Wirtschaft

Am Sonntag wählt Spanien – wer wohl gewinnt?
Bild: EPA/EFE

Vermeintliches Reformvorbild: Der spanische Patient

Europas Konservative bejubeln Spanien als Musterland, die Regierung feiert sich vor der Wahl am Sonntag: Die Krise sei überstanden. Viele Bürger sehen das ganz anders.

15.12.15, 20:38

Aus Barcelona berichtet David Böcking

Ein Artikel von

Im alten Hafen von Barcelona ist viel los - die Spanier begehen den Tag der unbefleckten Empfängnis. Am Rande des Feiertagstrubels sitzt ein Mann mit Rauschebart auf einer Bank, er heisst Rafael Greus. Zu seiner Rechten steht eine Thermoskanne mit Milchkaffee, links ein Rucksack; darin stecken alle wichtigen Dokumente, die Greus besitzt. Der 44-Jährige ist gelernter Florist, doch seit fast drei Jahren ist Greus arbeitslos, und seit sieben Monaten lebt er auf der Strasse.

«Ist nicht gut gelaufen», sagt Greus am Dienstag vergangener Woche. Er bemüht sich, nicht verbittert zu klingen. Noch Anfang November hatte Greus eine Stelle, aber nur für drei Tage, die Chemie habe nicht gestimmt. «Es fällt mir mit jedem Mal schwerer», bekennt er. Auf der Strasse gebe es inzwischen viele mit Lebensläufen wie seinem. «Es ist eine Schande für Spanien, was da passiert.»

Solche Töne passen nicht zu dem Bild, mit dem sich Spanien gerade präsentiert. Vor der Parlamentswahl am Sonntag verbreitet die Regierung die Botschaft: Das Land hat die tiefe Rezession überwunden, in die es nach dem Platzen einer gewaltigen Immobilienblase gestürzt war.

Ein Wahlwerbespot der Partido Popular (PP) von Ministerpräsident Mariano Rajoy zeigt einen Patienten, der nach dramatischem Überlebenskampf und ausführlicher Reha aus dem Krankenhaus kommt. «Von der Krise zur Erholung», heisst es am Ende.

Demonstration gegen die Sparpolitik auf Gran Canaria 
Bild: EPA/EFE

Diese Deutung greifen gern Konservative in Deutschland auf, die einen harten Spar- und Reformkurs in Südeuropa verfechten. «Spanien ist unser bestes Argument, dass wir vieles richtig gemacht haben», sagt Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU).

Spanien als Reformvorbild? Wer Spaniern dieser Tage von solchem Lob erzählt, trifft auf viel Unglauben.

Noch immer sind in Spanien laut Zahlen aus dem dritten Quartal knapp fünf Millionen Menschen ohne Job. Der Obdachlose Greus ist durchaus typisch. Während die Gesamtzahl der Jobsuchenden schon seit 2013 zurückgeht, ist die Zahl der Langzeitarbeitslosen weiter gestiegen. Gut eine Million Spanier ist seit mehr als vier Jahren arbeitslos, davon erhält nur ein Fünftel staatliche Unterstützung. Auch Greus bekommt keine Hilfe, obwohl er jahrzehntelang in die Sozialkassen eingezahlt hat. Hartz IV gibt es in Spanien nicht.

Vor langer Zeit hat Greus einmal in Berlin gelebt, von dort aus bot ihm eine deutsche Freundin kürzlich Hilfe an. Erst lehnte er ab. «Gestern hab ich sie dann zurückgerufen und gebeten, mir etwas Geld zu schicken.»

Die späten Azubis – Was sich ändert in Spanien

Edle Grautöne, Designermöbel, viel Licht: Die Einrichtung in einem Hochhaus nahe Barcelonas Flughafen lässt auf profitable Geschäfte schliessen. An der Wand Bücherregale, darin Titel wie «Die Wasserindustrie von Nordkalifornien» oder «Die Privatisierung von Staatsbetrieben». Davor sitzen Joaquín Roselló und Christina Román und erzählen von ihrer zweiten Chance.

Roselló, 29, arbeitete früher in Hotels, Román, 43, als technische Zeichnerin. In der Krise verloren beide ihre Jobs. So landeten sie beim Wasserkonzern Agbar und erlernen nun einen Beruf, den es in Spanien so bislang nicht gab. Bis Juni kommenden Jahres werden sie zu Technikern für Wassernetze und -anlagen ausgebildet. Montags und dienstags geht es in eine Berufsschule, den Rest der Woche in die Firma – eine duale Ausbildung. «Ich hoffe, dass es ein Einstieg in den Arbeitsmarkt ist», sagt Roselló.

Wie viele Altersgenossen hatte er in den Hotels während der Boomjahre keinerlei Ausbildung benötigt. In der Krise landeten dann Hunderttausende ohne Qualifikation auf der Strasse, bis heute hat Spanien eine Jugendarbeitslosigkeit von knapp 48 Prozent. Das liegt auch einer Unternehmenskultur, in der Firmen wenig in die Ausbildung junger Mitarbeiter investieren und sie umso schneller feuern.

Die duale Ausbildung gilt als ein Ausweg aus dieser Misere. Agbar ist Teil einer Initiative, zu der mittlerweile rund 100 Unternehmen gehören, und die von der Bertelsmann-Stiftung ebenso unterstützt wird wie von spanischen Wirtschaftsverbänden. Es ist also nicht so, als ob die Krise gar nichts verändert hätte.

Vor dem Arbeitsamt Schlange stehen gehört für viele Spanier zum Alltag
Bild: ANDREA COMAS/REUTERS

Doch noch gehören Roselló und Román zu einer absoluten Minderheit. Nur drei Prozent der spanischen Azubis absolvieren laut einer Bertelsmann-Studie auch Praktika in Betrieben, in Deutschland sind es rund 60 Prozent. Vor allem kleinere Unternehmen sind bislang selten bereit, junge Mitarbeiter zeitweise lernen zu lassen und ihnen dennoch Lohn zu zahlen.

Beim Grosskonzern Agbar haben sie sich ihren neuen Abschluss weitgehend selbst konzipiert und dann die katalanischen Behörden ins Boot eingeholt. Eine landesweite Zulassung fehlt noch. Den insgesamt 14 Auszubildenden macht Agbar-Manager Manuel Cermeron Hoffnungen auf eine Übernahme. «Alle, die im Juni den Abschluss schaffen, werden im Konzern unterkommen können.» Mit Blick auf die wirtschaftliche Entwicklung insgesamt bleibt auch er lieber vorsichtig. «Ich sehe noch keinen klaren Wandel im Produktionsmodell dieses Landes.»

Der ängstliche Autohändler – Wie Subventionen den Export befeuern

Ein ums andere Mal kreist der polierte Neuwagen auf der Drehbühne. Wen sein Design oder die Verbrauchswerte allein noch nicht überzeugt haben, für den hat der Geschäftsführer eines Autogeschäfts nahe Barcelona noch zwei Zauberworte: Plan Pive. Früher habe man sie noch auf Plakate gedruckt, erzählt der ältere Herr in seinem verglasten Büro. «Aber heute kennt sie jeder.»

Plan Pive ist die spanische Variante der Abwrackprämie, die in diesem Jahr bereits zum siebten Mal verlängert wurde. Wie Deutschland begann auch Spanien in der Krise, den Kauf verbrauchsarmer Neuwagen zu bezuschussen. Das kurbelte den Konsum an und stützte Spaniens Automobilsektor. Der ist der zweitgrösste Europas und meldet derzeit neue Exportrekorde.

«Als es die Prämie einmal kurz nicht gab, sind unsere Verkäufe um 30 bis 40 Prozent eingebrochen», erzählt der Geschäftsführer. Entsprechend nervös blicke seine Branche auf ein mögliches Ende des Plan Pive unter einer neuen Regierung. «Wir haben alle Angst», sagt er lachend.

Rund 900 Millionen Euro hat sich Spaniens Regierung die Subvention bis zum vergangenen Jahr kosten lassen – und das ist längst nicht die einzige Ausgabe. Seit vielen Jahren verletzt Spanien die EU-Defizithürde von drei Prozent, teilweise lag die Neuverschuldung über der von Griechenland. Das fiel nur weniger auf, weil sich die Spanier im Gegensatz zu den Griechen nie einem umfassenden Sparprogramm unterworfen haben.

Eine konservative Regierung, die sich mit keynesianischen Konjunkturhilfen verschuldet? Das passt nicht so recht zum Spanienbild, das in Deutschland derzeit so gern gezeichnet wird. Aber in der spanischen Politik ist ohnehin einiges durcheinandergekommen.

Die Rebellen in Barbourjacke – Wie sich der Politikfrust entlädt

Félix Zamorano ist Oberstufenlehrer, seine Schüler sind zwölf bis 16 Jahre alt. Wenn er an ihre Berufsaussichten denkt, wird ihm angst und bange. Ja, es gebe wieder Wachstum in Spanien. «Aber es kommt nicht bei allen an.» Spanien dürfe kein zweites Griechenland werden, sagt Zamorano an einem Sonntagabend auf dem Hauptplatz des Barceloner Stadtteils Nou Barris. Deswegen steht er mit seiner Frau Ana hier und applaudiert Albert Rivera.

Rivera ist Chef der jungen Protestpartei Ciudadanos, zu Deutsch: die Bürger. Bürgerlich sieht auch das Publikum in Nou Barris aus. Viele tragen jenen Barbourjacken-Chic, den sich Spaniens gehobene Schichten beim britischen Landadel abgeschaut haben. Der Jurist Rivera hat zu Beginn seiner Karriere mal nackt auf einem Wahlplakat posiert, tritt aber längst genauso seriös auf wie seine Anhänger.

Die Stimmung ist gut, laut Umfragen könnten die Ciudadanos hinter der regierenden PP Zweiter werden. Dabei lag die Herausfordererrolle bis vor Kurzem noch beim Bündnis Podemos des Politikprofessors Pablo Iglesias. Der hat ein klar linkes Profil. Die Ciudadanos dagegen, gegründet aus Protest gegen Kataloniens Unabhängigkeitsbewegung, sind in vielen Fragen liberal bis konservativ.

Was beide Seiten eint, ist Systemverdruss. Ähnlich wie Griechenland wurde auch Spanien jahrzehntelang von nur zwei Parteien regiert, der konservativen PP und der sozialdemokratischen PSOE. «Wir müssen nicht nur die Wirtschaft reformieren», sagt der junge Ciudadanos-Anhänger Daniel Elicegui. «Die Krise wurde auch durch institutionelle Korruption verursacht.»

Er ist der Shootingstar der spanischen Politiker: Iglesias, Chef der linken Podemos
Bild: HEINO KALIS/REUTERS

Zwei Tage nach seinem Auftritt in Nou Barris trifft Rivera zusammen mit Iglesias in einer TV-Debatte auf Vertreter der Altparteien. Als Iglesias am Ende eine Minute für das Schlussplädoyer bekommt, rattert er einfach Stichworte herunter: Tarjetas Black, Púnica, Gürtel, EREs de Andalucía, Estafa de las Preferentes. Sie alle stehen für Skandale, in die PP oder PSOE verwickelt waren.

Eine Provokation von Rivera bekommt an diesem Abend weniger Aufmerksamkeit, ist aber kaum geringer: In der Debatte erinnert er daran, dass Spanien im Gegensatz zu Griechenland kein Reformprogramm unterzeichnete und deshalb auch nie sein politisches System ändern musste. «Und das müssen wir tun.»

Geheiltes Spanien? Zumindest Rivera und Iglesias würden den Patienten gern noch mal zur Beobachtung einbestellen.

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Charly Otherman, 5.5.2017
Watson kann nicht nur lustig! Auch für Deutsche (wie mich) ein Muss, obwohl ich das schweizerische nicht immer verstehe.
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    Alle Leser-Kommentare
  • Der Rückbauer 16.12.2015 09:09
    Highlight Ausgezeichneter Beitrag, der nur in der alternativen Presse zu finden ist. Der Mainstream druckt einfach alles nach, was die (etablierten) Politiker so daherlügen.
    Spanien ist eine junge "Demokratie", deren Politik (noch?) auf Kindergartenniveau funktioniert. Die "Debatte" zwischen Sànchez und Rajoy zeigte dies, beide schrien einander Lügner zu, was ja gegenseitig der Wahrheit entspricht. Korruption auf allen Ebenen ohne Ende. Ein Selbstbedienungsladen. Polizeistaat? Bitte: http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2015/09/04/spanien-bestraft-jugendliche-wegen-oeffentlichen-cola-trinkens/

    1 0 Melden
    • Miss_Ann_Thropist 16.12.2015 11:34
      Highlight nicht nur das, google mal "ley mordaza" oder "antidisturbios en manifestacion republicana".
      Es ist illegal für die Abschaffung der Demokratie zu demonstrieren oder Polizisten bei der Arbeit zu filmen (wenn sie unschuldige Demonstranten verprügeln).
      Bei solchen Sachen schäme ich mich Spanier zu sein.
      1 0 Melden
    • Miss_Ann_Thropist 16.12.2015 11:38
      Highlight Ich meinte natürlich für die Abschaffung der Monarchie ... kleiner Lapsus
      1 0 Melden
  • Gelöschter Benutzer 15.12.2015 22:42
    Highlight Bei 48% Jugendarbeitslosigkeit behaupten diese weltfremden Hohlköpfe, das Land habe die Krise überwunden.

    Nur ein weiterer Beweis dafür, wie nahe konservative und rechte Parteien beim Volk stehen. Bräuchten sie kein Wahlvieh, könnten sie direkt auf einem anderen Planeten leben. Näher ginge nicht für diese Sorte Mensch.
    21 12 Melden
    • Sapere Aude 15.12.2015 23:15
      Highlight Natürlich wird das behauptet, sonst stünde die nächste Schuldenkrise bereits vor der Tür. Ich glaube die Rechten und Konservativen sind nicht das einzige Problem, sondern die etablierten Parteien als Ganzes. In vielen Länder sind sie lediglich Klientelsysteme, die den eigenen Leute Vorteile verschaffen wollen. Seid viele etablierte linke Parteien auf den Pseudoliberalen Weg eingeschwenkt sind, gibt es teilweise kaum noch Unterschiede (siehe SPD und CDU), manchmal sind sie vielleicht noch ein bischen Netter. Hartz IV hat Schröder verbrochen. Leider ist Sahra Wagenknecht in der falschen Partei.
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    • Gelöschter Benutzer 16.12.2015 03:01
      Highlight Da muss ich dir leider in allen Punkten zustimmen *seufz*
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  • Miss_Ann_Thropist 15.12.2015 22:32
    Highlight Ich als Spanier habe Podemos gewählt.
    Die PP ist eine widerlich fundamentalistische rechte (und korrupte) Partei. Die PSOE hat es sich bei den meisten linken Wähler versaut, zuerst wegen der Krise und dann wegen der (nicht vorhandenen Opposition) in den letzten vier Jahren. Da hilft auch der gutaussehende DILF Sanchez nicht.
    Izquierda Unida, die klassische "linksaussen" Partei ist in der Bedeutungslosigkeit verschwunden, und Cuidadanos sind reine Steigbürgerhalter der PP.
    Kann also interessant werden, ich bin auf jeden Fall froh, dass das Parlament nicht mehr aus PP und PSOE bestehen wird.
    17 1 Melden

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