Wirtschaft

Herbert Bolliger: «Ich brauche kein Rüebli, um schneller zu laufen.» bild: Sandra Ardizzone

«Ich kann mir die Goldküste nicht leisten» – 9 Anekdoten von Noch-Migros-Chef Bolliger  

Herbert Bolliger tritt Ende Jahr als Migros-Chef ab. Im «TalkTäglich» setzt er nochmals Ausrufezeichen: zum Einkaufstourismus, Manager-Boni, seiner Begegnung mit Mick Jagger – und wieso er sich kein Haus an der Goldküste leistet.

29.11.17, 07:06

Herbert Bolliger ist in sichtlich aufgeräumter Stimmung, als er zur «Talk Täglich»-Aufzeichnung erscheint. Man merkt dem obersten Migros-Chef an, dass ihm nach 12 Jahren an der Spitze des grössten privaten Arbeitgebers der Schweiz viel Druck wegfällt, mit dem Rücktritt Ende Jahr vor Augen.

Das sagt der 63-jährige Wettinger auch später, wenn die Kamera läuft: «Den zeitlichen Druck und die Belastungen, die man in einem so grossen Unternehmen hat, werde ich sicher nicht vermissen.» Auch sonst sagt Bolliger im Gespräch mit Moderator Rolf Cavalli ungefiltert seine Meinung und erzählt nicht ohne Selbstironie Anekdoten aus seinem Leben als Migros-Chef.

Seine letzte Pendenz

Es ist nicht die wichtigste, aber witzigste. Die Erfinder der «Freitagstasche» hätten ihm gebeichtet, dass sie in der Migros, welche die Frechheit gehabt habe, eine «Donnerstagstasche» einzuführen, mal eine solche geholt hätten, ohne zu zahlen. «Das Geld haben sie mir in einem Couvert nachträglich geschickt», so Bolliger: «Doch wie verbuchen? Diese knifflige Aufgabe überlasse ich gerne meinem Nachfolger.»

Das Konsum-Kind

Bolliger war kein Migros-Kind. «In Wettingen gab es fünf bis sechs Konsum-Läden und nur eine Migros. Als Bub ging ich halt dorthin, wo es näher war und natürlich dorthin, wo einem die Mutter schickte, in den Konsum.» Zur Migros sei er eher zufällig gekommen. Er habe bei Bayer gearbeitet, aber etwas gesucht, das mehr seinem Studium der Betriebswirtschaft entsprochen habe. Auf ein Inserat der Migros für eine Stelle im Controlling mit betriebswirtschaftlichem Hintergrund habe er dann sofort reagiert.

Von Wettingen bis an die Migros-Spitze

Herbert Bolliger ist in Wettingen aufgewachsen, wo er auch heute wohnt. Bolliger hat Betriebswirtschaft studiert, ist verheiratet und Vater von zwei erwachsenen Kindern. Bolliger war Chef von Migros Aare, der grössten der zehn Migros-Genossenschaften, bevor er 2005 Präsident der Migros-Generaldirektion wurde. Ende 2017 geht Bolliger mit 63 Jahren in Pension, wie es die Migros-Statuten vorsehen.

Der Denner-Kauf

Den Coup von 2007 zählt Bolliger zu den Höhepunkten seiner Laufbahn. «Uns ist es gelungen, das Familienunternehmen gut zu integrieren und das Angebot der Migros optimal zu ergänzen.» Es sei aber vor allem für den damaligen Denner-Chef Philippe Gaydoul ein sehr emotionaler Einschnitt gewesen, habe dieser sich doch vom Unternehmen getrennt, das sein Grossvater aufgebaut habe.

Sein grösster Fehler

«Ich hätte in der Digitalisierung noch mehr Gas geben sollen.» Obwohl Bolliger mit der Migros sehr früh ins Online-Shopping investiert hatte, unterschätzte auch er die Dynamik. «Ich hätte nie erwartet, dass Zalando ein so grosses Business macht und nicht geglaubt, dass ein Geschäft funktioniert, in dem 50 Prozent der Waren von den Kunden zurückgeschickt werden.»

Die Zukunft des Einkaufens

Im Non-Food-Berich werden sich die Läden laut Bolliger nochmals massiv verändern. Das klassische Warensortiment werde noch einen Drittel ausmachen, auf einem Drittel der Verkaufsfläche werde man via Bildschirm Waren anschauen, diese virtuel probieren und dann online bestellen. Ein weiterer Teil des Ladens werde eher Richtung Unterhaltung mit Cafés und Relaxing-Zonen gehen.

Kampf dem Einkaufstourismus

Der Migros-Chef unterstreicht seine jüngste Forderung, die Mehrwertsteuer auf Ausland-Einkäufe dürfe nicht mehr erlassen werden. «Es ist eine Ungerechtigkeit, wenn nur der der Schweizer, der im Inland einkauft eine Konsumsteuer zahlen mus.» Bolliger warnt: «Wenn das so weitergeht mit dem Auslandeinkauf, wird man die Mehrwertsteuer bei uns noch mehr erhöhen müssen. Die Schweizer, die im Inland einkaufen, sind so am Schluss sogar doppelt gestraft.»

Goldküste zu teuer für Migros-Chef

Auf die Frage von Moderator Cavalli, ob er als Migros-Chef aus Überzeugung in Wettingen wohne und warum nicht wie andere Top-CEOs an der Goldküste oder in einem steuergünstigen Kanton, meint Bolliger: «Ich kann es mir schlicht nicht leisten!» Auch als der Moderator Bolliger erinnert, er verdiene über 900'000 Franken im Jahr, insistiert der Migros-Chef: «Für die Goldküste müssen Sie mehrere Millionen haben.» Er habe das ernsthaft angeschaut und durchkalkuliert. Seine Frau habe nämlich mal thematisiert, allenfalls am Zürichsee ein Haus zu kaufen, nachdem die Kinder ausgezogen seien. Lachend betont Bolliger aber: «Mir geht es gut.»

Bonus-Kritik

Ein Migros-Chef bekommt keinen Bonus zusätzlich zum Grundsalär. Das würde Bolliger auch bei anderen Firmen so halten. «Bonussysteme schaffen falsche Anreize. Ich brauche kein Rüebli, damit ich schneller laufe.» Das sei der Vorteil bei der Migros: «Wir können nachhaltig langfristige Ziele anstreben. Das geht nur, wenn man nicht alle paar Quartale gewinngetrieben dem Finanzmarkt Resultate ausweisen muss.»

Begegnung mit den Stones

Bolliger erinnert sich an das Rolling-Stones-Konzert, das die Migros zu ihrem Jubiläum 10 Jahre Cumulus organisiert hatte. Mick Jagger habe sich im Vorfeld gut informiert über die Migros. «Die Grundwerte haben ihm imponiert», so Bolliger, der auch sonst gerne an Rockkonzerte wie von Bruce Springsteen geht. «Ich kam auch immer pünktlich.» Das sei wichtig im Zeitmanagement: Nicht nur fürs Geschäft, auch für die Freizeit muss man genügend Zeit einzuplanen.

Ab Januar wird Bolliger etwas mehr davon haben.

Hier siehst du den Talk mit Herbert Bolliger in voller Länge:

Video: © Tele M1

(aargauer zeitung)

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Zeno Hirt, 25.6.2017
Immer wieder mal schmunzeln und sich freuen an dem, was da weltweit alles passiert! Genial!
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    Alle Leser-Kommentare
  • Schneider Alex 30.11.2017 06:46
    Highlight Ist es nachhaltig, den bei der Migros verbotenen Verkauf von Alkohol und Tabak durch die Töchter Denner und Voi zu unterlaufen; den Sonntagsverkauf zu pushen; Süssigkeiten auf Höhe von Kinderhänden anzubieten und M-Budget-Produkte zuunterst in die Gestelle zu legen, für Mitarbeitende und Kunden nur mühsam erreichbar; das Sortiment so auszuweiten und zu differenzieren, dass vieles nach dem Ablaufdatum entsorgt werden muss; grosse Einkaufszentren mit langen Anfahrtswegen für die Kunden und Kundinnen zu forcieren; Umsatz auf Teufel komm raus zu bolzen?
    1 2 Melden
  • sentir 29.11.2017 10:06
    Highlight Diese Jammerei wegen dem Einkaufstourismus.
    Ich kann es nicht mehr hören!
    Mein Wohnort ist zu weit von der Grenze weg, als dass sich das lohnen würde.
    Wenn ich aber z.B. in Basel bin (egal in welchem Geschäft), sehe ich nur Angestellte aus DE und FR.

    Vor allem die grossen Konzerne der Damen und Herren Jammeris, sparen also mit ausländischen ArbeiterInnen. Aber wir sollen nicht in unser Portemonnaie schauen und preisbewusst einkaufen, sondern brav unser Geld für künstlich überteuerte Produkte ausgeben.
    23 8 Melden
  • uku 29.11.2017 08:06
    Highlight Zu Punkt 6 und dem Einkaufstourismus:

    Hätten uns die beiden Grossisten Coop und Migros nicht über jahrzehntelang abgezockt und erst mit den Preisen reagiert, als Lidl und Aldi kamen, wäre dieser Trend auch nicht so gross aufgekommen.
    38 53 Melden
    • 7immi 29.11.2017 08:49
      Highlight es geht hier ja nicht um den preisunterschied, sondern um die steuerfreiheit. wenn man günstiger einkauft soll man wenigstens die mest bezahlen. derzeit bekommt man die deutsche zurück, bezahlt aber keine. dies finde ich auch falsch, steuerfrei sollte die ware nicht sein. entweder schafft man die rückvergütung ab, oder man vergütet nur die differenz. alles andere ist nicht sauber.
      19 5 Melden
    • Urs457 29.11.2017 09:04
      Highlight Du wurdest und wirst abgezockt von einer bürgerlichen Lobby (primär bestehend aus SVP und FDP), die sich in Bern bisher erfolgreich gegen die Schleifung der unsäglichen Kartelle einsetzt und Parallelimporte verhindert. IQ-Test nicht bestanden, setzen!
      20 11 Melden
    • dan2016 29.11.2017 09:19
      Highlight er beklagt hier - zurecht - ungleich lange 'Steuer'spiesse.
      19 1 Melden
  • Doeme 29.11.2017 08:05
    Highlight Das beste Beispiel, dass Top-Manager auch ohne Bonus ausgezeichnete Leistungen erbringen können.
    84 3 Melden
  • dracului 29.11.2017 07:36
    Highlight Herbert Bolliger war mir immer sehr sympathisch und ich finde es äussert bedauerlich, dass er geht. Er war für mich ein Prototyp eines umsichtigen Managers, den es in der Schweiz zu wenig gibt! Dass er die Digitalisierung etwas verschlafen hat, mag man ihm verzeihen, schliesslich war und leider ist er damit in bester Gesellschaft in der Schweiz.
    84 6 Melden
    • infomann 29.11.2017 08:03
      Highlight Es hat wesentlichen dazu beigetragen dass die Migros ein geldgieriger Großkonzern geworden ist.
      Der Gedanke von Gottlieb Dutweiler hat er nie Ernst genommen, heute ist die Migros teuer und sich schlechter, wie vor seinem Antritt.
      22 50 Melden
    • dracului 29.11.2017 08:44
      Highlight Das ist natürlich eine Frage der Perspektive. Gottlieb Duttweiler war ein Pionier und ein vorzüglicher Unternehmer und hat bspw. mit seinem Geist zum Lädelisterben beigetragen. Jede Zeit braucht ihre Pioniere. Bolliger darf nicht so handelt, wie es Duttweiler damals tat, denn auch Duttweiler würde heute andere Pionierarbeiten leisten! Bolliger war Unternehmer und musste auf die Rentabilität schauen, weil ein gnadenloser Verdrängungskampf herrscht in der Branche. Ich glaube, Duttweiler hätte Respekt vor dem Erreichten, wenn er heute noch leben würde.
      14 3 Melden
    • 7immi 29.11.2017 08:56
      Highlight "der gedanken von duttweiler"? duttweiler war knallharter unternehmer. so kandidierte erin mehreren kantonen gleichzeitigim parlament (ist seither verboten) um "mobile verkaufsläden" zu legalisieren. ausserdem verteilte er grossaufträge an firmen (diese investierten) und nach wenigen jahren sistierte er sie. dadurch trieb er die firmen in den ruin und konnte sie dann günstig aufkaufen. war bei fast allen eigenmarken so. heute spricht man nur noch vom grossen genossenschafter, aber auch er war ein knallharter profitorientierter geschäftsmann...
      16 0 Melden
    • Raembe 29.11.2017 09:20
      Highlight Also wenn ich 100g Schoggi für 55 Pappen, 1L Ice Tea für 80 Rappen, 1Gipfeli für 85 Rappen kaufen kann, dann ist das nicht teuer
      16 5 Melden

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