Wirtschaft

Der Absturz des Ölpreises setzt gewaltige Kräfte frei – aber vor allem negative

Billionen von Dollar werden umverteilt, Millionen Firmen und Investoren ändern ihre Strategien, ganzen Staaten droht die Pleite. Gerät die Weltwirtschaft aus dem Gleichgewicht?

21.01.16, 10:32 21.01.16, 10:49

Stefan Schultz

Ein Artikel von

Es ist nur eine einzelne Zahl, nur ein einzelner Wert, der sich verändert. Doch wenn er dies tut, dann setzt das Kräfte frei, die so gewaltig sind, dass sie die Weltwirtschaft in ihren Grundfesten erschüttern.

Seit Tagen bewegen sich die Preise für die drei weltweit wichtigsten Ölsorten unter der Marke von 30 Dollar. Seit Mitte 2014 sind sie um 75 Prozent eingebrochen. Und viele Experten, darunter die Internationale Energieagentur, erwarten, dass die Talfahrt in den kommenden Monaten weitergeht. Ökonomen bereitet das zunehmend Sorgen.

Bedenklicher Kurssturz

Eine besonders drastische Warnung stammt von einem prominenten deutschen Finanzexperten. Der Preissturz sei ein «systemisches Risiko», sagt Klaus Kaldemorgen von Deutschlands grösster Fondsgesellschaft DWS. Was im Klartext heisst: Es besteht die Gefahr, dass der Preissturz am Ölmarkt eine neue globale Finanz- und Wirtschaftskrise auslöst. Eine katastrophale Kettenreaktion, die Staaten an den Rand der Pleite bringen und Dutzende Millionen Menschen ins Elend stürzen könnte.

Nicht alle Ökonomen drücken sich so drastisch aus wie Kaldemorgen. Doch immer mehr Experten halten den rapide fallenden Ölpreis für ein globales Risiko. Sie sehen gleich drei Gefahren.

Geopolitische Risiken

Bild: ALI JAREKJI/REUTERS

Schon jetzt destabilisiert der Preissturz am Ölmarkt eine Reihe Länder, deren Haupteinnahmequelle der Export des Rohstoffs ist. In Staaten wie Algerien, Libyen oder Nigeria fehlt den Regierungen das Geld für Sozialprogramme und Sicherheit; es drohen neue Unruhen und Proteste, die auch auf Nachbarländer übergreifen könnten. Venezuela und Ecuador stehen durch den aktuellen Ölpreis gar vor der Staatspleite – was an den Anleihemärkten für Unruhe sorgt.

Auch die russische Regierung steckt in Finanznöten, allein im laufenden Jahr muss sie ihren Haushalt um zehn Prozent kürzen. Nach Ansicht mancher Experten könnte Präsident Wladimir Putin versuchen, mit neuen aussenpolitischen Abenteuern vom Elend daheim abzulenken.

Analyse dazu: Wie der Ölpreis die globale Sicherheit gefährdet

Risiken für die Finanzmärkte

In der Finanzkrise 2008 platzte eine Spekulationsblase im US-Immobiliensektor. Nun droht, abermals in den USA, eine neue Spekulationsblase zu platzen: Investoren haben massig Geld in Firmen gesteckt, die Öl mit der sogenannten Fracking-Technologie fördern (genaueres hier). Durch den niedrigen Ölpreis droht vielen Fracking-Firmen nun die Pleite. «Die Zinsen für die Anleihen solcher Unternehmen sind auf Finanzkrisenniveau gestiegen», sagt der Ökonomieprofessor Henrik Enderlein.

Platzt die Kreditblase?

Das direkte Risiko ist überschaubar. Die Gesamtschulden der US-Fracking-Industrie werden auf etwa 200 Milliarden Dollar geschätzt. Doch Experten fürchten einen Dominoeffekt. Wenn Investoren Hochrisikoanleihen verkaufen, dann stossen sie meist auch Anleihen anderer Firmen ab.

Ihre nachvollziehbare Sorge ist, dass auch Firmen aus anderen Branchen von einem Platzen der Fracking-Blase indirekt betroffen wären. Das kann zu Panikverkäufen führen, bei denen die Zinsen für alle möglichen Unternehmensanleihen in die Höhe getrieben werden – auch von solchen, die objektiv gar nicht betroffen sind.

Den Unternehmen fehlt dann Geld für neue Investitionen. Dadurch verschlechtern sich ihre Wachstumsperspektiven. Das wiederum bringt Anleger dazu, auch die Aktien solcher Firmen abzustossen. In der Folge kann es auch an der Börse zu Panikverkäufen kommen. Es wäre dieselbe Kettenreaktion wie in der Finanzkrise 2008.

Umbrüche im Gefüge der Weltwirtschaft

Die Skyline von Dubai.
Bild: Kamran Jebreili/AP/KEYSTONE

Das dritte und vielleicht grösste Risiko für die Weltwirtschaft ist die Umlenkung der Kapitalströme. Während Ölproduzenten sowie deren Zulieferer und Kreditgeber dramatische Verluste erleiden, sparen die Ölverbraucher viel Geld – und geben dieses oft an anderer Stelle aus.

Was für eine gewaltige Umverteilung da im Gange ist, zeigt folgende Rechnung: Lange war ein Ölpreis von 100 Dollar pro Barrel (159 Liter) die Norm. Bei diesem wäre die jährliche Weltölproduktion gut 3.5 Billionen Dollar wert. Beim derzeitigen Ölpreis von rund 30 Dollar sind es nur noch rund eine Billion Dollar.

Die Umlenkung der Kapitalströme verändert die Weltwirtschaft an Millionen Stellen gleichzeitig, im Grossen wie im Kleinen. Betroffen sind Unternehmen, die ihre Projektpläne ändern müssen. Investoren, die ihre Risikokalkulationen und Anlagestrategien anpassen. Aber auch ganze Märkte, in denen sich Angebot und Nachfrage verändern. So fehlen dem Sektor für Luxusimmobilien plötzlich die reichen Ölscheichs als Kunden. Und in Nahost werden milliardenschwere Infrastrukturprojekte verschoben – was bei europäischen Baufirmen zu Ausfällen führt.

Betroffen sind einzelne Autobesitzer, die plötzlich verschwenderischer fahren. Konsumenten, die sich durch die niedrigen Energiepreise nun Dinge leisten können, von denen sie vor einem Jahr nicht einmal zu träumen wagten. Aber eben auch Regierungen wie Russland, die ihren Jahreshaushalt zusammenstreichen müssen.

Fazit

Die wachsenden geopolitischen Risiken, das drohende Platzen der Fracking-Blase, die millionenfachen Veränderungen in der Weltwirtschaft: All das erzeugt vor allem ein Gefühl. «Es herrscht grosse Unsicherheit», sagt Enderlein. «Und es gibt nichts, was die Märkte mehr hassen.»

Denn Unsicherheit lässt Investoren weltweit Entscheidungen aufschieben. Sie provoziert irrationale Entscheidungen an Börsen und Finanzmärkten. Unsicherheit kann sich schlimmstenfalls selbst verstärken – und das wirtschaftliche Gleichgewicht stören.

Ein Ende der Unsicherheit ist nicht in Sicht. Denn niemand weiss, wie lange und wie tief die Ölpreise noch fallen. Viele neue Förderprojekte liegen aus Geldmangel auf Eis. Das Angebot auf dem Weltölmarkt wird sich zwangsläufig irgendwann verknappen. Dann werden die Preise wieder steigen – womöglich ebenso ruckartig wie sie zuvor gefallen sind. Die Kräfte der Veränderung werden dann erneut wirken – in die andere Richtung.

Zusammengefasst: Der Ölpreis fällt immer schneller. Ökonomen sehen dadurch drei grosse Gefahren: Der Preissturz destabilisiert erstens ganze Weltregionen und zweitens die Finanzmärkte. Drittens werden durch den Preissturz die globalen Kapitalströme umgelenkt – was die Weltwirtschaft an Millionen Stellen gleichzeitig verändert. All das erzeugt Unsicherheit bei Investoren und Unternehmern.

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21
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    Alle Leser-Kommentare
  • Gelöschter Benutzer 21.01.2016 14:34
    Highlight Sorry vileicht eine dumme Frage..
    Wenn von Billionen die Rede ist, kann ich davon ausgehen, dass es von der Amerikanischen Billion in die Europäische umgerechnet worden ist?
    Ich kenne mich nicht aus...
    10 0 Melden
    • Thanatos 21.01.2016 18:02
      Highlight Nein. Eine Milliarde für die gesamte Ölfördermenge? Dann wäre der Ölpreis bei unter 3 Rappen.
      1 0 Melden
    • Gelöschter Benutzer 22.01.2016 08:48
      Highlight Merci!
      1 0 Melden
  • JaAber 21.01.2016 14:02
    Highlight Die Kommentare, mit welchen die negativen Seiten der ganzen Öl-Geschichte angeprangert werden, teile ich (leider) voll und ganz. Zum Artikel selbst ist m.E. jedoch zu sagen, dass er sich nicht mit der Immobilienblase vergleichen lässt. Dort wurden reine Buchwerte (kein realer Gegenwert) vernichtet, während hier bestehendes Geld einfach nicht für den Ölkauf benötigt wird. Das Geld ist also weiter vorhanden und kann andernorts eingesetzt und auch investiert werden.
    6 0 Melden
    • Gelöschter Benutzer 21.01.2016 14:41
      Highlight aber wie nachhaltig?
      es wird wohl genauso kurzsichtig und renditemaximierend verwendet/eingesetzt werden wie immer!

      leider gibt es kein wirkliches mittel gegen diese neue art der weltweiten ausbeutung...
      ...resp. es getraut sich niemand wirklich etwas dagenen unternehmen zu wollen, denn sonst würde man ja den ast auf dem man selber sitzt unter seinem a.... absägen.
      2 1 Melden
  • Elkomentarias 21.01.2016 12:41
    Highlight Der der am meisten öl hat, selber oder das erbeutete, der kann am meisten druk ausüben indem er die preise absichtlich nach unten drückt indem er am meisten rauslässt... und so verlieren die andern an macht. Nur hab ich das Gefühl das dies ein kurzfristiger erfolg sein wird. Alles braucht öl und
    4 0 Melden
  • Matthias Studer 21.01.2016 12:25
    Highlight Viele Investoren haben die letzten paar Jahre auf das falsche Pferd gesetzt. Statt in die Zukunft zu planen, haben sie den schnellen und kurzfristigen Gewinn bevorzugt.
    Stört mich das? Nein. Sie hätten immer wieder umlenken können. Sie hätten Zeit gehabt, dass ganze zu planen, organisieren und durchführen. Jetzt passiert alles im Eilzugtempo mit viel Verlusten.
    11 0 Melden
    • Gelöschter Benutzer 21.01.2016 14:36
      Highlight sie und uns "normal bürger" wird es spätestens dann schmerzlich spührbar werden, wenn diese blase(n) platzen, die "tooooo big to fail" firmen staatlich aus der 🚽 gezogen/gerettet werden müssen, die steuern hochgeschraubt werden, die arbeitslosigkeit explodiert (>10%), die lebenshaltungskosten "pluto" erreichen und ...

      leider werden diejenigen, die das wirklich zu verantworten haben sich ins feustchen lachen und sich unschuldig in ihren restlichen 💵💴💶💷 wälzen und klagen was das zeugs hergibt...
      2 0 Melden
    • Matthias Studer 21.01.2016 15:15
      Highlight Nun ja, wenn ich ehrlich bin, rechne ich schon lange mit einem solchen Szenario.
      2 0 Melden
  • Abel Emini 21.01.2016 12:00
    Highlight Ich glaube die Ölscheichs und Ölförderstaaten haben genug Milliarden in den letzten Jahren verdient!
    24 0 Melden
  • Triumvir 21.01.2016 12:00
    Highlight Am schlimmsten finde ich, dass jetzt Umweltschweine wieder gehörig Auftrieb bekommen werden und sich jetzt wohl auch die Autoindustrie um den Verbrauch ihrer SUV-und-PS-Monster in der nächsten Zeit keine Gedanken machen werden. Ausserdem wird Fliegen wohl billiger werden und es wird wieder vermehrt mit den Ölressourcen verschwenderischer umgegangen werden. Es ist echt zum heulen!
    20 9 Melden
    • wipix 21.01.2016 13:02
      Highlight Dem widersprechen die Verkaufszahlen! Es werden immer mehr Hybrid / Elektrofahrzeuge verkauft, obwohl der Benzinpreis sinkt. Es gibt übrigens auch Hybrid SUVs! Die Autofahrer sind nicht dumm und rechnen mit einem erneuten Anstieg des Benzinpreises...
      8 3 Melden
  • Asmodeus 21.01.2016 11:40
    Highlight Positives aus der aktuellen Situation:

    - Fracking lohnt sich nicht (SEHR GUT für die Umwelt)
    - Ölstaaten bekommen weniger Geld (SEHR GUT in Fällen wie Saudi Arabien oder im Falle von DAESH die dies als Einnahmequelle nutzen)
    - Kreditblase könnte platzen (GUT! Dann hört man vielleicht irgendwann auf ständig solche Kreditblasen zu erzeugen. Man kann nicht Geld und Wert generieren wo nichts ist.
    Würde ich meiner Bank sagen, dass mein Konto eigentlich 15 Mal soviel wert ist wie ich Geld drauf habe würden sie mich zurecht auslachen)
    44 1 Melden
  • auoji 21.01.2016 11:30
    Highlight Der kleine Mann/Frau: Alle die heute bei einem Normallohn ein grosses Auto kaufen und/oder sehr lange Arbeitswege per Auto in Kauf nehmen, werden vor einem grossen Problem stehen, sobald der Pendel auf die andere Seite ausschlägt. Gemäss der Natur eines Pendels darf man damit rechnen, dass der Fr/Liter für Benzin weit über 2.- ausschlagen wird.
    11 4 Melden
    • Matthias Studer 21.01.2016 12:23
      Highlight Stimmt. Nur gibt es noch einen anderen Blickwinkel vom ganzen. Nehmen wir die Region Biel. Diese Region ist so gut wie Tod. Da mögen noch so viele Uhrenhersteller grosse Gebäude bauen. Für den kleinen Mann/Frau gibt es wegen dem kaum mehr Jobs. Viele, die ich kenne, mussten einen langen Arbeitsweg in kauf nehmen, da dies vom Staat gefordert wird. Vielleicht sollte man aufhören, Wirtschaftsstandorte zu fördern, dafür mehr auf eine ausgeglichene Bewirtschaftung der Standorte achten.
      11 2 Melden
    • wipix 21.01.2016 13:07
      Highlight @Mathias Studer. Da stimme ich Dir zu. Um dies jedoch umzusetzen müssten vom Kanton faire & motivierende Rahmenbedingungen geschaffen werden. Davon ist aber gerade der Kanton Bern weit entfernt! Wenn man ein Start-Up gründet, wird man vom ersten Tag an Steuerlich derart gepiesackt, dass einem die Lust auf den Standort schnell vergeht! Schade! Und kurzsichtig vom Kanton Bern!
      2 1 Melden
    • auoji 21.01.2016 17:06
      Highlight Ich wäre für eine Richtungsabgabe: Je näher die Arbeitnehmer wohnen je geringer fällt diese aus. Das soll auch neue Standorte fördern; Die Firmen gründen eine Niederlassung dort, wo ihre Arbeitnehmer herkommen. Die reduzierte Mobilität würde sehr viele Probleme lösen
      1 0 Melden
  • rolf.iller 21.01.2016 11:00
    Highlight Dass es dem Fracking an den Kragen geht ist Grundsätzlich gut. Da pumpt man eine unbekannte Giftbrühe mit Hochdruck auf 5000 Meter tiefe und hohlt ein bischen Öl raus. Das ganze ist total sicher. Und wenn dann doch was passiert, geht halt die eine Firma, die dieses eine Loch betrieben hat pleite. Die Bewohner bleiben auf dem Schaden sitzen
    37 3 Melden
  • Gelöschter Benutzer 21.01.2016 10:54
    Highlight Ich gehe fest davon aus, dass nicht alle Unternehmen ein Problem mit dem fallenden Ölpreis haben. Wie richtig geschrieben wurd wird der Kapitalstrom umgeleitet, was bedeutet er kommt anderen Sparten bzw. Unternehmen zu. Hierraus entstehen auch Möglichkeiten. Jedes Risko ist auch eine Chance, fragt sich nur welche Seite wir kommunizieren wollen... ;-)
    26 1 Melden
  • Gelöschter Benutzer 21.01.2016 10:49
    Highlight ist das ein vorgeschmack dessen was passiert, wenn in 20-50 jahren der letzte tropfen erdöl gefördert werden wird?

    die menschheit hat es immer noch nicht geschnallt, dass es 1 vor 12 und nicht "nur 5 vor 12" ist, bezüglich der energie- und umweltkrise dieser unserer welt.

    mir graut davor, was unsere/meine kinder in der zukunft erleben und durchmachen müssen...😩😣
    16 6 Melden
  • The Writer Formerly Known as Peter 21.01.2016 10:49
    Highlight Schweinebauchzyklus. Was runter geht, geht auch mal wieder rauf...
    14 1 Melden

Energie

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