Wirtschaft
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Pierin Vincenz, CEO Raiffeissen orientiert an einer Medienkonferenz in Zuerich am Freitag, 28. Februar 2014 ueber das vergangene Geschaeftshjahr. Raiffeisen hat den Gewinn 2013 um fast 13 Prozent auf 717 Mio. Fr. gesteigert. Das bessere Ergebnis der nach UBS und Credit Suisse drittgroessten Schweizer Bankengruppe kam einerseits durch den Wegfall von ausserordentlichen Pensionskassenzahlungen, anderseits aber auch durch Ertragssteigerungen zustande. (KEYSTONE/Walter Bieri)

Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz an der jährlichen Pressekonferenz im Februar. Bild: KEYSTONE

Interview mit Raiffeisen-CEO Pierin Vincenz

Okay, Herr Vincenz, aber sagen Sie dem Kollegen vom Turnverein auch, wenn er nicht kreditwürdig ist?

Pierin Vincenz kritisiert den Plan zur Begrenzung des PK-Vorbezugs. Er sagt, der Bundesrat widerspreche damit der in der Verfassung festgeschriebenen Wohneigentumsförderung. Der bundesrätliche Plan richte sich vor allem gegen junge Familien, die sich dadurch vielleicht kein Eigenheim mehr leisten könnten.

14.07.14, 06:53 14.07.14, 09:25

christian dorer und thomas schlittler / nordwestschweiz

Ein Artikel der

Pierin Vincenz verbringt nur 20 Prozent seiner Arbeitszeit am Raiffeisen-Hauptsitz in St. Gallen. Sonst ist er in der ganzen Schweiz unterwegs. Wir treffen ihn in Zürich und erscheinen in spezieller Konstellation: der Chefredaktor – und der Wirtschaftsredaktor, der seine Berufslaufbahn als KV-Lehrling bei einer kleinen Thurgauer Raiffeisenbank begonnen hat. 

Herr Vincenz, mein ehemaliger Chef bei Raiffeisen war über 30 Jahre lang Bankleiter und ist jetzt pensioniert. Wenn er ehemalige Kunden trifft, beklagen sie sich: Raiffeisen sei heute nicht mehr Raiffeisen. Was sagen Sie dazu?
Pierin Vincenz: 
Die Welt ist auch eine andere geworden: veränderte Kundenbedürfnisse, intensiverer Wettbewerb und zunehmende Regulierung sind Herausforderungen für Raiffeisen. Dies hat Einfluss auf Prozesse und Strukturen. Aber wo Raiffeisen draufsteht, ist auch Raiffeisen drin: mit der genossenschaftlichen Struktur, der dezentralen Entscheidungskompetenz und Verantwortlichkeit und mit einer wertorientierten Kultur.

Kommt das Unbehagen nicht auch von Ihrer Übernahme der Privatbank Notenstein? Das sehen manche Genossenschafter als Schritt in Richtung Grossbank. 
Das war am Anfang eine grosse Diskussion. Aber mittlerweile ist Notenstein integriert. Und es ist ja jedem Kunden selbst überlassen, ob er sich von Raiffeisen beraten lassen will oder von Notenstein.

Sie betonen oft, wie gut es sei, dass Ihre Angestellten direkt vor Ort entscheiden können. Hat man eine Grossfirma mit zentralen Regeln nicht besser im Griff? 
Natürlich haben wir auch zentrale Richtlinien. Unsere Berater aber wissen über den örtlichen Immobilienmarkt bestens Bescheid, was bei der Vergabe von Hypotheken sehr wichtig ist. Sie kennen die Kunden persönlich. Sie werden sich hüten, ihrem Kollegen vom Turnverein ein Finanzprodukt anzudrehen, das er nicht braucht …

… okay, aber sagen Sie dem Kollegen vom Turnverein auch, wenn er nicht kreditwürdig ist?
Dafür gibt es das Vier-Augen-Prinzip: Jede Beurteilung wird von zwei Angestellten vorgenommen. Die Kunden aber schätzen es, wenn die Berater vor Ort entscheiden können und nicht zuerst Rücksprache mit einer Zentrale halten müssen.

Die Nationalbank rügt Raiffeisen regelmässig, weil das Zinsänderungsrisiko zu gross sei – zu Recht? 
Das ist die Meinung der Nationalbank. Meiner Meinung nach ist es Teil der Aufgabe einer Bank, das Zinsänderungsrisiko zu bewirtschaften. Dieses Risiko ist mal ein bisschen höher und mal ein bisschen tiefer. Wir haben unsere Risiken im Griff.

Nationalbank-Direktor Fritz Zurbrügg sagte in der «SonntagsZeitung»: «Bei den inlandorientierten Banken ist das Zinsänderungsrisiko ohne Raiffeisen etwas gesunken, mit der Raiffeisen hingegen gab es einen Anstieg.» Ist es nicht geschäftsschädigend, wenn solche Aussagen immer wieder kommen? 
Das ist kein Problem für uns. Wenn ich unseren Geschäftserfolg anschaue, dann ist das Vertrauen in Raiffeisen vorhanden. Ich kann das Risiko im Verhältnis zum Eigenkapital nur für uns beurteilen. Mit unserer Bilanz schlafe ich sehr gut. Unsere Risiken haben sich über die Jahre nicht verändert. Auf die anderen schaue ich nicht.

Hand aufs Herz: Können Ihre Kunden die Hypothekarbelastung auch dann noch tragen, wenn die Zinsen auf fünf Prozent steigen? 
Ja, eine solche Zinserhöhung ist bei uns einkalkuliert. Es ist aber klar, dass sich viele Leute einschränken müssten. Einige Familien müssten vielleicht auf nicht notwendige Investitionen verzichten – das nimmt man für ein eigenes Heim aber in Kauf. Früher war es normal, dass man sich nach einem Hauskauf anderes nicht mehr leisten konnte. Die einzige Alternative ist Mieten. Damit fahre ich aber nicht besser: Fünf Prozent auf eine Hypothek von 500'000 Franken machen 25'000 Franken pro Jahr. Das sind rund 2000 Franken pro Monat – für diesen Preis muss ich erst einmal eine Wohnung finden. Kommt hinzu, dass bei steigenden Zinsen auch die Mieten steigen würden. Betroffen wären also nicht nur die Eigenheimbesitzer. Solange es der Schweizer Wirtschaft gut geht und das Land die Finanzen im Griff hat, bin ich aber optimistisch. Es müssten schon fundamentale Dinge passieren, bis eine echte Gefahr bestünde.

Der Bundesrat hat kürzlich angekündigt, dass er den Vorbezug von Pensionskassengeldern für den Eigenheimkauf einschränken will. Was halten Sie davon? 
Man kann selbstverständlich über alle Vorschläge diskutieren. Was mich aber stört: Die Einschränkung der Pensionskassenbezüge steht quer in der Landschaft, weil sie der Wohneigentumsförderung zuwiderläuft. Und diese ist in der Verfassung festgeschrieben. Die Politik sollte klar definieren, in welche Richtung es geht, bevor sie einzelne Parameter verändert. Steuerlich wird das Wohneigentum zum Beispiel weiterhin gefördert. Das ist widersprüchlich.

Dann sind Sie also gegen die Pläne des Bundesrats? 
Ich sage nur: Solange die Schweiz Wohneigentum fördern will, ist es ein falsches Signal, wenn gegenteilige Massnahmen ergriffen werden. Was mich stört: Der Plan des Bundesrats richtet sich gegen junge Familien, die sich dadurch vielleicht kein Eigenheim leisten können. Das finde ich schade.

Sollte jeder mit seinen Pensionskassengeldern machen können, was er will?
Das kann er ja auch heute nicht. Für den Hauskauf sind mindestens 20 Prozent Eigenmittel gefordert. Davon darf maximal die Hälfte, also zehn Prozent, aus der Pensionskasse stammen. Diese Regel haben die Banken freiwillig festgelegt. Über diese zehn Prozent aber sollten die Bürger selbst verfügen können. Wir sollten auf Eigenverantwortung setzen und nicht immer mehr reglementieren. Zumal überhaupt nicht belegt ist, dass Leute, die vorzeitig Pensionskassengelder beziehen, im Alter vermehrt AHV-Ergänzungsleistungen beziehen – was als Argument für die neue Regelungsidee angeführt wird.

Könnte der Immobilienmarkt kurzfristig gar zusätzlich angeheizt werden, weil mancher noch vor der Einführung neuer Regelungen ein Eigenheim kaufen will? 
Das ist durchaus möglich. Zumal auch andere Massnahmen wie das Um- beziehungsweise Rückzonen von Bauland die Preise in die Höhe treiben.

Was ist Ihre Prognose: Wann steigen die Zinsen? 
Ich gehe, wie die Nationalbank, nicht davon aus, dass die Zinsen auf absehbare Zeit steigen werden. Jedenfalls gibt es keine Anzeichen dafür.

Sie sind gut im Prognostizieren. Sie waren der erste Bankenchef, der den automatischen Informationsaustausch mit dem Ausland vorhergesagt hat. Soll das Bankgeheimnis auch im Inland fallen? 
 Wer in der Schweiz wohnt, soll auch hier Steuern zahlen. Das Bankgeheimnis darf nicht zur Steuerhinterziehung dienen. Es ist deshalb sicher nicht falsch, wenn es Anpassungen gibt, um Missbrauch zu verhindern – allerdings darf das nicht zum gläsernen Bürger führen. Die finanzielle Privatsphäre muss gewahrt bleiben.

Steuerhinterziehung verhindern, aber finanzielle Privatsphäre bewahren – wie soll das gehen? 
 Das Steueramt sollte nicht einfach so von jedem Bürger die Kontoinformationen abrufen können. Wie beim Arzt- oder Anwaltsgeheimnis sollte es auch für Banken gewisse Richtlinien geben, wem sie wann Auskunft geben dürfen. Erst bei einem konkreten Verdacht sollen die Steuerämter die Möglichkeit haben, in einem klar definierten Verfahren an die entsprechenden Daten zu kommen.

Was schätzen Sie: Wie viel Schwarzgeld horten die Schweizerinnen und Schweizer? 
 Das weiss niemand. Ich denke aber, dass es auch unversteuerte Gelder von Schweizern gibt. Deshalb brauchen wir auch hierzulande eine Lösung für unversteuerte Gelder der Vergangenheit.

Wie viel Schwarzgeld liegt auf den Raiffeisenbanken? 
 Auch das weiss ich nicht. Es ist aber vor allem ein Problem der Vergangenheit. Heute ist es schwierig, Geld vor dem Fiskus zu verstecken. Die Privaten haben den Lohnausweis, KMU die Mehrwertsteuer. Auch Bargeldbezüge sind strenger geregelt, und beim Vererben fällt ebenfalls viel Papier an. Es ist also nicht mehr so einfach.

Das Image der Bankbranche hat in den letzten Jahren stark gelitten – nicht zuletzt wegen der hohen Löhne. Diese sind teilweise etwas heruntergekommen, aber immer noch sehr hoch. Wieso? 
 Die Höhe der Löhne ist bei uns weniger ein Thema als bei den Grossbanken. In einem internationalen Umfeld ist es schwieriger, etwas zu verändern. Ich bin überzeugt: Sinkende Margen werden den Druck auf die Löhne in Zukunft erhöhen. Die Löhne in der Finanzbranche werden sich tendenziell anderen Industriebereichen annähern.

Es ist ja auch schwer nachvollziehbar, wieso die Löhne bei Banken und Versicherungen so viel höher sind als in allen anderen Branchen. 
 In der Chemie- und Pharmabranche sind die Löhne auch sehr hoch. Dort lassen sich die hohen Margen durchsetzen. Bei den Banken wird es eher eine Stabilisierung geben. Allerdings wird es immer Spezialisten geben, die sehr gut verdienen.

Heute sind es nicht nur die Spezialisten. Wer ein Wirtschaftsstudium abschliesst, verdient danach auf einer Bank viel mehr als bei einem KMU – ohne Fachwissen. Wie ist das erklärbar? 
Es gab immer Unterschiede – und wird immer Unterschiede geben. Wenn eine Branche ertragsstark ist, dann bezahlt sie besser als eine Branche, die weniger ertragsstark ist. Weil die Margen in der Finanzbranche leiden, gehe ich davon aus, dass das bei den Löhnen Konsequenzen haben wird. Wir werden aber immer noch attraktive Löhne zahlen können, weil wir nach wie vor eine hohe Wertschöpfung haben.

Wieso ist die Wertschöpfung bei den Banken denn derart hoch? Ein Pharmaunternehmen verkauft hochinnovative Produkte, in denen jahrelange Forschung steckt. Dafür können sie viel verlangen. Eine Festhypothek dagegen ist nicht innovativ. Wieso mischt niemand den Markt auf, der sich mit geringerer Rendite zufrieden gibt? 
Die Renditen haben sich schon stark reduziert. Vor ein paar Jahren waren es 25 Prozent, heute sind es zehn bis zwölf Prozent. Die Renditen ergeben sich aus dem Preis, den die Kunden bereit sind zu bezahlen. Offensichtlich stimmen die Qualität der Dienstleistungen sowie das Vertrauensverhältnis zwischen den Banken und ihren Kunden.

Im Aargau gibt es ein Novum: Der neue CEO der Kantonalbank darf gemäss Parlamentsbeschluss nur noch maximal doppelt so viel verdienen wie ein Regierungsrat – 600 000 Franken. Bekommt man da noch gute Leute? 
Auf jeden Fall. Es kann sogar ein Wettbewerbsvorteil sein, wenn eine Bank ihr Lohnsystem dazu benützt, um zu zeigen, wie massvoll sie ist. Das ist positiv für das Image.

Sie haben das Image des Good Guys der Bankenbrache. Der «Blick» schrieb von «König Vincenz». Schmeichelt Ihnen das? 
Das ist wohl ein Effekt, weil ich schon so lange dabei bin und Raiffeisen mit der Genossenschaftsstruktur erfolgreich unterwegs ist. Klar: Lob ist sicher angenehmer als Bashing. Ich lasse mich davon aber nicht blenden – der Wind kann schnell drehen.

Mit zunehmender Popularität steigt die potenzielle Fallhöhe. 
Darüber mache ich mir schon Gedanken. Ich kann das aber kaum steuern. Eine gewisse Vorsicht ist immer angebracht.

Inwiefern sind Sie vorsichtig? Wie umgehen Sie Fettnäpfchen? 
Ich stehe nicht jeden Tag auf und denke: «Hoffentlich trete ich heute in kein Fettnäpfchen.» Ich nehme mich aber zeitweise bewusst zurück, analysiere die Dinge und schaffe einen Ausgleich zum Beruf. Es ist wichtig, dass man sich nicht zu ernst nimmt und sich nicht nur durch die Arbeit definiert.

Sie sind jetzt seit 15 Jahren an der Spitze von Raiffeisen. Ist das gut? 
Ob gut oder nicht sollen andere beurteilen. Auf alle Fälle spricht es für unsere Unternehmenskultur. Ich war schon an 100-Jahr-Feiern von Raiffeisenbanken, bei denen es erst drei Chefwechsel gegeben hat. Das werde ich nicht schaffen (lacht). Das ist Stabilität! Die Herausforderung besteht darin, trotz dieser Stabilität nicht träge zu werden.

Sie sind jetzt 58 – werden Sie als Raiffeisen-Chef pensioniert? 
Das ist in unserer Branche immer eine schwierige Aussage …

… wenn Sie wählen könnten? 
Dann würde ich sagen: Ja. Ich bin noch voll motiviert, um die angefangenen Projekte umzusetzen. An die Pensionierung denke ich noch nicht.



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