Wirtschaft
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Erkenntnisse eines Chefs: «Der Fisch stinkt immer vom Kopf her»

Die Mitarbeiterbefragung war ein Schock für den deutschen Hotelier Bodo Janssen. Denn seine Angestellten wünschten sich vor allem – einen anderen Chef. Er flüchtete ins Kloster und merkte: Führen kann nur, wer die Richtung kennt.

27.04.16, 06:25 27.04.16, 06:52

Verena Töpper

Ein Artikel von

Herr Janssen, 2010 kam bei einer Mitarbeiterbefragung heraus, dass Ihre Angestellten Sie hassen. Wie war das für Sie?
Janssen: Die Umfrage war ein Schock. Auf einmal war ich kein allwissender Top-Manager mehr, sondern ein Flop-Manager. Aber ich habe mich den Problemen gestellt. Wir haben jetzt eine ganz andere Firmenkultur, ohne Macht, Druck und Kontrolle. Die Zufriedenheit ist seit damals um mehr als 80 Prozent gestiegen, die Mitarbeiter sind deutlich seltener krank, wir bekommen fünfmal so viele Bewerbungen und haben den Umsatz mehr als verdoppelt.

Ihren Mitarbeitern haben Sie nun in einer Ansprache viele Probleme gewünscht. Warum machen Sie so etwas?
Weil ich sie ermutigen möchte, Probleme als Chance und nicht als Risiko zu begreifen. Ich wünsche ihnen nichts Schlechtes, es geht mir darum, dass sie Herausforderungen mit anderen Augen sehen. An Fehlern kann man wachsen, diese Erfahrung habe ich selbst gemacht, und die möchte ich weitergeben.

Sie beschäftigen jetzt sogenannte Corporate-Happiness-Beauftragte. Bespassen die Ihre Mitarbeiter nun rund um die Uhr?
Nein, es geht nicht darum, Mitarbeiter zu bespassen, indem man Tischkicker aufstellt oder gemeinsame Aktivitäten organisiert. Es geht darum, Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen jeder einzelne seine Potenziale entfalten kann, um mehr Freude an der Arbeit zu haben.

Zur Person

Bodo Janssen (Jahrgang 1974) hat BWL und Sinologie studiert. Nachdem sein Vater 2005 bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam, übernahm er die Führung der familieneigenen Hotelkette Upstalsboom. Gerade ist sein erstes Buch erschienen: «Die stille Revolution. Führen mit Sinn und Menschlichkeit».

Klingt ziemlich abstrakt.
Warum stehe ich jeden Tag auf? Was gibt meinem Leben eine Bedeutung? Unsere Corporate-Happiness-Beauftragten helfen unseren Mitarbeitern dabei, diese Fragen zu beantworten – auf Basis der positiven Psychologie. Ich selbst wusste lange Zeit keine Antwort darauf. Ich habe nie darüber nachgedacht. Bis ich mich nach dem verheerenden Ergebnis der Mitarbeiterumfrage für einen dreitägigen Kurs im Kloster eingeschrieben habe: «Spirituell Führen» bei Pater Anselm Grün. Dort ist mir klar geworden, dass ich andere nur führen kann, wenn ich für mich selbst weiss, wo es langgeht. Der Fisch stinkt immer vom Kopf her.

Für diese Weisheit hätten Sie sich nur einen Kalender mit Sprüchen kaufen müssen.
Für mich war das eine wichtige Erkenntnis: Wenn meine Mitarbeiter gestresst sind, muss ich erst bei mir selbst für Ruhe sorgen. Ich muss vorleben, was ich von ihnen erwarte. Ganz konkret konnte ich das gerade erst wieder in einer unserer Abteilungen sehen. Seit die Führungskraft dort konsequent nur noch von neun bis fünf arbeitet, sind alle viel ausgeglichener.

Schicken Sie Ihre Führungskräfte jetzt auch ins Kloster?
Wenn sie das möchten: ja. Ich bin damals so euphorisch von dem Kurs zurückgekommen, dass ich alle Führungskräfte ins Kloster eingeladen habe. Aber das Ergebnis war sehr unterschiedlich. Einige fanden es okay, andere nicht. Es gab Mitarbeiter, die zum Beispiel die Ruhe nicht gut ertragen konnten. Zehn Prozent meiner Führungskräfte haben nach diesem Selbstfindungsprozess sogar gekündigt! Sie haben festgestellt, dass ihre Berufung doch woanders als im Hotel liegt.

Das hatten Sie sich wohl anders vorgestellt.
Ich war enttäuscht, weil der Klosterbesuch bei meinen Mitarbeitern nicht das gleiche bewirkt hat wie bei mir. Aber dann ist mir klar geworden, dass es darum gar nicht geht. Jeder muss selbst schauen, ob und was er aus so einer Erfahrung machen will. Und wenn er nichts daraus macht, ist das auch okay. Als ich das meinen Mitarbeitern gesagt habe, kam auf einmal etwas in Gang. Sie fühlten sich nicht mehr unter Druck gesetzt. Heute bieten wir verschiedene Schulungen an: Wer nicht ins Kloster mag, kann zum Beispiel ein Potenzialtraining besuchen, das auf der Gehirnforschung basiert.

Und was hat sich jetzt konkret im Alltag Ihrer Mitarbeiter geändert?
Mit unseren Azubis bin ich zum Beispiel auf die Zugspitze und auf den Kilimandscharo geklettert. Und statt anonymer Mitarbeiterbefragungen setzen wir nun auf den sogenannten Fishbowl. Dabei sitzen alle in einer Art Stuhlarena und drei Menschen, die auf den Stühlen in der Mitte sitzen, haben das Wort. Wenn jemand nichts mehr sagen mag, macht er den Platz frei und ein anderer kommt nach vorn.

Sitzen da nicht immer dieselben vier Redner?
Nein, im Gegenteil, es melden sich jetzt Leute zu Wort, die sich früher nie getraut haben. In einer dieser Runden sass zum Beispiel eine Frühstückskraft, die wissen wollte, wie es sein kann, dass wir Schulen in Afrika bauen, sie aber kein Geld hat, um mit ihrer Tochter einmal im Jahr in den Urlaub zu fahren. Da ist mir klar geworden, dass soziales Engagement wenig bringt, wenn die Grundbedürfnisse nicht gedeckt sind. Also haben wir begonnen, die Gehälter der Basis stärker zu entwickeln – und die Boni für Führungskräfte zu reduzieren und langfristig sogar zu streichen. Das Prinzip Zuckerbrot und Peitsche hat ausgedient.

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Yanik Freudiger, 23.2.2017
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9Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • dracului 27.04.2016 23:34
    Highlight Es gibt deutlich mehr Manager-Ratgeber, als es gute Chefs gibt. Darum mein Tipp für die meisten Manager: Macht keine Befragungen oder ignoriert wenigstens die Ergebnisse! In der Schweiz ist die Dichte an unbrauchbaren Führungsleuten gigantisch, denn Unfähige rekrutieren Leute mit gleichen Qualifikationen nach. In der Schweiz gibt es nur einen Ausweg: Selbständigkeit!
    0 1 Melden
  • Juan Igg 27.04.2016 10:51
    Highlight Und jetzt lieben ihn plötzlich alle, hahah
    7 0 Melden
  • kleiner_Schurke 27.04.2016 09:01
    Highlight Er war nach der Umfrage plötzlich “kein allwissender Top Manager mehr“. Heisst das nun, dass Bodo sich vor dieser legendären Umfrage tatsächlich für einen “allwissender Top Manager“ gehalten hat? Und in seiner Allwissenheit ist es Bodo nicht aufgefallen das in seinem Betrieb Leute arbeiten deren kärgliches Gehalt nicht mal ausreicht um mal in den Urlaub fahren zu können? Eine Frage: Wie kommen solche Typen bloss in die Positionen die sie inne haben? Wie kann das sein? Man kann nur Führen, wenn man selber weiss wo es lang geht – die Hammer Erkenntnis aus dem Kindergarten am 1. Tag.
    14 0 Melden
    • Habicht 27.04.2016 11:51
      Highlight Steht bei zur Person:
      Nachdem sein Vater 2005 bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam, übernahm er die Führung der familieneigenen Hotelkette Upstalsboom.

      Frage geklärt?
      10 0 Melden
  • irational 27.04.2016 07:40
    Highlight der typ wird ja zur zeit total gehypt. dumm nur dass er immernoch drr gleiche selbstverliebte erleuchtete ist und immernoch glaubt durch seinen mytischen mönchskontakt die weisheit von neuem gefunden zu haben. wenn ich erlich bin, seine erleuchtung hatte ich mit 17 jahren in besetzten häusern und auf der strasse. der herr ist einfach ein weiteres rich-kid aus der priviligierten parallelwelt der sich immernoch für was besonderes hält
    23 9 Melden
    • Waldorf 27.04.2016 08:17
      Highlight Frustriert?
      26 7 Melden
    • Sheez Gagoo 27.04.2016 23:07
      Highlight @Iratonal:
      Du hast recht, aber das rich kid zeigt Spuren von Selbstreflexion und ist immerhin Willens, sein Verhalten zu ändern. Ob er immer noch ein Arschloch ist? Weiss ich nicht. Vielleicht. Verdient er den Hype? Vielleicht. Weiss ich auch nicht. Nach dem Interview mag ich den Typen immer noch gar nicht aber ich anerkenne seine Bemühungen. Er probiert, sich seiner privilegierten Stellung als würdig zu erweisen. Da habe ich schon ganz anderes erlebt.
      1 0 Melden
  • Zeit_Genosse 27.04.2016 07:21
    Highlight Er spricht von seinen Fehlern und seinen Lösungen. Mit dieser Rezeptur ist er an seine Belegschaft gelangt - es ihm gleich zu machen - und ist gescheitert. Erst als er gemerkt hat, dass jeder seine eigenen Probleme hat und dass seine Lösungen darauf nicht passen, war die Erkenntnis da, das Personalentwicklung nicht heisst, von sich auf andere zu schliessen, sondern andere wahrnehmen und von ihrem Standpunkt aus Raum für ihre Entwicklung zu geben. Da muss man nicht auf den Kilimandscharo mit Azubis und ein Buch schreiben. Aber trifft einen Nerv und spricht aus, was viele menschliche Chefs tun.
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    • Marcel Nandy Füllemann 27.04.2016 18:18
      Highlight Das Buch gibt es nur wegen den erhöhten Löhnen. Irgentwo muss das Geld ja herkommen xD
      0 0 Melden

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