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Kündigungen im Stundentakt: So baut Novartis 500 Stellen ab

Seit Mai baut Novartis 500 Stellen ab. Dieser Vorgang läuft alles andere als in geregelten Bahnen. Die stark amerikanisierte Kultur des Konzerns steht seit längerem nicht gerade für Zimperlichkeit, wenn es um Entlassungen geht. Bei Novartis entgegnet man der steigenden Nervosität mit Nüchternheit.

30.11.17, 07:06

Laurina Waltersperger / Nordwestschweiz

Hinter den Mauern des Basler Pharmakonzerns Novartis rumpelt es gewaltig. Alleine an einem Tag letzter Woche offenbarte Novartis 15 Mitarbeitenden ihre Kündigung. Im Stundentakt.Betroffen sind primär Ingenieure, die sich bei Novartis weltweit um die technischen Bereiche der Produktionswerke kümmern. Die jüngsten Ankündigungen trafen sie bis ins Mark.

Denn: Novartis gab im Mai bekannt, 500 Stellen zu streichen. Damals habe die Chefetage den nun Betroffenen noch in Aussicht gestellt, sie hätten nichts zu befürchten, sagt eine Auskunftsperson zur «Nordwestschweiz», die mit der Situation vertraut ist. «Nun folgte trotzdem der Paukenschlag.» Der betroffene Bereich zählt etwa 100 Mitarbeitende und gehört zur Einheit Novartis Technical Operation, die weltweit rund 28'000 Angestellte beschäftigt.

Raue Sitten auf Novartis-CampusDie stark amerikanisierte Kultur des Konzerns steht seit längerem nicht gerade für Zimperlichkeit, wenn es um Entlassungen geht. Vom «Haifischbecken», einer «Hire-and-Fire»-Kultur, die ihresgleichen suche, berichten Firmenkenner regelmässig.

Doch die Gangart letzter Woche habe alle schockiert, so der Vertraute, der den Konzern seit vielen Jahren kennt. Am Vortag letzte Woche hätten die Betroffenen eine E-Mail bekommen, in der sie für den Folgetag zum 1:1-Gespräch mit ihrem Vorgesetzten aufgefordert wurden.

Bei der Novartis-Belegschaft steigt die Verunsicherung Wer muss gehen – und wer darf bleiben? Bild: KEYSTONE

In einem abgelegenen Gebäude auf dem NovartisCampus wurden sie dann einzeln vom Chef und einer Person der Personalabteilung empfangen. In hölzernen Worten, die der Chef auf Englisch von einem Zettel ablas, hiess es dann kurzum: Wir brauchen Sie nicht mehr.

Anders als Novartis nach aussen gegenüber den Gewerkschaften beteuert, habe sich keiner im Konzern mit den jüngsten Betroffenen hingesetzt, um nach möglichen Alternativen im Unternehmen zu suchen, so die Auskunftsperson. «Es hätte Möglichkeiten gegeben, die betroffenen Ingenieure anderswo einzusetzen. Da bin ich mir ganz sicher.»

Denn: Der Pharmakonzern baut Stellen in der chemischen Produktion ab, um dafür die zukunftsweisende und lukrativere Herstellung biotechnologischer Wirkstoffe auszubauen. Es wäre ein Leichtes gewesen, die betroffenen Ingenieure anderswo unterzubringen, sagt der Vertraute. Es handle sich um hoch qualifiziertes Personal, viele von ihnen hätten auch Produktionsanlagen für biologische Präparate betreut und seien in wichtigen Projekten involviert gewesen.

Die personalisierte US-Kultur von Novartis: der abtretende CEO Joe Jimenez Bild: KEYSTONE

Bemühungen laufen

Bei Novartis entgegnet man der steigenden Nervosität mit Nüchternheit. Der Konzern bestätigt die 15 Vorankündigungen zur Entlassung von letzter Woche. Sie fallen unter den Stellenabbau, den der Konzern im Mai angekündigt hatte. Davon betroffen sind insgesamt 500 Stellen. Der Sozialplan für diesen Abbau sieht vor, dass Betroffene mit einer Frist von vier Monaten über ihre Kündigung vorinformiert werden müssen. Findet sich in der Zeit keine interne Lösung, tritt die Kündigung mit einer Frist von sechs Monaten ein.

Im konkreten Fall von letzter Woche unterstütze nun das Job-Center die interne Stellenvermittlung für diese Mitarbeiter und evaluiere mögliche Umschulungen, sagt eine Sprecherin auf Anfrage. Dies sei erst möglich, wenn die betroffenen Mitarbeitenden über den drohenden Stellenverlust in Kenntnis gesetzt worden sind. Wie viele der geplanten Entlassungen bereits seit September als Vorankündigungen bekannt gegeben wurden, gibt der Konzern nicht bekannt. Man habe aber bereits für «über die Hälfte der betroffenen Mitarbeiter geeignete Lösungen gefunden», so die Sprecherin.

Noch vor wenigen Wochen forderten die Gewerkschaften mehr Umschulungsbemühungen von Novartis. Das Unternehmen werde sonst seiner sozialen Verantwortung seinen Mitarbeitern gegenüber nicht gerecht, sagte Kathrin Ackermann, Syna-Zentralsekretärin Chemie- und Pharmaindustrie im Oktober zur «Nordwestschweiz». Der Konzern habe mittlerweile für einen Teil der Betroffenen Informationen vorgelegt, wie interne Lösungen gefunden werden konnten, so Ackermann.

Trotzdem sitzt der Schock bei den betroffenen Mitarbeitern in Basel tief. Besonders bei den 15 Mitarbeitern, die vergangene Woche die Hiobsbotschaft bekamen – obschon sie bei der Ankündigung zum Abbau im Mai keineswegs vorgewarnt worden waren. Die Verunsicherung im Konzern steige, dass es weitere bislang unberührte Bereiche auf dieselbe Art und Weise treffen könnte, sagt die Auskunftsperson. Es sei enttäuschend und verheerend, dass der Konzern falsche Signale ausgesandt hatte, anstatt frühzeitig offenzulegen, welche Bereiche betroffen sein werden.

Dieses Vorgehen kritisiert auch die Gewerkschaft Angestellte Schweiz – so dieses denn zutreffe, sagt Hansjörg Schmid: «Ein Unternehmen wie Novartis muss bei einem Stellenabbau frühzeitig im Sinne einer Good Governance darauf aufmerksam machen, welche Bereiche tangiert sind. Damit sich die betroffenen Mitarbeiter auf eine mögliche Kündigung einstellen können.»

Kostendruck massiv gestiegen

Die soziale Verantwortung des Pharmakonzerns ist angekratzt. Dafür summieren sich die Kosteneinsparungen; ganz nach dem Mantra des Managements. Dieses lautet spätestens seit 2014: Effizienz steigern, Kosten sparen. Damals hatte der nun abtretende CEO Joe Jimenez beschlossen, die operativen Tätigkeiten auf der Administrations- und Produktionsseite über alle Divisionen hinweg zu bündeln. Der laufende Stellenabbau resultiert daraus. Der interne Kostendruck habe sich massiv verstärkt, heisst es aus firmennahen Kreisen. Wo kein kurzfristiger Nutzen absehbar ist, gäbe es keine Zustimmung von oben, sagt der Vertraute.

Unternehmensberater gingen immer häufig ein und aus, viele Senior Manager hätten einen entsprechenden Hintergrund. Die Kultur werde von Noch-CEO Joe Jimenez geprägt – einem Manager, der in seiner Karriere immer wieder bewiesen hat, dass er eines besonders gut kann: Prozesse effizienter gestalten und Kosten einsparen. Ab 2020 will Novartis mit den Sparübungen jährlich eine Milliarde Dollar an Kosten aus dem Unternehmen ziehen.

Was kostet eigentlich eine Operation?

Video: srf

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22
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22Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Quacksalber 30.11.2017 15:01
    Highlight Na ja, das ist trotz allem, Klagen auf hohem Niveau. Die meisten Arbeitnehmer können von solchen Austrittsbedingungen nur träumen. Mit drei Monatslöhnen gemäss Kündigungsfrist ist bei den meisten Firmen fertig. Und wer einer Firma treu ist, ist sowieso naiv.
    3 1 Melden
  • α Virginis 30.11.2017 11:21
    Highlight OK, ich kenne die Pharmazeutenbranche und kann eigentlich nur sagen, dass sich viele Leute im Management völlig bewusst sind, dass sie mit ihren Produkten (Medikamente etc.) die Politik voll im Griff haben. So als "Legale Drogendealer" sozusagen. Wie sonst ist es zu erklären, dass manche Medikamente trotz niedriger Produktionskosten dermassen überteuert auf den Markt kommen?

    Naja, ein Schelm, wer da Böses denkt.
    8 2 Melden
    • Abbaio 30.11.2017 15:11
      Highlight Novartis ist nicht involviert. Aber In Deutschland wurde augedeckt dass viele Medis in Asien hergestellt werden - aus Kostengründen. Von dort kommen gefälschte Medikamente, die den Menschen nicht helfen, sondern sie vergiften, oder es hat gar keinen Wirkstoff drin.
      0 1 Melden
    • Fabio74 30.11.2017 16:29
      Highlight Weil nicht die Produktionskosten entscheidend sind, sondern ein Haufen Kosten mehr die anfallen. Und zum Schluss gehts ums Abschöpfen der Kaufkraft wie überall im Markt
      1 1 Melden
    • α Virginis 30.11.2017 19:32
      Highlight @Wölfli: Leider kann ich Dir da nicht zustimmen. In meiner jahrelangen Tätigkeit in der Pharma-Forschung (Klinische Studien Phase III) war Novartis einer unserer Hauptkunden hier in Basel. Eines kann ich dazu sagen: Sie kochen ALLE nur mit Wasser, wie überall. Und die Novartis könnte gar nicht überstehen, würde sie nicht dieselben Kniffe und Tricks drauf haben, wie die Konkurrenz. Weitere Details darf/kann/will ich hier nicht erörtern. Aber eines steht fest: die ganze Pharmaindustrie hat irgendwie Mafiöse Züge.
      2 0 Melden
  • Gelöschter Benutzer 30.11.2017 11:16
    Highlight Und was sagt die "Partei des Volkes" dazu?
    11 0 Melden
    • Abbaio 30.11.2017 15:12
      Highlight Was die sagt? Dass die CH eine Steuerhölle sei, also runter mit den Steuern bis unter Null!
      0 0 Melden
    • Gelöschter Benutzer 30.11.2017 18:21
      Highlight ...und die SVP-BaslerZeitung kümmert sich lieber um Gender-Fragen.
      1 1 Melden
  • acove 30.11.2017 10:14
    Highlight Offenbar scheuen sich die Novartis-Verantwortlichen vor negativ Schlagzeilen lassen daher sämtliche Richtlinien einer Kommunikationskultur vermissen, wenn sie denn je eine hatten. Daran sind doch sehr starke Zweifel angebracht und entspricht eher der Umsetzung einer in den Köpfen der Kaders festgesetzten unglaublichen Sturheit. Ob dass das Unternehmen aber auch weiterbringen wird, sie mal dahin gestellt.
    5 0 Melden
  • dommen 30.11.2017 09:55
    Highlight Ich jann es kaum erwarten, bis die kurzfristigen Gewinnsteigerungsmöglichkeiten abgegriffen sind, die Aktien dieses Unternehmens in den Keller fahren und jeder dieser Amis bekommt, was ihm zusteht.
    20 6 Melden
  • Midnight 30.11.2017 08:56
    Highlight Novartis, ist das nicht einer dieser riiiiesigen Konzerne, die bei uns keine fairen Steuern zahlen, weil sonst Arbeitsplätze verloren gehen würden? Was ist los bei denen? War die Billag zu teuer?

    Wie sieht's nach dem Stellenabbau mit Steuern aus? Wär doch noch angemessen, so als Ausgleich...
    45 5 Melden
    • Candy Queen 30.11.2017 11:04
      Highlight Was sind faire Steuern?
      3 3 Melden
  • Zeit_Genosse 30.11.2017 08:50
    Highlight Wer vor Weihnachten Kündigungen ausspricht, dem sollte das selbst passieren. Es gibt wirtschaftliche und strategische Notwendigkeiten für die Freisetzung von Arbeitskräften. Das sollte man aber nicht auf die Weihnachtszeit um auf Ende Jahr polierte Bücher zu haben, machen. Da sind Führungskräfte und Management sehr unkreativ und unsensibel. Und man fragt sich, was die HR-Studierten gelernt haben.
    39 6 Melden
    • Echo der Zeit 30.11.2017 11:34
      Highlight Kürzlich im Gesundheitsbereich (Klinik/Spital) - Um kosten zu Sparen wird einer Putzfrau die 20 Jahre im Betrieb gearbeitet hat, das Pensum von 100 auf 20% gekürzt - Die Frau kann davon nicht Leben und muss Kündigen. Die musste einen Wahnsinns Lohn gehabt haben - Weihnachten hin oder her.
      5 0 Melden
    • Knarzz 30.11.2017 13:49
      Highlight @Zeit_Genosse:

      "Und man fragt sich, was die HR-Studierten gelernt haben."

      Ich würde sagen, sie haben gelernt, Umsatz und Gewinn Jahr für Jahr zu steigern. Um jeden Preis. Kapitalismus eben.
      1 0 Melden
    • niklausb 30.11.2017 14:57
      Highlight Studierte im HR dass ich nicht lache...
      0 0 Melden
    • Midnight 30.11.2017 20:14
      Highlight Sind bei Sozialkompetenz wohl durchgefallen...
      0 0 Melden
  • saukaibli 30.11.2017 08:47
    Highlight "Ab 2020 will Novartis mit den Sparübungen jährlich eine Milliarde Dollar an Kosten aus dem Unternehmen ziehen." Und was wird mit dem Geld gemacht? Dividenden gezahlt oder eigene Aktien zurückgekauft? Wieder mal ein wunderbares Beispiel für das was schief läuft in dieser Gesellschaft. Es wird Reichtum für die eh schon Reichen geschafft und von den Arbeitern bezahlt. Umverteilung von unten nach oben. Aber Dinge wie Arbeitnehmerschutz, Lohngerechtigkeit oder Steuergerechtigkeit usw. sind ja heute als linkes Zeug verschriehen. Da wählt man lieber die egoistischen Ausbeuter von FDP, GLP und SVP.
    72 15 Melden
  • Abbaio 30.11.2017 08:45
    Highlight Mich würde interessieren, wo hoch die Gewinnerwartungen von Novartis sind. Siemens Deutschland: Die wollen alle Werke im Osten schliessen trotz Überstunden und vollen Auftragsbüchern, weil den Bossen 8,3% Gewinn nicht genug sind. Und: Wieviele ,von den Entlassenen sind in den letzten sagen wir 5 Jahren aus dem Ausland "importiert" worden und fallen ev. bald der Allgemeinheit zur Last? Die Ingenieure werden wohl wieder einen Job finden. Aber wenn das so weiter geht mit der Deindustialisierung auch die nicht mehr.
    16 5 Melden
  • andrew1 30.11.2017 08:32
    Highlight Dann machen pharmaunternehmen noch 370000 fr gewinn pro Mitarbeiter auf kosten der krankenkassen und allgemeinheit aber hire and fire leben. Gibt wohl keine branche die unethischer und verwerflicher ist.
    33 6 Melden
  • Madison Pierce 30.11.2017 08:00
    Highlight Erstaunlich, wie wenig Empathie die zahlengesteuerten Manager haben. Mit "einfachen" Mitarbeitern kann man so umgehen (wenn man kein Gewissen hat), aber nicht mit Ingenieuren. Die finden gut wieder eine neue Stelle. Droht ein Stellenabbau bei einer Abteilung, suchen sich die besten Leute noch vor der Kündigung eine neue Stelle. Zurück bleiben die, die nichts finden oder träge sind.

    Dass Leute besser arbeiten, wenn das Umfeld stimmt, haben die Amis noch nicht begriffen. Die simulieren irgendwas im SAP und sind dann stolz auf die erreichten Einsparungen.
    24 4 Melden
  • crik 30.11.2017 07:42
    Highlight Also, mal zusammengefasst: Eine Firma mit über 10'000 Angestellten in der Schweiz baut 500 Stellen ab, also weniger als 5%. Die Betroffen wissen es 10 Monate bevor sie gehen müssen, und das Unternehmen hilft bei einer Umschulung. Mitgeteilt wird es erst, wenn klar ist, wer entlassen wird.

    Ich kenne Leute, die in KMUs gearbeitet haben und mit deutlich weniger Vorwarnzeit entlassen wurden. Von einer Umschulung konnten sie nur träumen.

    Sicher nicht einfach für die Betroffenen, und offenbar umprofessionell kommuniziert, aber am Ende deutlich weniger dramatisch als im Titel suggeriert.
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