Wirtschaft

Steen Jakobsen, Chefökonom der Saxo Bank.

Bankökonom Jakobsen zum SNB-Entscheid

«Als Schweizer Hotelier würde ich mich darüber freuen, dass ich dank dem tiefen Ölpreis viel tiefere Energiekosten habe»

Die Schweizerische Nationalbank hat mit der Aufgabe des Mindestkurses alle überrascht und eine landesweite, breite Diskussion über die Zukunft der Schweizer Wirtschaft ausgelöst. Der Däne Steen Jakobsen, Chefökonom der Saxo Bank, beurteilt das Ereignis mit nordischer Sachlichkeit.

16.01.15, 10:25 16.01.15, 22:06

Sind Sie von der Schweizerischen Nationalbank (SNB) ebenfalls auf dem falschen Fuss erwischt worden?
Steen Jakobsen: 
Ja, aber wenn man mit der SNB nett sein will, dann war das ein sehr vernünftiger Schritt. 

Was, wenn man der SNB böse will?
Dann würde man sagen, sie sei ungeschickt vorgegangen. Man hätte die Menschen früher informieren müssen. Die Schweizer sind es sich gewohnt, mit einer starken Währung zu leben, und sie lehnen Eingriffe in den Markt ab. 

Jetzt muss die Schweizer Wirtschaft einen Kostenschock von irgendwo zwischen 20 und 30 Prozent verkraften. Wie soll das gehen?
Das können wir jetzt nicht entscheiden. Es wird Monate dauern, bis wir absehen können, wo sich der Kurs einpendelt.

Haben die Märkte überreagiert?
Wahrscheinlich ein bisschen. Aber grundsätzlich hat die SNB die Schweizer Wirtschaft mit dem Mindestkurs subventioniert. Jetzt hat sie diese Hilfe eingestellt. Der Franken ist nun – markttechnisch gesehen – fair bewertet, und die Schweizer Industrie wird damit umgehen können.

Einfach so?
In den nächsten beiden Quartalen wird sie Gegenwind verspüren, das ist klar. Aber nochmals: Die Schweizer sind sehr vernünftige Menschen, und sie können mit dem Business-Zyklus leben.

Verlierer: Luxushotel in Gstaad.

Würden Sie das auch sagen, wenn Sie beispielsweise ein Schweizer Hotelier wären?
Dann würde ich mich darüber freuen, dass ich dank dem massiv gesunkenen Ölpreis viel tiefere Energiekosten habe. Das könnte ein Grund sein, weshalb die SNB gerade jetzt den Mindestkurs aufgegeben hat. Der Kurs von 1.20 wurde zu lange künstlich aufrecht erhalten. Wer das nicht akzeptiert, der leidet unter Realitätsschwund. 

«Die Schweiz ist das Gegenmodell zu Japan. Die Japaner versuchen, mit einer künstlich tief gehaltenen Währung wettbewerbsfähig zu bleiben. Die Schweiz erhöht laufend die Produktivität. Das ist die bessere Option. Die Schweiz wird gewinnen, Japan verlieren.»

Sie rechnen also nicht mit einem massiven Anstieg der Arbeitslosen?
Es mag einen J-Kurven-Effekt geben, das heisst, zunächst wird die Arbeitslosenquote leicht zunehmen. Aber das langfristige Potenzial der Schweizer Wirtschaft wird dadurch grösser. 

Der Entscheid, den Mindestkurs einzuführen, war ebenfalls eine Reaktion auf einen Schock. Der Euro fiel nach Ausbruch der Finanzkrise innert kurzer Zeit von 1.50 auf knapp über einen Franken.
Wir können uns jetzt lange darüber streiten, wo der wahre Frankenkurs liegen müsste. Tatsache ist, dass sehr viel Geld in die Schweiz fliesst, und der Grund dafür ist, dass die Schweiz sehr viel zu bieten hat: Tiefe Steuern, eine fantastische Infrastruktur und ein hervorragendes Bildungswesen. Die Schweiz ist das Gegenmodell zu Japan. Die Japaner versuchen, mit einer künstlich tief gehaltenen Währung wettbewerbsfähig zu bleiben. Die Schweiz erhöht laufend die Produktivität. Das ist die bessere Option. Die Schweiz wird gewinnen, Japan verlieren.

Dummerweise liegt die Schweiz im Herzen von Europa und die EU ist unser wichtigster Handelspartner.
Die SNB rechnet wahrscheinlich damit, dass die Europäische Zentralbank (EZB) mit einem gross angelegten Quantitativen Easing (QE) versuchen wird, den Euro zu schwächen. Mit der Aufgabe des Mindestkurses wollte sie möglicherweise der EZB zuvor kommen.

Warum druckt die SNB nicht einfach weiter Schweizer Franken? Sie darf das ja.
Weil sie so ihre Bilanz immer weiter aufbläht. Die SNB hätte dann immer mehr Wertpapiere in ausländischer Währung. Dieses Risiko ist ihr zu gross geworden. 

Sie rechnen trotzdem mit einer Erholung der europäischen Wirtschaft. Woher nehmen Sie diesen Optimismus?
Auch Europa wird von den massiv gesunkenen Energiepreisen profitieren. Wir können derzeit davon ausgehen, dass sie im laufenden Jahr fast um die Hälfte abnehmen werden. Dieses eingesparte Geld wird direkt in die Gewinne der Unternehmen fliessen, aber auch in die Taschen der Konsumenten.

Warum spüren wir davon nichts?
Weil es zwischen 12 und 18 Monaten dauert, bis sich die tiefen Energiepreise im Alltag bemerkbar machen. Die meisten Konjunktur-Propheten sind zu negativ, was Europa betrifft – und zu optimistisch, was die USA betreffen. 

Wird das zu erwartende QE von EZB-Präsident Mario Draghi so grosse Wirkung haben?
Das QE ist für die Banken und die Finanzgemeinde wichtig, für den breiten Mittelstand nicht. Die aktuelle Krise hat nicht mit den Banken begonnen. Sie begann früher, nämlich, als der Ölpreis auf mehr als 150 Dollar pro Fass stieg. Diese immense Umschichtung von Geld der Konsumenten zu den Ölproduzenten hat Portugal, Spanien & Co. in die Krise gestürzt. 

Hat die SNB unter Druck gesetzt: Mario Draghi. Bild: Michael Probst/AP/KEYSTONE

Nicht der Euro oder die amerikanische Subprime-Krise?
Nein, der Ölpreis war der Auslöser, alles andere kam später. Wir leben immer noch in einer Wirtschaft, die vom Kredit angetrieben wird. In den USA etwa hat sich nur die Art und Weise geändert, wie die Kredite erteilt werden. Deshalb, es waren die Energiepreise, die uns ins Elend gestürzt haben. 

Die EZB fürchtet nun aber, dass die tiefen Energiepreise Europa eine Deflation bescheren werden. Teilen Sie diese Befürchtung?
Vor einem Jahr tat ich dies. Jetzt glaube ich, dass wir die Deflationsgefahr überwunden haben. 

Öl ist für alle billiger geworden, für Griechen und Deutsche. Wie wollen Sie die grossen wirtschaftlichen Ungleichgewichte in Europa zum Verschwinden bringen? 
Sie meinen die Schuldenfrage? Das ist tatsächlich – wie man so schön sagt – der Elefant im Wohnzimmer. 

Und wie wollen Sie diesen Elefanten wieder aus der guten Stube heraus befördern?
Wir brauchen einen Schuldenschnitt, das ist ganz klar. 

Das Ungleichgewicht aber bleibt.
Um die Jahrhundertwende haben sich die Deutschen einen Wettbewerbsvorteil von rund 15 Jahren verschafft. Dieser Vorteil ist heute aufgebraucht. Als Schweizer Unternehmer werden Sie heute eher in Portugal eine neue Fabrik bauen als in Deutschland.

«Alle glauben, Deutschland sei wirtschaftlich allen anderen weit überlegen. Das stimmt gar nicht.»

Meinen Sie das wirklich?
Aber sicher. Alle glauben, Deutschland sei wirtschaftlich allen anderen weit überlegen. Das stimmt gar nicht. Wussten Sie, dass das Pro-Kopf-Einkommen eines Deutschen gleich gross ist wie das eines Franzosen? Alle sprechen vom neuen deutschen Wirtschaftswunder. Das stimmt ebenfalls nicht. Derzeit wächst die deutsche Wirtschaft gerade Mal um ein Prozent, und das verfügbare Einkommen der Menschen ist wegen hohen Steuern bescheiden.

Trotzdem ist das europäische Machtzentrum heute in Berlin und nicht in Brüssel, und schon gar nicht in Paris.
In fünf Jahren wird dies anders sein. Und vergessen Sie nicht: Deutschland ist gross und hat rund 80 Millionen Einwohner. Sie haben die beste Autoindustrie – und das beste Fussballteam. Das haben sie auch verdient. Aber unter all dem zeichnet sich ab, dass sich die Kräfte verschieben. In den nächsten zehn Jahren wird vor allem Osteuropa einen Aufschwung erleben, Länder wie Polen, Bulgarien und Rumänien. Sie werden zur Werkstatt von Europa, während die intellektuelle Arbeit – Design, Engineering, etc. – in der Schweiz, Dänemark und Deutschland geleistet wird. 

Wirtschaftlich mag dies zutreffen. Aber politisch nehmen die Spannungen fast täglich zu. Italien beispielsweise: Es ist doch nur noch eine Frage der Zeit, bis es explodiert.
Italien explodiert seit dem Zweiten Weltkrieg. Sicher ist es derzeit kritisch, weil ein neuer Präsident gewählt werden muss. Wenn es gelingt, eine staatsmännische Person zu finden, dann könnte das der Startpunkt für einen Neubeginn sein. 

EZB-Präsident Mario Draghi wird gerüchteweise als Nachfolger gehandelt.
Er wäre der ideale Kandidat, aber ich weiss nicht, ob er will. Wie auch immer: Italien ist nicht zum Untergang verdammt, Griechenland hingegen schon. 

Weshalb?
Griechenland braucht einen Schuldenschnitt. In diesem Punkt hat die linke Syriza-Partei absolut Recht. 

Alexis Tsipras vor seiner Syriza-Gemeinde. Bild: Petros Giannakouris/AP/KEYSTONE

Was, wenn Syriza die griechischen Wahlen gewinnt?
Es mag Sie überraschen: Aber ich würde das begrüssen. Ich bin auch für die spanische Podemos und für den französischen Front National.

Das müssen Sie erklären.
Podemos, Syriza und der Front National mögen unsinnige Ideen vertreten, aber so lange sie dies ausserhalb des Establishments verkünden, sind sie brandgefährlich. Wir brauchen auch die Anti-EU-Stimmen und die Zuwanderungsgegner in den wichtigen Gremien. Nur dann müssen diese auch Verantwortung übernehmen.

Syriza und Podemos, okay, aber der Front National?
Ich will weiss Gott nicht, dass der Front National an die Macht kommt, aber ich möchte, dass er in den Parlamenten angemessen vertreten ist. Nur so können die Menschen auch erkennen, um was für Idioten es sich handelt. Ich will sie im Senat, und nicht auf einer Seifenbox im Park.

«Ich würde es begrüssen, wenn Syriza die griechischen Wahlen gewinnen würde.»

Nochmals: Angenommen Syriza gewinnt die Wahlen. Werden das Angela Merkel & Co. auch akzeptieren?
Nein, Sie werden versuchen, den Schaden in Grenzen zu halten. Sie sehen in Syriza eine Bedrohung für das System. Aber wenn wir uns nicht mit dem Elefanten im Wohnzimmer, dem Schuldenproblem, befassen, dann kommen wir nicht weiter.

Wie wollen Sie das anpacken?
Wahrscheinlich werden die griechischen Schulden umgeschichtet, in 30-jährige Staatsanleihen beispielsweise, die Sie und ich kaufen können. De facto ist dies eine Reichtumssteuer, die wir über unsere Pensionskassen und andere institutionelle Anleger entrichten. 

Wird es nicht zu einem Austritt Griechenlands aus dem Euro, einem Grexit, kommen?
Nein. Zu viel politisches Kapital ist in den Euro investiert worden. Die eigentliche Gefahr für die EU kommt nicht von Griechenland, sie kommt vom Vereinigten Königreich. Wenn David Cameron die Wahlen gewinnen sollte, dann wird es zu einer Volksabstimmung über einen möglichen Austritt aus der EU kommen. Das wird die grösste Herausforderung für die EU seit ihrer Geburt werden.

Wo stehen wir, am Anfang einer neuen Eurokrise oder am Anfang einer Besserung?
Wir sind am Anfang eines Heilungsprozesses, der anfänglich noch sehr schmerzhaft sein wird, doch die Wunde verheilt. Alle Probleme sind auf dem Tisch und müssen diskutiert werden. Das wird ein grosses Geschrei geben, aber es lässt sich nicht vermeiden. 

Und wie wird Europa in fünf Jahren aussehen?
Die wirtschaftliche Dominanz von Deutschland wird nicht mehr so ausgeprägt sein. Polen beispielsweise wird eine viel bedeutendere Rolle spielen. Es wird sich eine sinnvolle Arbeitsteilung zwischen Süd und Nord und Ost und West einpendeln – und wir werden immer noch eine gemeinsame Währung haben. 

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Zeno Hirt, 25.6.2017
Immer wieder mal schmunzeln und sich freuen an dem, was da weltweit alles passiert! Genial!
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10Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • malu 64 18.01.2015 13:27
    Highlight Je mehr Waren ein Unternehmen am Lager hat desto größer der Verlust.
    Manche Branchen die eine grosse Ausstellung haben, haben über Nacht 20 bis 25 Prozent verloren.
    Die meisten Schweizer Preislisten wurden mit einem Kurs von 1.25 gedruckt. Wir werden in absehbarer Zukunft sehen, wer genug Reserven hat um die Frankenaufwertung zu überleben!
    0 0 Melden
  • dnsd 16.01.2015 20:32
    Highlight Haleluja! Steen Jakobsen bringt es auf den Punkt! Würden wir doch nur öfters Profis das Wort geben.

    5 1 Melden
  • Hinterländer 16.01.2015 12:24
    Highlight Jakobsen ist einer, der Durchblick und Weitsicht an den Tag legt. Zwischen ihm und unseren Politikern liegen Welten. Was gestern an Statements zur SNB über den Bildschirm flimmerte, spottet jeder Beschreibung. Könnte man unter den Aspekten aufgeblasen, wichtigtuerisch, schlecht informiert und geradezu konzeptlos zusammenfassen. Auch ohne Mindestkurs lässt sich leben und erfolgreich wirtschaften, vorausgesetzt, man ist innovativ.
    18 1 Melden
    • Pieter 16.01.2015 13:23
      Highlight Bravo. Da hast du total recht. Da müssen einige sich wieder in den Allerwertesten klemmen.
      9 1 Melden
  • Gelöschter Benutzer 16.01.2015 11:42
    Highlight Der bringt es auf den Punkt!
    Wir brauchen halt oft Ausländer, die uns die Augen öffnen.
    Wie nach dem 9. Febr. - man sollte nicht jammern sondern die Probleme offen auf den Tisch legen und die nötigen Lehren daraus ziehen.
    15 1 Melden
  • Can 16.01.2015 10:50
    Highlight Dann werde doch Hotelier -.-
    5 17 Melden
  • Can 16.01.2015 10:50
    Highlight Dann werde doch Hotelier -.-
    5 14 Melden
  • Gelöschter Benutzer 16.01.2015 10:33
    Highlight Wozu soll man heizen, wenn man keine Hotelgäste hat? ;)
    12 10 Melden
    • Pieter 16.01.2015 13:25
      Highlight Was soll diese eine Aussage?
      4 3 Melden
    • Gelöschter Benutzer 16.01.2015 14:14
      Highlight Pieter, du nimmst meine Aussage anscheinend zu ernst...Leg mal ein bisschen mehr Lockerheit an den Tag;)
      3 0 Melden

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