Wirtschaft
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Kreide, Seife oder Zement als Ersatz: Russland geht wegen der Sanktionen die Milch aus

04.07.16, 14:01 04.07.16, 14:20


Käse mit Stärke, Kreide oder Seife – in Russland greift manch skrupelloser Hersteller zu allem nur Denkbaren auf der Suche nach einem Ersatz für Milch. Denn die ist wegen der jüngst verlängerten EU-Sanktionen Mangelware im Land.

epa05190679 A worker mixes ingredients during the  opening the new line for producing the processed cheese on the Valio factory in village Ershovo, Moscow region, Russia, 02 March 2016. Valio Group, a leader in the production and processing of milk in Finland, has an own factory for production projects in Russia, that was  built in 2006 in Ershovo. The complex covers an area of 13,000 sqm and includes a line for the production and packaging of processed cheese, slicing and packaging of hard cheese products, a high-tech warehouse with a temperature control and a total area of 6,000 sqm, including picking area and dispatching of orders. The plant currently employs more than 200 people. The Valio factory in Ershovo only uses Russian raw materials in their production of processed cheese in Russia. Total investment in the project amounted to more than 60 million euros.  EPA/SERGEI ILNITSKY

Käseproduktion nahe Moskau: Ohne Milch steht die Produktion still.
Bild: SERGEI ILNITSKY/EPA/KEYSTONE

«Es gibt es ein Milch-Defizit», sagt Wadim Semikin vom Institut für Agrarmarktstudien in Moskau. Acht Millionen Tonnen zu wenig waren es seiner Schätzung nach im vergangenen Jahr.

Die Nachrichtenseite «Fontanka» zeigte vergangenen Monat ein gruseliges Hüttenkäse-Experiment: Das zum Verzehr angebotene Produkt wurde angezündet und sprang im Topf zunächst wie Popcorn. Dann entwickelte sich ein grauer Rauch, schliesslich brannte das Zeug zehn Minuten lang. Der Hüttenkäse enthielt laut «Fontanka» nicht ein Quäntchen Milch und sei «nur geeignet für Kerosinlampen».

epa04345823 Cows are seen at new dairy farm containing 960 animals during an opening day in Petrovskoe village, outside St. Petersburg, Russia, 08 August 2014. The Russian government on 07 August 2014 announced details of a sweeping ban on food imports from the European Union, United States, Norway, Canada and Australia, in retaliation for sanctions over the separatist militants uprising in eastern Ukraine. Prime Minister Dmitry Medvedev said the ban - which goes into effect 07 August and will last a year - includes meat, fish, poultry, milk products, vegetables and fruits, and would bolster Russian domestic agriculture. President Vladimir Putin had already ordered the agricultural import bans on these countries.  EPA/ANATOLY MALTSEV

So etwas gibt es zu wenig in Russland: Kühe im Dorf Petrowskoe bei St.Petersburg.
Bild: ANATOLY MALTSEV/EPA/KEYSTONE

Der Herstellerbetrieb wurde dicht gemacht, doch das Problem sei «systemisch», sagt «Fontanka»-Journalistin Wenera Galejewa. Auch die russischen Behörden haben schon im April eingeräumt, dass es immer mehr Produkte «zweifelhafter Qualität» und immer mehr «gefälschten Käse» auf dem Markt gibt.

Milch wird gestreckt

Die für landwirtschaftliche Produkte zuständige Aufsichtsbehörde veröffentlicht seit diesem Jahr eine «Liste der Ehrlichen»: Firmen, die tatsächlich noch Milch und Sahne bei der Herstellung von Joghurt oder Eis verwenden. Andere dagegen würden die Milch nicht nur mit Wasser strecken, sondern mit «Stärke, Kreide, Seife, Backpulver, Kalk oder sogar Zement», warnte die Behörde erst vergangene Woche.

«Die meisten heimischen Hersteller nutzen den mangelnden Wettbewerb voll aus und strengen sich nicht an, gute Produkte zu machen», kritisiert Irina Tichmjanowa von der regierungsunabhängigen Verbraucherorganisation Roscontrol. Die testete kürzlich 46 Molkereiprodukte – 60 Prozent enthielten Ersatzstoffe. Bei Fleischprodukten lag dieser Prozentsatz sogar noch höher.

In der EU Milch im Überfluss

Erstaunlicherweise ist die Zustimmung zu einem Verbot europäischer Produkte in Russland sogar noch gestiegen. In einer Umfrage des unabhängigen Instituts Lewada im Juni sagten 40 Prozent, sie seien für ein solches Verbot. Im März 2015 waren es 21 Prozent gewesen.

Die EU hat seit Mitte 2014 Sanktionen gegen Russland wegen der Unterstützung Moskaus für die prorussischen Separatisten in der Ostukraine verhängt. Russland verfügte daraufhin ein Einfuhrverbot für Lebensmittel aus der EU, das erst vergangene Woche bis Ende 2017 verlängert wurde. «Eine gute Gelegenheit», die einheimische Landwirtschaft zu unterstützen, wie Regierungschef Dmitri Medwedew sagte.

In der EU gibt es – auch wegen des russischen Embargos – viel zu viel Milch. Die Milchbauern in der EU leiden unter den derzeit sehr niedrigen Preisen, viele können ihre Kosten nicht mehr decken und müssen aufgeben.

(sda/afp)

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Zeno Hirt, 25.6.2017
Immer wieder mal schmunzeln und sich freuen an dem, was da weltweit alles passiert! Genial!

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40
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40Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • 7immi 04.07.2016 22:42
    Highlight Sanktionen gehen ab und zu nach hinten los, mal schauen, wie sich das entwickelt...

    die sanktionen im iran z.b. können böse folgen haben. so kommen die airlines nicht mehr legal an ersatzteile ihrer verkehrsflugzeuge. stattdessen müssen sie sich via schwarzmarkt versorgen. da man eine fälschung nur sehr schwer vom original unterscheiden kann und die entsprechenden flugzeuge auch weiterhin herumfliegen, könnte es ein tragisches eigentor geben mit unschuldigen opfern. eine tickende zeitbombe, vor der man u.a. auch in europäischen luftfahrtämtern respekt hat.
    das als negatives beispiel...
    6 1 Melden
  • Micha99999 04.07.2016 21:08
    Highlight Was hier alle zu vergessen scheinen sind die massiven subventionen der eu und der schweiz in die landwirtschaft. Dass da die Attraktivität gering ist zu investieren ist verständlich.

    Wenn da geld zu machen wäre würde auch die korrupte elite in diesen sektor investieren.
    Aber mit den europäischen subventionen will niemand mithalten.

    Zitat aus wikipedia
    https://de.m.wikipedia.org/wiki/Agrarsubvention

    4 2 Melden
  • Echo der Zeit 04.07.2016 19:06
    Highlight Finnland hat viel Milch nach Russland Importiert - Jetzt dürfen sie nicht mehr - eigentlich doof, die sind nicht in der Nato und mit der Ukraine sache hatten die soviel ich weiss auch nicht viel zu Tun - aber egal ist eh Besser wenn die Europäischen Landwirte weniger Milch produzieren.
    8 13 Melden
  • Aareschwumm 04.07.2016 18:02
    Highlight Gut für die CH. In der Firma, in der ich arbeite, liefert regelmässig Milchpulver nach Russland.
    13 5 Melden
  • äti 04.07.2016 17:18
    Highlight Darum strahlt Rösti wie ein polierter Maikäfer: das Milchproblem scheint gelöst. Und Maurer jubelt auch: kein Murks nötig betreffs Agrar-Subventionen.
    2 4 Melden
  • dommen 04.07.2016 16:49
    Highlight Die Lösung für dieses Problem würde ja auf der Hand liegen, aber ja....
    2 0 Melden
    • osaliven 04.07.2016 20:35
      Highlight Und wie wäre die? Nicht sarkastisch gemeint, aber ich bezweifle das es eine Lösung gibt die einfach so auf der Hand liegt. Aber ich lasse mich geren belehren
      2 3 Melden
    • dommen 05.07.2016 14:46
      Highlight Das Embargo aufheben, dass von den Amis eingefordert wurde?
      1 0 Melden
  • Stachanowist 04.07.2016 15:14
    Highlight Eine interessante Tatsache am Rande: Die USA, die auf Europa einwirkten, strenge Sanktionen einzuführen, halten diese selber nicht ein. Der Handel von US-Firmen mit Russland nimmt seit Verhängung der Sanktionen zu, die Obama-Administration unternimmt nichts dagegen. Die europäischen Firmen hingegen sind dumm genug, sich an die Strafmassnahmen zu halten.

    http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/russland-sanktionen-helfen-us-firmen-europa-verliert-a-1036204.html
    35 15 Melden
    • Ruffy 04.07.2016 15:31
      Highlight Es geht hier imfall um Sanktionen die Russland gegen die Eu verhängt hat...
      34 11 Melden
    • Stachanowist 04.07.2016 16:25
      Highlight @ Ruffy

      Das ist mir bewusst. Darum auch "am Rande" (s.o.)

      Um meinen Kommentar zu erläutern: Bei den russischen Sanktionen handelt es sich um Gegensanktionen, die als Reaktion auf die EU/USA-Sanktionen verhängt wurden. Man kann sie nicht voneinander getrennt als Einzelphänomene beurteilen, sondern muss sie in ihrer gegenseitigen Bedingtheit begreifen.

      Alleiniger Profiteur dieser Orgie von Sanktionen sind die USA und einige wenige russische Konzerne, die die EU-Konkurrenz losgeworden sind. Dessen muss man sich bewusst sein, wenn man über Sinn und Unsinn der (Gegen-)Sanktionen nachdenkt.
      9 2 Melden
  • Hierundjetzt 04.07.2016 15:13
    Highlight Tja Russland: Raus aus der Ukraine und schon gibts wieder Rahm-Glacé
    30 24 Melden
    • Fabio74 04.07.2016 19:25
      Highlight vermutlich meint es Hierundjetzt so wie er schreibt. Putins Truppen haben in der Ukraine nichts zu suchen.
      8 8 Melden
    • SemperFi 04.07.2016 22:49
      Highlight Genau, und Bill Clinton hatte niemals Sex mit Monica Lewinski.
      4 2 Melden
    • Hierundjetzt 05.07.2016 00:02
      Highlight 😂😂😂😂 besser als Sesamstrasse.

      - Putin hält die Krim besetzt
      - Putin hat selber zugegeben, dass er die "Freiheitskämpfer" personell und mit Waffen unterstützt.

      Geht Eure Bonus-Suppe essen.
      2 5 Melden
  • saukaibli 04.07.2016 14:38
    Highlight Ist halt blöd, wenn man in einem Land wie Russland lebt, das keinen Platz für Landwirtschaft hat, alles so eng und verbaut. Oder liegt es vielleicht daran, dass die hochgejubelte, herrschende Elite die ganzen Gelder aus den Rohstoffverkäufen seit Jahrzehnten lieber in den eigenen Sack fliessen lässt als damit Landwirtschaft und Industrie aufzubauen? Man weiss es nicht...
    44 9 Melden
    • Stachanowist 04.07.2016 15:45
      Highlight Es liegt unter anderem in der Tat daran, dass zu wenig Investitionen in Wirtschaftsbereiche jenseits des Rohstoffsektors getätigt werden u. sich Kleptokraten illegal bereichern. Ganz erklärt ist die schwache russische Landwirtschaft damit jedoch noch nicht.

      Die Zwangskollektivierung der Landwirtschaft 1929-1932 wurde bis 1991/92 aufrecht erhalten und hat mit den Kolchosen und Sovchosen Landwirtschaftsfabriken erschaffen, die zu riesig, zu unrentabel und geografisch schlecht alloziert sind. Dieses schwere Erbe der UdSSR muss man in das Urteil über den russ. Agrarsektor einfliessen lassen.
      26 2 Melden
    • Hierundjetzt 04.07.2016 16:20
      Highlight Ich hoffe, Dir ist bewusst, dass seither 25 Jahre vergangen sind und ein Urteil ohne diesen Sachverhalt absolut belastbar ist.

      Ich gebe zu Bedenken, dass Polen, die Tschechei oder gar Ungarn über eine ähnliche Agrarwirtschaft verfügten aber - oh wunder - die Transformation geschafft haben. Aber das liegt sicher an der pösen EUSA die der Welt nur schlechtes wollen ;-)
      8 5 Melden
    • Stachanowist 04.07.2016 16:27
      Highlight Hier noch ein Link zum Thema, weil wir zwei uns ja gerne gegenseitig Links schicken;)

      http://www.nzz.ch/der-fluch-der-kolchosen-1.18190046
      4 1 Melden
    • Stachanowist 04.07.2016 19:25
      Highlight @ Hierundjetzt

      "Ich hoffe, Dir ist bewusst, dass seither 25 Jahre vergangen sind"

      Ja, dessen bin ich mir bewusst. Trotzdem danke für den Hinweis!

      "Aber das liegt sicher an der pösen EUSA die der Welt nur schlechtes wollen"

      Das denke ich nicht. Wie kommst du zu dieser Annahme? Kannst du das ausführen?

      Zu deinem Vergleich: Der geht nicht ganz auf. Die geografische Fehlallokation hat in Polen, DDR etc. so nicht stattgefunden. Die UdSSR hat beispielsweise unter Chruščev ein massives Mais-Programm gestartet, das geografisch vollkommen falsch platziert wurde.

      Fortsetzung folgt
      3 1 Melden
    • Stachanowist 04.07.2016 19:31
      Highlight Dazu kommt, dass die Kollektivierung der Landwirtschaft in den Satellitenstaaten der UdSSR nie so brutal und radikal durchgesetzt wurde, wie es in der Sowjetunion selbst der Fall war. In Polen z.B. machte bereits Gomułka einen Rückzieher in Sachen Kollektivierung.

      Ausserdem möchte ich, wenn wir schon von Zeitdauern sprechen, darauf hinweisen, dass die LW der UdSSR bereits zwei Jahrzehnte vor den Satellitenstaaten kollektiviert wurde (1929/Ende 1940er).

      Zu guter Letzt: Natürlich erklärt das Kolchossystem nicht die gesamte Krise der LW in RU. Aber wie gesagt: Man kann es nicht ignorieren.
      4 1 Melden
    • saukaibli 04.07.2016 20:31
      Highlight @ Stachanowist: Das Problem ist die seit dem Ende der Sowjetunion grassierende Korruption. Jelzins Clique war genau so korrupt wie jetzt Putin und seine Bande. Keiner von denen scherte sich auch nur im Geringsten um sein Volk, genau so wenig wie früher Stalin, Lenin oder die Zaren. Wenn die ganzen Milliarden nicht in deren Säcke gewandert sondern investiert worden wären, würde Russland heute Milch und ganz vieles andere exportieren.
      2 7 Melden
    • Stachanowist 04.07.2016 20:39
      Highlight @ Saukaibli

      Jetzt drehen wir uns langsam im Kreis;) Wenn du meinen Post genau liest, merkst du, dass ich die Probleme mit Fehlinvestitionen und Kleptokratie nicht in Abrede stelle. Ich bin aber der Meinung, dass aus oben ausführlich erläuterten Gründen ein polykausaler Erklärungsansatz mehr Sinn macht als ein monokausaler.

      Die Lektüre des verlinkten Artikels empfehle ich.
      3 1 Melden
    • The Destiny // Team Telegram 05.07.2016 14:11
      Highlight @pippo26 das nennt sich Ironie, ( die letzte quote)
      2 0 Melden
  • The Destiny // Team Telegram 04.07.2016 14:23
    Highlight Was Politik alles kaputt machen kann...
    27 0 Melden

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