Wirtschaft
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Eine C-5 Galaxy der US Air Force landet auf dem türkischen Militärflughafen Incirlik. 
Bild: SERDAR YILDIZ/EPA/KEYSTONE

Warum der missglückte Putsch in der Türkei für die USA gefährlich ist

Der missglückte Putsch in der Türkei wird die Macht von Präsident Tayyip Erdogan stärken und die Demokratie schwächen. Für die geopolitischen Interessen der USA ist dies eine gefährliche Entwicklung.

18.07.16, 15:25 20.07.16, 04:21

Als ein gewisser General Somoza 1936 in Nicaragua die Regierung stürzte und eine Diktatur errichtete, soll der damalige US-Präsident Franklin Roosevelt allfällige moralische Bedenken achselzuckend mit folgender Bemerkung aus dem Weg geräumt haben: «Er mag ein Hurensohn sein, aber er ist unser Hurensohn.» (He is a son of a bitch, but he is our son of a bitch.»)  

Der Zerfall der «islamischen Demokratie»

Ähnliche Überlegungen dürfte man sich derzeit wohl wieder im Weissen Haus machen. Der gescheiterte Putsch in der Türkei ist Wasser auf die Mühle von Präsident Erdogan. Er macht aus seinen Machtgelüsten kein Hehl, hat bereits eine gross angelegte Säuberungswelle eingeleitet und spricht von einer Wiedereinführung der Todesstrafe.

Feiernde Erdogan-Anhänger auf dem Taksimplatz in Istanbul.
Bild: AMMAR AWAD/REUTERS

All dies passt nicht mehr in das Bild einer «islamischen Demokratie», als welche die Türkei bisher gepriesen wurde. Im besten Fall wird sich das Land in eine «gelenkte Demokratie» im Sinne von Russland entwickeln, im schlimmsten in einen fundamentalistischen Scharia-Staat, wie dies einige Experten bereits befürchten.  

«Wir haben eine Welt, die aus den Fugen gerät, und die Vereinigten Staaten, die sich zurückziehen. Das ist eine toxische Kombination.»

Richard Haass

Diese Entwicklung widerspricht den Interessen des Westens und der USA diametral. Die Türkei ist der wichtigste Verbündete im Kampf gegen den «IS». Sie ist auch Mitglied der NATO, und die USA unterhalten in Incirlik einen Luftwaffenstützpunkt mit 1500 Soldaten. Von diesem Stützpunkt aus starten die Kampfjets für ihre Einsätze in Syrien und dem Irak.

Die Türkei ist gleichzeitig das Bollwerk gegen die Flüchtlingsströme aus den Kriegsgebieten im Nahen Osten und Afghanistan geworden. Nach dem Brexit kann es sich die EU nicht mehr leisten, wie im letzten Herbst Flüchtlinge im grossen Stil aufzunehmen und ist deshalb auf den Goodwill von Erdogan angewiesen.

Die USA sind bereits mit Russland und China beschäftigt

Das bedeutet, dass die beiden wichtigsten Pfeiler des westlichen Bündnisses direkt mit dem türkischen Schicksal verknüpft sind. Und das wiederum bedeutet mehr Unsicherheit zu einem Zeitpunkt, in dem die Welt aus westlicher Sicht bereits sehr unsicher geworden ist. Die Führungsmacht USA muss sich nicht nur mit Wladimir Putin herumplagen. Auch das Verhältnis zu China hat sich merklich abgekühlt, zuletzt wegen des Konflikts um die Inseln im Südchinesischen Meer.

Opfer des Putsches werden zu Grabe getragen.
Bild: SEDAT SUNA/EPA/KEYSTONE

Dabei schien zumindest am Bosporus lange alles im grünen Bereich zu sein. Unter Erdogan erbrachte die Türkei nicht nur den Beweis, dass Islam und Demokratie miteinander verträglich sind, auch die Wirtschaft entwickelte sich prächtig. Der ehemalige US-Botschafter in Russland, Michael McFaul, erklärt deshalb im «Wall Street Journal» wehmütig: «Nach dem Kollaps der Sowjetunion war das Momentum auf unserer Seite. In den letzten Jahren hat sich das ins Gegenteil gedreht. Es fühlt sich wie das Ende einer Ära an.»

Die Bilder: Militärputsch in der Türkei

Nach dem Debakel im Irak möchten sich die USA am liebsten aus dem Nahen Osten zurückziehen. Präsident Barack Obama will auf keinen Fall «boots on the ground», will heissen: Bodentruppen schicken. Auch Donald Trump will bekanntlich die US-Boys möglichst rasch nach Hause holen. Richard Haass, Präsident des amerikanischen Council of Foreign Relations, erklärt deshalb im «Wall Street Journal»: «Wir haben eine Welt, die aus den Fugen gerät, und die Vereinigten Staaten – immer noch das wichtigste Land –, die sich zurückziehen. Das ist eine toxische Kombination.»  

Die Demokratie ist auf dem Rückzug

Der verstorbene Politologe Samuel Huntington sprach einst von einer «Dritten Welle» der Demokratie. Er meinte damit, dass nach der Nelkenrevolution in Portugal im Jahr 1974 sich die Demokratie weltweit auf einem zuvor kaum für möglich gehaltenen Siegeszug befand. Heute ist das Gegenteil zu beobachten. Die Türkei ist ein Musterbeispiel dafür: Aus dem ehemaligen Musterdemokraten Erdogan ist ein autoritärer Strongman geworden – und die USA müssen sich damit abfinden, erneut mit einem «Hurensohn» zurechtzukommen.

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Zeno Hirt, 25.6.2017
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38Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Therealmonti 19.07.2016 08:04
    Highlight Nein! Der missglückte Putsch in der Türkei ist nicht für die USA gefährlich. Sondern vor allem für Europa und den Rest der Freien Welt. Die USA werden die Grenzen dichter machen, sich noch weniger um die Weltbelange kümmern. Dies mit einem Trump als Präsidenten noch viel mehr, aber auch mit Clinton. We are fucked, hat ein Türke getwittert. Das selbe kann auch das freie Europa sagen.
    28 1 Melden
  • Hasjisjn 18.07.2016 22:15
    Highlight Welcher Beweis wurde erbracht, dass in der Türkei die Demokratie funktionierte?
    33 4 Melden
  • Beobachter24 18.07.2016 21:18
    Highlight "... Die Türkei ist der wichtigste Verbündete im Kampf gegen den «IS». ..."
    Das war jetzt sehr dreist, Herr Loepfe

    - Die Türkei ist der wichtigste Verbündete der USA um den IS im Geheimen zu unterstützen - das kommt der Wahrheit wesentlich näher.

    Dass sich dies (meine Version) ändern könnte, dafür gibt es kleine Anzeichen (http://goo.gl/Z6l7KH), ich glaube es aber erst, wenn die Grenze zwischen Syrien und der Türkei "dicht" ist (und der Nachschub an frischen Waffen und Kämpfen komplett aufhört).

    Zum Rest des Artikels evtl. später mehr.
    28 6 Melden
    • Nicolas Flammel 18.07.2016 23:24
      Highlight Ich glaube, das Erdogan eben nicht mehr der Hu....... der USA ist. Ich denke vieles was "die Türkei" gemacht hat (Unterstützung des IS, Abschuss des russischen Jets) ging eben hauptsächlich von der türkischen Armee aus, die, wie man jetzt gesehen hat, nicht gerade ein Freund Erdogans ist. Die türkische Armee ist seit langer Zeit ein Instrument der US-Interessen im nahen Osten und Erdogan will sich nicht mehr länger Erpressen lassen und stattdessen seine eigene Aussenpolitik machen. Deshalb muss er gestürzt werden.
      6 15 Melden
  • Ismiregal 18.07.2016 20:57
    Highlight Clinton könnte in dem Fall doch nicht so schlecht sein wie ich dachte.
    7 14 Melden
    • Beobachter24 18.07.2016 21:16
      Highlight @ Ismiregal

      "Clinton könnte in dem Fall doch nicht so schlecht sein wie ich dachte."

      Kannst Du das ein wenig ausführen? Wie und wieso glaubst Du das?
      17 0 Melden
    • Ismiregal 19.07.2016 03:45
      Highlight Ich denke Clinton wird nicht so eine "lame duck" sein wie es obama war. Sie ist ja eher als die aufgefallen die immer und überall intervenieren und die amerikanischen Interessen durchsetzen will. So wird sie eher zur Rolle des Welpolizisten stehen als ein Trump oder auch Sanders. Und laut Löpfe braucht es das genau in Zukunft.
      7 13 Melden
  • Slant 18.07.2016 20:15
    Highlight Deutsche Geschichte wiederholt sich...
    45 3 Melden
    • Slant 18.07.2016 20:22
      Highlight Bei der Parlamentswahl 2002 errang er mit seiner AKP einen überragenden Wahlsieg, konnte allerdings aufgrund des bestehenden Politikverbots das Ministerpräsidentenamt nicht übernehmen. Nach der damaligen Rechtslage konnte nur ein Parlamentsabgeordneter zum Ministerpräsidenten gewählt werden. Daher wurde sein Stellvertreter Abdullah Gül Ministerpräsident. Erst nach einer Verfassungsänderung, die sein Politikverbot aufhob, und der Annullierung der Wahl in der Provinz Siirt konnte er nachträglich als Abgeordneter ins Parlament einziehen. Er wurde am 12. März 2003 Ministerpräsident.
      27 0 Melden
    • Slant 18.07.2016 20:23
      Highlight Nach vier Monaten wurde er vorzeitig entlassen. Politikbeobachter urteilten später, Erdogan sei während seiner Haft ein anderer geworden und habe dem politischen Islamismus abgeschworen. Bei den Parlamentswahlen 2002 durfte Erdogan wegen des verhängten Politikverbots zwar nicht antreten, seine Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung gewann die Wahl aber trotzdem. Zunächst wurde Erdogans Vertrauter Abdullah Gül Ministerpräsident, der heutige Staatspräsident der Türkei. Erst 2003 nach einer Verfassungsänderung konnte Erdogan dann das Amt des Ministerpräsidenten übernehmen.
      Quelle: reddit.com
      19 1 Melden
  • Ignorans 18.07.2016 19:08
    Highlight Ein Gefahr für die VSA sind vielleicht soziale Ungerechtigkeit, Rassismus oder eine fehlgeleitete Notenbank, aber sicher nicht die Lage eines tausende Kilometer entfernte, mittelgroßen Landes...
    16 34 Melden
    • Ismiregal 18.07.2016 20:25
      Highlight Wäre schön wenn es so einfach wäre.
      20 4 Melden
    • Lami23 18.07.2016 22:47
      Highlight Dein Name passt immerhin.
      15 5 Melden
  • DerGrund 18.07.2016 18:30
    Highlight Ich habe irgendwie das Gefühl dass die Türkei das Afghanistan/Irak/Syrien/Libyen von Morgen wird. Wenn man sich Fotos aus diesen Ländern aus den 70ern anschaut sieht man eindrucksvoll, wie schnell unter falschen Einflüssen aus säkularen, progressiven und freien Ländern, die sich auf den ersten Blick gar nicht so sehr von europäischen Ländern unterscheiden, zerstörte, unterdrückte Failed-States werden können.
    84 3 Melden
    • Lami23 18.07.2016 22:46
      Highlight Leider wahr.
      15 0 Melden
  • Alex23 18.07.2016 17:42
    Highlight Der verstorbene Politologe Huntington sprach von einem Siegeszug der Demokratie, was sich nicht bewahrheitet hat.
    Das zeigt mal wieder, was von den Prophezeiungen von Politologen, Ökonomen und Sonstwie-ogen zu halten ist. Weltgeschehen ist eine fragile Sache und es braucht nicht viel, damit die kunstvoll konstruierten Kartenhäuser zusammenbrechen.
    Tja, und ansonsten stimmt wohl, was Herr Löpfe schreibt. Nicht gut. Alles gar nicht gut.

    Übrigens: Er macht aus seinen Machtgelüsten keinen Hehl. Nicht: kein Hehl.
    35 13 Melden
    • Spooky 18.07.2016 19:00
      Highlight @Alex23 kein oder keinen: beides ist richtig

      [https://de.wiktionary.org/wiki/Hehl]
      13 6 Melden
    • Alex23 18.07.2016 19:37
      Highlight Spooky, nein. Das ist ein Akkusativ und "Hehl" ist maskulin.
      8 7 Melden
    • Spooky 18.07.2016 20:25
      Highlight Alex. Bin nicht so sicher wie du. Gemäss wiktionary ist bei Hehl sowohl maskulin (der Hehl) als auch sächlich gestattet (das Hehl). Das Hehl heisst aber im Akkusativ: kein Hehl.
      8 5 Melden
    • Alex23 19.07.2016 03:25
      Highlight Spooky, stimmt. Muss einen Rückzieher machen. Auch der Duden gibt die Möglichkeit von "das Hehl" an. Da habe ich dazugelernt.

      Schade, lässt sich dieses Erdogan-Ding nicht so leicht in den Griff kriegen wie Grammatik ....
      19 0 Melden
  • Stachanowist 18.07.2016 17:17
    Highlight Zwar eine kontrafaktische These und deshalb nicht belegbar - dennoch möchte ich Folgendes hier äussern:

    Ein erfolgreicher Putsch hätte aus Sicht der NATO auch negative Konsequenzen haben können. Eine säkulare Türkei könnte engere Beziehungen mit Russland eingehen. Erdogan mit seinem islamischen Kurs stellt aus Sicht Moskaus einen potenziellen Destabilisator des russischen Südens dar (Kaukasus), was die Vertiefung der Beziehungen bremst. Diese Bedenken wären mit einer säkularen Junta ausgeräumt, Moskau und Ankara könnten engere Bande knüpfen. Das wiederum möchten die USA auf keinen Fall.
    30 6 Melden
    • Stachanowist 18.07.2016 18:52
      Highlight @ Atlantis

      Dass Davutoğlu in der Flugzeugkrise lauter gekläfft hat also Erdoğan liegt wohl eher daran, dass das so diplomatisch geschickter war. Aussenminister werden gerne mit deutlicheren Tönen vorgeschickt, während sich die Staatsoberhäupter dezenter geben (Lavrov und Putin haben auch eine solche Arbeitsteilung).

      Dass Erdoğan sich entschuldigt hat und einige eingefrorene Projekte wieder aufgenommen wurden, darf nicht zu hoch bewertet werden. Der labile Frieden im Nordkaukasus hat für Putin höchste Priorität. Erdoğan gefährdet diesen indirekt.
      15 1 Melden
  • TanookiStormtrooper 18.07.2016 15:37
    Highlight Uiuiui... Hoffen wir mal, dass Erdogan (oder seine Groupies) den letzten Satz nicht lesen, sonst gibt es bald auch noch eine Anzeige gegen Philipp Löpfe...
    102 7 Melden
    • Dä Brändon 18.07.2016 15:56
      Highlight Der letzte Satz gefällt mir, der Vergleich Türkei - Russland ist lächerlich. Obwohl Russland nicht unbedingt bekannt für ihre Demokratie ist, ist sie dennoch um einiges demokratischer als die Türkei.
      64 32 Melden
    • Fabio74 18.07.2016 16:56
      Highlight Inwiefern ist Russland demokratischer?
      37 20 Melden
    • René Obi 18.07.2016 16:58
      Highlight Inzwischen kann man das sogar behaupten... Schlimm genug
      36 3 Melden
    • walsi 18.07.2016 17:35
      Highlight @Fabio: In Russland finden regelmässig Wahlen statt. Im Unterschied zu Deutschland wird der russische Präsident sogar vom Volk direkt gewählt. Sollten Sie jedoch der Meinung sei, dass in Russland die Wahlen manipuliert sein, hoffe ich für Sie, dass sie das beweisen können und es nicht nur ein Bauchgefühl auf Grund der westlichen Berichterstattung ist.
      47 19 Melden
    • TheCloud 18.07.2016 18:07
      Highlight Walsi, deine Aussage ist korrekt, Russland muss keine Wahlen manipulieren, es gibt ja nur den einen Kandidaten, im Unterschied zu demokratischen Ländern.
      38 14 Melden
    • aye 18.07.2016 18:08
      Highlight @walsi: Bloss gibt es verschiedene Arten der Manipulation: Entweder man manipuliert die Wahlresultate, das Wahlsystem oder direkt die Wähler. Und dass beispielsweise in Russland eine Manipulation der Wähler über staatliche Lenkung und Unterdrückung der Medien stattfindet ist ziemlich offensichtlich.
      Indirekte Wahlen sind übrigens nicht unbedingt schlecht für die Demokratie sondern können sie im Gegenteil sogar stärken. Stichwort checks & balances und Abfederung von extremen Ereignissen/Strömungen.
      30 10 Melden
    • The Destiny 18.07.2016 19:37
      Highlight @aye, wodurch aber die gesmate Polit-elite am Volk vorbeipolitisieren kann respektive deren Anführer.
      4 5 Melden
    • Radiochopf 18.07.2016 20:10
      Highlight Hmm unglaublich, es geht um einen Putsch in der Türkei aber die Hälfte der Kommentare sind über Russland und das obwohl sich Löpfe diesmal sogar noch dezent zurück gehalten hat 😃... Auch schön wieviel Russland-Wahlexperten es hier gibt... kennen sicher auch alle ein paar Wahlhelfer und Russen persönlich oder etwa doch nicht?
      14 9 Melden
    • Firefly 18.07.2016 21:08
      Highlight @Dä Brändon mittlerweile schon... ja.
      2 0 Melden
    • Toerpe Zwerg 19.07.2016 10:03
      Highlight Tja, @ Radiochopf, das ist die Medizin, die sie uns stets verabreichen wollen, wenn es um Russland geht und Sie über die USA kommentieren.
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