Wirtschaft

«Jedes Unternehmen sollte analysieren, was passieren kann, wenn Daten gestohlen werden»: André Kudelski. Bild: KEYSTONE

Unternehmer André Kudelski im Interview

«Die Chance für Datendiebe steigt» 

Der Westschweizer Technologie-Unternehmer André Kudelski sagt, wie enorm die gesamte Wirtschaft sich verändern wird. 

30.01.15, 14:41 30.01.15, 15:00

Christian Dorer / Aargauer Zeitung

Ein Artikel der

Herr Kudelski, die Sony Filmstudios sind wegen Cyberattacken praktisch am Ende. Was zeigt das? 
André Kudelski: Sony ist nur ein Fall von vielen. Wenn man das Muster von Firmen betrachtet, die Opfer von Cyberattacken wurden, fällt auf: Die wichtigsten Fälle betreffen nicht IT-Firmen. Solche sind gegen Angriffe besser gewappnet, weil sie die Gefahren kennen. Andere nicht.

Unterschätzen Firmen die Gefahr von Cyberattacken? 
In Europa viel mehr als in den USA.  

Was können Unternehmen tun? 
Jedes Unternehmen sollte analysieren, was passieren kann, wenn Daten gestohlen werden – und definieren, was geschützt werden muss. Es ist nicht möglich und auch nicht nötig, alles zu schützen. Denn wenn man versucht, alles zu schützen, dann schützt man am Ende gar nichts. 

Wer ist besonders gefährdet? 
Unternehmen mit sehr vielen Kunden und vertraulichen Kundendaten, denn da ist das Schadenpotenzial besonders hoch. Nehmen wir eine Kreditkarten firma: Wenn ihr die Kundendaten – Kartennummern, Bankkonto, Telefonnummern etc. – gestohlen werden, hat auch der Kunde einen riesigen Schaden. Und die Firma vermutlich Klagen am Hals. Eine Cyberattacke kann das Ende einer Firma bedeuten. Das kann oft nicht ausgeschlossen werden. Opfer von Cyberattacken erleiden oft Reputationsschäden und wesentliche Folgekosten. Verantwortliche Manager verlieren unter Umständen ihre Stelle. 

«Für Cyberverbrechen gibt es keine Grenzen.» Bild: BECK DIEFENBACH/REUTERS

Wieso steigt das Risiko von Cyberattacken?
Wir stecken mitten in der Digitalisierung ganzer Wertschöpfungsketten. Dadurch steigt die Chance für Datendiebe, an wertvolle Informationen zu gelangen. Dazu kommt: Für Cyberverbrechen gibt es keine Grenzen. Man kann von irgendeinem fremden Land aus einen Angriff starten.

Betrifft es nur Grossfirmen oder auch KMU? 
Alle! Die Ausbeute bei KMU ist zwar kleiner, oft sind sie aber auch weniger gut geschützt. 

Bundeskanzlerin Angela Merkel nannte in ihrer Neujahrsansprache die digitale Revolution als ersten Punkt, als sie die Herausforderungen für Europa aufzählte. Einverstanden? 
Ja, ich gehe sogar noch weiter: Die Digitalisierung ist nicht mehr ein separater Unternehmenszweig. Heute wird alles digital. In der mechanischen und analogen Welt half Elektronik, gewisse Abläufe zu automatisieren. Beispiel Auto: Früher war das eine eigenständige Maschine. Heute sind Autos immer mehr vernetzt, eines Tages werden alle Autos miteinander verbunden sein, selber fahren und so ein Transportsystem bilden, den schnellsten Weg und freie Parkplätze vorhersehen.  

Der öffentliche Verkehr ist nicht bedroht. Bild: KEYSTONE

Das bedeutet das Ende des öffentlichen Verkehrs. 
Zwischen Genf und Bern fahren Sie noch immer Zug und steigen dann ins selbstfahrende Auto um, das Sie ins kleine Emmentaler Dorf bringt. Dieses Auto wäre dann nicht mehr ein Gegenstand, den man besitzt, sondern man nutzt es, wenn man es braucht. Das bedeutet aber auch: Es kommt nicht mehr auf Design oder PS-Zahl an. Das Beispiel zeigt, wie die Digitalisierung Einzug in traditionell mechanische Branchen hält. 

Und das ist nur ein Beispiel. 
E-Health ist ein anderes. Sensoren werden in intelligente Kleider und Gadgets eingebaut. Man wird so Körperdaten laufend messen und überwachen können. Die Daten werden in ein Rechencenter übermittelt, dann wird wenn nötig automatisch der richtige Medikamentenmix zusammengestellt. 

Das tönt unheimlich... 
Es ist auch eine grosse Chance für Unternehmen, wenn sie sie packen. Die ganze Wirtschaft muss diese Entwicklungen einbeziehen, die Digitalisierung wird jede Branche verändern. 

Keine grosse Revolution bei den Mobiltelefonen. Bild: KEYSTONE

Wie ist die Schweiz aufgestellt? 
Nicht schlecht. Wir müssen uns einfach bewusst sein, was passiert: Die Veränderungen sind wie eine riesige Welle. Die USA sind in dieser Transformation voraus. Deshalb muss man stets im Auge behalten, was in den USA passiert, eher als bei unseren direkten Nachbarn. Das Mobiltelefon ist ein gutes Beispiel. Die ersten GSM-Mobilfunknetze wurden in Europa entwickelt. Heute haben die USA den Lead für die neuen 4G- und 5G-Standards. 

Mobiltelefone können heute beinahe alles. Was soll ein Mobiltelefon in fünf oder zehn Jahren mehr können als heute? 
Ich denke nicht, dass es bei Mobiltelefonen noch eine grosse Revolution geben wird. Die fand mit dem iPhone bereits statt. Das Mobiltelefon war plötzlich nicht mehr nur ein Telefon, sondern ein sprechender Computer, mit dem man auch telefonieren kann. Mobiltelefone wurden lange so entwickelt, dass sie möglichst günstig waren. Apple änderte das fundamental, sie erfanden ein durchbrechendes Erlebnis für den Nutzer. Und die Kunden sind bereit, dafür zu bezahlen.

Kennst du schon die watson-App?

Über 100'000 Menschen nutzen bereits watson für die Hosentasche. Unsere App hat den «Best of Swiss Apps»-Award gewonnen und wird von Apple als «Beste Apps 2014» gelistet. Willst auch du mit watson auf frische Weise informiert sein? Hol dir jetzt die kostenlose App für iPhone/iPad und Android.

Abonniere unseren NewsletterNewsletter-Abo
0
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
0Alle Kommentare anzeigen

Russland «klaut» ganze Fabriken

Was der «weisse Konvoi» wirklich transportierte

Die Welt rätselt, was die 280 russischen Lastwagen im «weissen Konvoi» in die Ukraine transportierten. Auf den starken LKW befanden sich nur ein paar wenige Paletten mit Hilfsgütern. Tatsächlich holte sich Russland aber eine ganze Fabrik.

Sogar zweihundertprozentig regierungstreue Russen lachten lauthals heraus, als sie die Begründung der russischen Regierung hörten, warum jeder Kamaz-Lastwagen im so genannten «Hilfskonvoi» nur zwei, drei Paletten Hilfsgüter geladen hatte: «Die Kamaz-LKW konnten nicht vollständig beladen werden, um einen übermässigen Verschleiss der fabrikneuen Lastwagen zu vermeiden. Voll beladen wären die Kamaz-LKW zudem auf Bergstrassen zu langsam gefahren, um die Hilfsgüter …

Artikel lesen