Wirtschaft
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Ex-SNB-Chef Hildebrand: «Es lässt sich wohl nicht verhindern, dass Europa mehr Geld für Sicherheit ausgeben wird»

Europas Wirtschaft wächst langsamer als die amerikanische, nun kommt noch die Terrorangst hinzu: Der US-Finanzgigant Blackrock sieht massive Risiken. «Was in Europa passiert, ist besorgniserregend», sagt Vizechef Philipp Hildebrand.

23.11.15, 16:26 23.11.15, 17:26

Stefan Kaiser



Ein Artikel von

Innert weniger Jahre zum Finanzgiganten: Blackrock
Bild: EDUARDO MUNOZ/REUTERS

Philipp Hildebrand empfängt hoch über Frankfurt, im 41. Stock des Opernturms. Durch die Glasfassade schaut man auf die beiden Türme der Deutschen Bank runter: ein Sinnbild für die neue Ordnung in der Finanzwelt.

Hildebrand ist Vizechef von Blackrock, jenes amerikanischen Finanzgiganten, der in den vergangenen Jahren zum grössten Vermögensverwalter der Welt aufgestiegen ist. 4.7 Billionen Dollar hat Blackrock zur Verfügung – eine gigantische Summe. Mehr als das deutsche Bruttoinlandsprodukt. Rund vier Mal so viel wie die Vermögensverwaltung der Deutschen Bank.

Das Geld kommt von Grosskunden wie Versicherungen und Staatsfonds, aber auch von Kleinanlegern, die in Fonds von Blackrock und der Tochtergesellschaft Ishares investiert haben. Und es steckt unter anderem in einem Firmenimperium, das seinesgleichen sucht: Ob US-Banken wie JP Morgan und Citigroup, Ölgiganten wie Exxon Mobil und Chevron, oder Konsumgüterkonzerne wie Nestlé und Apple – überall ist Blackrock als Grossaktionär beteiligt. In Deutschland gehören dem Vermögensverwalter grössere Anteile an dutzenden Unternehmen – von Daimler über Bayer bis zur Deutschen Bank.

Hildebrand ist für die Betreuung der ganz grossen Investoren zuständig. Doch wenn er spricht, merkt man, dass noch viel von seinem alten Job in ihm steckt: Bis Anfang 2012 war er Präsident der Schweizer Nationalbank und nahm die Grossbanken des Landes an die Kandare. Dann kam heraus, dass seine Frau mit Währungen spekuliert hatte – ohne sein Wissen, wie er beteuerte. Trotzdem trat er zurück.

Nun ist Hildebrand ein Handlungsreisender der Finanzwelt. Gerade kommt er aus Miami, wo er mit Arnold Schwarzenegger zu Abend gegessen hat. Er ordert einen Espresso, gegen den Jetlag.

Philipp Hildebrand
Bild: EPA/KEYSTONE

Herr Hildebrand, die Terroranschläge von Paris verunsichern die Menschen in ganz Europa. Viele fragen sich: Kann man noch ins Fussballstadion gehen? Kann man noch zum Weihnachtsmarkt oder mit dem Zug fahren? Lähmt so eine Unsicherheit auch die Wirtschaft?
Hildebrand: Diese tragischen Ereignisse bringen natürlich einen weiteren Unsicherheitsfaktor in die Wirtschaftslage. Das könnte negative Effekte vor allem für den Konsum mit sich bringen. Bis zu einem gewissen Grad könnten auch Probleme beim Handel dazukommen, etwa wenn es an den Grenzen strengere Kontrollen für Güter gibt. Auf der anderen Seite rechne ich aber infolge der Anschläge auch mit gesteigerten Staatsausgaben, die wachstumsunterstützend wirken werden.

Das müssen Sie erklären.
Ich denke, dass die Ereignisse von Paris die Fiskalpolitik der EU verändern werden. Es ist jetzt allen klar geworden, dass ganz Europa im Visier der Terroristen ist. Die staatlichen Ausgaben für Sicherheit werden deshalb deutlich steigen. Das verstärkt einen Trend, den es bereits seit einigen Monaten gibt: Die Phase der Austeritätspolitik ist nun endgültig vorbei.

Die EU-Kommission hat ja schon signalisiert, dass Frankreich den Stabilitätspakt erst mal nicht mehr einhalten muss und höhere Staatsdefizite machen kann als eigentlich erlaubt. Könnten diese Ausnahmen auch für andere Länder gemacht werden?
Ja, es lässt sich wohl nicht verhindern, dass Europa mehr Geld für Sicherheit ausgeben wird. Das gilt auch für Deutschland, auch wenn Wolfgang Schäuble hier alles tun wird, um Vorsicht walten zu lassen. Man könnte es vielleicht so zusammenfassen: Der Stabilitätspakt der Eurozone wird mindestens temporär durch einen Sicherheitspakt ersetzt. Dies wird einerseits die Nachfrage stützen, aber andererseits bauen sich hier langfristig möglicherweise erneut Schuldenprobleme auf.

Im Zuge des VW-Skandals wurde ja schon das Ende von «made in Germany» ausgerufen. Hat die Affäre um manipulierte Abgaswerte dem Ruf Deutschlands wirklich so geschadet?
Nein, dafür sehe ich keine Anzeichen. Aber was mich schon besorgt, ist das Muster, dass frappantes Fehlverhalten europäischer Firmen immer wieder von amerikanischen Behörden aufgedeckt wird. Das scheint mir das wahre Problem zu sein. Ich denke da nicht nur an VW, sondern auch an die Banken oder an die FIFA.

Woran liegt das? Haben es die amerikanischen Behörden besonders auf die europäischen Firmen abgesehen?
Das ist die Reaktion, die dann instinktiv aus Europa kommt – die scheint mir aber kurz gegriffen. Ich glaube, dass Europa die Pflicht hat, an seine Unternehmen die höchsten Ansprüche zu stellen, sei es in punkto Unternehmensführung oder auch im Hinblick auf den Umweltschutz. Dies wird in der langen Frist für das europäische Wachstum positiv sein. Was hier aber passiert, ist besorgniserregend. Das darf Europa auf Dauer nicht zulassen. Ich habe das selbst erlebt bei den Banken, wo Europa es jahrelang versäumt hat, die mangelnde Kapitalausstattung zu beheben. Die Amerikaner dagegen sind das Problem schon 2009 angegangen, und die Banken sind schnell wieder gesundet. In Europa hat man es unter den Teppich gekehrt.

Wie kommt es, dass die Behörden hier in Europa nicht hart genug durchgreifen? Wollen sie die eigenen Unternehmen schützen?
Ich kann das aus der Nähe am besten für den Finanzbereich beantworten. Da war es schon ein riesiges Problem, dass die nationale Bankenaufsicht immer sehr eng mit der Politik verbunden war. Dieser Nexus wurde erst jetzt durch die Einführung der europäischen Bankenaufsicht gebrochen. Ausserdem hatte man in Europa nie wirklich den Mut, in grossem Ausmass öffentliches Geld in die Banken zu stecken – oder dies zumindest anzudrohen, wie man es in den USA gemacht hat.

Ist das der Grund dafür, dass die europäischen Banken von den amerikanischen so abgehängt wurden?
Absolut. Und nicht nur das. Es ist auch einer der Gründe dafür, dass die wirtschaftliche Entwicklung in Europa so viel schlechter war als in den USA. In Europa ist die Wirtschaft so stark von den Banken abhängig, dass es ein riesiger Fehler war, die Finanzinstitute so lange so schwach und unterkapitalisiert zu lassen. Wir haben dafür einen hohen Preis gezahlt.

Weil die Banken dann keine Kredite an Unternehmen und Verbraucher vergeben.
Ja. Europa ist ein Wirtschaftsraum, der massgeblich von Banken finanziert wird. Wenn wir schwache Banken haben, haben wir schwaches Wachstum.

Die Europäische Zentralbank versucht, dem schwachen Wachstum durch Gelddrucken zu begegnen. Sie wird Anfang Dezember womöglich verkünden, dass sie noch mehr Anleihen aufkauft als bisher oder sogar den Strafzins für Banken erhöht, wenn sie Geld bei ihr parken. Ist das richtig?
Europa hat zwei Probleme, und ein wesentliches davon ist ein Nachfrageproblem: Die Wirtschaft ist nicht ausgelastet, auch die Arbeitslosigkeit ist nach wie vor zu hoch. Und die Inflation liegt nahe Null. Hier muss man Verständnis haben, wenn sich die EZB über weiteren Handlungsbedarf Gedanken macht. Sie ist angesichts ihres gesetzlichen Mandats, stabile Preise zu gewährleisten, sogar verpflichtet, weitere Massnahmen in Betracht zu ziehen.

Aber?
Europa hat auch ein Strukturproblem. Arbeits- und Produktmärkte sind überreguliert. Investitionen lohnen sich zu wenig. Das Wachstumspotenzial ist zu gering. Und hier kann die Geldpolitik nichts machen. Da braucht es die Bereitschaft der Politik, bestehende Strukturen aufzubrechen. Je länger man damit wartet, diese fundamentalen Probleme anzugehen, desto höher wird der Preis sein.

Die US-Notenbank Fed hat angedeutet, dass sie im Dezember erstmals seit sieben Jahren wieder die Zinsen anheben könnte. Die halbe Finanzwelt zittert davor. Wie schlimm wird es wirklich?
Die jahrelange Nullzinsphase in den USA war ein bisher einmaliges Experiment, das nun hoffentlich zu Ende geht. Das wird mit stärkeren Schwankungen an den Finanzmärkten verbunden sein. Aber ich bin überzeugt, dass dieser erste Schritt uns wieder in ein besseres Gleichgewicht bringen wird. So wird es auch für die anderen Notenbanken der Welt leichter, irgendwann wieder zur Normalität zurückzufinden. Je länger wir in dem jetzigen System der Nullzinsen gefangen sind, desto schwieriger wird es, da jemals wieder rauszukommen.

Schon seit Monaten gibt es enorm starke Schwankungen an den Märkten. Bankenvertreter behaupten, das liege daran, dass die Banken keinen Handel mehr auf eigene Rechnung betreiben dürften und deshalb in schwierigen Marktsituationen als Käufer ausfielen. Stattdessen regierten Vermögensverwalter wie Blackrock den Markt, die immer dann kaufen und verkaufen, wenn andere das auch tun – also den Herdentrieb verstärken. Stimmt das?
Ich habe in den vergangenen Jahren gelernt, dass man nicht immer auf das Gejammer der Bankenvertreter hören sollte. Es stimmt, dass der Eigenhandel der Banken verboten oder sehr teuer gemacht wurde. Wenn Sie aber schauen, in welchen Bereichen die Schwankungen besonders gross sind, dann sehen sie, dass das ausgerechnet die Märkte mit einer hohen Liquidität sind, wo also viel gehandelt wird und es ganz offensichtlich nicht an Marktteilnehmern mangelt: bei amerikanischen oder deutschen Staatsanleihen etwa oder bei Aktien. Die Analyse dieser Bankenvertreter scheint mir also sehr kurz gegriffen.

Warum sind die Ausschläge dann trotzdem so viel stärker als früher?
Es ist enorm viel Unsicherheit im System. Das liegt zum einen an der extrem lockeren Geldpolitik, die ein historisch einmaliges Experiment darstellt. Niemand weiss genau, was die geschieht, wenn diese Politik einmal umgekehrt wird. Aber es gibt noch andere Unsicherheiten: den technischen Wandel etwa, die neuen Regulierungen, die Umwälzungen in China – und nun auch noch die Sicherheitsängste wegen der Terroranschläge. Wir müssen damit rechnen, dass die Ausschläge an den Finanzmärkten stark bleiben.

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    Alle Leser-Kommentare
  • Kronrod 23.11.2015 17:07
    Highlight Bei den amerikanischen Bussen gibt es durchaus einen Heimvorteil für US-Firmen. Für das systematische Tricksen bei den Hypotheken vor 2008 wurde niemand so hart bestraft, wie die europäischen Banken für kleinere Vergehen. Bussen sind zu einer willkommenen Einkommensquelle für amerikanische Behörden geworden. Anders als Zölle werden sie nicht in Freihandelsabkommen begrenzt.
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