Wirtschaft

Menschen warten vor einer geschlossenen Bankfiliale in Athen. Bild: YANNIS BEHRAKIS/REUTERS

Griechenlands Premier kündigt Referendum an – und das Volk stürmt die Geldautomaten

27.06.15, 06:29 27.06.15, 11:24

Unmittelbar nach der Ankündigung der Volksabstimmung über ein mögliches Sparprogramm haben sich vor den Geldautomaten in Griechenland lange Schlangen gebildet. Einige Geldautomaten waren wegen des Ansturms leer, wie Augenzeugen berichteten. 

Fernsehbilder vom Samstagmorgen zeigten, wie am zentralen Athener Platz von Kolonaki fast 40 Menschen vor dem Geldautomaten der National Bank of Greece warteten. Auch in anderen Stadtteilen gab es ähnliche Bilder. 

Viele Griechen fürchten, dass egal was das Ergebnis des Referendums sein werde, ein Austritt Griechenlands aus der Eurogruppe unabwendbar sei und heben soviel Geld wie möglich ab. 

Abstimmung am 5. Juli

Regierungschef Alexis Tsipras hatte am frühen Morgen in einer Fernsehansprache angekündigt, dass er das griechische Volk darüber abstimmen lassen will, ob die Regierung in Athen das von den Gläubigern verlangte Sparprogramm akzeptieren soll. Die Volksabstimmung soll bereits am nächsten Sonntag, dem 5. Juli, stattfinden. 

Alexis Tsipras informierte über das geplante Referendum. Bild: EPA/ANA-MPA

Die Abstimmung würde nach Ablauf des Hilfspakets stattfinden. Er werde die Gläubiger bitten, das Ende Juni auslaufende Hilfspaket um einige Tage zu verlängern, sagte Tsipras.

Der 40-jährige Links-Politiker versprach, sich an das Ergebnis der Abstimmung zu halten. Seiner Regierung sei von den Gläubigern ein Ultimatum gesetzt worden, das unvereinbar sei mit den in Europa geltenden Prinzipien. Tsipras sprach von nicht tragbaren Belastungen für die Bürger, die die sozialen Ungleichgewichte noch verstärken würden.

Das griechische Parlament soll noch am Samstag zusammenkommen, um grünes Licht für das Referendum zu geben. 

Rangeleien vor Geldautomaten

«Ich habe Menschen gesehen, die in Hausschuhen und Pyjama kamen, um Geld abzuheben», berichtet Spiegel-Online-Korrespondent Giorgos Christides. Junge Frauen und Männer, die sich Freitagnacht zum Ausgehen getroffen hatten, hätten die Bars und Restaurants verlassen und den nächsten Bankautomaten aufgesucht. «Andere riefen schnell Freunde und Familie an und rieten ihnen, aufzustehen und sich so viel Geld wie möglich zu sichern.» Vereinzelt sei es an den Automaten zu Rangeleien gekommen.

 «Die Bürger müssen keine Angst haben»

Panos Kammenos, Chef der Koalitionspartei ANEL, versuchte, die Menschen zu beruhigen. «Die Bürger müssen keine Angst haben», sagte er einem Lokalsender. «Die Banken werden nicht schliessen, die Geldautomaten werden Geld haben.» Die Befürchtungen seien übertrieben.

Bild: EPA/ANA-MPA

Ob die Banken den neuen Ansturm der Kunden verkraften, ist offen. Es wird bereits darüber diskutiert, die Schalter am Montag geschlossen zu lassen und sogenannte Kapitalverkehrskontrollen einzuführen. Dabei könnten die Abhebungen pro Person und Kunde begrenzt werden, ebenso wie Überweisungen ins Ausland. 

Die griechische Regierung wies solche Überlegungen jedoch zurück. Die Banken würden am Montag wie gewohnt öffnen. Auch Kapitalverkehrskontrollen seien nicht geplant. 

Entscheidendes Treffen am Samstag

Die Euro-Finanzminister versuchen heute in Brüssel in letzter Minute die Rettung Griechenlands vor der Staatspleite. Bei einem entscheidenden Treffen in Brüssel wollen die Minister sich mit der griechischen Regierung auf ein Reform- und Sparpaket einigen. 

Eigentlich sollte bis zum Monatsende eine Einigung mit Griechenland gefunden und diese von den Euro-Mitgliedsländern abgesegnet werden. Das erscheint durch das spätere Referendum nun nicht mehr möglich. 

Nächste Woche muss Griechenland 1,6 Milliarden Euro an den Internationalen Währungsfonds (IWF) überweisen. Sollte Athen die Zahlung nicht leisten, dürfte die Verunsicherung der Bürger noch zunehmen. Die Griechen haben zuletzt bereits ihre Konten geräumt, zusammen mehrere Milliarden abgehoben, weswegen die Banken auf Nothilfen angewiesen sind.

(sda/dpa/reu)

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Markus Wüthrich, 5.5.2017
Tolle Artikel jenseits des Mainstreams. Meine Hauptinformations- und Unterhaltungsquelle.
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7Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Gelöschter Benutzer 27.06.2015 14:24
    Highlight Dies hat die Bevölkerung vor allem Tsipras und Varoufakis zu verdanken. Die unseriösen Auftritte dieser Politiker gegenüber der EU hat dazu geführt, dass die Situation langsam aber sicher ausser Kontrolle gerät. Darum herrscht jetzt in Athen "Rette sich wer kann" und alle springen zu den Banken um die Euro zu beziehen, bevor die Drachme wieder eingeführt wird.
    2 0 Melden
  • Marco31 27.06.2015 12:54
    Highlight Griechenland kann machen was sie wollen. Es wird auf einen Neuanfang hinauslaufen.
    6 0 Melden
  • Michèle Seiler 27.06.2015 08:44
    Highlight Irgendwie erinnert der mich stark an die Vertreter einer Partei hierzulande ...
    7 17 Melden
  • amore 27.06.2015 08:08
    Highlight Die wahre Demokratie. Der Rest von Europa sollte sich davon inspirieren lassen. Denn die Europäische Berufspolitikerkaste regiert schon lange an den Bürgern vorbei. Vielleicht ist Griechenland doch die Wiege der Demokratie.
    29 10 Melden
    • Gelöschter Benutzer 27.06.2015 14:22
      Highlight Wünsche Griechenland viel Glück. Das ist das einzig richtige.
      Hoffe auch das sich andere Länder davon inspirieren lassen.
      Die EU ist doch ein Fass ohne Boden. So weit ich weiss, gibt es in der EU kein Staat, der nach dem Beitritt, weniger Schulden hatte. Nein, der Schuldenberg steigt bei allen Staaten. Wieso will da noch jemand beitreten? Kann da nur eins sagen, Menschenverstand einschalten.
      1 0 Melden
  • Nikoletta Seraidou 27.06.2015 07:29
    Highlight Oha! Herr Tsipras wendet die brutalste Form der Demokratie an. Mal schauen wer sich darüber empört.
    21 3 Melden
    • willey 27.06.2015 11:18
      Highlight Ich könnte mir vorstellen, das dies einigen EU Diktatoren so gar nicht passen wird.
      13 3 Melden

So neutral informiert Tsipras die Griechen über die kommende Abstimmung. Nicht. 

Die griechische Regierung hat gestern Abend eine offizielle Website zu dem für das Wochenende geplanten Referendum ins Netz gestellt – inklusive Countdown.

Unter dem Stichwort «Info & Infographics» sollen die Hintergründe des Referendums aufgelistet werden. Neutral zu informieren scheint dabei nicht im Sinne der Regierung zu sein. So beziehen die dargestellten Grafiken klar Stellung gegen die Spar- und Schuldenpolitik. 

Aufgeführt wird beispielsweise, dass seit 2010 die Zahl von …

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