie fatal an die Situation vor dem Ersten Weltkrieg. Wie der australische Historiker Christopher Clark in seinem Bestseller beschreibt, führten damals Sturheit und Rechthaberei dazu, dass die europäischen Staatsoberhäupter den Kontinent wie «Schlafwandler» in einen katastrophalen Krieg führten. 

Bild:melanie gath

Hol dir die App!

Brikne, 20.7.2017
Neutrale Infos, Gepfefferte Meinungen. Diese Mischung gefällt mir.
Abonniere unseren NewsletterNewsletter-Abo
9
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
9Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • dieser Nickname wird schon verwendet. 23.04.2015 10:28
    Highlight Ob Griechenland wirklich pleite geht seht ihr wenn das Licht angeht.
    1 0 Melden
  • Gelöschter Benutzer 23.04.2015 09:06
    Highlight Ihre Aufstellung finde ich gut. So wird zahlenmässig und optisch klar wie hoch die Verschuldung ist.
    Was mich eigentlich im Detail interessieren würde ist was T-Bills sind und an welche Banken Versicherer und Hedgefonds diese zurückbezahlt werden müssen?
    Mir ist schon klar, dass ein Staat (wie im Privaten auch) pleite gehen kann. Im Privaten gibt's Schuldscheine und wenn ich irgendwann zu Geld komme können diese eingelöst werden. Ausserdem erhalte ich keine Kredite mehr.
    Wer steckt hinter den Kreditgeber Hedgefonds, Versicherer, Banken??
    Auswirkungen auf diese Kreditgeber bei Totalverlust??
    2 0 Melden
  • Jol Bear 22.04.2015 20:01
    Highlight Noch und bis auf weiteres will die EU inkl. Zentralbank Griechenlands Austritt aus der Eurozone vermeiden. Die griechischen Politiker wissen das und haben damit die stärkste Spielkarte in der eigenen Hand. Merkel, Draghi & Co. müssen den Griechen deshalb immer wieder, aber ungern entgegenkommen, befinden sich aber auf einer Gratwanderung, weil sie jene Länder, die Sparmassnahmen durchgesetzt haben, nicht zu stark vergraulen dürfen. Das kann auf diese Weise noch lange weitergehen. Die absolute Panik- und Chaosgefahr besteht dann, wenn ein zusätzliches, viel grösseres Land, z.B. Frankreich oder Italien, plötzlich in eine vergleichbare Schieflage geriete. Dann wäre das Griechenland-Problem Peanuts und das politische und das Währungssystem am Ende. Das ist nicht auszuschliessen.
    6 1 Melden
  • Tom Garret 22.04.2015 18:03
    Highlight Ich sage schon lang die EU steuert Mittelfristig auf einen Krieg zu. Wie damals auch die USA. Nur sind die Länder der EU noch viel verschiedener und sprechen nicht mal die selbe Sprache... Wer denkt das Konstrukt EU kann funktionieren sieht nicht recht hin. Die Ideewar gut aber man hat gewisse Grenzen überschritten...
    12 4 Melden
    • Statler 23.04.2015 00:42
      Highlight Nein, die Idee war schlecht. Die EU ist ein reines Wirtschaftskonstrukt - die Menschen gingen dabei vergessen. Drum kann das auch nicht funktionieren.
      4 1 Melden
  • Amboss 22.04.2015 17:36
    Highlight Endlich Staatsbankrott und Neuanfang mit einer eigenen Währung wäre das Richtige.
    Gäbe ein kurzes heftiges Beben und danach geht's allen besser, ausser vielleicht ein paar europäischen Banken.
    Die griechische Wirtschaft ist einfach zu schwach für den Euro. Eine griechische Währung hätte nur Gewinner:
    - Der Staat ist wieder handlungsfähig
    - Die Wirtschaft kann wieder wachsen, der Tourismus wird boomen und Arbeit schaffen.
    11 1 Melden
    • Gelöschter Benutzer 22.04.2015 19:53
      Highlight Griechenland importiert praktisch alles. Mit einer wertlosen Drachme kann man aber nix importieren. Der Verbleib im Euro ist derzeit die bessere Option.
      5 3 Melden
    • Amboss 22.04.2015 22:25
      Highlight Griechenland hat jahrtausende nur mit wenig Import existiert. Die können das noch heute.
      Und durch den Tourismus, der dann boomen wird kommen dennoch genug Devisen ins Land für die notwendigen Importe.
      Es wird ein einfacheres, aber dennoch besseres Leben für die Bevölkerung sein.
      Denn die ist jetzt schon im Elend.
      6 2 Melden
  • christianlaurin 22.04.2015 17:07
    Highlight Ja ja Europa ist schuld. Wie wäre es mal die Griechen auch mal zur Rechenschaft zu ziehen. Tsipras hat Steuer und andrer Sachen den Kampf angesagt. Was ist von des geblieben? Nichts nur mehr Geld....
    8 13 Melden

Der Nationalstaat ist besser als sein Ruf

In seinem Buch «Straight Talk on Trade» plädiert ausgerechnet der progressive Ökonom Dani Rodrik für einen starken Nationalstaat und warnt vor der Illusion einer globalen Regierung. Dabei erklärt er auch, weshalb die Welt mehr Füchse und weniger Igel braucht.

Der Kapitalismus hat schon bessere Tage gesehen. Will er überleben, dann muss er sich neu erfinden, «um die Herausforderungen der Globalisierung, der Ungleichheit, des raschen technischen Wandels, der Klimaerwärmung und demokratischer Rechenschaftspflicht meistern zu können», wie Dani Rodrik in seinem neuen Buch «Straight Talk on Trade» feststellt. Er ist Professor an der Harvard University und einer der renommiertesten Handelsökonomen der Gegenwart.  

Rodrik wird dem progressiven …

Artikel lesen