Wirtschaft

Ex-Revisor Daniel Senn.  Bild: KEYSTONE

bei allen Skandalen Dabei

Der seltsame Fall des Revisors Senn

Affäre Hildebrand, Fall Holenweger, Kursmanipulationen bei der Valiant Bank – Daniel Senn spielte bei allen Fällen eine zentrale Rolle. Nun ist er seine Zulassung los. Das wird auch den Bundesrat beschäftigen.

07.02.14, 12:50 25.06.14, 09:58

Die Geschichte von Revisor Daniel Senn liest sich wie eine Tragödie, gespickt mit den wohl spektakulärsten Skandalen, welche die Schweizer Justiz, die Politik, die Wirtschaft und nicht zuletzt die Öffentlichkeit in den letzten Jahren beschäftigt haben.

Von der Affäre um den ehemaligen Privatbankier Oskar Holenweger, der für den kolumbianischen Drogenbaron Pablo Escobar Geld gewaschen haben soll, über dubiose Aktienkäufe der Valiant-Führung bis hin zu den Devisentransaktionen um Ex-Nationalbankpräsident Philipp Hildebrand, die dem eleganten Notenbanker das Genick brachen – in allen Fällen spielte Senn als oberster Revisor eine zentrale Rolle. 

Heuer, es scheint fast so, wird wohl das letzte Kapitel in der Geschichte des Revisors Senn aufgeschlagen. Sieben Jahre nach seinem Aufstieg in den innersten Führungszirkel der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG steht er mit leeren Händen da.

Ausgemustert und ohne Zulassung.

In einem Interview mit der «Handelszeitung» vor mehr als sechs Jahren antwortete Senn auf die Frage, was er gerne erfinden würde, Folgendes: «Die Möglichkeit, die Zeit anzuhalten und zu verlangsamen, also eine Zeitmaschine.»

Spätestens seit die «NZZ am Sonntag» letzte Woche publik gemacht hat, dass der leidenschaftliche Golfspieler seine Zulassung als Revisor nun endgültig verloren hat, möchte Senn die Zeit wohl zurückdrehen.

Ein Blick in das Register der Revisionsaufsichtsbehörde (RAB) bestätigt: Der Revisor ist seit dem 31. Januar 2014 seine Zulassung los. 

Auszug aus dem Register der eidgenössischen Revisionsaufsichtsbehörde (RAB).

Hat Senn seine Zulassung selbst zurückgezogen?

Die RAB, die allen in der Schweiz tätigen Wirtschaftsprüfern auf die Finger schaut, führt gegen Senn ein Gewährleistungsverfahren. Ein solches Verfahren wird eingeleitet, wenn Zweifel an der «Gewähr für einwandfreie Prüftätigkeit» bestehen. Anstoss zum Verfahren könnten unter anderem strafrechtliche Verfehlungen oder Verletzung der Unabhängigkeit gegeben haben.

Ob dem von der KMPG im vergangenen Jahr ausgemusterten Revisor seine Zulassung aufgrund dieses Verfahrens entzogen worden ist oder ob er sie gar selbst zurückgegeben hat, wollte ein Sprecher der RAB auf Anfrage von watson nicht kommentieren. Senn war für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

Die Vorwürfe, Holenwegers Bank habe Gelder des kolumbianischen Drogenbarons Pablo Escobar gewaschen, lösten sich in Luft auf.

Senns Abstieg begann bereits 2003 mit der Verhaftung des Privatbankiers Oskar Holenweger. Die Eidgenössische Finanzmarktaufsicht (Finma) betraute die KPMG damit, Holenwegers Tempus Bank zu durchleuchten. Die Untersuchungen leitete Daniel Senn. Die Vorwürfe, Holenwegers Bank habe Gelder des kolumbianischen Drogenbarons Pablo Escobar gewaschen, lösten sich jedoch in Luft auf.

Privatbankier Oskar Holenweger 2003 auf dem Weg ins Gericht.  Bild: KEYSTONE

Der Aufstieg ins Machtzentrum der KPMG

Zwar ist der Fall Holenweger, den das Bundesstrafgericht mit einem Freispruch für den Bankier strafrechtlich beendet hat, vom Tisch. Hängig ist aber immer noch ein Staatshaftungsbegehren. Holenweger macht Senn und die KPMG (nebst den involvierten Behörden) dafür verantwortlich, dass er seine Bank 2004 «unter Zwang» verkaufen musste. Gemäss Roland Meier vom Eidgenössischen Finanzdepartement (EFD) ist das Staatshaftungsbegehren noch immer hängig.

In seiner Zeit bei der KPMG mauserte sich Daniel Senn zu einem profunden Kenner der Schweizer Bankenszene. Sein Wort hatte Gewicht. 

Dabei hatte sich alles so blendend entwickelt für Revisor Senn: Bereits 1997 kam er zur KPMG und übernahm zunächst als Manager und drei Jahre später als Partner die Verantwortung für grosse nationale und internationale Bankinstitute, unabhängige Privatbanken und Kunden aus dem Fonds- und Versicherungsbereich. Zudem betreute er zahlreiche regulatorische Mandate der Eidgenössischen Bankenkommission (EBK) – der heutigen Finma – und war als Spezialist für Fragen zur Geldwäscherei tätig. 

In seiner Zeit bei der KPMG mauserte sich Daniel Senn zu einem profunden Kenner der Schweizer Bankenszene. Sein Wort hatte Gewicht. 2007 übernahm er die Sparte Audit Financial Services von KPMG Schweiz und war neu auch Geschäftsleitungsmitglied. Es war für den diplomierten Wirtschaftsprüfer und Bankfachmann die Krönung eines beharrlichen Aufstiegs.

Die Affäre Hildebrand

Dann kam das Jahr 2012 und Senn wurde einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Im Auftrag des Bankrates, des Aufsichts- und Kontrollgremiums der Nationalbank, untersuchte er nach dem Rücktritt Philipp Hildebrands wegen eines Dollar-Deals, den dessen Frau Kashya über das Familienkonto bei der Bank Sarasin abgewickelt hatte, alle Eigentransaktionen des Direktoriums. 

Philipp Hildebrand verkündet am 9. Januar 2012 seinen Rücktritt als Präsident der Nationalbank.  Bild: KEYSTONE

Am 7. März präsentierte Senn sein Ergebnis und kam zu Schluss: «Wir sind bei der (...) Analyse auf keine Sachverhalte gestossen, welche darauf schliessen lassen, dass Philipp Hildebrand, Thomas Jordan, Jean-Pierre Danthine, Thomas Moser, Thomas Wiedmer oder Dewet Moser durch Finanztransaktionen in den Jahren 2009, 2010 oder 2011 das Reglement 2010 und die Richtlinien 2007 verletzt hätten.»

Mit anderen Worten: Senn attestierte allen Mitgliedern des Direktoriums eine weisse Weste. Ironie der Geschichte: Das Reglement wurde im Nachgang der Affäre Hildebrand verschärft.

Mörgeli wirft Senn Befangenheit vor

Dass Senn den Mitgliedern des Direktoriums, insbesondere Philipp Hildebrand, einen Persilschein ausstellte, stiess SVP-Nationalrat Christoph Mörgeli sauer auf. Die KPMG-Revision der Nationalbank durch Daniel Senn sei eine Schmierenkomödie, wetterte er.

SVP-Nationalrat Christoph Mörgeli wirft Senn Befangenheit vor.  Bild: KEYSTONE

Mörgeli machte einen Interessenkonflikt aus und reichte im Parlament eine Interpellation ein. Darin kritisierte der SVP-Mann, dass «ausgerechnet Daniel Senn von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG beauftragt wurde, der gleichzeitig als ‹Lead Audit Partner› der Bank Sarasin wirkt und damit im Fall Philipp Hildebrand offensichtlich einen Interessenkonflikt hat». 

Demnach hätte Senn das offizielle Prüfmandat der Bank Sarasin innegehabt. Ebenjene Bank, über die die Hildebrands ihre Dollar-Deals abgewickelt hatten.

Die KPMG änderte daraufhin auf ihrer Website die Bezeichnung von Senn in «Lead Partner», um jeglichen Verdacht, der KPMG-Revisor könnte befangen sein, aus der Welt zu schaffen. Dabei handelte es sich anscheinend ohnehin um eine Fehlinformation. Offizieller Prüfer der Bank Sarasin war zu diesem Zeitpunkt Ernst & Young.

Mörgeli liess jedoch nicht locker und fragte den Bundesrat in zwei Vorstössen, warum ausgerechnet Senn und die KPMG mit der Untersuchung der Affäre Hildebrand betraut worden seien.

Der Fall Valiant

Ein schiefes Licht auf Daniel Senn und die KPMG wirft auch der Fall Valiant. Die Führungsriege der Regionalbank hatte jahrelang (zwischen September 2007 und Februar 2010) eigene Aktien genutzt, um andere Banken zu übernehmen. Mit einer Vernichtung von Eigenkapital und vermutlich anderen Mitteln wurde der Aktienkurs künstlich hoch gehalten. Mit der Untersuchung zum Fall Valiant wurde die KPMG und Daniel Senn betraut. Pikant: Die KPMG ist ein Grosskunde der Bank. Das Ergebnis: Revisor Senn befand die Machenschaften der Valiant-Führungsriege als rechtens.

Zu einem ganz anderen Schluss kam die Finma: Sie bezichtigte die Valiant-Spitze der Marktmanipulation. Die Bank habe «in schwerer Weise gegen ihre Gewährs- und Organisationspflichten» verstossen. Wenig später (2012) gab Valiant-Chef Kurt Streit seinen Rücktritt bekannt. Senn sagte daraufhin lediglich, das Urteil der Finma sei zu akzeptieren. (sza)

Antwort erhielt er keine. Daraufhin bemühte der SVP-Mann die RAB und brachte seine Vermutung ein, dass Senn bei der Bank Sarasin ein Börsenkonto unterhalten habe, womöglich noch beim gleichen Vermögensverwalter wie Hildebrand, wie er lakonisch anfügte. Zwar leitete die RAB eine Untersuchung ein, verfolgte aber die Fährte nach kurzer Zeit nicht weiter. Zu den Details der Untersuchungen halten sich die Behörden bis heute bedeckt.

Sensibles Mandat für Revisor Senn

Derweil ist für Mörgeli die Sache noch lange nicht erledigt, wie er im Gespräch mit watson betont. In der Frühjahrssession will er den Bundesrat abermals bemühen, Licht in den «Fall Senn» zu bringen. Darüber hinaus will er wissen, warum das Staatshaftungsbegehren Holenwegers immer noch hängig ist.

Zudem verdichten sich die Indizien, dass der plötzliche Abgang Senns bei der KPMG eben doch mit der Untersuchung der RAB in Zusammenhang steht. Das Unternehmen wollte Senns abrupten Abgang auf Anfrage von watson nicht kommentieren. 

Und was macht Senn heute?

Kurz nach seinem Abgang bei der KPMG im letzten Frühjahr gründete Senn die DS Capital Partners AG, eine auf Unternehmensberatung spezialisierte Firma mit Sitz in Baar ZG. Laut Handelsregister gehören Prüftätigkeiten nicht zum Zweck des Unternehmens. Ebenfalls eingetragen ist Fabio Oetterli – Ex-Julius-Bär-Jurist und Partner eines Treuhandbüros in Baar.

Fällt der Name Oetterli, wird schnell klar, dass Senn doch nicht ganz von der grossen Polit- und Finanzbühne verschwunden ist. Zusammen leiten der Ex-KPMG-Mann und der Jurist eine Selbsthilfeorganisation von 60 Schweizer Banken. Sie soll offene Fragen im Steuerstreit mit den USA klären. Die Initialzündung zur Vereinsgründung hatte die Bankiervereinigung gegeben.

Kein Problem für Oetterli

Gemäss dem Finanzportal «Inside Paradeplatz» wusste die Lobbyorganisation anfänglich nichts von der Co-Leitung Senns in der Selbsthilfeorganisation. Man habe lediglich die Initialzündung gegeben, betonte ein Sprecher später. 

Zweck des Vereins mit dem Namen «Association Program 2013» ist, die Kommunikation mit dem US-Justizdepartement, der Finma und dem Staatssekretariat für internationale Finanzfragen (SIF) zu bündeln.

Senn, der ausgemusterte KPMG-Revisor, dessen Zulassung eben erst erloschen ist, an der Spitze einer Banken-Selbsthilfegruppe, die in den Steuerstreit involviert ist?

Fabio Oetterli sieht darin überhaupt kein Problem: «Wir administrieren den Verein auch weiterhin gemeinsam. Darauf hat die Löschung von Senns Zulassung als Revisor keinen Einfluss», erklärt der Jurist im Gespräch mit watson. Mehr könne er dazu nicht sagen, nur so viel zum Schluss: Die ganze Geschichte mit Senn sei ohnehin nur alter Wein in neuen Schläuchen.  

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Yanik Freudiger, 23.2.2017
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    Alle Leser-Kommentare
  • Enerli 07.02.2014 13:51
    Highlight Toller Artikel! Jetzt ging auch mir das eine oder andere Licht auf!
    9 0 Melden

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