Wirtschaft

Russische Importverbote

REFILE - ADDITIONAL CAPTION INFORMATION

Imported dairy food products (top) and other food items are displayed for sale at a grocery store in Moscow August 7, 2014. Moscow imposed a total ban on imports of many Western foods on Thursday in retaliation against sanctions over Ukraine, a stronger than expected measure that isolates Russian consumers from world trade to a degree unseen since Soviet days. The sanctions affect the 28 European Union members, the United States, Canada, Australia and non-EU member Norway. They cover all meat, fish, poultry, dairy, fruit and vegetables. Food items that are not covered mostly include commodities such as tea, coffee, sugar, grains and seed oil. REUTERS/Maxim Zmeyev (RUSSIA - Tags: POLITICS AGRICULTURE FOOD BUSINESS)

Importprodukte in einem russischen Lebensmittelgeschäft. Manche Ausfälle wird Russland kaum kompensieren können. Bild: MAXIM ZMEYEV/REUTERS

Milch, Fleisch, Gemüse – so hart treffen die Sanktionen

Kreml-Chef Putin schlägt zurück. Mit dem Importstopp für Milch, Fleisch, Obst und Gemüse trifft er den Westen. Doch vor allem Russland wird manche Ausfälle kaum kompensieren können. Eine Übersicht. 

07.08.14, 19:09

florian diekmann, moritz gatzmann, moskau / spiegel online

Ein Artikel von

Im Supermarkt «Siebter Kontinent» im Zentrum Moskaus herrscht an diesem Donnerstag reger Betrieb. Hier kaufen eher die Besserverdienenden ein, und deshalb gibt es Äpfel aus Italien, Kohl aus Spanien und Wein aus Frankreich. Unter dem Glas der Käsetheke kommen drei Viertel der Sorten aus Europa, aus Russland stammen nur einige einfache. 

Als die Verkäuferin vom neuen Einfuhrverbot erfährt, blickt sie auf ihre Theke, kratzt sich am Kopf und kommt zu dem Schluss: «Das ist schlecht. Bald wird es hier ziemlich leer sein.» Optimistischer ist man an der Fischtheke, wo nur der Lachs aus Norwegen stammt. «Dann legen wir halt unsere russischen Karpfen auf den Tisch», sagt die Verkäuferin trotzig. 

«Bald wird es hier ziemlich leer sein», sagt eine Verkäuferin Bild: YURI KOCHETKOV/EPA/KEYSTONE

Der Einfallsreichtum der Einzelhändler wird nicht nur in Moskau, sondern in ganz Russland gefragt sein. Am Donnerstag verkündete Regierungschef Dmitrij Medwedew ein «komplettes Embargo» für Lebensmittel aus der EU, den USA, Australien, Kanada und Norwegen. Betroffen sind Fleisch, Milch, Obst und Gemüse. Gelten sollen die Einfuhrverbote zunächst für ein Jahr. Mit Ersatzlieferanten wird bereits verhandelt. 

Fleischangebot bis November lückenhaft 

In Russland selbst wird das wohl am stärksten die Mittel- und Oberschicht zu spüren bekommen. Ein großer Teil der Russen konnte sich den französischen Import-Camembert für zehn Euro oder den Prosciutto aus Italien für 50 Euro das Kilo ohnehin kaum leisten. 

Doch immerhin deckte die EU zuletzt mehr als ein Drittel der russischen Importe an Lebensmittel und landwirtschaftliche Produkte im Wert von umgerechnet 32 Milliarden Dollar. Mit der Reaktion auf die umfassenden Wirtschaftssanktionen des Westens trifft Russland die EU also durchaus. 

Insgesamt erlöste die EU-Agrarwirtschaft im vergangenen Jahr fast zwölf Milliarden Euro durch die Ausfuhren nach Russland. Verglichen mit dem gesamten Volumen des Handels mit Russland ist das freilich immer noch ein geringer Teil. Im vergangenen Jahr führte die EU Güter im Wert von 119,5 Milliarden Euro aus – vor allem Maschinen, Autos, chemische Erzeugnisse und Elektrotechnik. 

Welche Lebensmittel dürfen nicht mehr nach Russland exportiert werden? Wie stark sind deutsche und europäische Produzenten betroffen? Eine Übersicht: 

Schweinefleisch

Aus der gesamten Europäischen Union wurde 2013 Schweinefleisch im Wert von rund einer Milliarde Euro nach Russland geliefert. 

Russland importiert laut dem russischen Fleischhändlerverband rund 25 Prozent seines Verbrauchs an Schweinefleisch, das Moskauer Wirtschaftsministerium bezifferte den Anteil sogar auf 35 Prozent. Davon kamen im vergangenen Jahr 60 Prozent aus der EU – das entsprach einem Anteil von etwa 15 bis 20 Prozent des gesamten russischen Verbrauchs. 

Allerdings gilt für Schweinefleisch aus der EU ohnehin bereits seit Februar dieses Jahres ein Importstopp – offiziell, um die Bürger vor Schweinepest zu schützen. Seitdem bezog Russland Schweinefleisch vor allem aus Kanada – das nun auch von den Sanktionen betroffen ist – und Brasilien

Detailhändler in Moskau am 7. August. Bild: MAXIM ZMEYEV/REUTERS

Rindfleisch

Aus der gesamten Europäischen Union wurde 2013 Rindfleisch im Wert von etwa 110 Millionen Euro nach Russland geliefert.

Russland importiert laut dem russischen Fleischhändlerverband rund 30 bis 35 Prozent seines Verbrauches an Rindfleisch, das Moskauer Wirtschaftsministerium bezifferte den Anteil sogar auf 60 Prozent. Davon kamen im vergangenen Jahr allerdings 90 Prozent aus Südamerika und Weißrussland. Die Russen werden die Sanktionen hier also wenig zu spüren bekommen. 

Geflügel

Aus der gesamten Europäischen Union wurde 2013 Geflügel im Wert von etwa 72 Millionen Euro nach Russland geliefert. Zudem exportierte die EU Schweine- und Geflügelfett für 286 Millionen Euro.

Russland importiert laut dem russischen Fleischhändlerverband nur rund zehn Prozent seines Verbrauchs an Geflügel – die wichtigste Fleischsorte des Landes. Die Russen werden die Sanktionen hier also wenig zu spüren bekommen. Der Großteil der Einfuhren kam im vergangenen Jahr mit ungefähr 75 Prozent aus den USA

Fisch

Fischauslage in einem russischen Laden. Bild: MAXIM ZMEYEV/REUTERS

Aus der gesamten Europäischen Union wurde 2013 Fisch und Fischkonserven im Wert von etwa 210 Millionen Euro nach Russland geliefert. 

Milch und Butter

Aus der gesamten Europäischen Union wurden diese Produkte 2013 im Wert von etwa 350 Millionen Euro nach Russland geliefert. 

Russland ist allerdings kaum vom Import abhängig: Laut der russischen Einzelhandelsvereinigung stammen in dieser Kategorie 90 bis 95 Prozent aus russischer Produktion. 

Käse

Käseauslage in einem russischen Geschäft. Die Sanktionen betreffen Käsesorten aus Europa Bild: ANATOLY MALTSEV/EPA/KEYSTONE

Aus der gesamten Europäischen Union wurde 2013 Käse im Wert von etwa 960 Millionen Euro nach Russland geliefert. 

Russland ist allerdings kaum vom Import abhängig: Laut der russischen Einzelhandelsvereinigung stammen in dieser Kategorie 90 bis 95 Prozent aus russischer Produktion. 

Hier betreffen die Sanktionen insbesondere das höherklassige Segment, etwa Käsesorten aus Europa

Obst

Aus der gesamten Europäischen Union wurde 2013 Obst im Wert von etwa 1,145 Milliarden Euro sowie verarbeitete Obstprodukte wie Säfte und Konserven im Wert von rund 490 Millionen Euro nach Russland geliefert. 

Gemüse

Aus der gesamten Europäischen Union wurde 2013 Gemüse im Wert von rund 700 Millionen Euro nach Russland geliefert. 

Hol dir die App!

Brikne, 20.7.2017
Neutrale Infos, Gepfefferte Meinungen. Diese Mischung gefällt mir.
Abonniere unseren NewsletterNewsletter-Abo
5
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
5Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Hugo Wottaupott 08.08.2014 09:44
    Highlight Da freut sich der camenbert oder prosciuttogeniesser im Boykottland! Sollte doch billiger werden da weniger Nachfrage?
    1 0 Melden
  • Lumpirr01 07.08.2014 21:43
    Highlight Einen kleinen positiven Nebeneffekt hat dieser Schlammassel mit diesen Embarges trotzdem noch: Lebensmittel werden vermehrt lokal produziert und konsumiert und nicht über Tausende von Kilometern quer durch die Welt herumgeschleppt.
    7 2 Melden
    • christianlaurin 07.08.2014 23:09
      Highlight Eh? Nein das Gegenteil passiert. Im Artikel steht explizit dring das die Produkte jetzt von Südamerika kommen.
      1 1 Melden
  • Rodolfo 07.08.2014 20:20
    Highlight Dumme Frage: Wie schaut es denn für die Schweiz - als Nicht-EU-Land - mit dem russischen Embargo aus? Können wir weiterhin nach Russland liefern? Theoretisch könnte die Schweiz doch im EU-Ausland Gemüse etc. zusammenkaufen und den Russen, mit dem Schweizer Kreuz versehen, liefern.
    5 6 Melden
  • elivi 07.08.2014 19:47
    Highlight Finds schräg, hat ja schon einen Impact aber die Landwirtschaft? Ich denk' die EU wird schneller neue Käufer finden als dass es Russland schafft Tomaten anzupflanzen ....
    2 5 Melden

Arme immer ärmer, Reiche immer reicher – Schere ist 2016/17 weiter aufgegangen

Alle privaten Haushalte zusammen sind in den letzten zwölf Monaten deutlich reicher geworden. Die Vermögen haben sich um 6,4 Prozent erhöht. Schweizerinnen und Schweizer bleiben dabei die Reichsten der Welt.

Von Mitte 2016 bis Mitte 2017 haben gemäss dem am Dienstag publizierten Global Wealth Report 2017 der Credit Suisse die privaten Vermögen weltweit um 16.7 Billionen auf 280 Billionen Dollar zugenommen. Grund dafür sind einerseits die boomenden Aktienmärkte. Andererseits haben laut dem …

Artikel lesen