Wirtschaft

Löhne und Rationen gekürzt: Beim «Islamischen Staat» wird das Geld knapp

Die IS-Dschihadisten müssen auf ihr Budget achten, heisst es aus den besetzten Gebieten. Löhne werden halbiert, Kämpfern die Schokoriegel gestrichen. Dafür pressen die Extremisten der Zivilbevölkerung mehr ab.

18.02.16, 19:55

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Die Luftangriffe der US-geführten Koalition gegen den «Islamischen Staat» (IS) zeigen offenbar Wirkung: Das Bargeld der Dschihadisten wird knapp. Dies legen Interviews mit Syrern und Irakern nahe, die in IS-Gebieten leben. Interne Dokumente der Miliz, die der Dschihad-Forscher Aymenn Jawad Al-Tamimi ausgewertet hat, sprechen ebenfalls dafür.

«Nicht nur das Gehalt der Kämpfer wurde halbiert, auch das der Angestellten in den Gerichten und Schulen», sagte ein Aktivist aus Rakka. Im Januar wurde bereits bekannt, dass den Milizionären – egal ob Kommandant oder einfacher Fusssoldat – der Lohn halbiert werden sollte.

Doch diese Sparmassnahmen reichen anscheinend nicht aus. Im syrischen Rakka bekämen die Kämpfer nicht mehr wie bisher gratis Energiedrinks und Schokoladenriegel ausgeteilt. Im irakischen Falludscha seien ihre Mahlzeiten von drei auf zwei pro Tag zusammengestrichen worden, berichten Einheimische.

Kriegen weniger Geld und Essen: Kämpfer des «IS»
Bild: AP/Militant photo via social media

Bonus weg, Gehalt halbiert

Für die Löhne der Kämpfer geht ein grosser Teil des IS-Budgets drauf. Die Gehälter variieren dabei je nach Hierarchiestufe, Einsatzort und Nationalität des Kämpfers. Los ging es bisher bei rund 400 Dollar im Monat – in etwa dem Dreifachen des syrischen Durchschnittslohns und dazu branchenbedingt krisensicher. Zudem wurde in begehrten US-Dollars bezahlt statt in irakischen Dinar oder syrischen Lira.

Lange kamen dazu noch «Boni», die Beute auf Eroberungszügen, aber auch sie sind knapp geworden. Denn anstatt zu expandieren, ist das «Kalifat» im letzten Jahr geschrumpft.

Um die Einnahmen zu steigern, presst der IS die Menschen unter seiner Herrschaft weiter aus. So berichten Einwohner der irakischen Stadt Mossul, dass der IS die Abgaben auf Strom und Wasser stetig erhöhe. In Rakka seien die Bewohner angewiesen worden, in Zukunft ihre Rechnungen nur noch in den schwer zu bekommenden Dollarscheinen zu bezahlen.

Einige Syrer und Iraker in IS-Gebieten erhalten Rücküberweisungen in Dollar von Verwandten im Ausland. Anders sei es schwierig, über die Runden zu kommen, berichten die Interviewten: Die Inflation nehme stetig zu. In Mossul beispielsweise habe sich der Preis für Zucker innerhalb weniger Monate verdoppelt.

Der IS weitet den Ablasshandel aus

Auch in seiner Ideologie zeigt sich der IS nun flexibler: Frauen, die in den Augen der Dschihadisten nicht angemessen gekleidet waren, wurden bisher ausgepeitscht. Nun müssen sie stattdessen Geldstrafen bezahlen, berichteten Einwohner von Mosul.

In Falludscha werden Gefangene aus der Haft entlassen, wenn ihre Verwandten 500 Dollar in bar bezahlen gewissermassen als Kaution. Familien, die Falludscha verlassen wollten, müssten nun 1000 Dollar dafür bezahlen – eine Summe, die das Vermögen der meisten übersteigt.

Zwangsabgaben, Plünderungen und Erpressungen sind die wichtigste Einnahmequelle des IS, weit bedeutender als der Öl-, Gas- und Stromhandel.

Ein Zusammenbruch des IS erscheint unwahrscheinlich

US-Kampfjets hatten im Januar das IS-Depot in Mossul zerbombt, wo die Dschihadisten Millionen Dollar in Bar eingelagert hatten, die sie zuvor aus den Banken der Stadt plündern konnten. Insgesamt ist die Bilanz der US-geführten Koalition gegen die Dschihadisten allerdings durchwachsen. Im Februar sollen US-Flugzeuge eine Bäckerei zerstört und 15 Zivilisten getötet haben.

Trotz der aktuellen Sparmassnahmen warnen Experten vor der Einschätzung, der IS stünde nun kurz vor dem Zusammenbruch. Denn noch immer gilt der «Islamische Staat» als eine der reichsten Terrorgruppen der Welt. Eine Rebellion gegen die IS-Herrschaft sei nicht zu erwarten, glaubt der IS-Experte Al-Tamimi: «Es ist offensichtlich, dass Abweichler im Inneren unterdrückt werden. Und bis heute hat ihnen keiner eine bessere Alternative angeboten.»

Dieses Dilemma betont auch die Politikwissenschaftlerin Mara Revkin. «Die Einstellungen gegenüber dem IS werden vor allem dadurch geprägt, was man in einem Kriegsgebiet als 'normal' betrachtet und dadurch, welche Alternativen es gibt.» Und da seien viele Syrer und Iraker skeptisch.

ras

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