Wirtschaft
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«Stand up for your right!»: Edinburgh stimmt ab. Bild: sven zaugg

Reportage aus Edinburgh

«Unter unserem Arsch sprudelt schwarzes Gold – zum Teufel mit den Engländern»

Wie auch immer sich das schottische Stimmvolk entscheidet: Die Bravehearts haben genug vom Diktat aus London. Ob die Unabhängigkeit indes der richtige Weg ist, sich von den Fesseln des grossen Bruders zu lösen, spaltet die Gemüter. Ein Streifzug durch die Strassen und Pubs von Edinburgh.

18.09.14, 20:54 24.09.14, 12:02

Vielleicht stimmt es, was Sam, der Taxifahrer, und Betty, die Zeitungsverkäuferin, sagen. Nämlich dass die Schotten nicht die schnellsten seien, aber durch ihre Gemütlichkeit mehr Zeit zum Nachdenken hätten. Dementsprechend sei das Resultat auch besser: «Wir befinden uns», so Sam, «fast in einer Win-Win-Situation.» Die letzten zwei Jahre habe man London weitreichende Zugeständnisse abgerungen. «Das war smart von uns», frohlockt Betty. 

«Ich sage: Jagen wir die verfluchten Engländer zum Teufel.»

Eezy

Was Sam und Betty meinen: Sagt Schottland nein zur Unabhängigkeit, dürfen sich die Bravehearts darüber freuen, den Verhandlungspoker mit England gewonnen zu haben. Und müssen sich zugleich nicht den Kopf über die Fragen zur Währung, zum Gesundheitssystem und zu den allfälligen Neuverhandlungen mit der EU zerbrechen. Das hoffen Sam und Betty.

Mehr Dramatik geht nicht: «Their future in your hands», titelt die «Edinburgh News». Bild: sven zaugg

Die letzten Umfragen deuten auf einen knappen Sieg der Neinsager. London steht derweil mit dem Rücken zur Wand, das haben die Auftritte von Premier David Cameron und der Spiessrutenlauf von Ed Miliband in Edinburgh gezeigt. Vielleicht braucht England Schottland mehr als umgekehrt. Das zumindest glauben die Schotten, ob sie für oder gegen die Unabhängigkeit sind. Und die Schotten neigen für gewöhnlich nicht zu Selbstüberschätzung.

«Wir brauchen diese schmierigen Typen in London nicht, die in ihre eigenen Taschen wirtschaften.»

Andy

Katalanen in Edinburgh. Bild: sven zaugg

Noch sind die Stimmlokale geöffnet, doch in den noblen Pubs von Edinburgh, auf der pompösen Royal Mile, in der Princess Street, in New Town oder Old Town haben die Befürworter der Unabhängigkeit bereits gewonnen. Sie sagen unisono: «Wir haben London in die Knie gezwungen.» Man spricht von Demokratie und Freiheit, von Selbstbestimmung und Schicksal, gar vom Jüngsten Tag. Unzählige Unabhängigkeitsbewegungen aus Europa, darunter die Katalanen und die Flamen, haben an diesem Tag Farbe bekannt – für die Unabhängigkeit Schottlands und für die ihrige.

Mike: «Ich weiss, wovon ich rede.» bild: Sven zaugg

«Ich weiss, wovon ich rede. Unter unserem Arsch sprudelt schwarzes Gold, das gehört uns, nicht diesen gepuderten Mackern in London.»

Mike

Und man trinkt. So wie Andy. Der 43-Jährige arbeitet für eine Bank am Schalter. Er sagt: «Wir wollen unser Schicksal selbst bestimmen. Wir sind ein sehr reiches Land, wir brauchen diese schmierigen Typen in London nicht, die in ihre eigenen Taschen wirtschaften.» Mike nickt ihm zu: «Ich weiss, wovon ich rede. Unter unserem Arsch sprudelt schwarzes Gold, das gehört uns, nicht diesen gepuderten Mackern in London.» Der 50-Jährige, dessen Hände die eines Riesen sind, arbeitet auf einer Ölplattform. Whatsoever, meint Mike, es werde eng. 

Andy: «Wir wollen unser Schicksal selbst bestimmen.» Bild: sven zaugg

Die Pints gehen runter wie Wasser. Auch bei Brian. Es sei ein harter, letzter Tag des Kampfes gewesen, sagt der erschöpfte zweifache Familienvater. «Wir müssen endlich aufwachen. Es braucht einen Wechsel!» Die Schotten hätten eine starke Wirtschaft, und vor allem gehe es nicht, dass das liberale Schottland von diesen verfluchten Tories in London regiert werde. Jetzt sei Schluss – enough is enough.

Eigentlich gar nicht politisch: Strassenmusiker Eezy. bild: Sven zaugg

Draussen auf der Strasse, auf der Royal Mile, sitzt Eezy und spielt auf seinem Akkordeon. In seiner Pfanne liegen ein Paar Pence, auf einem Schild steht: «World Record Attempt / Flower of Scottland 1000 Times in one Day». Eigentlich sei er gar nicht politisch, sagt der 49-Jährige, der sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser hält. Aber jetzt, wo es um die Unabhängigkeit geht, müsse er aufstehen: «Ich sage: ‹Jagen wir die verfluchten Engländer zum Teufel›».

«Für unsere Forschung wäre es katastrophal.»

Emma

Markige Worte, die von grossem Selbstvertrauen zeugen. Darüber kann Emma nur den Kopf schütteln. Die junge Doktorandin, die gerade ihre Dissertation über Aids verfasst, glaubt, bei einem allfälligen Ja würde London die Forschungsgelder für Schottland streichen. «Was dann?», fragt sie und gibt die Antwort gleich selbst: «Für unsere Forschung wäre es katastrophal.» Da könnten die Jungs in den Pubs noch lange von Selbstbestimmung und dergleichen reden. 

John aus London sagt: «No». Bild: sven zaugg

Im Royal Oak Pub, einer der ältesten und kleinsten Trinkstuben in Edinburgh, ist klar, woher der Wind weht. Yes-Sticker und Pins dominieren die Jackets und Blusen der Gäste. Es wird musiziert, gesungen und getrunken. Und von allem viel. Es sind Lieder über Verlust, über den Kampf für die Unabhängigkeit, Lieder, die die Liebe besingen, dieses verfluchte Miststück, Refrains vom Weggehen, vom Wiederkommen. Lieder, deren DNA so schottisch ist wie der Kilt.  

«Wie kann es sein, dass die verfluchten Tories hier in Schottland das Sagen haben, obwohl diese konservativen Arschlöcher hier nie gewählt wurden?»

Rod

«Die Engländer haben uns seit jeher politisch und wirtschaftlich beschnitten. Wir sind doch keine verdammten Kinder mehr.» Für Rod, den Bauarbeiter, dessen Vokabular zur Hälfte aus Kraftausdrücken besteht, ist es «fucking obvious», dass ein Alleingang ohne die verdammten Engländer das Beste für das Land ist. «Jetzt hör mal zu: Wie kann es sein, dass die verfluchten Tories hier in Schottland das Sagen haben, obwohl diese konservativen Arschlöcher hier nie gewählt wurden?»

Rod (links) und Sandra (rechts). Bild: sven zaugg

Er, Rod, solle es mal locker nehmen, entgegnet die Fidlerin Sandra. «England war nicht nur schlecht zu uns.» Dennoch hat auch sie ein Ja in die Urne gelegt, aus Überzeugung, wie sie sagt. «Ich bin Schottin und deshalb muss ich für die Unabhängigkeit sein – ich habe keine andere Wahl. Du verstehst das doch, du bist Schweizer?» Sandra spricht von einem Europa, das wieder zurück zu seinen Wurzeln komme müsse, zu seiner wahren Identität. Wie ein Europa aussehen soll, das sich mehr und mehr zerteilt, darauf hat sie keine Antwort. Nur dies: «Noch ein Bier?»

«Kommt das Referendum durch, ist es fast so, als würdest du einem Hundertmeter-Läufer kurz vor dem Ziel die Beine wegschiessen. That's pretty fucked up!»

Barry

Rod und Sandra diskutieren weiter, trinken weiter, singen weiter, stampfen weiter. Derweil raucht Barry vor der Bar eine Zigarette. Er schüttelt den Kopf, ob dieser gespielten Euphorie, wie er sagt. «Die Nationalisten versprechen uns Milch und Honig. Aber woher wollen die diesen Scheiss nehmen, wenn nicht stehlen?» Auch er sei kein Freund von London. Und trotzdem: «Weisst du, was uns ausmacht?», fragt Barry. «Ein kühler Kopf und ein warmes Herz. Damit haben wir London weichgekocht. Kommt das Referendum durch, ist es fast so, als würdest du einem Hundertmeter-Läufer kurz vor den Ziel die Beine wegschiessen. That's pretty fucked up!»

Noch ein Bier? bild: sven zaugg



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3Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • sewi 18.09.2014 22:15
    Highlight Ich tippe Ja mit 52%
    4 2 Melden
    • sewi 19.09.2014 08:13
      Highlight Scheisse, hoffe das wird bei uns nicht die fünfte Kolonne der EU Anschlussfanatiker stärken
      1 3 Melden

Der nette Herr Molina

Ex-Juso Präsident Fabian Molina ist seit gut 100 Tagen im Nationalrat – und mit 27 Jahren der jüngste Parlamentarier im Bundeshaus. Grund genug, um mit dem Zürcher einen Kaffee zu trinken, ein paar Zigaretten zu rauchen und über die grossen Themen zu plaudern.

Fabian Molina sitzt schon seit einer Weile am Tisch nebenan, aber die äusserliche Unscheinbarkeit lässt ihn verschmelzen mit der lustig-zusammengewürfelten Ausseneinrichtung dieses Treatment-Cafés in den Ausläufern des Zürcher Kreis 4. Vielleicht liegt es auch daran, dass er in einem dieser Strandkörbe sitzt, die überall ausser auf Sylt und in vernachlässigten Hinterhofgärten fürchterlich deplatziert wirken, und zudem Kopf und Oberkörper ihrer Bewohner wegschlucken.

Kurz: man sieht ihn nicht.

Er …

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