Wirtschaft

Hedgefonds geben nicht nach

Argentinien ist pleite

Am Ende half nichts mehr: Die Verhandlungen zwischen Argentinien und seinen Gläubigern sind gescheitert - die Regierung in Buenos Aires ist pleite. Für die Menschen im Land hat der Staatsbankrott dramatische Folgen. 

31.07.14, 03:36 31.07.14, 06:50

Ein Artikel von

Marc Pitzke, New York / Spiegel Online

Argentiniens Finanzminister Axel Kicillof gibt in New York den Medien Auskunft. Bild: JASON SZENES/EPA/KEYSTONE

Die letzten Stunden der Galgenfrist verronnen tatenlos. Und das in New York, der Stadt, die sonst nie schläft. Um Punkt Mitternacht Ortszeit (6 Uhr MESZ) war es dann so weit: Argentinien ist zahlungsunfähig - zum zweiten Mal seit 2001. 

Nach fast 13 Jahren der Verhandlungen, Klagen und Drohgebährden hat eine Gruppe knallharter US-Hedgefonds - "Geierfonds", so ihre Kritiker - Südamerikas drittgrösste Wirtschaft in die Knie gezwungen: 1,5 Milliarden Dollar hatten sie gefordert, die volle Anleihenschuld aus Argentiniens letztem Staatsbankrott 2001 - und mehr, als Buenos Aires zahlen wollte. 

Erinnerungen an den Staatsbankrott von 2001 werden wach. Damals kam es zu wüsten Szenen wie Plünderungen von Supermärkten ... Bild: AP

Nun dürfte alles aber noch viel teurer werden für Argentinien - und seine Präsidentin Cristina Kirchner, die die Konjunktur vor den nächsten Wahlen 2015 eigentlich aufpäppeln wollte. Jetzt steht ihre Regierung am Ende, es drohen Inflation, Währungsschwäche, Unruhen. 

"Schwach und immer schwächer", so nannte Roberto Sifon-Arevalo, Lateinamerika-Experte der Rating-Agentur S&P, die Wirtschaftslage Argentiniens im "Wall Street Journal". "Diese Situation hilft sicher nicht." S&P wertete Argentiniens Bonität prompt auf "SD" herab, die vorletzte Stufe auf der Skala. Argentinische Aktien stürzten im nachbörslichen Handel ab. 

Der Minister wettert gegen die "Geier" 

Geholfen hatte in der Tat nichts mehr. Zwölf Stunden verhandelten sie am Montag, das erste Mal überhaupt von Angesicht zu Angesicht. Dann noch mal sechs Stunden am Dienstag. Wall-Street-Anwalt Dan Pollack, der gerichtlich bestellte Mittelsmann, öffnete dazu abermals seine Bürosuite im 27. Stock eines Wolkenkratzers an der Park Avenue in New York und servierte zur Stärkung Kaffee und Kaltgetränke. 

Vielleicht war es ein Omen, dass früher mal die Pleitebank Bear Stearns im selben Haus sass. Jedenfalls stürmte die argentinische Delegation, angeführt von Finanzminister Axel Kicillof, am Abend durch das Reporterspalier unverrichteter Dinge ins Freie. "Wir werden kein Abkommen unterzeichnen, das die Zukunft Argentiniens kompromittieren würde", beharrte Kicillof, heiser und erschöpft, später im argentinischen Konsulat in Midtown Manhattan. Immer wieder wetterte er auf seine Widersacher - die "Geier". 

... und Strassenschlachten. Bild: EPA NA

"Leider wurde keine Einigung erzielt", bedauerte Pollack - und betonte den bitteren Ernst der Sache: "Zahlungsunfähigkeit ist kein rein 'technischer' Zustand, sondern ein reales und schmerzhaftes Ereignis, das echten Menschen wehtun wird." Und zwar nicht nur den Gläubigern und Fonds - die nun leer ausgehen - sondern auch "allen normalen argentinischen Bürgern". Die vollen Konsequenzen einer Zahlungsunfähigkeit seien unvorhersehbar, so Pollack, "doch sie sind sicher nicht positiv". 

1680 Prozent Rendite angestrebt 

Der Zank hatte sich über Jahre hingezogen. An der Spitze der Verweigerer stand die US-Hedgefondsgruppe Elliott, die allein Ansprüche auf 1,3 Milliarden Dollar anmeldete - ein Profit von 1680 Prozent auf ihre ursprüngliche Investition. Während andere Gläubiger in der Umschuldung 2002 auf 70 Prozent ihrer Einlagen verzichtet hatten, weigerten sie sich und bestanden auf 100 Prozent Auszahlung. 

Für die Firma des Republikaner-Mäzens Paul Singer, die fast 25 Milliarden Dollar verwaltet, ist das nur ein Klacks. Trotzdem griff Singer zu brutalen Mitteln - darunter die Pfändung von Botschaften und die Beschlagnahme des argentinischen Segelschulschiffs "Libertad". 

Schliesslich verdonnerte US-Bezirksrichter Thomas Griesa Argentinien 2012 dazu, die "Geierfonds" voll auszuzahlen. Bis dahin dürften auch die anderen Gläubiger nichts bekommen. Der Oberste US-Gerichtshof liess das Urteil im Juni bestehen. Damit verstrich am Mittwoch eine Ratenzahlung von 539 Millionen Dollar auf die 29 Milliarden Dollar, die Argentinien den anderen Fonds schuldete - automatischer Auslöser für die S&P-Abwertung. 

Argentiniens Argument war gewesen: Zahlt es die "Geier" aus, könnten auch diese anderen Gläubiger plötzlich auf 100 Prozent bestehen. 

Am Ende gab es noch einen allerletzten Hoffnungsschimmer. Eine Gruppe argentinischer Banken bot den Fonds eine Garantie von 250 Millionen Dollar auf eine spätere Zahlung an: Sie würden die Schuld übernehmen. Die Fonds lehnten ab. "Alles brach zusammen", hiess es aus Verhandlungskreisen. 

In Argentinien nahmen es zumindest manche gelassen. "Wir leben mit diesem Schatten der Krise", sagte die zweifache Mutter Carina Etchegaray der BBC. "Man muss sich anpassen - in diesem Land ist das eben die Lebensart." 

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    Alle Leser-Kommentare
  • Gelöschter Benutzer 01.08.2014 08:50
    Highlight @roger.schmid
    An alle Interessierten: Lesen Sie den Artikel auf Focus Online vom 31.7.2014 "Schockierender Brief aus Buenos Aires: So kaputt ist mein geliebtes Argentinien".
    Dann verstehen Sie, dass es zu einfach ist, einfach nur die "bösen" Spekulanten zu verurteilen. Lesen Sie, was die lieben Regierungsmitglieder in den letzten Jahrzehnten in Argentinien angerichtet haben und sich bereichert haben.
    1 0 Melden
  • Gelöschter Benutzer 31.07.2014 14:00
    Highlight “Museo de la Deuda Externa”, Uriburu 763

    Unter der mitarbeit von studenten und dozenten verschiedener studienrichtungen ist seit 2001 ein museum (dokumentation) entstanden.

    http://www.tageblatt.com.ar/pdf_free/04-04-09_2.pdf (seite 5)
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  • Gelöschter Benutzer 31.07.2014 10:26
    Highlight Statt auf die ausländischen Hedge-Fonds zu wettern - dies sind keine Geier sondern gewöhnliche Spekulanten, die eine Situation ausnützen - sollten sich die Regierungsmitglieder fragen, warum es in Argentinien so weit gekommen ist. Wie letztmals 2001 Korruption, Misswirtschaft, Vetternwirtschaft, Unfähigkeit und die einzelnen Bürger müssen die Zeche bezahlen. Währenddem die Politiker mit ihrem Vermögen womöglich das Weite suchen!
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    • roger.schmid 31.07.2014 16:31
      Highlight oh ja, herr trader. leute wie paul singer können sicher gar nichts dafür.. der arme kerl will nur seinen wohl"verdienten" profit einstreichen. ist ja nicht so tragisch wenn deswegen ein ganzes land in den ruin getrieben wird
      1 1 Melden
  • Tobias K. 31.07.2014 10:00
    Highlight Traurig was da läuft. Wenn man bedenkt, dass de Kirchner die Schulden beim Hedgefond mit einem Fingerschnippen aus Ihrem Privatvermögen tilgen könnte. Dieses Privatvermögen wurde auf zweifelhafte Weise angehäuft. Korruption ist nach wie vor das grösste Problem in Argentinien.
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