Wirtschaft
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Wie Alice im Wunderland werden sich Weltwirtschaftsführer wohl unter Künstlern fühlen.
Bild: disney

Am WEF sind haufenweise Künstler. Was machen die da? Unsere Zukunft retten, natürlich

Neben Kevin Spacey und Leonardo DiCaprio sind über vierzig weitere Kulturschaffende am WEF vertreten. Ihre Inputs sollen die Wirtschaftsführer fit machen für die vierte industrielle Revolution.

21.01.16, 09:52 21.01.16, 16:08

Bilder vom WEF 2016

Die drei wichtigsten Fähigkeiten eines Weltwirtschaftsführers im Jahr 2020 lesen sich wie aus der Stellenausschreibung eines kulturellen Unternehmens, eines Theaters zum Beispiel: «Komplexe Problemlösung, kritisches Denken, Kreativität», brauche es, um «in der vierten industriellen Revolution Erfolg zu haben.» 2015 stand die Kreativität erst an zehnter, das kritische Denken an vierter Stelle.

Das WEF hat die Kreativität jetzt also aufs Podest befördert. Und über vierzig Kulturschaffende (doppelt so viele wie 2015) nach Davos eingeladen, um den steifen Strukturköpfen aus der Wirtschaft beizubringen, wie man locker wird, eine Innovation herbei improvisiert oder eine Krise wegzaubert. Oder sich auch einfach hinsetzt, ein Szenarium durchspielt mit verschiedenen Lösungen, sich einem Problem auf der Metaebene nähert, interpretiert, ausprobiert. Wie man spielt, ohne etwas zu verspielen. 

Oder wie man die Vorstellungskraft nutzt und Visionen baut. Die Welt so in seine Arbeit einbaut, damit eine neue Perspektive auf sie entsteht. Und wie man keine Angst hat vor Veränderungen, weil es in der Kunst eh keine festen Strukturen, keinen normierten Alltag und schon gar keine Sicherheit gibt. Kunst zu machen, bedeutet, prekär, riskant und leidenschaftlich zu leben.

Auf einer ideellen Ebene ist der Künstler egoman. Auf einer materiellen – mit Ausnahme weniger – eher selbstlos.

Kreativität ist Krieg. Gegen die Trägheit des eigenen Denkens und für die ultimative Flexibilität. Okay, so betrachtet wünscht man keinem Banker zuviel Kreativität. Am liebsten gar keine. Null.



Nun hat das WEF schon immer superprominente Dekor-Künstler eingeladen, eine Angelina Jolie, einen Leonardo DiCaprio, die mit Menschenrechte und Klimakrise zwar beide ihre grossen, aufrichtigen Anliegen haben, aber in Davos als reines Kamerafutter dienen.

US actor Leonardo DiCaprio reacts upon receiving a Crystal Award during the Crystal Award Ceremony on the eve of the opening of 46th Annual Meeting of the World Economic Forum, WEF, in Davos, Switzerland, Tuesday, January 19, 2016. The overarching theme of the Meeting, which will take place from 20 to 23 January, is

Fast so gut wie ein Oscar: Am Dienstagabend wurde Leonardo DiCaprio am WEF mit einem Crystal Award geehrt.
Bild: KEYSTONE

Leonardo DiCaprio redet in Davos

YouTube/Guardian Wires

Ebenso klar ist auch, wieso einmal mehr der Isländer Olafur Eliasson eingeladen wurde: Er ist ein Unternehmer-Künstler, er macht alles von Fotografie über Skulptur bis Architektur und Design, er betreibt eine wahre Eliasson-Fabrik in Berlin, seine Kunst ist schon längst zur sicheren Kapitalanlage für Sammler geworden. Er konnte die Formel «Kreativitiät = Werk = Wert» erfolgreich knacken.

Doch unter den vierzig, die jetzt in Davos sind, finden sich auch solche, die den People-Portalen nichts bringen. Mehrere Professorinnen und Professoren etwa. Oder schwer gesellschaftskritische Künstlerinnen wie die türkische Autorin Elif Shaka oder die pakistanische Dokumentarfilmerin Sharmeen Obaid-Chinoy. Absolut keine People. 

Elif Shaka kämpft für Meinungs- und Pressefreiheit in der Türkei.
bild: wikipedia

In Krisen greifen ihre Verursacher gerne auf die Kultur zurück und lernen staunend dazu. Nach 9/11 etwa mussten die Regisseure grosser Hollywood-Katastrophenfilme der amerikanischen Regierung erklären, nach welchen ikonischen Bildern und Mechanismen die Anschläge auf die Twin Towers funktioniert hatten. Wieso so und nicht anders. Welche Wirkung damit beabsichtigt wurde.

Jetzt steht uns also die vierte industrielle Revolution bevor, und da sorgt das WEF lieber schon mal vor. Damit sich die Weltwirtschaftsführer bis 2020 ein Kreativpolster zulegen können und lernen, kritischer zu denken. Es ist zu hoffen, dass sich dabei vor allem eines ergibt: eine kreative Selbstkritik.

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Yanik Freudiger, 23.2.2017
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19Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • malu 64 22.01.2016 22:26
    Highlight Die meisten dieser "Künstler" wollen oder brauchen das Rampen
    licht um Werbung in eigener Sache
    zu machen.
    2 1 Melden
  • Marco Rohr 21.01.2016 19:45
    Highlight Wieviele reiche Künstler gibt es, die sich einen Deut darum kümmern, die Welt zu verbessern? Und dann prügelt man auf einen Leonardo di Caprio ein, weil er im Flugzeug um die Welt fliegt. Wie soll er denn sonst reisen? Mit dem Segelboot? Oder gar nicht mehr reisen und das Reden vor Ort anderen überlassen, die nur Luft produzieren? Sicher nicht. Der Mann soll fliegen - so oft er will, wie er will und wohin er will. Er tut es schliesslich primär, um sich aktiv für eine gute Sache einzuseten - und das obendrein mit Erfolg. Die Natur wird das von ihm verursachte CO2 für einmal dankend schlucken.
    7 3 Melden
  • herschweizer 21.01.2016 18:25
    Highlight dicaprio will ja den vw skandal verfilmen... es wird sich sicher wer finden der die Aktion sponsort
    4 3 Melden
    • ramonke 22.01.2016 02:13
      Highlight di caprio braucht sicher niemanden der den film sponsort. bei den meisten seiner filme in letzter zeit war er produzent oder co produzent
      1 0 Melden
  • Echo der Zeit 21.01.2016 17:30
    Highlight Was die am Wef machen ? - Ihr Ego Pflegen
    7 5 Melden
  • gecko25 21.01.2016 13:41
    Highlight Reiche helfen Reichen reich zu bleiben. Mit ihrer Kreativität neue Wege zu finden die 3.Welt auszubeuten, das Proletariat auszunützen und Steuern zu optimieren, welche dann ebendiese Arbeiter übernehmen können. Schöne Vorbilder habt ihr !!
    22 16 Melden
    • Herr Lehmann 21.01.2016 14:11
      Highlight Ich freue mich für Leo! Diese Auszeichnung ist besser als Oscar! Und Umwelt Engagement wird immer positiv gewertet! Guter Schachzug!;)
      14 4 Melden
    • gecko25 21.01.2016 14:41
      Highlight ein guter Schachzug zu seinen Gunsten war es allemal. Soweit bin ich mit Ihnen einverstanden
      11 6 Melden
    • MisterM 21.01.2016 14:45
      Highlight Es gibt reiche Künstler, ja. Z.B. Joanne K. Rowling. Die macht diese bösen Dinge Ihrer Ansicht nach auch, oder wie?

      Reich sein heisst noch lange nicht, böse zu sein. Das liegt alleine am jeweiligen Menschen selbst. Ich kenne wenige Künstler, die mit Ihrer Arbeit Böses antreiben.
      11 2 Melden
    • gecko25 21.01.2016 14:52
      Highlight ich unterstelle niemandem böse Absichten. Sich in den Dienst von gewinnoptimierender Grossindustriellen zu stellen, hat für mich aber auch wenig gutes.
      17 6 Melden
  • Gott 21.01.2016 13:04
    Highlight Ich bin kritisch genug, die Tatsache zu hinterfragen, dass kritisches Denken auf Platz zwei in 2020 steht.
    Liebe Wall Street kann ich bereits heute eine Jobgarantie für in vier Jahren haben? Merci.
    7 5 Melden
  • MisterM 21.01.2016 10:26
    Highlight Was wäre die Welt nur für ein fader Ort ohne Kreativität, ohne Kulturschaffende. Toll, merkt das auch ein Weltwirtschaftsforum. Schöner und wichtiger Artikel mit grossartigem Titel, Simone! Danke!
    34 11 Melden
    • Simone M. 21.01.2016 10:38
      Highlight Gerne! Komplimente am Morgesind doch die schönsten.
      18 9 Melden
    • Matrixx 21.01.2016 10:42
      Highlight Schade nur, dass zunehmend Geld für Kultur (und Bildung) eingespart wird.
      25 7 Melden
    • MisterM 21.01.2016 11:03
      Highlight @Simone M.: Bitte, gern geschehen :)
      @Matrixx: Das stimmt, diese Tatsache ist sehr bedauerlich. Aber auch knappe Mittel werden Künstler zum Glück nie daran hindern, Kunst zu machen. Seien es Autoren, Schauspieler, Maler, Musiker, was auch immer. Trotzdem: Natürlich sehr schade, wenn auch hier gespart wird.
      19 0 Melden
    • Matrixx 21.01.2016 12:17
      Highlight Gespart wird ja nicht an Kultur per se. Kunst machen kostet kein Geld.

      Das Problem ist, dass man besonders jungen Menschen die Möglichkeit nimmt, kreativ heranzuwachsen.
      Kein Kreativunterricht mehr. Kein Platz mehr zum sich kreativ beteiligen..
      22 1 Melden

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